25 Jahre Darat al Funun in Amman

Interview mit Suha Shoman, Gründerin und Präsidentin der Khalid Shoman Foundation und Darat al Funun.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Jan 2014

Darat al Funun ist ein Zuhause für Kunst und Künstler der arabischen Welt. Dessen Anfänge gehen auf die Eröffnung einer nicht-kommerziellen Galerie in Amman 1988 zurück, und jetzt befindet sich die Institution in sechs renovierten historischen Gebäuden und einer restaurierten archäologischen Stätte im Garten. Darat al Funun organisiert Ausstellungen, Gespräche, Filmvorführungen und Bildungsprogramme, ist ein Ort für Aufführungen und Konzerte, bietet Doktorandenstipendien und Künstleraufenthalte und veröffentlicht Bücher und Kataloge.

Pat Binder & Gerhard Haupt: Was veranlasste Sie, die Sie selbst Künstlerin sind, zur Gründung von Darat al Funun, und in welchem Kontext jener Zeit in Jordanien geschah dies?

Suha Shoman: Damals, im Jahr 1988, initiierte ich Aktivitäten auf dem Gebiet der visuellen Künste im Wissenschaftlichen und Kulturellen Zentrum der Abdul Hameed Shoman Foundation, einer der ersten privaten Stiftungen in der Region, gegründet 1978, um die natur- und geisteswissenschaftliche Forschung zu fördern. Khalid Shoman, mein Ehemann, war der stellvertretende Vorsitzende der Stiftung. Da ich Künstlerin bin - meine Lehrerin und Mentorin ist die türkisch-jordanische Künstlerin Fahrelnissa Zeid gewesen - erschien es mir folgerichtig, selbst die Leitung dieser Aktivitäten zu übernehmen.

Zu jener Zeit gab es in der globalen Kunstwelt nur geringes Interesse an arabischer Kunst, man wusste wenig über die zeitgenössische Kunst und arabische Künstler erhielten kaum Unterstützung. In Jordanien sind die Künstler auch nicht so privilegiert wie in anderen arabischen Ländern. Die Lage in Jordanien ist äußerst kompliziert. Wellen von Flüchtlingen aus Nachbarländern haben Auswirkungen auf die Infrastruktur des Landes in entscheidenden Phasen der Herausbildung und Konsolidierung der Nation, und angesichts der Knappheit von Ressourcen hat Kunst nun mal keine Priorität. Deshalb erkennen wir die Wichtigkeit der Förderung von Kunst durch private Stiftungen an. Doch zu jener Zeit gab es in der Region keine privaten Stiftungen für Kunst.

Wir begannen zunächst damit, Ausstellungen für jordanische und andere arabische Künstler zu organisieren und den Austausch zwischen Kunstschaffenden aus der Region anzuregen. Es wurden Gruppen- und Einzelausstellungen für etablierte und jüngere Künstler veranstaltet und Zusammenkünfte organisiert. Vorträge über Kunst sind gehalten und in dem Buch Dialoge über Kunst veröffentlicht worden. Während der ersten Intifada haben wir Ausstellungen für Palästinenser ausgerichtet, sowie auch für Iraker und Libanesen, die in Jordanien eine Zuflucht vor dem Golfkrieg und dem Bürgerkrieg suchten. Das Zentrum entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Künstler der Region.

Es zeichnete sich die dringende Notwendigkeit eines spezialisierten Ortes ab, der weder ein Museum noch eine kommerzielle Galerie ist, sondern ein Raum, der als eine Plattform für die Künstler dient, wo sich diese zu Hause fühlen, arbeiten und ausstellen, lernen und Gedanken austauschen, experimentieren und sich ausdrücken können. Das Konzept für Darat al Funun, was in Arabisch Zuhause für die Künste bedeutet, entwickelte und materialisierte sich nach und nach. 1992 begannen wir mit der Restaurierung eines Orte oberhalb des Zentrums von Amman.

B & H: Wurde dieser Ort damals schon Darat al Funun genannt? Welche Art von Ausstellungen haben Sie gezeigt?

Shoman: Nein, in den ersten 5 Jahre im Wissenschaftlichen und Kulturellen Zentrum haben wir die Erfahrungen gesammelt, die schließlich zur Gründung unserer eigenen Heimstatt für die Künste führten. Darat al Funun öffnete seine Türen 1993 mit einer Ausstellung von Werken von 50 zeitgenössischer arabischer Künstler im Hauptgebäude und mit einem Konzert in der archäologischen Stätte, was unserer Vision eines Hauses der Künste entsprach, das die visuellen Künste mit anderen künstlerischen Ausdrucksweisen zusammenbringt und wo innovative Ausstellungen und Performances, Filmvorführungen, Konzerte und Kulturveranstaltungen stattfinden.

