Kunst der Erde und der Gräber

Kunst der Erde und der Gräber. Festival für urbane Performance in Gemblangan, Indonesien.
Von Arahmaiani | Jul 2007

Festivals der Performance-Kunst von internationalem Rang werden nicht selten veranstaltet. Doch wird ein solches Festival zu einer Besonderheit, wenn es in einem Dorf stattfindet und sich die Teilnehmenden aus Künstlern aus der Provinz, der Stadt, aber auch aus dem Ausland zusammensetzen und von Aktivisten, Geistlichen und Bürokraten unterstützt werden. Ein solches Ereignis wurde Ende April diesen Jahres im Dorf Gemblangan im Einzugsgebiet des Sonderbezirks Yogyakarta geboten. Unter dem Motto des Festivals "Pembaharuan Spiritual", Perfurbance #3 (deutsch etwa "Spirituelle Erneuerung", Perfurbance #3 – Performance Art Urban Festival) wurden Teilnehmer aus Amerika, Kanada, Frankreich, Australien, Japan, China, Taiwan, Singapur, Burma, sowie aus Städten Indonesiens, wie Bandung, Surabaya, Solo, Jakarta und Yogyakarta, eingeladen.

Die Organisation wie auch die Finanzierung des Festivals konnte durch einen Schulterschluss aller Beteiligten realisiert werden. Somit wurden mit dieser Kunst-Kultur-Veranstaltung nicht nur die Funktionen, die Kunst und Religion im Leben inne haben, überprüft, sondern auch die Bedeutung gemeinschaftlicher Arbeit betont. Neben den Aufführungen von traditionellen und modernen Performance-Stücken wie auch von religiösen Ritualen wurden während des Festivals vom 25. bis 29. April 2007 auch Seminare durchgeführt. Hierbei widmete man sich verschiedensten Fragestellungen, wie alternative Erziehung/Bildung, organische Landwirtschaft, gesunde Ernährung, alternative Medizin, Müllverarbeitung, alternative Energien sowie einer neuen Auseinandersetzung mit kulturellen und spirituellen Werten, die der Entwicklung der Gesellschaft dienen.

Gemblangan liegt in der Gemeinde Bantul und ist eines jener Dörfer, die durch das Erdbeben am 27. Mai vergangenen Jahres fast vollständig zerstört wurden. Mehr als 6000 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. In Bantul sind 130 Pesantren (Anmerk. d. Übers.: Koranschulen mit angeschlossenem Internat) mit insgesamt etwa 33.000 Schülern ansässig. Die Performance-Künstler, die sich zum "Performans Klub" unter dem Vorsitz von Iwan Wijono zusammenschlossen haben, sind seit dem ersten Tag nach der Katastrophe bis heute bei der Unterstützung der Opfer des Erdbebens aktiv. Bekanntschaften zwischen den Künstlern und anderen Gruppen entwickelten sich zu Freundschaften und ließen Ideen sowie gemeinsame Projekte entstehen. Träume und Hoffnungen für eine bessere Zukunft wurden dabei geschaffen – für eine Zukunft, in der Gemeinschaftlichkeit und gegenseitiger Respekt bei allen Unterschieden in der Ära der Globalisierung von großer Bedeutung sind.

Begleitet von dem Gebet zu Ehren des Allmächtigen Gottes, vorgetragen von der Gruppe Zikir Saman von der Pesantren Amumarta aus dem Ort Jejeran, wurden die Zuschauer Zeugen des Rituals von Wali Kutub aus dem Dorf Canden. Die Gruppe überbrachte Gebete und Ehrbezeugungen an die Wali oder Aulia aller Himmelsrichtungen (Anmerk. d. Übers.: als Wali werden islamische Gelehrte oder geistliche Führer bezeichnet; Aulia sind Heilige). Außerdem wurden die Rituale Jathilan und Dholalak aufgeführt, die vor allem durch das Element der Trance geprägt sind. Weiterhin traten Gejok Lesung auf, eine Gruppe älterer Frauen aus dem Dorf Pandes, und die Gruppe Sholawatan aus dem Ort Gemblangan selbst. Der Gemeindevorsitzende Idham Samawi versprach unterdessen, dass es keinen Bau einer Shoppingmall im Bezirk Bantul geben werde und dass Grundschulkinder von der Zahlung der Schulgebühr befreit würden.

Die Performer traten an verschiedenen Orten im und um das Dorf auf: auf konventionellen Bühnen, in Wohnhäusern, in denen die Teilnehmer untergebracht waren, an Straßenkreuzungen, auf Feldern, am Fluss, in Kuhställen oder im Unterholz. Selbst der Friedhof wurde in das kreative Schaffen der Künstler miteinbezogen. Diese beabsichtigten, ihre Kunstaktion zu etwas werden zu lassen, das "nicht vom Leben losgelöst" ist. Und dies bildet tatsächlich den Kern einer Haltung der Performance-Kunst, die der Etabliertheit ablehnend gegenübersteht. Das Medium wird als Katalysator für die Entfaltung der Lebenskraft betrachtet. Dies ist nicht nur eine Frage des Mutes und der Entschlossenheit, eine andere Ausdrucksweise oder eine Sensation darzustellen. Performance ist viel mehr ein "Tu-Wort", das aus der Harmonie des Denkens, des Herzens und des Handelns entsteht. Bei solch einer Betrachtung müssen wir auch nicht mehr zwischen traditioneller und zeitgenössischer Performance unterscheiden. Denn in der Tat hat jede Performance für sich einen eigenen Maßstab der Ästhetik und bestimmte Aufführungsregeln. Es besteht kein Anlass, die eine Performance besser zu bewerten als eine andere. Jede Performance für sich besitzt eine eigene Funktion.

