Sprachen der Wüste

Kunstmuseum Bonn: Kunst aus 6 Golfstaaten. Kritische Anmerkungen zur Arbeit der Kuratoren.
Von Gerhard Haupt | Okt 2005

Selbstverständlich ist nur zu begrüßen, dass sich das Bonner Kunstmuseum dafür engagiert, zeitgenössischer Kunst aus einigen Ländern am Persischen Golf und Oman zu mehr internationaler Aufmerksamkeit zu verhelfen. Und obgleich die Auswahl nicht durchweg überzeugt, ist es erfreulich, in einem großen deutschen Museum Werke von 20 Künstlern der Region zusammen sehen zu können, darunter einige der interessantesten. Möglich wurde das Projekt durch kräftige finanzielle Zuschüsse aus den Golfstaaten. Die Rahmenbedingungen sind also durchaus gut, und dennoch hat man das Gefühl, dass diese Ausstellung nicht wesentlich zu einem tieferen Verständnis der gezeigten Kunst beitragen kann. Das liegt vor allem an offenkundigen Problemen bei der Vermittlung, aber auch schon am konzeptionellen Ansatz.

Die beiden Kuratoren, Karin Adrian von Roques und Dieter Ronte (zugleich Direktor des Bonner Kunstmuseums), erheben hohe Ansprüche und ergehen sich gern in der Größe ihrer Aufgabe und im Bahnbrechenden ihrer Leistung. So wollen sie u.a. "einen sehr differenzierten Einblick in die arabische Kunstszene geben" und der "europäischen und westlichen Ignoranz in Hinblick auf andere Kulturen endlich wieder eine andere Plattform" entgegensetzen (Pressetext, Faltblatt). Doch agieren sie selbst aus einer Perspektive kultureller Überlegenheit, wie im Folgenden noch zu sehen sein wird. Indem sie die gezeigte Kunst so ausdrücklich als etwas Fremdes, Andersartiges kategorisieren und dem "westlichen" Kunstgeschehen gegenüberstellen, bauen sie mehr Distanz auf, als diese zu überwinden. Statt Klischees zu demontieren, bleiben die beiden Kuratoren bei der stereotypen Vorstellung von den Golfstaaten als einer unermesslich reichen Welt, "die in die Moderne katapultiert wurde" (von wem eigentlich?), und verallgemeinern den Hype um die Boomtown Dubai auf die gesamte Region, ohne im Einzelnen zu belegen, was von alledem im Schaffen der Künstler überhaupt relevant ist.

Das beginnt schon beim öffentlichen Erscheinungsbild. Wer das Plakat, den Katalogumschlag und das Faltblatt sieht, vermutet zunächst eine Architekturausstellung. Abgebildet ist der Entwurf der "Business Bay", eines gigantischen Geschäftszentrums mit Büro- und Wohntürmen in einer Erweiterung der Bucht von Dubai. Davon ist in der Schau jedoch weder etwas zu sehen, noch ist irgendein Bezug zu den Kunstwerken zu entdecken. Warum unter dem Ausstellungstitel "Sprachen der Wüste" ausgerechnet eine Wasserstadt in einem Landschaftsgarten als Werbemotiv erscheint, gehört zu den unergründlichen Ratschlüssen der Veranstalter. Aber auch der Titel ist wenig dazu angetan, das Publikum auf eine differenzierte Rezeption der Kunstwerke einzustimmen. Er wurde einfach von Yusef Ahmed übernommen, der eine Serie seiner Gemälde so nennt. Die vielfältigen Themen, Motive und Arbeitsweisen, die in der Ausstellung vertreten sind, als "Sprachen der Wüste" zu präsentieren, ist hingegen völlig irreführend.

In den begleitenden Texten wird immer wieder der Eindruck vermittelt, als wäre in der Region am Persischen Golf noch bis vor relativ kurzer Zeit nichts als Wüste gewesen. Die Familien der Mehrzahl der Künstler kommen jedoch aus Küstenstädten und fruchtbaren Landstrichen, die durchaus nicht so geschichtslos sind, wie z.B. dieser Satz im Faltblatt und im Katalogvorwort von Ronte assoziiert: "Die Künstler der Golfstaaten beweisen, dass sie als Individuen ernst genommen werden müssen und nicht als Handwerker innerhalb einer sich in die Zukunft visionierenden Gesellschaft, die keine lange Vergangenheit abarbeiten muss, aber in wenigen Jahrzehnten große Schritte von der Wüste in die Städte vollzogen hat." Sollte Ronte bei seinen Reisen tatsächlich entgangen sein, dass es in den Ländern am Persischen Golf Zeugnisse jahrtausendealter Kulturen gibt und dass dort der Vergegenwärtigung eigener kultureller Traditionen und historischer Bezugspunkte gerade wegen der sich so rasch entwickelnden Gesellschaften eine große identitätsstiftende Bedeutung beigemessen wird?

