Prinzessin Wijdan Ali, Interview

Kunsthistorikerin, Malerin, Kuratorin. Gründerin der Jordan National Gallery of Fine Arts und der Royal Society of Fine Arts.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Dez 2003

Haupt & Binder: Wie wir gelesen haben, waren Sie die erste Frau im Außenministerium Ihres Landes und die erste Frau, die Jordanien bei den Vereinten Nationen vertrat. Weshalb wechselten Sie von der Diplomatie in die Welt der Kunst?

Wijdan Ali: Als ich in das Auswärtige Amt Jordaniens eintrat, hatte ich gerade meinen ersten Universitätsabschluss in Geschichte des Mittleren Ostens gemacht. Ich bewarb mich für diese Stelle ohne das Wissen meiner Familie, die davon erst erfuhr, als ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Meine Mutter meinte, ich dürfe nur unter der Bedingung in den diplomatischen Dienst eintreten, dass ich keinen Auslandsposten annehme. Man muss bedenken, dass wir von Amman im Jahre 1962 reden. Wie auch immer, sie gestand mir als Ausnahme zu, dass ich an Treffen im Ausland teilnehmen darf. Als ich 1966 heiratete, kündigte ich, denn mein Mann war in der Armee und es war für mich erneut unmöglich, im Ausland tätig zu sein. An diesem Punkt wäre es für mich absurd gewesen, als Diplomatin weiterzumachen, ohne jemals einen Posten außerhalb Jordaniens antreten zu können. In der Zwischenzeit hatte ich ernsthaft mit dem Malen begonnen, und so war ich schließlich völlig in die Kunst involviert.

H&B: 1980 gründeten Sie die Jordan National Gallery. War es ein langer Weg bis dahin? Konnte die Galerie auf einer existierenden Sammlung aufbauen? Welche Rolle spielt die Royal Society of Fine Arts?

WA: Ich würde sagen, es war schon ein langer Prozess, der zunächst zur Gründung der Royal Society of Fine Arts und dann schließlich der Jordan National Gallery of Fine Arts führte. Für mich als weibliche Kunstschaffende aus einem Entwicklungsland war es schwierig, meine Werke im Ausland zeigen zu können, und das gleiche traf auf andere Künstler der Dritten Welt zu. In den 1960/70er Jahren musste man emigrieren und Bürger eines westlichen Landes werden, um als Künstler/in in der internationalen Szene akzeptiert zu werden.

Deshalb wollte ich einen Ausstellungsort für arabische und islamische Künstlerinnen und Künstler einrichten, wo sie ihre Werke zeigen und ihrer eigenen Ästhetik entsprechend bewertet werden können, ohne sich verstellen zu müssen. Das war und ist nach wie vor eine der Hauptfunktionen der Nationalgalerie. Ich begann mit einer bescheidenen Sammlung: 77 Werke zeitgenössischer Kunst aus der islamischen Welt, die ich der Galerie stiftete. Das war der Grundstock der gegenwärtigen Sammlung von über 1.800 Werken.

Was die Rolle der Royal Society of Fine Arts betrifft, so besteht sie darin, kulturelle Vielfalt und Wissen über die Kunst zu fördern sowie die Kunst aus islamischen und Entwicklungsländern bekannt zu machen.

H&B: Gehörte es schon von Anfang an zum Konzept der Jordan National Gallery neben dem Fokus auf zeitgenössische Kunst aus der islamischen Welt auch die Kunst aus anderen Entwicklungs- bzw. Transformationsländern in das Programm einzubeziehen? Auf welchen Überlegungen beruht diese Entscheidung?

WA: Mit der National Gallery fingen wir klein an, so dass der erste Bereich der modernen Sammlung, der aufgebaut werden sollte, die islamische Welt war. Das dauerte nicht lange, deshalb begannen wir schon bald, uns auch mit den anderen Bereichen zu beschäftigen und die Kunst unserer Region in den verschiedenen Ländern und im Rest der Welt vorzustellen. Zum Beispiel war uns in Jordanien die moderne Kunst Armeniens weitgehend unbekannt, bis wir 1999 in der Galerie die Ausstellung "Chariots of Fire: Contemporary Art from Armenia" zeigten.

Es ist schon merkwürdig, dass Regierungen lediglich gegenseitige Übereinkünfte unterzeichnen, um Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden oder zu beenden. Doch wie viele politische, ökonomische, landwirtschaftliche, die Bildung betreffende oder militärische Abkommen und Vereinbarungen zwischen den Nationen auch bestehen mögen, es wird keinen dauerhaften Friede geben, solange das Misstrauen die vorherrschende und alles andere verdrängende Norm bleibt. Und kulturelle Ignoranz ist der am meisten belastende Faktor, der Misstrauen zwischen uns sät. Unsere Bemühungen um einen saubereren und grüneren Planeten gehen ins Leere, wenn wir gleichzeitig menschliche Errungenschaften, die uns fremd sind, geringschätzig zerstören. Es reicht nicht aus, Katastrophenhilfe und wirtschaftliche Unterstützung zu geben, den Menschen aber ihre ästhetischen Bedürfnisse zu versagen, nur weil sie anders sind als die eigenen.

