Mohammed Ahmed Ibrahim: Primordial

Tour durch die Ausstellung eines Pioniers der Kunst der Emirate in der Cuadro Gallery Dubai. Einführung in seine Werke und sein Schaffen.
Von Bashar AlShroogi | Feb 2014

Mohammed Ahmed Ibrahim ist ein Pionier der zeitgenössischen Kunst der Vereinigten Arabischen Emirate, der seine Laufbahn vor über vierzig Jahren begann. Seine erste Einzelausstellung in der Cuadro Gallery in Dubai unter dem Titel Primordial wurde sorgfältig kuratiert, um Arbeiten aus fünfundzwanzig Jahren einzubeziehen.

Ibrahims Schaffen ist auf primitive Formen und Techniken fokussiert, wozu er Erdmaterial aus der Gegend seiner Heimatstadt Khorfakkan benutzt, die sich Osten des Emirats Sharjah am Golf von Oman befindet. Statt immer wieder neue Kompositionen zu erfinden, überträgt der Künstler vertraute Formen instinktiv in eine visuelle Sprache.

Bashar Al Shroogi, Direktor der Cuadro Gallery und Kurator der Ausstellung, erläutert in Form eines Rundgangs die einzelnen Werke und das Schaffen von Mohammed Ahmed Ibrahim:

Formen

Die Zeichnungen nennt Mohammed Ahmed Ibrahim Formen. Dabei handelt es sich um ganz elementare Gebilde, die seit Menschengedenken existieren: Quadrate, Kreise, Dreiecke. Der Künstler platziert sich wiederholende Permutationen dieser Formen auf Papier und lässt symmetrische Muster entstehen. Ibrahim sagt, er würde solche Formen nicht wirklich erfinden, sie kämen einfach so aus ihm heraus, fast so als nähme er ein Diktat auf.

In visueller Hinsicht wirken die Arbeiten vertraut. Wir können Parallelen zu Mustern alter Zivilisationen ziehen, etwa zu den Azteken oder Inka. Sie weisen Ähnlichkeiten mit indischen Holzschnitten und der Keilschrift der Sumerer auf.

Die Formen sind dynamischer Natur. Sie verbinden sich miteinander durch einen organischen Prozess - wachsend und aufeinander aufbauend, wenn sich der Blick von einer zur nächsten bewegt. Ibrahims Schaffen beruht auf einer obsessiven Wiederholung derselben Formen. Das ist sowohl in den Zeichnungen und Bildern wie auch in seinen Skulpturen erkennbar.

Die Formen sind nicht vorab geplant oder skizziert. Eine Skizze würde eine Absicht implizieren. Der Künstler glaubt jedoch, die Muster seien ganz und gar in seinem Kopf komponiert und die Arbeiten würden sich selbst erschaffen.

Skulpturen

Auch zu Primordial Forms II meint Ibrahim, diese Formen seien nicht konzipiert oder kalkuliert, sondern uranfänglich; sie würden in sich und aus sich selbst existieren.

Bei der Vorbereitung dieser Ausstellung sprachen wir mit Psychologen, die einen Prozess der Kunsttherapie beschreiben: Patienten werden die Augen verbunden und ein Stück weicher Ton in die Hände gelegt. Obwohl die Patienten natürlich nicht sehen können, was sie tun, formen die meisten von ihnen unbewusst eine solche konische Form.

Das Element der Wiederholung ist in den skulpturalen Werken genauso sichtbar wie in den flachen. Aber der Künstler plant dies nicht. Wenn er mit einer Form beginnt, macht er nur, was er als richtig empfindet. Und an irgendeinem Punkt lässt das Werk ihn wissen, dass es an der Zeit ist, aufzuhören.

 

Primordial Forms I trägt im Wortsinne den Abdruck der Hand des Künstlers. Wenn man auf das Werk blickt, kann man sich ihn vorstellen, wie er ein Stück Ton nimmt und presst, so dass ein negativer Abdruck seiner Hand zurückbleibt.

Ibrahim betont die negativen Räume zwischen den entstandenen Formen. Der negative Raum zwischen diesen Gebilden spiegelt die positive Form wider, die aus Ton gemacht ist.

 

Primordial ist das Werk, nach dem die gesamte Ausstellung benannt wurde. Und in diesen Gebilden gibt es etwas sehr Vertrautes. Sie sind ein elementares Gefäß. Von ihren Anfängen an begannen die Menschen dieses Material zu manipulieren, und dies sind die allerersten Gebilde, die geformt wurden.

Die Komposition sieht aus wie etwas in einem Museum oder wie die Bilder von Totenschädeln, die aus den Katakomben unter Paris ausgegraben wurden.

Ibrahim betont die Tatsache, dass wir als menschliche Wesen auf natürliche Weise von solchen Formen angezogen werden.

Der Titel Palms, bezieht sich auf die am Golf heimischen Palmen, die für die hiesige Lebensweise ungemein wichtig sind. Die Palme ist für den Golf das, was die Büffel für die Ureinwohner Nordamerikas waren.