Bei der Pressekonferenz in Bonn haben die Kuratoren nicht gerade bewiesen, dass sie die anwesenden Künstler "als Individuen" wirklich ernst nehmen. Obwohl ein extra bestellter Arabisch-Dolmetscher mit auf dem Podium saß, wurden sogar ausdrücklich an die Künstler gerichtete Fragen in Deutsch nicht übersetzt, sondern gleich von Frau von Roques ebenfalls in Deutsch beantwortet, so dass die Gäste regelrecht ausgegrenzt waren. Aber wenn man die Verlautbarungen der Kuratorin liest, stellt man fest, dass sie sich ohnehin viel lieber selbst in Szene setzt, als die Künstler und Werke, denen sie zu mehr Verständnis verhelfen will, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Es ist schon erstaunlich, wie wenig in dem Katalog von über 190 Seiten über das Schaffen der einzelnen Teilnehmer der Ausstellung und deren Arbeiten zu erfahren ist.

Obwohl sie betonen, die Schau zeige "viele fremde Sprachen", haben sich Frau von Roques und Herr Ronte nicht darum bemüht, den Besuchern Zugangshilfen zu diesen zu geben. Zumindest am Eröffnungstag waren keinerlei Erläuterungen zu entdecken. Vor allem einige Arbeiten von Künstlern, die in Bonn beim Aufbau nicht dabei sein konnten, sind in einer Weise präsentiert, die deren Sinn kaum erkennen lässt oder gar verändert.

Ein besonders deutliches Beispiel ist die Installation "Vision und Illusion" von Ebtisam AbdulAziz. Wie die Künstlerin in einem Beitrag in diesem Online-Magazin im Juli 2005 [1] erläuterte, soll sich der Besucher zunächst "einen engen, beinahe mysteriösen Gang in die Dunkelheit vortasten" und erst nach "einer gewissen physischen Anstrengung" zu der Projektion am Ende gelangen. Durch ein seitliches Fenster sieht man dann einen Lichtkasten für Sehtests und hört das fortwährende, monotone Vorlesen von Buchstaben. Ebtisam AbdulAziz sagte dazu u.a., sie wolle auf die "diktatorische Manipulation von Menschen durch bestimmte Herrscher anspielen". Obwohl die Bonner Kuratoren die Arbeit bei der 7. Sharjah Biennale (April-Juni 2005) gesehen hatten und ein in Bonn anwesender Künstler noch versuchte, das Konzept seiner Kollegin durchzusetzen, ist der Gang zur Projektion letztendlich alles andere als beschwerlich, nämlich nur kurz und von einer Lampe beleuchtet. Damit verliert die Installation ihre Intention.

Wohl kaum jemand wird in Bonn verstehen können, worum es in "Briefe meiner Mutter" (1998 - 2000) von Abdullah Al Saadi geht. Lediglich die Seiten eines Buches voller Skizzen in Verbindung mit Zahlen sind unkommentiert an die Wand geheftet. Sie erschließen sich einem aber erst dann, wenn man erfährt, dass es sich um die Analyse der Zeichencodes von Gegenständen handelt, die ihm seine Mutter als Botschaften hinterlassen hat, wenn sie ihn nicht antraf. Normalerweise stellt Al Saadi die Buchseiten zusammen mit diesen Objekten aus [2]. In Bonn fehlt jeglicher Hinweis darauf, und selbst im Katalog erscheint kein Foto davon.

Den anwesenden Videokünstlern war die Enttäuschung anzusehen, als sie sahen, dass ihre für große Wandprojektionen konzipierten Arbeiten in Bonn so gar nicht werkgerecht nur auf kleinen Monitoren laufen. Eine ursprünglich vorgesehene interaktive Computerarbeit von Anas Al Shaikh musste wieder abgebaut werden, da er seine Teilnahme am Tag vor der Eröffnung wegen einer Auseinandersetzung mit Frau von Roques über prinzipielle Fragen der Ausstellung und der Öffentlichkeitsarbeit zurückzog.