Einige Werke während des Festivals zogen besonders meine Aufmerksamkeit an: So das Stück von Bruno Mercet aus Frankreich, das sich mit Gegenständen auseinandersetzt. Der Künstler reagierte auf die Beschaffenheit als auch auf die Form eines Gegenstandes mit den Bewegungen seines Körpers. Ein Gegenstand in der Form einer kleinen Skulptur aus verformbarem Material konnte so zu einer Matrix von Bewegung und Pose werden. Es wirkte zunächst albern und witzig, doch bei genauerer Betrachtung vermittelte sich die Überlegung des Künstlers, inwieweit uns Gegenstände in unserem Leben schon versklavt und manipuliert haben.

Oder das Stück von Lewis Gesner aus Amerika: zwei Stunden lang ging er um das Dorf herum, sammelte Abfall auf, befestigte Teile an seinen Beinen und schleifte sie hinter sich her. Mehr und mehr sammelten sich die Abfallteile an, bis er sie schließlich nicht mehr mitziehen konnte. Vielleicht ist das eine an uns gerichtete Kritik, da wir aus Gewohnheit überall Müll hinwerfen? Aber vielleicht will er damit auch die Last des Lebens zum Ausdruck bringen, die den Amerikanern aufbürdet, weil sie bereits allzu viel "Müll des Lebens" auf der Erdoberfläche geschaffen haben.

Ein anderes Stück, das sich ebenfalls mit Müll auseinandersetzt und einen interessanten Ansatz zeigt, war die Aufführung von Rachel Saraswati aus Yogyakarta. Sie hatte ihren Körper vollständig mit allem möglichen Weggeworfenen bedeckt und behangen und stellte sich dann in einen großen mit Wasser gefüllten Bottich. Während sie die indonesische Nationalhymne Indonesia Raya in Achtung erweisender Haltung vor einer Fahnestange sang, hissten dort zwei ihrer Partner die amerikanische Flagge. Es wirkte wie eine kompromisslose und scharfe Ironie und Parodie.

Ein weiteres interessantes Stück war "Ketahanan Tubuh dan Mental" (deutsch etwa: "Ausdauer von Körper und Geist") von W Christiawan aus Bandung. Der Künstler, lediglich mit einem Tuch von den Hüften bis zu den Knien bekleidet, legte sich auf eine Art metallenes Tablett auf einem Tisch. Er bat die Zuschauer, Kerzen von geringer Größe anzuzünden und auf das Tablett um seinen Körper herum aufzustellen. Der bloße visuelle Eindruck war einfach sehr artistisch. Aber dann stellte man sich vor, wie heiß das Metall unter dem Körper des Künstlers würde – ohne das heiße geschmolzene Wachs gerechnet! Die vielen Fliegen, die sich in der Nähe niederließen, waren auf der Stelle tot. Doch Christiawan beendete seine Aufführung mit Anmut und unverletzt.

Der Großteil der Bevölkerung in Bantul lebt von der Landwirtschaft, vor allem vom Reisanbau. Viele der Zuschauer folgten vielleicht deshalb in Gedanken versunken dem Stück von Made Surya Darma aus Bali. Er arrangierte Reisigstiele, an deren Enden er Kriegsspielzeug aus Plastik wie z.B. Stahlpanzer oder Bombenflieger anbrachte, zu einer Art Blumengestecke. Dann pflanzte er Halm für Halm in ein Reisfeld. Ein Freund, der neben mir stand, war derart in Erstaunen versetzt und gab spontan den Kommentar von sich: "Das ist sicher der Titel 'Militär in unsere Reisfelder pflanzen.'"

Fast alle Stücke, die bei dieser Veranstaltung zu sehen waren, vermittelten ein klares Konzept. Es scheint, dass alle Beteiligten sehr ernsthaft daran gearbeitet haben, um auch einen gedanklichen Beitrag für den Prozess des Wiederaufbaus der Gemeinde Bantul zu leisten. So auch die Performance von Yoshie Baba aus Japan, bei der sie die Zuschauer darum bat, bei jeder ihrer Bewegungen zu applaudieren. Bis zur völligen Erschöpfung zeigte die Performerin auf der Bühne, wie sinnlos das Dasein eines Künstlers ist, wenn dieser nur auf Applaus und Lob aus ist.

Mit dem Festival wurde tatsächlich ein Fest der zeitgenössischen Kunst veranstaltet - und das in einem Dorf, dessen äußeres Erscheinungsbild völlig im Chaos liegt. Doch dieses Dorf besitzt eine erstaunliche Tatkraft und Leidenschaft der gegenseitigen Hilfe und Gemeinschaftlichkeit. Dort existieren keine Unterschiede mehr, die eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausschließen, sei es in bezug auf Generation, Kultur, ethnische Herkunft, Gruppe oder Klasse. Vielleicht ist dies zukünftig die neue Richtung unserer Kunst, wo Künstler die Werte Aufrichtigkeit, Treue und Solidarität standfest vertreten, auch wenn sie nicht die Aulia sind.

 

<line>Zuerst erschienen in "Kompas", Mai 2007.</line>

<line>Übersetzung aus dem Indonesischen: Arpani Harun.</line>

<line>Übernahme aus Kunst-Forum Deutschland - Indonesien, mit freundlicher Genehmigung des Goethe-Instituts Jakarta.</line>

Arahmaiani

Performance-Künstlerin, geboren in Bandung, West-Java. Schlüsselfigur der aktuellen Kunstszene Indonesiens.

Pembaharuan Spiritual
Perfurbance 3
Performance Art Urban Festival

25. - 29. April 2007
Dorf von Gemblangan
Yogyakarta
Indonesien

Teilnehmer aus:
Australien
Kanada
China
Frankreich
Indonesien
Japan
Myanmar
Singapur
Taiwan
USA

Nafas
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