Das Hawara der Nabatäer

Das Hawara der Nabatäer / © Foto: Haupt und Binder, Universes in Universe

Die Nabatäer in Hawara / Humayma

Die Gründung von Hawara (dem späteren al-Humayma) in den frühen 80er Jahren des 1. Jhs. v. Chr. erfolgte in einer historischen Phase, in der das nabatäische Königtum durch den Bau von Siedlungen an wichtigen Verkehrswegen die Kontrolle über die Handelsrouten festigen wollte. Deshalb musste es für die mehrheitlich nomadischen Stämme Anreize geben, sesshaft zu werden oder sich zumindest saisonal in Siedlungen aufzuhalten. Wie in anderen nabatäischen Ortschaften schwankte in Hawara die Zahl der Bewohner stark. Zu den festen Einwohnern kamen hin und wieder für einen gewissen Zeitraum nomadische und halbsesshafte Beduinen hinzu, die ihre Zelte in den Außenbezirken aufstellten, um Handel zu treiben oder temporär der Landwirtschaft nachzugehen. [Oleson, 1992]

Zisterne, Ackerland und Olivenhain im Süden von Humayma

Die Archäologen registrierten in Humayma 5 Reservoire und 57 Zisternen, von denen 14 mit Steinplatten auf gemauerten Bögen überdacht waren. Durch ein insgesamt ca. 27 km langes Aquädukt wurde Trinkwasser aus drei Quellen im Norden in ein großes Becken geleitet. In einer schmalen Schlucht südlich der Siedlung staute ein Damm Wasser auf, außerdem gab es zwei Wadi-Absperrungen. Damit das Regenwasser ungehindert von den Hängen über ein relativ sanftes Gefälle in die Ebene fließen und dort in Zisternen gesammelt werden konnte, ist ein etwa 100 ha großes Abflussareal nördlich des Siedlungszentrums in der Antike nicht bebaut worden. Alle Reservoire zusammen könnten für etwa 600 Menschen und deren Haustiere ausgereicht haben. [Oleson, Reeves, Foote, S. 4]

Die Wartung und Bewachung des von den Nabatäern im 1. Jh. v. Chr. begonnenen und später ausgebauten Systems der Wasserversorgung erforderte eine stabile soziale Infrastruktur. Es funktionierte gut oder zumindest teilweise bis zur Aufgabe des Ortes im 8. Jahrhundert. Auch danach und noch bis in die Gegenwart wurden einige Zisternen von den in der Gegend lebenden oder vorbeiziehenden Beduinen genutzt.

Wasserspeicher im Zentrum

Die von den Ausgräbern 067 und 068 (ganz rechts) nummerierten Zisternen sind im rechten Winkel zueinander angeordnet.

Ein Foto von 2018, als die Zisternen noch nicht durch Schutzgitter abgesperrt waren.

Diese beiden großen Zisternen für die öffentliche Nutzung wurden schon während der Gründung von Hawara vermutlich auf königlichen Befehl gebaut und könnten das symbolische Zentrum des Ortes gewesen sein. Um sie herum hat sich die Siedlung ausgebreitet.

Die zwei Becken für das Sammeln abfließenden Regenwassers sind fast gleich groß (ca. 20 m lang, 7 m breit und 3,6 sowie 3,8 m tief), im rechten Winkel zueinander angeordnet und hatten zusammen ein Fassungsvermögen von ca. 930 m3. Jedes der beiden Reservoire war mit langen Steinplatten abgedeckt, die auf 16 gemauerten Querbögen lagen. Das dichte Dach schützte nicht nur vor Verschmutzung, sondern im Wasser enthaltene Bakterien starben in völliger Dunkelheit ab.

Diese Bauweise war bei den Griechen schon mindestens ab dem 3. Jh. v. Chr. verbreitet und wurde von den Nabatäern übernommen. Nabatäische Händler, die im Mittelmeerraum umherreisten und griechische Siedlungen besuchten, könnten sie in ihrer Heimat eingeführt haben. Auch Aretas III., dem die Gründung von Hawara zugeschrieben wird, ist offensichtlich mit griechischer Kultur vertraut gewesen, denn immerhin gab er sich den Beinamen "Philhellenos" (Griechenfreund).

Die Zisterne 067 wurde in den 1960er Jahren für die praktische Nutzung durch die lokale Bevölkerung erneuert und umgebaut, wobei man alle Bögen bis auf die beiden äußeren entfernte.

