Die Vergangenheit - die vergessene Zeit

Wanderausstellung zur Geschichte Indonesiens mit kritischem Ansatz; Reaktionen des Publikums.
Von Alia Swastika | Jan 2008

Wimo Ambala Bayang geht mit einem Brot auf dem Kopf durch das Sarinah Einkaufszentrum. Die Leute schauen ihn neugierig an. Als sein Rundgang draußen vor dem Gebäude endet, gibt er das Brot einem jener Fahrer eines

becak-Dreirads, die hier für gewöhnlich auf Fahrgäste warten. Wimo fragt den Fahrer nach seinen Erinnerungen an das Sarinah Einkaufszentrum. Der lädt daraufhin einen Freund ein, an dem Gespräch teilzunehmen. Dieser Freund sagt, dass der Name 'Sarinah' ein Akronym ist für "Siapa Anti Republik Indonesia Niscaya Akan Hancur" (jene, die gegen die Republik Indonesien sind, werden unweigerlich verrotten).

Wimos Videoarbeit mit dem Titel "Es war einmal in Malang (

Jongos)" vermittelt einen interessanten Eindruck von der Beziehung zwischen Geschichte und Alltagsleben. Auf witzige Weise benutzt Wimo Brot (das für den "Westen" steht) als eine Metapher für seine Beobachtung der "Kulturpolitik" während der Kolonialzeit, in der es den einheimischen Dienern verboten war, das Essen, das sie zu servieren hatten, unterhalb der Höhe ihres Mundes zu halten, damit ihr Atem die Speisen nicht verunreinigt. In der bewegten Bildsymbolik lässt Wimo einen Raum entstehen, in dem die Vergangenheit und die Gegenwart, das Junge und das Alte, die Konstruktion der Erinnerung und der Hang zu vergessen aufeinander treffen.

Bezüge zur Vergangenheit

"Die Vergangenheit - die vergessene Zeit" lautet der Titel eines Ausstellungsprojekts des Cemeti Art House von 2006 bis 2008. Am Anfang des Projekt stand unsere Intention der Neubewertung jener Geschichte, die lange ein Werkzeug in den Händen der herrschenden Regime war, durch die wir uns oft machtlos gegenüber unserer kollektiven Erinnerung fühlen, vor allem wenn es um die so genannte "Nation" geht. Um dieses besondere Ziel der Wanderausstellung zu erreichen haben wir mit Wissenschaftlern der Abteilung Geschichte der Fakultät für Kulturwissenschaften an der Gadjah Mada Universität in Yogyakarta zusammengearbeitet. Der Idee bestand darin, Künstler um Werke zu bitten, die auf Ergebnissen der Forschung zum Thema "Die Entstehung von Städten in Indonesien, 1930 - 1960" beruhen. Wir luden sechs Künstlerinnen und Künstler zur Teilnahme ein: Agus Suwage, Eko Nugroho, Irwan Ahmett, Prilla Tania, Wimo Ambala Bayang und Yuli Prayitno.

An diesem künstlerischen Projekt interessiert mich besonders die Art, wie akademische Texte von Künstlern interpretiert und in deren Bildwerken zum Ausdruck gebracht werden. Die beteiligten Künstler bereicherten und belebten die Resultate der historischen Forschung durch neue Interpretationen und Metaphern. Indem sie dies taten, erweiterten sie die Diskussion über die historischen Daten und steigerten deren Relevanz in Bezug auf die Gegenwart. Die Forschungsarbeiten inspirierten die Künstler, bestimmte historische Orte erneut aufzusuchen und Geschichten zutage zu fördern, die von den Forschern noch nicht erfasst worden waren. So begab sich Irwan Ahmett nach Cirebon, um die heutige Situation des Rumah Makan Bandung (Bandung Restaurant) zu sehen. Eko Nugroho schuf mit einer schlangenköpfigen Ziege eine Metapher für den hybriden Zustand, in den die Indonesier bald nach der Unabhängigkeit gerieten. Die Ziege steht vor zwanzig kronenförmigen Objekten, Symbolen der Kolonialherrschaft. Prilla Tania hat ein Video über die persönliche Sammlung ihres Vaters von Familienfotos gemacht, um zu zeigen, wie normale Leute am Prozess der Dokumentation von Geschichte teilnehmen. Das Gemälde von Agus Suwage ist eine Darstellung der Rolle von Yogyakartas Sultan als einem Nationalhelden und einem in den Herzen seiner Untertanen verehrten Führer. Die Installation von Yuli Prayitno ist eine Reflexion über die Auswirkungen der Modernisierung auf die indonesischen Frauen, wozu sie Stöckelschuhe als Symbol benutzt. Die im Zuge der Forschung verfassten Texte sind in wesentlichen Aspekten in visuelle Subjekte verwandelt worden.

Von Stadt zu Stadt, von einem Land zum anderen

Die Ausstellung wurde von Januar 2007 bis März 2008 an sieben verschiedenen Orten gezeigt: Artoteek, Den Haag; Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation, Amsterdam; Cemeti Art House, Yogyakarta; Erasmus Huis, Jakarta; Rumah Seni Yaitu, Semarang; Biz-Art, Shanghai, und Nationalmuseum von Singapur (als Teil des M1 Fringe Festivals).