Alles kam von der Palme, weshalb sie als Mutter Palme. bezeichnet wurde. Aus diesem Grund widerspiegelt diese Skulptur die Form eines Gefäßes, das von Natur aus eine weibliche Form ist.

Die Materialien, die Ibrahim für die Arbeit benutzt, sind vor allem Hülsenblätter von Palmen. Damit bringt er zugleich ein Stück Natur in das Atelier und trägt ein Kunstwerk aus diesem hinaus.

Male and Female entstand 2001. Es war auf der 8. Sharjah Biennale ausgestellt und gewann den ersten Preis für Skulptur. Der Ton, aus dem die Arbeit geschaffen wurde, kommt aus einem Loch vor dem Atelier des Künstlers. Im Laufe der Jahre hat Ibrahim Ton aus derselben Grube für verschiedene Werke benutzt. In dem Akt des Zurückkehrens an denselben Ort, um von dort dieses Material zu holen, sehen wir eine Bestätigung für Ibrahims repetitive und mantrische Arbeitsauffassung.

In Khorfakkan kulminiert ein Jahr Arbeit des Künstlers. Die Skulptur sieht aus wie eine dreidimensionale Darstellung der Werke des Künstlers auf Papier. Es gibt darin eine Nachbildung derselben geometrischen Muster.

Khorfakkan wurde aus Pappmaché gefertigt, die niemals farbig ist. Die Farbe kommt von den natürlichen Pigmenten des Papiers selbst. Die Form wirkt wie Knochen oder Werkzeuge, so wie sie frühe Höhlenmenschen benutzt haben könnten. Die Frage, die uns Ibrahim stellt, lautet: "Sind uns diese Formen vertraut, weil wir sie zuvor gesehen haben oder weil sie schon immer existierten?"

Der Geburtsort des Künstlers, Khorfakkan (im Osten des Emirats Sharjah am Golf von Oman), ist für sein Schaffen sehr wichtig. Für die Ausstellung Emirati Expressions, kuratiert von Reem Feddah und bis Januar 2014 im Saadiyat Cultural District in Abu Dhabi gezeigt, produzierte Ibrahim eine fotografische Arbeit. Darin platzierte er ein großes Loch in einem Berg in der Nähe seines Hause, einfach nur um für sein Haus den Sonnenuntergang zu verzögern.

Viele Jahre wanderte er immer wieder zu demselben Berg. Als ein Weg, das Loch zu verwirklichen, das er dort gern hätte, sammelte Ibrahim im Laufe der Jahre insgesamt vier bis fünf Tonnen Felsgestein, das zu dieser Installation mit dem Titel Khorfakkan Mountain Rock Wrapped in Copper String.

In den Bergen um Khorfakkan gibt es Kupfervorkommen. Ibrahim schmückte die Felsbrocken mit Kupfer, das von dort stammt. Wenn wir auf die Muster schauen, die er dabei geschaffen hat, sehen wir eine obsessive Wiederholung des Bindens und Umwickelns der Felsbrocken mit Kupferdraht, wobei ebenfalls diese dreieckigen Formen, Quadrate, Kreise zustande kamen.

Wenden wir uns nun Khorfakkan I, II und III zu. Die von Ibrahim für diese Skulpturen benutzten Texturen und Materialien stammen aus seinem Garten. Wie Ibrahim erzählte, verändert sich die Farbe bei einigen Skulpturen einfach nur deswegen, weil er Blätter eines anderen Baumes während einer anderen Jahreszeit verwendete.

Bei der Schaffung dieser Werke herrscht ein unglaubliches Vertrauen in die Natur. In Khorfakkan II gibt nicht der Künstler die Form vor. Das Material an sich hat ein Gewicht, und diese Last bestimmt, wie die gesamte Arbeit letztendlich aussieht. Sie scheint sich auf zwangsläufige Weise zu krümmen und zu biegen. Der Künstler erlaubt dem Material, das zu werden, was es will. Das gilt für alle Baumskulpturen, die sich in ihrer Größe voneinander unterscheiden.

Ohne Titel (1988)

Dieses Bild aus dem Jahr 1988 Ohne Titel. Es lässt das gesamte Konvolut der Werke in der Ausstellung erahnen. Man kann die gleichen Gebilde und Formen erkennen, die bei Ibrahim in einem früheren Stadium seiner Laufbahn auftreten. Die blaue Linie, die sich zum Zentrum hin zieht, vermittelt uns eine axonometrische Sicht einer seiner Skulpturen.

Es handelt sich dabei um ein außergewöhnliches Bild mit Bezügen zum Werk von Kandinsky und anderen Meistern westlicher Malerei.

Wenn ich dieses Gemälde anschaue, scheint es, als gäbe es dahinter keinerlei Vorzeichnung und keine Studien dafür, es kam also einmal mehr auf natürliche Weise aus dem Künstler heraus.

 

Bashar AlShroogi

Architekt, Sammler, Kurator. Direktor der Cuadro Fine Art Gallery, Dubai.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Mohammed Ahmed Ibrahim
Primordial

22. Januar - 6. März 2014

Cuadro Fine Art Gallery
P.O. Box 506586
Dubai
Vereinigte Arabische Emirate
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Nafas
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