Im Umfeld der zentralen Wasserreservoire fanden die Archäologen diverse kleinere Zisternen. Sie gehörten wohl Familien, die daneben zunächst ihre Zelte aufstellten und später feste Häuser bauten. Im Zentrum von Hawara war die anderswo übliche Flaschen- oder Birnenform mit wasserdicht verputzten Wänden, die aus dem Fels geschlagen wurde, nicht möglich, denn hier lag das massive Gestein zu tief unter der Erdoberfläche. Deshalb sind die meisten Zisternen dort rechteckig und aus Steinblöcken erbaut. Häufig waren Absetzbecken vorgelagert, in denen sich Sand und andere Verunreinigungen ablagerten, bevor das Wasser über einen oberen Kanal in das eigentliche Reservoir gelangte.

John Peter Oleson, der langjährige Leiter der Ausgrabungen in Humayma, berichtet von einer speziellen Bauform, die er nirgendwo anders in Nabatäa und der mediterranen Welt gefunden hat: sieben Hauszisternen mit dem typischen Bogendach, aber in zylindrischer Form. "Die Konstruktion ist sinnvoll, da die zylindrische Form nicht nur mehr Volumen im Verhältnis zur Menge des Mauerwerks bietet als rechteckige Grundrisse, sondern auch leichter abzudichten ist und dem Druck des umgebenden Bodens besser standhalten kann. Hat möglicherweise ein innovativer nabatäischer Ingenieur, der auf die örtlichen Gegebenheiten reagierte, die Konstruktion eingeführt, um Probleme in Hawara zu lösen?" [Oleson 2018, S. 31. Aus dem Engl.: Universes in Universe]

Großes nabatäisches Becken

Wahrscheinlich in der Regierungszeit von König Aretas IV. (9 v. Chr. - 40 n. Chr.) bauten die Nabatäer 350 m nordöstlich des Siedlungszentrum ein 28 x 17 m großes und nur 1,34 m tiefes Wasserbecken mit einem Fassungsvermögen von ca. 630 m3. Gespeist wurde es über ein insgesamt 27 km langes Aquädukt aus drei Quellen im Nordosten (siehe weiter unten).

Nach Auffassung der Archäologen markierten die Nabatäer mit dem Becken direkt neben dem nördlichen Zugang aus Richtung Petra den repräsentativen Auftakt ihrer Siedlung. Angesichts der hohen Verdunstung bei einer solch riesigen Fläche und so geringen Tiefe ging es offensichtlich weniger um die Speicherung von Wasser als vielmehr darum, die auf dem Königsweg Reisenden dadurch zu beeindrucken. Man wollte zeigen, dass man die Fähigkeit besitzt, das überaus kostbare Nass in dieser trockenen Wüstengegend derart reichlich zur Verfügung zu haben. Darin sieht die Forschung eine Parallele zum Garten- und Teichkomplex (paradeisos) neben dem sogenannten Großen Tempel im Zentrum von Petra (siehe unsere Fotos und Infos dazu).

An der Südseite des Beckens gab es einen Überlauf mit einer Leitung in Richtung des Zentrums der Siedlung, die ein Badehaus und möglicherweise auch einige Zisternen versorgte. Diese Öffnung befand sich dort, wo im unteren Bereich des Fotos Pflanzen am Boden zu sehen sind.

Auf der Nordseite mündete das Aquädukt ins Becken.

Aquädukt

Das nabatäische Aquädukt von Hawara wurde gleichzeitig mit dem großen Becken erbaut, um dieses mit Wasser aus drei Quellen in den Bergen nordöstlich der Siedlung zu speisen. Die 18 km lange Hauptleitung begann an der Quelle 'Ain al-Qanah auf einer Höhe von 1425 m und endete an dem Reservoir auf 955 m. Etwa 6,5 km von dieser Quelle entfernt mündete eine zweite Leitung in den Hauptstrang, die von den ebenfalls 1425 m hoch gelegenen 'Ain aj-Jamam und 'Ain ash-Sharah kam (westlich des heutigen Desert Highway).

Die Reste von Grundmauern des Aquädukts nördlich von Humayma.

Die Konstruktion bestand aus einer festen Grundmauer, auf der Steinblöcke in einem mit Mörtel verfestigten Schotterbett lagen, in die ein 12 cm breiter und 14 cm tiefer Wasserkanal gemeißelt war. Steilhänge und Höhenunterschiede im Gelände wurden durch gemauerte Viadukte überbrückt. Von Zeit zu Zeit wurden die Rinnen von Ablagerungen gereinigt.

