Romuald Hazoumè

My Paradise – Made in Porto-Novo. Ausstellung in der Gerisch-Stiftung in Neumünster, Deutschland.
Von Martin Henatsch | Jun 2010

Allzu schnell gerät die Arbeit eines afrikanischen Künstlers in die Mühlen völkerkundlicher Kategorisierungen oder entwicklungspolitischer Wertungen. Reflexartig werden durch den Auslöser "Afrika" Abziehbilder eines Kontinents wachgerufen, die letztlich mehr über die Unkenntnis seiner Kommentatoren als über den Diskussionsgegenstand selbst aussagen. Deren Palette reicht vom Extrem des Krisenkontinents - Kriege, Katastrophen, Korruption, Krankheiten - bis zu den ebenso verzerrten, aber gerade im europäischen Kulturgedächtnis tief verankerten Sehnsuchtsvorstellungen eines "natürlicheren", "ursprünglicheren", "authentischeren" Lebens. Afrika erscheint noch immer als Gegenbild zivilisatorischen Fortschritts, als ideale Projektionsfläche für das so ganz Andere: geheimnisvoll, exotisch und paradiesisch! Solcher Verkürzung stemmt sich das Werk Romuald Hazoumès in ganzer Breite entgegen, indem es die abendländische Überformung seiner Heimat mit der ihm eigenen künstlerischen Sprache zum Thema erklärt.

Seit drei Jahren folgt die Gerisch-Stiftung in Neumünster mit den auf dem Gelände befindlichen Ausstellungsmöglichkeiten in der Villa Wachholtz, der Gerisch-Galerie und im Gerisch-Skulpturenpark der Frage nach den kulturellen und sozialen Bedingungen von dem, was wir unter paradiesisch oder arkadisch verstehen. Welches sind die Grundlagen dafür, dass uns ein Stückchen - so genannter - Natur als Idylle erscheint, sei es im 1924 gestalteten Landhausgarten der Gerisch-Stiftung oder am beninschen Palmenstrand von Porto-Novo? Wie zeigt sich darin unsere gesellschaftliche Realität? Fragen, die auch am Beginn der Zusammenarbeit mit Romuald Hazoumè standen - zielt doch sein künstlerisches Werk genau auf diese Thematisierung gegenseitiger afrikanischer wie europäischer Sehnsüchte nach dem Paradies im jeweils anderen Land.

Hazoumès Masken beispielsweise sind zunächst nichts anderes als Ausschnitte von Kunststoffkanistern, skulpturale Angebote an den abendländischen Kunstliebhaber, der mit Kunst aus Afrika südlich der Sahara zuerst die Maske verbindet und willens ist, auch im eigenen - wenn auch veredelten - Zivilisationsmüll seine Vorstellung paradiesischer Eintracht zwischen Mensch und dem Göttlichen wieder zu finden. Doch, so der Künstler, stehen die Kanister (in Benin allgegenwärtige Alltagsobjekte) in seinem Werk auch für die Menschen seines Heimatlandes. So gesehen setzen seine Masken nicht nur eine kulturelle Tradition fort, sondern sind auch zeitkritische Dokumente aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen: ein subtiles Spiel mit den ausgrenzenden Rezeptionsgewohnheiten des Abendlandes gegenüber dem "schwarzen Kontinent" und ein Aufruf an sein eigenes Volk zu mehr kulturellem Selbstbewusstsein, gerade unter den Bedingungen des zunehmenden Drucks globaler Einheitskultur.

Neben Masken und den Fa-Orakel thematisierenden Malereien auf Leinwand werden in den Innenräumen der Gerisch-Stiftung Hazoumès Fotoarbeiten gezeigt, die neben Panoramabildern von Strand- und Marktszenerien großenteils den Benzinschmuggel von Nigeria nach Benin dokumentieren. Fast die gesamte Beniner Bevölkerung nutzt dieses Benzin, das mit billigerem Öl und anderen Zusatzstoffen gestreckt wird. 300 Liter Benzin oder 30 Kanister werden oft auf einem Moped transportiert - eine rollende Zeitbombe. Ursprünglich hergestellt wurden die Kanister zumeist in Deutschland.

Auch mit seinen Großskulpturen (vier davon im Park), montiert aus aufgeschnittenen Kanistern, verweist Hazoumè auf die andauernde Ausgrenzung und Ausbeutung Afrikas - am Beispiel Benins fußend auf den ehemaligen Umschlagplatz für den Sklavenhandel - wie auch dessen kulturalisierende Überformung zum künstlerischen Thema.

Die erstmalig in Deutschland zusammengetragene Ausstellung umfasst rund 60, mehrheitlich aktuelle Arbeiten des Künstlers. In ihr schafft er eine weltenüberspannende Synthese zwischen regionalen Wurzeln und internationalem Kunstdiskurs, zwischen selbstkritischer Bestandsaufnahme und der Spiegelung touristischer Sehnsüchte: ein zeitgenössischer Reflex auf das Paradies - made in Porto-Novo und in der Sprache internationaler, zeitgenössischer Kunst.

Martin Henatsch

Kunstwissenschaftler, Autor und Kurator zahlreicher Ausstellungen (insbesondere im öffentlichen Raum). Seit 2007 künstlerischer Leiter der Gerisch-Stiftung in Neumünster.

Romuald Hazoumè
My Paradise -
Made in Porto-Novo

6. Juni - 17. Okt. 2010

Herbert Gerisch-Stiftung
Hauptstr. 1
Deutschland
Website Email

Die Ausstellung findet in Abstimmung mit dem Afrika-Projekt "Who knows tomorrow" der Nationalgalerie Berlin statt.

UiU Magazin
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