Omnia Mea...

Omnia Mea… Die erste nationale Präsentation Aserbaidschans bei einer Venedig Biennale, 2007.
Von Akhundzada & Shikhlinskaya | Jul 2007

In den letzten zehn Jahren der post-sowjetischen Zeit entstanden in der Kunst Aserbaidschans neue Tendenzen, in denen sich eine stärkere ethnische und kulturelle Identität ausdrückt. Solche neuen kreativen Richtungen zeugen von einer liberaleren ästhetischen Einstellung und erweitern die Grenzen der künstlerischen Ausdrucksweisen.

Diese künstlerische Erneuerung ging in den späten 1990er Jahren vonstatten und folgte auf eine Phase kultureller Stagnation, zu der er es infolge ideologischer Zwänge und kultureller Assimilation während der Sowjetzeit sowie der späteren Militärinvasion seitens des Nachbarlandes Armenien gekommen war. Ohne Kontakt zum aktuellen internationalen Kunstgeschehen, war die aserbaidschanische Kunst in dieser Periode mehrheitlich durch folkloristische und ethnografische Themen bestimmt. Indem sich die Künstler der Vergangenheit zuwandten, versuchten sie, ihre kulturelle Identität "zu retten und zu schützen".

Die militärische Besetzung von 20% des aserbaidschanischen Territoriums, eine Million Kriegsflüchtlinge und andere politische und soziale Katastrophen als Resultat des militärischen Konflikts Aserbaidschans mit Armenien hatten negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kunst des Landes. In den letzten zehn Jahren hat die Kunstentwicklung in Aserbaidschan jedoch an Kraft gewonnen.

Heutzutage belegen die Künstler ihre Entschlossenheit, den Anschluss an das internationale Kunstgeschehen zu suchen, in derselben "Sprache" mit der Welt zu reden und dabei dennoch ihre traditionelle Verwurzelung zu bewahren. Hier bei der Biennale Venedig präsentieren wir "Omnia mea" [1], eine Ausstellung von Kunstwerken, in denen über die soziopolitische Situation reflektiert wird, sowie von Arbeiten, die auf dem Konzept interaktiver "Spiele" oder auf rein ästhetischen Aspekten basieren. Die hier vertretenen Künstler verbindet die Entschlossenheit, ihre Ideen durch Nutzung innovativer Medien frei auszudrücken.

Die zeitgenössische Kunst Aserbaidschans wurde durch zwei Zivilisationen geprägt - die östliche und die westliche, so wie das Rashad Alakbarov in seiner Installation aus diversen Gegenständen und Licht symbolisiert. Flaschen und Kartons auf einer Kiste werfen zwei verschiedene Schatten, je nachdem woher das Licht kommt: einmal ist es die Silhouette einer orientalischen Stadt mit der Kuppel einer Moschee, dann die einer westlichen Stadt mit Wolkenkratzern. Trotz aller Unterschiede sollten wir uns darauf besinnen, dass wir immer noch die gleiche Lichtquelle haben. Wir genießen es, ein integraler Bestandteil dieses multikulturellen Umfelds zu sein.

Rückblick

Zeitgenössische Künstler aus Aserbaidschan beziehen ihre Inspiration auch weiterhin aus dem ethno-energetischen Erinnerungsfeld der prähistorischen Höhlenzeichnungen in Gobustan, einer bis ins Mesolithikum zurückzudatierenden kulturellen Stätte, 50 km südlich von Baku. Die mystische Kunst von Gobustan mit ihren frühen Steinen und der erstaunlich gut erhaltenen, archaischen, zoroastrischen Architektur vermittelt eine unerschöpfliche Energie, aus der das gesamte Spektrum der Kunst Aserbaidschans Kraft gewinnt. Bevor der russische Imperialismus des 19. Jahrhunderts auf das Gebiet Aserbaidschans expandierte, entwickelte sich die Kunst dort so wie die anderer muslimisch geprägter Länder und war in erster Linie durch die dekorativen und angewandten Künste charakterisiert: Teppichweberei, Miniaturmalerei und verschiedene andere Bereiche der Volkskunst. Sowohl prähistorische Zeichnungen als auch die dekorativen Künste (besonders die Miniaturmalerei der Tabriz-Schule im 16. Jahrhundert) sind zu einer Grundlage geworden, auf der die visuelle Kunst des heutigen Aserbaidschan aufbaut.