Das Aquädukt von Hawara ist etwa fünf mal so lang gewesen wie das von der Mosesquelle (Ain Musa) ins Zentrum von Petra. Anscheinend funktionierte es bis in die frühislamische Zeit, möglicherweise mit einer Unterbrechung in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts.

Heiligtum mit Schrein

Leider ist von der ursprünglichen Struktur dieses Bauwerks aus nabatäischer und römischer Zeit nicht mehr viel erhalten, und der Schrein in dessen Zentrum ist kaum mehr zu erahnen. Doch die Ausgräber haben den E125 nummerierten Komplex als eines der wichtigsten Bauwerke der antiken Siedlung identifiziert. Hier sind einige Aussagen von Barbara Reeves [Reeves, 2009] zu dessen nabatäischem Kontext zusammengefasst:

Die heute sichtbaren Reste stammen aus römischer Zeit. Darunter entdeckte Mauern aus Quadersteinen lassen darauf schließen, dass der wahrscheinlich in der Gründungsphase von Hawara im 1. Jh. v. Chr. errichtete nabatäische Bau von beeindruckender Qualität und Größe gewesen sein muss. Er wurde von den Römern nach der Annexion des nabatäischen Königreichs im frühen 2. Jh. n. Chr. zerstört und für den Bau des Forts abgetragen. Mehrere Jahrzehnte später ist das Heiligtum im wesentlichen auf der Grundstruktur des Vorgängerbaus wieder aufgebaut worden - nunmehr als gemeinsames römisches und nabatäisches Heiligtum. Mehr dazu im Kapitel zur römischen Zeit.

Eine Mauer grenzte den heiligen Bezirk (Temenos) ab, von dessen Eingang eine Ost-West-Sichtachse und ein heute teilweise noch erkennbarer Prozessionsweg zum Allerheiligsten führte, dem quadratisch umschlossenen Naos mit einer Kultfigur im Inneren. Rechts vor der Tür zum Naos sieht man die Umrisse eines Wasserbeckens.

Nabatäischer Betyl an seinem Standort im Heiligtum. Foto der Ausgrabungen unter der Leitung von John Peter Oleson. Aus einer Pressemeldung der University of Victoria, Kanada, 2000

Die nabatäische Kultfigur im Schrein war ein Betyl aus Stein in Form einer kurzen, 58 cm hohen Säule mit abgerundeter Spitze auf einem ebenfalls steinernen Sockel (mōtab) als Gottesthron. Einzigartig an dem mōtab von Hawara ist eine tiefe Einkerbung an der Vorderseite. Barbara Reeves hat dergleichen an keinem anderen Betyl gesehen und stellt einen Zusammenhang mit der Einkerbung am Berggipfel her, der vom Zugang zum Temenos aus betrachtet in einer direkten Blickachse hinter dem Schrein liegt. "Es scheint gut möglich, dass der Betyl im Schrein von Hawara den Gott repräsentiert, der in dem lokalen gekerbten Berg lebte, den Gott, der das abfließende Wasser schickte, das das Leben in der Wüste unten ermöglichte." [Reeves 2009, S. 329. Aus dem Engl.: Universes in Universe]

Der Gipfel des Jebel Qalkha mit der markanten Einkerbung.

Gräber

Schachtgräber an einem Hang in der Nähe der oberen Kirche

In Humayma gab es keine Fassadengräber mit Kammern wie in Petra und Hegra. Lediglich bei einem prominenten Grab wird vermutet, dass es zu diesem Typus gehörte, doch ist dessen Fassade durch Erosion vollständig zerstört. Es wurden 94 Einzelgräber gefunden, 90 davon in 11 mehr oder weniger ausgeprägten Gruppierungen. Bis auf eines sind es Schachtgräber, teilweise für mehrere Personen. [Oleson JT, 2017]

Auch im antiken Hawara bzw. Hauarra war es den Familien wichtig, die Gräber ihrer Angehörigen möglichst in Sichtweite der Siedlung und in der Nähe als heilig geltender Stellen anzulegen. Die ältesten Nekropolen und Einzelgräber sind der Ortschaft am nächsten, stammen wahrscheinlich aus dem 1. Jh. v. Chr. und wurden bis ins 3. Jh. n. Chr. genutzt. Die späteren Begräbnisplätze aus dem 2. bis 6. Jh. n. Chr. sind weiter entfernt.