Wie Mella Jaarsma, zusammen mit mir Kuratorin der Ausstellung, berichtete, wurde sie in den Niederlanden nach der Projektion von Wimos Video in heiße Debatten mit einem älteren holländischen Journalisten und auch einigen anderen Leuten verstrickt. Der Journalist bezweifelte, dass Wimos Bezugspunkt, das Verbot des Tragens von Essen beim Servieren unterhalb der Mundhöhe der Dienerschaft, tatsächlich stimmt. Er sagte, während der Herrschaft der Holländer in Indonesien hätte es nie solch ein Verbot gegeben.

Im April 2007 in Yogyakarta kam jeden Tag eine Gruppe von Geschichtsstudenten, um genaue Fragen zu den künstlerischen Arbeiten zu stellen. Mir schien es so, als wenn es bei ihnen eine gewisse Furcht vor freien Interpretationen der Werke gab, vielleicht weil sie wegen ihres akademischen Hintergrunds verzweifelt nach eindeutigen und gültigen Bestätigungen ihrer Interpretationen suchten. Oft habe ich angeboten, dass es für den Einstieg in die Diskussion besser wäre, wenn die Studenten einfach ihre Interpretation geben, statt dass ich zuerst meine Auffassung von der Bedeutung eines jeden Werkes erläutere. Dennoch war es nicht leicht, sie zum Akzeptieren eines solchen Angebots zu bewegen. Die Welt der Kunst scheint so weit von ihrem Leben entfernt zu sein, dass es ihnen schwer fiel, diese zu begreifen.

In Jakarta fand die Ausstellung im September 2007 im Erasmus Huis statt. Das Publikum am Eröffnungsabend gehörte zum großen Teil der Generation an, die in der ersten Zeit der Unabhängigkeit geboren wurde, und einige davon hatten die holländische Kolonialzeit sogar noch bewusst erlebt.

Die Präsentation der Ausstellung in Semarang gehörte hinsichtlich der Publikumsreaktionen zu den spannendsten. Die Besucher dort interessierten sich mehr für den künstlerischen Schaffensprozess, vor allem hinsichtlich der Beweggründe der Künstler bei der Auswahl der Symbole, auf denen sie ihre Werke aufbauten.

In Shanghai fand die Ausstellung im alternativen Kunstraum Biz-Art statt. Das Publikum dort ist nicht nur bestens mit kommerziellen Ausstellungen oder Kunstveranstaltungen versorgt, sondern hat auch mehr Zugang zu Mainstream-Künstlern. Der Fokus des Diskurses auf die Geschichte des Kolonialismus in Indonesien und dessen Bedeutung für die Herausbildung einer indonesischen Identität ist den Ausstellungsbesuchern in Shanghai nicht vertraut gewesen. Aber ich denke, gerade darin liegt ein hoher Wert der Ausstellung: sie eröffnet den Zugang zu zuvor nicht bekannten Gefilde und ermutigt, sich mit "dem Anderen" zu beschäftigen.

Brücken aufbauen

Jedes Mal wenn ich die Ausstellung an einen neuen Ort gebracht habe und ein neues Publikum antraf, stellte ich fest, dass deren Bedeutungsebenen bereichert wurden. Es gab immer neue Bedeutungen und Interpretationen, die aus den Diskussionen und Gesprächen zwischen mir als Ko-Kuratorin, den Künstlern und dem jeweils anderen Publikum hervorgingen. Der größte Teil der Besucher an einem bestimmten Ort war bei dem Versuch, die visuellen Metaphern zu den Fragmenten der im Ausstellungskatalog abgedruckten Forschungsarbeiten in Beziehung zu setzen, immer "verwirrt". Nachdrückliche Fragen nach den Gründen für die Auswahl gewisser Symbole zwangen die Künstler, genauer über deren Sinngehalt sowie auch darüber nachzudenken, wie sie das Publikum besser erreichen könnten, statt solche Bildzeichen willkürlich entstehen zu lassen. Diese Art von Ausstellungen evoziert und verdeutlicht individuelle Erinnerungen und gibt persönlichen Interpretationen Raum. Die darin enthaltenen sozialen Kontexte eröffnen vielfältigere Sinnebenen für das Leben miteinander.

 

Alia Swastika

Kuratorin, Forscherin und Autorin mit speziellem Interesse für Kulturstudien. Lebt in Yogyakarta, Indonesien.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

The Past - The Forgotten Time
(Die Vergangenheit - die vergessene Zeit)

National Museum of Singapore
16. Jan. - 23. März 2008

Zuvor in:
BizArt Centre, Shanghai
Rumah Seni Yaitu, Semarang
Erasmus Huis, Jakarta
Cemeti Art House, Yogyakarta
Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation, Amsterdam
Artoteek, Den Haag

Kuratorinnen:
Alia Swastika, Mella Jaarsma

KünstlerInnen:
Irwan Ahmett
Wimo Ambala Bayang
Eko Nugroho
Yuli Prayitno
Agus Suwage
Prilla Tania

Veranstalter:

Cemeti Art House
Jl. D.I. Panjaitan 41
Yogyakarta 55143
Indonesien
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