Exakt in der Mitte des größten Ausstellungsraumes liegt fein säuberlich ein Haufen zusammengebundener Papierröllchen. Hassan Sharif, der in Bonn nicht zugegen sein konnte, würde solche Objekte, bei denen ihm der meditative Herstellungsprozess wichtiger ist als das Resultat, hingegen eher beiläufig irgendwo am Rande platzieren und nichts dagegen haben, wenn sie vom Publikum verändert werden [3]. Nirgendwo, nicht einmal im Katalog, ist zu erfahren, dass Hassan Sharif nach seinem fünfjährigen Kunststudium in London (bis 1984) zum wichtigsten Konzeptkünstler der Emirate wurde und auch als Theoretiker und Promotor die Leitfigur einer Szene ist, die nach neuen Wegen in der Kunst und im Leben sucht. Entsprechend gewürdigt hat das übrigens schon 2002 eine Ausstellung im Ludwig Forum in Aachen, nur 90 km von Bonn entfernt, in der vier der jetzt im Kunstmuseum gezeigten Künstler vertreten waren [4]. Obwohl Frau von Roques und Herr Ronte davon wissen müssten, fehlt jeglicher Hinweis auf diese Schau und auf andere verdienstvolle Bemühungen der letzten Jahre, dem Publikum in Europa Kunst aus arabischen Ländern näherzubringen.

Da die beiden Kuratoren "Sprachen der Wüste" ausdrücklich als Fortsetzung einer von Ronte Mitte der 1990er Jahre initiierten Ausstellungsreihe "Periphere Situationen" deklarieren, ist anzunehmen, dass sie von der postkolonialen Debatte des letzten Jahrzehnts und der Demontage des Paradigmas Zentrum-Peripherie wenig mitbekommen haben oder zumindest keine Schlüsse daraus zogen. Von ihrem offenkundig ungetrübten Selbstverständnis als Vertreter eines kulturellen Zentrums zeugt u.a. die Äußerung, die Künstler aus der Golfregion würden im Bonner Kunstmuseum nun endlich "auf Augenhöhe" mit "westlichen Künstlern von Weltruf" (Pressetext) gezeigt werden, womit sie die räumliche Nähe zur ständigen Sammlung meinen. Abgesehen von dem Paternalismus, der dahinter steht, sollten sie wissen, dass Arbeiten von acht der jetzt im Bonner Kunstmuseum vertretenen Künstler schon bei der 6. Sharjah Biennale 2003 zusammen mit Werken solcher Stars des westlichen Kunstgeschehens wie Christo & Jeanne-Claude, Candida Höfer und Rosemarie Trockel ausgestellt waren. Auch die Teilnehmerliste der Ausstellung und des Symposiums der 7. Edition (April - Juni 2005) belegt, dass die Sharjah Biennale keineswegs erst "auf dem besten Wege (ist), Weltruf zu erlangen", wie Frau von Roques schreibt, sondern diesen längst genießt. [5]

Anmerkungen, Links:

  1. Ebtisam AbdulAziz: Vision und Illusion - Zahl und Lebenszeit; Text von Mahita El Bacha Urieta. In: Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt, Juli 2005
  2. Abdullah Al Saadi: Briefe meiner Mutter, 6. Sharjah Biennale, 2003; mit einem Text von Annette Lagler. Künstler & Werk; in: Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt, Juni 2004.
  3. Hassan Sharif, Künstler & Werk; in: Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt, Juni 2004. Sharjah Biennale, 2003; mit einem Text von Annette Lagler.
  4. 5/U.A.E., Zeitgenössische Kunst der "Fünf" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten; Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen/Deutschland, 6. Sept. - 17. Nov. 2002.
  5. Sharjah Biennale; Informationen und Rundgänge.

 

Gerhard Haupt

Kunsthistoriker, Kurator, Kritiker, lebt in Berlin, Deutschland. Zusammen mit Pat Binder Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst; Mithrsg. vom Nafas Kunstmagazin.

15. September - 20. November 2005

Kunstmuseum Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 2
Deutschland
Website Email

Kuratoren:
Dieter Ronte, Karin Adrian von Roques

Künstler:
Ebtisam AbdulAziz
Khalil Abdul Wahid
Yousef Ahmad
Shadia Alem
Mohammad Yusef Ali
Wejdan Almannai
Tarek Al-Ghoussein
Ali Hassan
Mohammed Ahmed Ibrahim
Mohammed Kazem
Hassan Meer
Khalifa Al-Obaidly
Abdullah Al Saadi
Khaled Al Saai
Abdul Rahim Salem
Faisal Samra
Hassan Sharif
Fatima Al Shebani
Karima Al Shomaly
Anwar Sonia

Anas Al-Shaikh
hat seine Teilnahme kurz vor der Eröffnung zurückgezogen

Nafas
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