Shezad Dawood: New Dream Machine Project

Interview über sein New Dream Machine Project, inspiriert von der Beat Generation der 1960er in Marokko, Sufismus, Proto-Kino.
Von Sharmini Pereira | Mär 2012

Sharmini Pereira: Das New Dream Machine Project (Neues Traummaschinen-Projekt) ist inspiriert durch die kinetische Lichtskulptur Dream Machine des britisch-kanadischen Malers Brion Gysin aus den 1960er Jahren. Die einzigartige, über dreieinhalb Meter hohe Skulptur wurde von Ingenieuren in Slough gebaut und war die zentrale Arbeit einer Musikveranstaltung in der Cinémathèque de Tanger 2011, an der die Meistermusiker von Jajouka und der Rockgitarrist Duke Garwood teilnahmen. Sie hatte eine Reihe von Multiples zur Folge, die Handwerker in Marokko bauten, indem sie recycelte lokale Konservenbüchsen und Drehscheiben dafür verwendeten, die sie in einem Markt in Fez fanden. Das New Dream Machine Project ist ein Werk mit vielen Einflüssen. Wie würdest du definieren, was es ist.

Shezad Dawood: Von Anfang an habe ich großen Wert darauf gelegt, dieses als ein Projekt mit offenem Ende anzugehen, deshalb nannte ich es "New Dream Machine Project" und nicht einfach nur New Dream Machine. Da es sich bei dem, was ich aufzeichnen wollte, um eine Zusammenstellung multipler Geschichten und Erzählungen aus verschiedenen Orten handelt sowie um Sufismus und Proto-Kino, war es von Beginn an wichtig, dass das Projekt als eine Reihe möglicher Wiederholungen aufgefasst ist, statt als ein endliches Objekt oder eine Serie von "Dingen". Was für mich an dieser Geschichte über Gysin, Tanger, Mohamed Hamri und die Meistermusiker aus Jajouka wichtiger war, ist eine Reihe von Zufallsbegegnungen, die sich über die Grenzen einer klareren oder linearen kunsthistorischen Schilderung hinaus und dazwischen ausbreiteten. Gleichzeitig wollte ich meine eigene Erkundung und Arbeit in Marokko und anderswo zusammen mit meinen eigenen Zufallsbegegnungen präsent werden lassen, um die Zeitabschnitte, auf die das Projekt verweist, zu verschmelzen. Deshalb würde ich nicht sagen, es handelt sich um das Eine oder das Andere, sondern um eine Reihe von Veranstaltungen und Begegnungen, die als Film erlebt werden können (Harris Museum & Art Gallery, Preston,17. September - 26. November 2011), als Performance (Cinémathèque de Tanger, Marokko, 12. Februar 2011), als Skulptur (Abraaj Capital Art Prize, Dubai, 16. -19. März 2011) oder als Workshop (Production : Postproduction, L’appartement 22, Rabat, 12 - 15. Dezember 2011) oder eigentlich auch als ein Interview.

Sharmini Pereira: Als Brion Gysin nach Tanger ging, machte ihn der marokkanische Maler Mohamed Hamri mit den Meistermusikern bekannt. Und Gysin empfahl die Meistermusiker Brian Jones von den Rolling Stones, der wiederum ihnen dann den Weg zu internationaler Aufmerksamkeit und Wertschätzung eröffnet. Welche Ereignisse, Zufallsbegegnungen, Empfehlungen oder Gespräche brachten dich dazu, das New Dream Machine Project zu entwickeln?

Shezad Dawood: Die mystische Erfahrung hat mich schon immer ziemlich interessiert. Mein Vater war in den 1960ern in den USA Fotograf von Rockmusikern, und ich sah einige Aufnahmen von psychedelischen "Happenings": durch meine Begegnung mit diesen Bildern, als ich noch jünger war, ist ein solches Zusammenspiel von Licht und Sound später definitiv in mein Schaffen eingegangen. Auf einer professionelleren Ebene traf ich vor einigen Jahren während meiner Recherchen in Marokko zum ersten Mal Abdellah Karroum. Ich hatte von seiner Arbeit erfahren und wollte ihn kennenlernen, und als ich in eine Bar ging, war er dort. Und dieses Gespräch setzt sich bis heute fort. Wir arbeiten derzeit gemeinsam an einem neuen Filmprojekt, das zusammen mit der Delfina Foundation und dem Film & Video Umbrella im Vereinigten Königreich entwickelt wird.

Einige Jahre lang diskutierten Abdellah und ich über das New Dream Machine Project und die interessante Bruchlinie zur Beat Generation, die vor einem repressiven Regime in den USA flüchtete und in ein genauso repressives Regime in Marokko geriet. Und so war es mein Wunsch, ganz klar und deutlich eine Beziehung zu Marokko herzustellen, die zur öffentlichen Aufführung des Konzerts und zu Workshop nach dem Event führte. Ich brachte auch den Gitarristen Duke Garwood ins Spiel, der ein guter Freund wurde, als er den Soundtrack zu meinem Film von 2008 "Feature" komponierte, die ich eines Tages gern als ein Soundtrack-Album veröffentlicht sehen würde. Dann war da Yto Barrada, die ich durch meine Freundin Viviana Gonzales (die jetzt schon einige Jahre in Marokko lebt) kennengelernt hatte, was zu einem Gespräch führte, bei dem Yto freundlicherweise vorschlug, dass ich die Performance in der Cinémathèque aufführe, was ein logischer Ort war, um das Projekt zurück nach Tanger und in einen Kinokontext zu bringen: das Schließen eines Kreises, wenn man so will!