Von Anfang an spielten wir eine Schlüsselrolle, indem wir Künstler aus der arabischen Welt beherbergten, präsentierten und unterstützten, von solchen modernen Meistern wie Fahrelnissa Zeid, Adam Henein, Marwan, Belkahia, Rachid Koraïchi bis zu zeitgenössischen Künstler wie Amal Kenawy, Adel Abidin, Ahlam Shibli, Saba Innab und Mona Hatoum. Zu unserem Programm gehörten Retrospektiven und Einzelpräsentationen sowie thematische Ausstellungen. Viele Künstler hatten ihre erste Personalausstellung in der Region in Darat al Funun.

Das Hauptgebäude von Darat al Funun ist restauriert worden, um Ausstellungsräume anzubieten. Dann kam eine Bibliothek als Anbau auf dem Dach hinzu, und Werkstätten sind im Untergeschoss eingerichtet worden. Dies ist eines der ältesten Häuser in Amman, errichtet in den 1920er Jahren. Bis 1938 diente es dem britischen Kommandeur der Arabischen Legion, Oberst F.G. Peake, als offizielle Residenz. Als Glubb Pasha Kommandeur der Arabischen Legion wurde, ist das Haus zu einem Klub der britischen Offiziere geworden, und das blieb es bis 1956, dem Jahr der Arabisierung der Arabischen Legion. Das bedeutet, das Hauptgebäude verkörpert die reiche historische und politische Geschichte des modernen Jordanien, während die archäologische Stätte der über einem römischen Tempel errichteten byzantinischen Kirche im Garten für die Geschichte des alten Jordanien steht. Indem der Ort den zeitgenössischen Künsten gewidmet ist, erzählen unsere Künstler die Geschichte Jordaniens und der arabischen Welt in der heutigen Zeit.
Ein zweites Gebäude, wegen der tscherkessischen Holzveranda Blaues Haus genannt, ist 1994 restauriert worden, um weitere Ausstellungsräume und ein Café im Garten zu schaffen. Es war im Auftrag des Gouverneurs von Akka in Palästina erbaut orden.

Ein drittes Gebäude wurde renoviert und 1995 als Unterkunft für die Gastkünstler eröffnet. Früher lebten in dem Haus zeitweilig der Dichter der Großen Arabischen Revolte, Scheich Fouad al Khateeb, und Premierminister Suleiman Nabulsi. 2002 wurde es der Erinnerung an Khalid Shoman gewidmet, dem Schirmherrn von Darat al Funun, und Dar Khalid genannt. Im selben Jahr ist die Khalid Shoman Foundation gegründet worden, und Darat al Funun ist seitdem unter deren Dach.

B & H: Ihre Sommerakademie, geleitet von Marwan Kassab Bachi, hatte großen Einfluss auf junge Künstler. Bitte erzählen Sie uns etwas darüber.

Shoman: Von 1999 bis 2003 leitete der in Berlin lebende Künstler Marwan die Darat al Funun Sommerakademie. Jungen Künstlern aus Jordanien, Palästina, Syrien, Libanon und Irak gab er Intensivkurse in Malerei. In den vier Jahren nahmen mehr als 60 junge Künstler an der Akademie teil. Bei der Auswahl der Bewerber aus Palästina und insbesondere aus Gaza kooperierten wir eng mit der Direktorin des Khalil Sakakini Zentrums, Adila Laïdi-Hanieh. Für einige der Künstler, die ihre Laufbahn erfolgreich weiterführten, war die Sommerakademie ein Startplatz. Es ist die erste Initiative dieser Art in der Region gewesen.

B & H: Wann erfolgte die große Erweiterung von Darat al Funun, die Sie anlässlich des Kooperationsprojekts mit der Tate Modern eingeweiht haben?

Shoman: Das war im Jahr 2011. Ein viertes traditionelles Gebäude aus den 1930er Jahren ist restauriert worden, um das Hauptquartier der Khalid Shoman Foundation zu beherbergen. Dort sind ständig Werke aus der Khalid Shoman Sammlung ausgestellt, und Forschern über arabische Kunst werden Arbeitsräume zur Verfügung gestellt.

Im Sinne unserer Zielstellung, arabische Kunst zu unterstützen, zu erforschen und zu dokumentieren, ist im selben Jahr ein Stipendium für Doktorarbeiten eingerichtet worden. Wir haben auch drei alte Lagerhäuser renoviert, um The Lab unterzubringen, einen experimentellen Raum und Ort für jüngere Künstlerinnen und Künstler und innovative Projekte. Die Einweihung dieser neuen Erweiterung feierten wir mit der Eröffnung der Ausstellung Out of a Place, veranstaltet in Zusammenarbeit und im Austausch mit der Tate Modern.

