Maha Maamoun: The Night of Counting the Years

The Night of Counting the Years. Rezension ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung, Fridericianum, Kassel, 11. Mai - 17. August 2014.
Von Eva Scharrer | Jun 2014

The Night of Counting the Years – der Titel von Maha Maamouns erster institutioneller Einzelausstellung ist dem Titel des gleichnamigen Films Shadi Abdel Salams entlehnt, der wiederholt als einer der wichtigsten Filme des ägyptischen Kinos gepriesen wird. Die Handlung spielt 1881, kurz bevor Ägypten unter britische Kolonialherrschaft fiel, und erzählt die wahre Geschichte eines oberägyptischen Klans, der ein von ihm lange gehütetes Mumiengrab plündert, um die Artefakte auf dem Schwarzmarkt für Antiken zu verhökern. Nach längeren Auseinandersetzungen entschließt sich ein Mitglied, die Behörden zu verständigen und das Mumienversteck zu verraten. In der Symbolik des Films stehen die missachteten Artefakte der altägyptischen Zivilisation für die bis heute andauernde, konfliktreiche Suche nach einer authentischen nationalen Identität.

Die Frage nach Identität und symbolischer Repräsentation, insbesondere vor dem Hintergrund der Kinogeschichte, steht im Mittelpunkt von Maha Maamouns künstlerischem Schaffen. Die Präsentation im Turm des Fridericianums zeigt auf vier Stockwerken vier Videoarbeiten in chronologischer Reihenfolge – im Gegensatz zu der selten linear verlaufenden Zeit in Maamouns Filmen. Den Auftakt macht Domestic Tourism II (2008) – eine Montage, die die Präsenz der Pyramiden von Gizeh, des Wahrzeichens Ägyptens, im ägyptischen Film von den 1950er Jahren bis heute untersucht. Maamoun interessierte, wie und wann die Pyramiden als Hintergrundkulisse auftauchen und inwiefern dabei eine Instrumentalisierung oder Politisierung durch die verschiedenen politischen Regime sichtbar wird.

Ungeachtet der Chronologie des Filmmaterials schnitt Maamoun die einzelnen Szenen in Form einer gegenläufigen Zeit-Pyramide neu zusammen. Der Zuschauer unternimmt eine Zeitreise durch das ägyptische Kino von den 00er Jahren in die 1950er, und wieder zurück ins Jahr 2006 – also in die Zeit vor der Revolution auf dem Tahrir Platz, dem Sturz Mubaraks und der Präsidentschaft Mursis. Einen Großteil nehmen Filme der 1960er und 1970er Jahre ein, der Blütezeit des Mittelstands – in Ägypten wie in Europa. Ästhetik, Autos, Kleidung und Frisuren der Protagonisten unterscheiden sich dabei wenig von denen des europäischen Kinos derselben Zeit – wären da nicht in jeder Einstellung die Pyramiden als Kulisse für große Emotionen. Sie erscheinen offenbar immer dann, wenn es um essentielle Fragen der nationalen oder persönlichen Identität, um Momente der Entscheidung oder Befreiung geht. Vor allem prallen in diesen Szenen auch das alte und das moderne Ägypten aufeinander. Während die Pyramiden in touristischen Reiseführern oder auf Postkarten gerne als erhabene Monumente in der Wüste dargestellt werden, wird in den Filmen ihre allgegenwärtige Nähe zum lärmenden Chaos der Millionenmetropole Kairo deutlich.

Ein Stockwerk darüber wieder Filmgeschichte. Schnell erkennt man die ikonischen Bilder aus Chris Markers La Jeatée (1972) wieder: den Mann, der mit verkabelter Augenmaske in einer Hängematte liegt. Jedoch handelt es sich hier nicht um Originalbilder aus Markers kanonischem, ganz aus Standbildern komponiertem Filmklassiker. Maamoun ließ die Szene von einem ägyptischen Darsteller nachstellen und hat ihm auch eine neue Tonspur gegeben. Anstatt der Erinnerung an das Gesicht einer Frau, die den Protagonisten – einen Überlebenden und Kriegsgefangenen eines finalen Weltkriegs – in einer forcierten Zeitreise erst in die Vergangenheit und dann in die Zukunft schickt, bevor er zum Zeitpunkt seines eigenen Todes zurückkehrt, erzählt die Stimme aus dem Off einen Ausschnitt aus dem zeitgenössischen Science-Fiction Roman The Revolution of 2053: The Beginning (2007) von Mahmoud Osman. Auch hier handelt es sich um die Schilderung einer dystopischen Vision: eine neue Elite übernimmt in einem dekadenten Festakt das Gizeh Plateau und somit das kulturelle Erbe Ägyptens, wodurch das Land in den sozialen Untergang gerissen wird. Dieses Ereignis, das im Roman der fiktiven Revolution von 2053 vorausgeht, hat der Autor mittels komplizierter Berechnungen in Anlehnung an die zu seiner Zeit bestehende (der vor der Revolution von 2011) Präsidentschaft auf das Jahr 2026 zurück datiert. 2026 ist zugleich der Titel von Maamouns Film, der 2010 – also ein Jahr vor der ägyptischen Revolution – entstand. Wie Markers Film, in dem Zeit nicht linear verläuft, sondern eine Zeitschleife ohne Entkommen bildet, führt uns auch diese aus unterschiedlichen Bild- und Textquellen komponierte Zeitreise zu einem Nullpunkt zurück, an dem sich die Zukunft selbst zu wiederholen scheint.