Der Charakter der Kultur von Aserbaidschan umfasst die widersprüchlichen Einflüsse der zoroastrischen, turk-, christlichen und islamischen Kultur und Traditionen. Wenn das Bewusstsein eines zeitgenössischen Künstlers in den kulturellen Kontext der Welt integriert ist, ist sein bzw. ihr Unterbewusstsein offen für die reichhaltige Komplexität verschiedener und manchmal einander ausschließender Religionen und kultureller Traditionen. Diese Traditionen - von der Geschichte und dem Lauf der Zeit in unserer synkretistischen Spiritualität miteinander verflochten und modelliert - haben die heutige kulturelle Identität Aserbaidschans geformt.

Aserbaidschans Einverleibung in das Russische Reich am Beginn des 19. Jahrhunderts hat die intellektuelle Elite des Landes an die europäischen kulturellen Werte herangeführt. Infolgedessen wurden lokale Kunstformen bereichert und Malerei, Grafik und Skulptur eingeführt.

Der sozialistische Realismus war während der Sowjetzeit die einzige offiziell akzeptierte Richtung der Kunst Aserbaidschans. Obwohl nicht verboten, wurde es dennoch nicht gut geheißen, wenn sich jemand aus dem restriktiven und vorbestimmten Themenkreis hinauswagte: "sozialistische" Arbeiter (Erdölarbeiter, Baumwollbauern, Monteure), sportliche Erfolge, Freizeitvergnügen und andere Themen sozialistischer Kunst. Jenen Künstlern, die nach stilistischen Formen außerhalb der kulturellen und ideologischen Propaganda der Sowjetperiode suchten, blieb in Aserbaidschan offizielle Anerkennung versagt. Trotz ihres Talents und ihres künstlerischen Mutes blieben sie Außenseiter und ihre Arbeiten wurden kaum in "legitimierte" Ausstellungen einbezogen.

Neben dem Kreis der offiziell anerkannten Künstler, deren kreativer Ansatz und Stil entweder organisch in das Glaubenssystem des sozialistischen Realismus passte oder mit diesem zumindest nicht kollidierte, trat Anfang der 1970er Jahre eine kleine aber strahlende Schicht von Individuen in Erscheinung, die die restriktiven mentalen Barrieren der sozialistischen Malerei durch innovative Ansätze niederrissen. Diese Künstler waren keineswegs politische Dissidenten. Es ging ihnen mehr um das ästhetische Dilemma formaler und stilistischer Natur. Nichtsdestotrotz gerieten sie durch ihr Vordringen zu neuen Formen der Malerei mit dem existierenden ideologischen Regime in Konflikt. Diese Individuen, diese nonkonformistischen Künstler, die in den 1970er-1980er Jahren aktiv wurden, sind zu den Wegbereitern der Erneuerung in der aserbaidschanischen Kunst geworden, die nach 1985 begann und noch heute nachwirkt.

 

<line>Anm. d. Ü.:</line>

  1. Omnia mea mecum porto - All meinen Besitz trage ich bei mir. Ein von Cicero dem griechischen Philosophen Bias von Priene zugeschriebener Ausspruch, den dieser auf der Flucht geäußert haben soll. Wird in dem Sinne angewandt, dass der wahre Besitz in den eigenen Fähigkeiten besteht.


Akhundzada & Shikhlinskaya

Leyla Akhundzada & Sabina Shikhlinskaya Kuratorinnen der Präsentation Aserbaidschans bei der Biennale Venedig 2007.

Pavillon Aserbaidschans
52. Internationale Kunstausstellung, Biennale Venedig

CZ95 / Centro Culturale
Zitelle 95 (Calle dello Squero)
Giudecca
30133 Venezia

10. Juni - 30. Sept. 2007

Künstler:
Tora Aghabeyova
Faig Ahmed
Rashad Alakbarov
Orkhan Aslanov
Chingiz Babayev
Rena Effendi
Ali Hasanov
Orkhan Huseynov
Elshan Ibrahimov
Tamilla Ibrahimova
Rauf Khalilov
Labyrinth art group

Kommissarin, Kuratorin:
Leyla Akhundzada

Kuratorin:
Sabina Shikhlinskaya

Assistenz-Kommissar:
Vittorio Urbani

Veranstalter:
Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Aserbaidschan

Nafas
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