Hassan Khan: stuffedpigfollies

Die Bedeutung eines sozialen Bewusstseins in hysterischen oder unbewussten Stadien der Reflexion.
Von Brian Kuan Wood | Mai 2008

Irgendwo zwischen dem Lebenden und dem Nicht-Lebenden, dem Belebten und dem Unbelebten, kann es eine Lücke geben, innerhalb derer sich die zwei Stadien überlappen und austauschbar werden. Innerhalb dieses Raumes, ähnlich wie in Träumen, spricht man zu sich selbst mit der Stimme eines Anderen, und Sprechen und Zuhören - Subjektivität und Objektivität - fügen sich entweder zusammen oder kollabieren total.

stuffedpigfollies [ausgestopfte-Schweine-Revue] von Hassan Khan ist eine Serie von sechs 20 x 25 cm großen Digitaldrucken auf Cansonpapier. Es ist sowohl eine eigenständige Arbeit als auch eine Komponente seiner Installation KOMPRESSOR (2006-2007). Auf jedem der sechs Drucke ist eine handgezeichnete Comicfigur eines Schweinchens vor gelblichem Hintergrund abgebildet. Jedes Schwein scheint aus irgendeinem Grund gestresst zu sein, versinnbildlicht durch die vom Kopf in die Umgebung spritzenden Schweißtropfen oder Tränen, die in der Comicsprache für Angst, Beklemmung, Verwirrung, Trauma stehen. Unter jedem Bild gibt es eine Textzeile, geschrieben in einer merkwürdig gequetschten Schrift, ähnlich einer Handschrift, aber mit der Konsistenz eines Computerzeichensatzes. Sätze wie "Diese unlogische Barriere, ausgeliehen von irgendwo anders " und "Welche Hexe?" dienen als kryptische Bildunterschriften für die Nöte des schon verwirrten Schweins.

Khan hat diese Schweine als Zeichen von Besessenheit beschrieben - generische Formen, die einer Geschichte anspruchslos unterwürfiger, pummeliger Reflexionen über menschliche Zärtlichkeit entliehen sind. Sie stehen auf zwei Beinen, gestikulieren mit ihren Vorderfüßen wie Menschen und kommunizieren ihre Ängste in deutlichem Englisch. Aber in diesem Falle hat "Besessenheit" eine doppelte Bedeutung, denn die Schweine sind auf jedem Blatt ganz ähnlich und kämpfen mit einer fremden Kraft außerhalb des Bildes, die sich ihrer ganz und gar zu bemächtigen droht.

In seinem Essay "Das Unheimliche" beschrieb Sigmund Freud das Unheimliche als etwas in seiner Vertrautheit Beängstigendes, indem er den aus "Heim" abgeleiteten Ursprung des deutschen Wortes (nicht daheim) sowie auch die Bedeutung als heimgesuchtes bzw. verfluchtes oder "nicht heimisches Haus" anführt. Für Freud entspringt das Gefühl der im Vertrauten enthaltenen Furcht einer Fehlfunktion der täglichen Projektion des eigenen Ich auf die Außenwelt, was eine völlige Umkehrung zur Folge hat. Was ist ein unheimliches Heim letztendlich anderes als die Anomalie einer Herdstelle, die zum Leben erwacht und sich gegen den sie liebenden Besitzer wendet? So wie bei einem Hund, einem Teddybär, einem Spiegelbild (dem Doppelgänger) wandelt sich das Gefühl des Unheimlichen zu einem Augenblick, in dem das Bewusstsein dabei versagt, sich seines Kontextes zu bemächtigen und sein Bild in einer narzisstischen Wendung auf "un-heimliche" Weise projiziert, dadurch von der eigenen Unvertrautheit "besessen" oder heimgesucht wird.

So wie die Wahrnehmung des Unheimlichen mit einem Bruch der Projektion des Bewusstseins auf das Leblose zu tun hat, so bewegen sich die Comic-Schweine von Khan, etwas anthropomorph Unmögliches, in dem einzigen Raum in dem sie überhaupt als mögliche Formen existieren können: dem des lebendigen Unbelebten, dem Raum der Projektion und zyklischen Vertagung des Träumens. Tatsächlich haben diese Schweine ihren Ursprung in Träumen von Hassan Khan, und sie stehen für eine Art der Reflexion über ihre eigene Rolle in Khans verzwicktem Netz psychischen Vertagens. Die Schweinchen in stuffedpigfollies scheinen sich ihrer Position als Mittler tatsächlich schmerzhaft bewusst zu sein, und vielleicht erklärt sich daraus ihr traumatischer Zustand. Als ob sie ihre Cartoon-Erfahrung des Unheimlichen bezeugen würden - oder, was wahrscheinlicher ist, als Träger von Khans eigener Erfahrung davon -, sind sie über ihre Rolle als "besessene" Kreaturen entsetzt. Eines wendet sich von seinem eigenen Bilde ab: "Ich zaudere, wenn ich meinem lebenden Gesicht begegne", während ein anderes keinen Abstand gewinnen kann: "Ich kann nur eine Sache sehen".