Night Visitor: The Night of Counting the Years (2011) greift wieder auf gefundenes Filmmaterial zurück. Diesmal ist es jedoch nicht das große Kino, sondern Handyfilme aus dem Internet, die von den Filmern auf YouTube gepostet und der Künstlerin für ihre Arbeit zur Verfügung gestellt wurden. Es handelt sich um (meist verwackelte, unscharfe oder unterbelichtete) Aufnahmen von der Erstürmung der Staatssicherheitsgebäude in Kairo und Damanhur zwei Monate nach dem Sturz Mubaraks. Maamoun hat einzelne Sequenzen aus den unterschiedlichen Handyfilmen so neu zusammengesetzt, dass eine filmische Chronologie simuliert wird: angefangen beim nächtlichen Eindringen in das Gebäude wird ein Rundgang durch die Sicherheitszentrale suggeriert, während der Blick auf Luxusgüter, auf dem Boden liegende Porträtfotos, Telefonkabel, Akten und Dokumente fällt. Während der zweite Teil des Titels auf Shadi Abdel Salams eingangs erwähnten Film und die darin behandelten Konflikte anspielt, kehrt der erste Teil Night Visitor die Rollen von Staatsmacht und Opposition um: waren es in der Vergangenheit die politischen Aktivisten, die nachts von Staatssicherheitsbeamten "besucht" und verhaftet wurden, so sind nun die Demonstranten die nächtlichen Eindringlinge.

Shooting Stars Remind Me of Eavesdroppers (2013), der jüngste Film Maamouns im obersten Turmzimmer, wurde im al-Azhar Park, einer grünen Oase im Herzen Kairos gedreht, wo sich vor allem junge Liebespaare für ein wenig Zweisamkeit treffen. Die idyllischen Szenen sind nicht gestellt; aus sicherer Distanz beobachtet die Kamera zwischen rauschendem Blattwerk und Kuhreihern die unter Bäumen sitzenden Paare. Auch Gesprächsfetzen auf Arabisch sind zu vernehmen. Darüber liegt als Voice-Over ein fiktiver Text der Künstlerin. In ihm entspinnt sich, teils liebevoll scherzend, teils ernsthaft entrüstet, ein Streitgespräch unter zwei Liebenden darüber, ob das heimliche Belauschen des Anderen eine Verletzung der Privatsphäre und einen Vertrauensbruch darstellt oder vielmehr eine aufrichtige Suche nach Intimität und Authentizität. Was ist authentisch? Wo genau versteckt sich die Wahrheit, und wie legitim ist es, sich ihr zu nähern? Wie auch in Maamouns vorhergegangenen Filmen, in denen die Bildsprachen der kulturellen Imagination auf mögliche Darstellungsformen tatsächlicher Zusammenhänge hin untersucht werden, kollidieren auch in diesem so lakonisch wie poetischen Film symbolische Repräsentationen subtil miteinander, lassen sich intime Geständnisse auf breitere gesellschaftliche und politische Zustände übertragen. Im Zusammenspiel dieser vier Arbeiten erschließt sich die unprätentiös vorgetragene Dichte in Maha Maamouns Werk.

 

Eva Scharrer

Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kritikerin, lebt in Berlin, Deutschland.

Maha Maamoun:
The Night of Counting the Years

11. Mai - 17. August 2014

Fridericianum
Friedrichsplatz 18
D-34117 Kassel
Deutschland
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Kuratorin: Nina Tabassomi


Siehe auch:

08
Domestic Tourism II kombiniert Szenen ägyptischer Filme mit den Pyramiden als Repräsentationen des wechselnden Zeitgeists.
Nafas
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