Eines der größten Gräber katalogisierten die Archäologen als A104. Es befindet sich an der Südspitze des östlichen der beiden Sandsteinkämme, die sich zwischen dem Felsmassiv des Jebel Qalkha und dem südlichen Siedlungsgebiet bis in die Ebene hinunter erstrecken. Die prominent platzierte Grabanlage war sowohl von der Siedlung als auch vom südlichen Teil der Handelsstraße aus weithin sichtbar.

Eine in den Felsen gemeißelte Treppe führt auf die Spitze des Felsen, in die ein tiefes Schachtgrab geschlagen ist. Mehrere Tote wurden in fünf übereinander angeordneten Ebenen bestattet. Diese sind nach unten hin Stück für Stück enger, so dass schmale Kanten an der Innenwand stehenblieben, auf denen über jeder Ebene Decksteine lagen. Wahrscheinlich sind die einzelnen Schichten mit Erde aufgefüllt und abgedichtet worden.

Die Treppe hinauf zu einer Plattform.

Rechts oben der Stumpf eines Betyls.

An der Südseite des Hügels ist durch das Abschlagen des Gesteins eine Plattform wahrscheinlich für Gedenkzeremonien geschaffen worden. Man erreichte sie über eine zweite, sehr schmale und steile Treppe. Die Plattform direkt unterhalb der Grabstelle ist von dieser durch eine senkrechte geglätte Wand getrennt, an der die typisch nabatäischen Meißelspuren zu erkennen sind.

Aus dem rechten oberen Bereich der Felswand ist ein Betyl herausgemeißelt worden, der ursprünglich halb so hoch wie ein Mensch gewesen sein soll und von dem nur ein Stumpf erhalten ist. Beim Abschlagen der Plattform ließen die Nabatäer einen rechteckigen Block wohl als Ablage stehen (siehe das Foto der Plattform).

Steinbrüche

Steinbrüche auf der Ostseite des Jebel Qalkha, westlich von Humayma.

Zwischen dem Felsmassiv des Jebel Qalkha im Westen von Humayma und der Siedlung ziehen sich zwei dendritische (verzweigte) Sandsteinkämme bis in die Ebene hinunter. An diesen sowie am Fuße des Berges selbst wurden die Steine für den Bau der Gebäude und Zisternen gebrochen. Die Steinbrüche sind so angelegt, dass man sie vom zentralen Wohngebiet aus nicht oder kaum sehen konnte. Dass sie aus nabatäischer Zeit stammen, belegen Betyle an einigen Felswänden.

Teil eines antiken Steinbruchs an der Ostwand des westlichen Sandsteinkamms (Ridge 2). In dem aus Steinen gebaute Unterstand aus der Neuzeit nächtigen Beduinen, die in der Gegend ihre Schafe und Ziegen hüten.

Gleich südlich davon befindet sich der Östliche Gedenkfelsen (Eastern Commemoration Cliff) mit Petroglyphen und Inschriften aus der Römerzeit - siehe Infos und Fotos dazu im nächsten Kapitel.


© Text und Fotos: Universes in Universe.

Quellen u.a.:

John Peter Oleson: The Water-Supply System of Ancient Auara: Preliminary Results of the Humeima Hydraulic Survey
In: Studies in the History and Archaeology of Jordanien 04, Department of Antiquities of Jordan, Amman, 1992, S. 269-275 [pdf-Version]

John P. Oleson, M. Barbara Reeves, and Rebecca M. Foote: The Nabataean, Roman, Byzantine, and Early Islamic Site of Humayma: A Look Back on Three Decades of Research
In: ACOR Newsletter, Volume 27.1 Summer 2015. Published by the American Center of Oriental Research in Amman, Jordanien. [pdf-Version]

John Peter Oleson: Strategies for Water Supply in Arabia Petraea during the Nabataean through Early Islamic Periods: Local Adaptations of the Regional ‘Technological Shelf’
In: Jonas Berking (ed.): Water Management in Ancient Civilizations. Berlin Studies of the Ancient World 53. Edition Topoi, Berlin, 2018. [pdf-Version]

Barbara Reeves: Landscapes of Divine Power at al-Humayma
In: Studies in the History and Archaeology of Jordanien 10, Department of Antiquities of Jordan, Amman, 2009, S. 325-338. [pdf-Version]

Canadian scholar examines ‘Nabataean colony of Humayma’
Von Saeb Rawashdeh. In: Jordan Times, 7 April 2017

(zuletzt besucht: 25. Juli 2023)

Fotos und Informationen zu den Sehenswürdigkeiten von Humayma im historischen Kontext (4 Kapitel)

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