Wir müssen uns darum bemühen, ein grundlegendes und ehrgeiziges Ziel zu erreichen: die Förderung des Weltfriedens durch den Fortschritt der Künste und die Überwindung kultureller Apartheid. Wir alle sollten uns anstrengen, unsere menschlichen Unterschiede kennenzulernen und zu akzeptieren und andere Traditionen entsprechend ihrer eigenen Werte und Ästhetik, die Teil einer breiteren menschlichen Ordnung sind, zu bewerten. Durch die Unterstützung derjenigen, die das tun, durch die Ausbreitung von Akzeptanz und Toleranz, durch Lernen und Schönheit, werden wir etwas für die Zukunft unserer Welt tun können.

Die Royal Society of Fine Arts trägt dazu bei, dass sich die Vielfalt in unseren Kulturen verbreitet und uns vereint, damit Kooperation auf der Basis von gegenseitiger Anerkennung und Respekt nicht länger nur eine Nuance oder eine Sache der Höflichkeit zwischen Nationen ist. In einer Welt, deren Werte und Prioritäten global und materiell sind, ist die wirtschaftliche Entwicklung sicher lebenswichtig. Wir müssen jedoch durch kulturelle Entwicklung eine Balance erreichen, die zur Verwirklichung unseres geistigen Wachstums führt. Das ist das Hauptziel der Royal Society und der National Gallery of Fine Arts.

H&B: Es ist beeindruckend zu sehen, wie aktiv die Nationalgalerie beim Organisieren von Wanderausstellungen in anderen Ländern ist. Geschieht dies, weil Sie an eine Aufgabe der Kunst als "Botschafterin" zwischen den Kulturen glauben?

WA: Kunst ist nicht nur Botschafterin zwischen Kulturen. Sie ist ein integrales Medium der Kommunikation zwischen Menschen, das viele Grenzen, wie Sprachen und Stereotypen, überwindet.

H&B: Ein Artikel auf der Website der Emory University (USA), veröffentlicht 1995 anlässlich der Präsentation der Ausstellung "Forces of Change: Women Artists of the Arab World" in Atlanta, hat die Überschrift "Jordanische Prinzessin widerspricht der Behauptung, der Islam sei eine Bedrohung der westlichen Welt". Darin wird die Aussage von Ihnen zitiert: "Diese Ausstellung ist ein Weg, unsere Signal nach Nordamerika zu senden, dass wir kulturelle Interaktion haben möchten." Glauben Sie, dass dieses Signal zu jenem Zeitpunkt von jemand verstanden wurde?

WA: Selbstverständlich wurde es von den Besuchern der Ausstellung zur Kenntnis genommen. Mag sein, dass die Entscheidungsträger das "Signal" nicht wahrgenommen haben, aber viele, die es vernahmen, reagierten sehr positiv. Nach der Ausstellung "Forces of Change: Women Artists of the Arab World" wurde ich vom Agnes Scott College als Gastprofessorin eingeladen, um über Themen im Zusammenhang mit der islamischen Zivilisation, einschließlich Kunst und Geschlechterfragen, zu sprechen. Ich habe meine Treffen mit den Studenten und die Fragen und Debatten vollauf genossen. Von ihnen habe ich eine Menge gelernt, und ich erinnere mich sehr gern an diese Begegnungen.

H&B: Die aktuelle Wanderausstellung "Breaking the Veils - Women Artists from the Islamic World" hat eine klare Botschaft, indem sie Werke von Künstlerinnen islamischen, christlichen, buddhistischen oder hinduistischen Glaubens aus islamisch geprägten Ländern vereint. Wie hat das Publikum darauf reagiert? Haben Sie diesbezüglich Unterschiede zwischen den Ländern festgestellt, in denen die Ausstellung bisher zu sehen war?

WA: Bis jetzt ist die Ausstellung in Griechenland, Spanien und in Paris gewesen, wo sie in jeder Hinsicht die gleiche positive Aufnahme fand. Vom kommenden Juni an wird sie in Italien, Portugal und in anderen europäischen Ländern zu sehen sein, bevor sie dann durch die USA reisen wird.

H&B: Was würden Sie als Ihre größte Herausforderung bezeichnen, sei es als Künstlerin, Kunsthistorikerin, Erzieherin, Kuratorin oder Verlegerin?

WA: Meine größte Herausforderung ist es, mich mit Ignoranz auseinanderzusetzen, sowohl in meiner eigenen Gesellschaft hinsichtlich der Bedeutung der Kunst, als auch im Ausland in Bezug auf meine Religion und Kultur.

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Wijdan Ali
Kunsthistorikerin, Malerin, Kuratorin. Gründerin und treibende Kraft der Jordan National Gallery of Fine Arts und der Royal Society of Fine Arts. Ihr Künstlername ist Wijdan.

Nafas
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