B & H: Denken Sie, dass Sie mit dem Beit al Beiruti und dem neuen Gebäude für Künstlerresidenzen, die gerade renoviert und mit der Ausstellung HIWAR eröffnet worden sind, Ihre Vision nunmehr komplettiert und in die Zukunft ausgerichtet haben?

Shoman: Ja, ich denke das haben wir. Die Gebäude, in denen sich Darat al Funun befindet, sind im Auftrag von jordanischen, palästinensischen, syrischen und libanesischen Familien errichtet worden. Sie sind ein lebendiges Gedächtnis der Geschichte der Stadt Amman und der gemeinsamen Geschichte der Region. Darat al Funun ist jetzt eine Oase für die Künste inmitten eines überfüllten Stadtzentrums. Viele kommen nicht nur, um unsere Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu besuchen, sondern auch wegen der traditionellen Architektur von Amman, um an Veranstaltungen an der archäologischen Stätte teilzunehmen, ein Buch in unserer Bibliothek zu lesen oder in den Gärten spazieren zu gehen. Indem heruntergekommene historische Gebäude und antike Stätten gerettet und restauriert worden sind, trägt Darat al Funun zur Erhaltung des architektonischen und kulturellen Erbes von Jordanien bei. Lange vergessene Gebäude auf dem Gelände sind zu Kunsträumen geworden, wodurch das Viertel zu neuem Leben erweckt wurde. Indem der Ort im Dienst der zeitgenössischen Kunst saniert wurde, brachte Darat al Funun das Alte und das Neue, die Vergangenheit und die Gegenwart, Tradition und Moderne zusammen. Darat al Funun ist heute ein lebendiger Ort, an dem die Künste im Herzen unserer Kultur gefeiert werden.

B & H: Ist es der inneren Logik dieser Entwicklung zuzuschreiben, dass Sie den 25. Jahrestag mit einem brasilianischen Kurator und Künstlern aus der arabischen Welt, Asien, Afrika und Lateinamerika begehen?

Shoman: Wir wollen zeitgenössischen Künstlern eine Plattform bieten, künstlerisches Schaffen und kritischen Diskurs unterstützen, künstlerischen Austausch und Forschung stimulieren. Von Anfang an förderten wir die Begegnung von Künstlern aus der Region. Wenn wir jetzt Adriano Pedrosa eingeladen haben, um HIWAR zu kuratieren, gehen wir einen Schritt weiter, denn wir fördern den Austausch zwischen Künstlern von den Rändern, Süd - Süd, und das nicht nur, indem wir deren Werke in einer Ausstellung zusammen zeigen, sondern auch dadurch, dass sie im Rahmen ihres Aufenthalts und der hier veranstalteten Gesprächsprogramme die Möglichkeit erhielten, voneinander zu lernen und sich durch die Arbeitsweise und Erfahrungen des Anderen gegenseitig zu inspirieren. Zwei Monate lang ist Darat al Funun ein Zuhause für 14 junge kreative Köpfe und inspirierende Projekte gewesen.

B & H: Können Sie uns Höhepunkte des Programms von Darat al Funun im Jahr 2014 verraten?

Shoman: Als nächste große Schau eröffnen wir im Mai 2014 eine Einzelausstellung von Nida Sinnokrot, und im November zeigen wir eine Ausstellung von Emily Jacir.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Darat al Funun
Nadim Al-Mallah St 13
Jabal al Weibdeh
Amman
Jordanien
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Gründerin und Präsidentin: Suha Shoman

Künstlerische Leiterin: Eline van der Vlist

Um 25 Jahre Unterstützung der Künste zu feiern, veranstaltet Darat al Funun:
HIWAR - Conversations in Amman
Ausstellung, Künstleraufenthalte, Gespräche
9. November 2013 - 30. April 2014
Künstler aus der arabischen Welt, Afrika, Asien, Lateinamerika
Kurator: Adriano Pedrosa


Siehe auch:

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Künstler aus der arabischen Welt, Afrika, Asien, Lateinamerika. Darat al Funun, Nov. 2013 - April 2014. Kurator: Adriano Pedrosa. Fototour - alle 29 Teilnehmer in 7 Häusern.
06 Cevdet Erek
Ausstellung in Darat al Funun in Kooperation mit Tate Modern; Eröffnung eines neuen Hauptsitzes und experimentellen Raums.
07_Faouzi Laatiris
Sätze an den Rändern und andere Aktivitäten. Darat al Funun, Amman, Jordanien. Kuratorialer Text.
Shoman 06
Von Zeit und Licht. Videoinstallationen und andere Aspekte ihres Schaffens.
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Umfangreiche Publikation mit Beiträgen vieler Autoren über die Khalid Shoman Sammlung und deren Bedeutung für die regionale Kunstgeschichte.
Nafas
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