Khan sagte über stuffedpigfollies in einem Interview: "Wir steuern hier gefährlich nah auf Metaphysik und Psychoanalyse zu - gefährlich nah vor allem dann, wenn wir über animierte Kräfte reden. Mich interessiert eine Form blanker Metaphysik. Wir leihen uns die Sprache der Psychoanalyse aus, um über irgendetwas anderes zu sprechen - aber was ist das?" Im Allgemeinen stand im Zentrum des Werkes von Khan immer ein Interesse an Problemen, die mit dem sozialen Bewusstsein und der Vermittlung zwischen einem sozial geformten Selbst und einem autonomen Selbst zu tun haben. Dennoch markiert seine KOMPRESSOR Installation durch die Einführung einer beinahe metaphysischen Sicht auf die Konstruktion von Identität in der sozialen Sphäre einen formalen Bruch mit seinem früheren Werk. Ausgestattet mit dem Untertitel "Eine Ausstellung basierend auf dem Übersetzen von Träumen in verschiedene Formen durch den Träumenden" präsentierte KOMPRESSOR eine Konstellation von Werken, die sich um eine Art des paranoiden, deutlich strukturalistischen Sublimen dreht. Ein Werk mit dem Titel The Alphabet Book stellt gigantische Buchstaben des Alphabets ähnlich deutlichen ikonischen Bildern gegenüber, wobei es die irreduktiblen Elemente von Sprache (und Pädagogik) mit der Dimensionalität des Bildes vermengt. Eine willkürliche Brüstung mit dem ominösen Erscheinungsbild eines Gefängnisgitters zog sich durch den Ausstellungsraum. Nahezu unsichtbar hatte dieses einfache Objekt, das die Bewegung durch den Raum dirigierte, etwas an sich, das sich zu verdoppeln drohte, um eben diese Zirkulation einzuschränken. KOMPRESSOR als Ganzes erscheint wie eine Einführung in die unheimliche Welt der außerweltlichen Bedeutungsüberschneidung. Dieses ist der Ort, an dem die Repräsentation der sozialen Sphäre selbst komplett in die des Bewusstseins migrierte, und didaktische Formulierungen von Unterdrückung, Macht, Austausch und Konsens sind durch ein mystisches Testament zusammengefügt worden. Dieses ist nicht das Bild einer Identitätskonstruktion durch Verfügung, sondern vielmehr eines unsichtbaren, fließenden Netzes des Konsens.

Wie Guy Debord in Bezug auf das Spektakel als "die autonome Bewegung des Leblosen" [1] schrieb, so sind die anthropomorphen Schweine von stuffedpigfollies die pummeligen Botschafter eines ähnlich animierten Leblosen, in dem das Bewusstsein die Welt nicht mit Leben animiert, sondern mit Automation. Aber wo Debords Spektakel einen Augenblick beschreibt, in dem sich multiple Subjektivitäten in einem öffentlichen Raum des konsensuellen Einvernehmens zusammenfügen, ist stuffedpigfollies in einer privaten Sphäre angesiedelt, in der Subjektivität mit sich selbst durch ein inneres Spiel totemisierter öffentlicher Formen konfrontiert ist. Es ist ein unsichtbarer psychischer Reflex, der nur dann sichtbar wird, wenn er bricht, und in dieser Brechung - diesem Gefühl des Unheimlichen - tritt die Illusion der Subjektivität erneut als performative Geste hervor.

 

Anmerkung:

  1. Guy Debord, The Society of the Spectacle, trans. Ken Knabb (London: Rebel Press, 1992), 7.

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Brian Kuan Wood

Autor, Designer und Musiker; lebt in New York, USA.

Fotos der Installation: courtesy Martin Argyroglo

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

stuffedpigfollies
Sechs Digitaldrucke auf Cansonpapier
je 20 x 25 cm

Unabhängiges Werk und Teil der Installation KOMPRESSOR, 2006 - 2007


Siehe auch:

03
Über seine Videoarbeit Blind Ambition und die Glasskulptur The Knot auf der dOCUMENTA (13).
Nafas
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