Sharmini Pereira: Die Metapher des Kreises ist im ganzen Projekt suggestiv präsent. Von der Reihe der zufälligen Treffen und Gespräche, die du gerade beschrieben hast, bis zur Drehbewegung der Dream Machine Skulptur oder der Verwendung von Drehscheiben und recycelten Lebensmittelbehältnissen bei der Herstellung der Miniatur Dream Machines, deren Titel Recyclage sich gleichermaßen auf das Recyceln von Ideen in den sozio-kulturellen Geschichten beziehen könnte. Ist die Idee des Kreisförmigen oder von Dingen, die sich in einer orbitalen Beziehung zueinander bewegen, wichtig für dich?

Shezad Dawood: Wenn man die Drehbewegung der Maschine und eine Idee des Recycelns betrachtet, gibt es selbstverständlich die Beziehung zwischen der Dream Machine und dem Zoetrop [auch Wundertrommel, ein Vorläufer der Kinematographie - Anm.d.Ü.]. Das ist es, was ich meine, wenn ich die Machine als ein proto-kinematographisches Gerät sehe. Deshalb also dieses besondere Interesse daran, die Performance in der Cinémathèque aufzuführen, und mein eigenes Interesse für Proto-Kino, das ich schon erwähnte, was wiederum eines der Hauptdiskussionsthemen eines Workshops in L’appartement 22 in Rabat im letzten Dezember wurde und definitiv eines der Themen ist, die Abdellah Karroum und ich aufgreifen wollen.

Schon seit langem interessieren mich die Parallelen zwischen dem hinduistischen Konzept des Shunya (das Zeit als eine nicht-lineare Reihe paralleler Kreise sieht), der rhizomatischen Strukturen von Deleuze und einem kosmologischen Diagramm von Ibn Arabi aus dem 13. Jahrhundert, das einen großen Kreis zeigt, der von 4 kleinerer Kreisen umgeben ist. Im Grunde könnte dieses Diagramm als eine Luftaufnahme der Dream Machine gesehen werden. Es ist diese Serie von nicht zeitlich bedingten Momenten, die mich interessiert. Ich fühle mich davon angezogen, dass ein anscheinend autonomes Ereignis auf ein anderes hindeutet und den Weg zu der Möglichkeit synchronisierten Bewusstseins oder einer Reihe von Zufällen weist.

Sharmini Pereira: Als der Sufi-Mystiker Ibn Arabi im Jahr 593 in Fez ein Gebetstreffen leitete, erlebte er eine Vision, über die er sagte: "Ich verlor den Sinn des Dahinter. Ich hatte keinen Rücken oder keinen Nacken mehr. Solange die Vision andauerte, hatte ich keinen Richtungssinn, so als wenn ich völlig kugelförmig geworden wäre." Das hört sich beinahe an, als wenn er sich als eine Dream Machine beschreiben würde. Wäre das einer jener Zufälle, die dich interessieren würden?

Shezad Dawood: Ich glaube schon, dass mich diese Art von Zufällen interessiert, aber genau genommen habe ich auch gelernt, wie und wo solche Zufälle zu antizipieren sind. Ich finde, es ist möglich, sich eine Denkweise zu eigen zu machen, durch die man auf natürliche Weise Bezüge akkumuliert, die man sucht oder die vielleicht in der Lage sind, deine Hirnströme auf derselben Frequenz zum Oszillieren zu bringen, wie verwandte Momente über Zeit und Raum hinweg. Mag sein, dass mich der strukturelle Fakt von Koinzidenz am meisten interessiert. Die Tatsache, dass ich die Dream Machine zum Thema gewählt habe, ist letztendlich relativ willkürlich. Es geht mehr um die generierten Erzählungen und die Berücksichtigung von Zufall im Verhältnis zu Zeit, historischen Erzählungen und Kino, was mich am meisten interessiert. Schon möglich, dass die Dream Machine einfach nur eine nützliche Brücke vom Schattenspiel der Höhlenbewohner zum son et lumière von Hollywood ist.  

 

Sharmini Pereira

Kuratorin, Autorin und Direktorin von Raking Leaves in London, Vereinigtes Königreich.

New Dream Machine Project
Teil von Shezad Dawoods Einzelausstellung:
Piercing Brightness
Modern Art Oxford, Vereinigtes Königreich
5. April - 10. Juni 2012

Ausstellungstour:
Newlyn Art Gallery & The Exchange,
Vereinigtes Königreich
23. Juni - 29. September 2012 (Newlyn)
30. Juni - 15. September 2012 (The Exchange)

KINOKINO Zentrum für Kunst & Film
Sandnes, Norwegen
15. November 2012 - 16. März 2013


Siehe auch:

Der Abraaj Capital Art Prize 2011 geht an Hamra Abbas, Jananne Al-Ani, Shezad Dawood, Nadia Kaabi-Linke, Timo Nasseri. Gastkuratorin: Sharmini Pereira.
Nafas
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