Mohammed Al Hawajri: Roter Teppich

Hawajri legt an wichtigen Orten des Gazastreifens Rote Teppiche aus. Seine Bilder wirken friedlich und feierlich, sind aber voller bissiger Kritik.
Von Ala Younis | Apr 2014

Mohammed Hawajri richtet Orte in Gaza ein, an denen VIPs empfangen werden. Diese beginnen am Strand der Meeres, auf dem die israelische Blockade Schiffe daran hindert, sich aus jedwedem Grund zu nähern oder die Küste zu verlassen. Hawajri installiert eine offene Tür und legt einen roten Teppich aus, über den der Protagonist der Story voranschreitet, mit einem Blumenstrauß in den Händen, der ihm gerade überreicht wurde, wobei ein Strahl der über dem Meer untergehenden Sonne sein Gesicht halb beleuchtet.

Die Rituale des Empfangs auf dem roten Teppich erinnern an Aufnahmen von Filmstars und Politikern. Die Medien übertreiben ihre Aufmerksamkeit, die sie solchen Bildern zollen. Hier am Zugang zu den Tunneln von Gaza empfangen die roten Teppiche nur Bewohner des Gazastreifens, die gerade von einer Tour unter der bzw. durch die Erde zurückkehren.

An einer Tankstelle schreitet ein anderer Darsteller voran und trägt Dieselkraftstoff in Plastikkanistern. Der Mangel an Bewegung, Kraftstoff, Gütern, Medizin, Ölfarben und anderen Dingen zwingt die Leute von Gaza – und damit auch die Künstler – zu besonderen Anstrengungen, um viele der Grundkomponenten eines zivilisierten Lebens, also nicht einmal Luxusgüter, zu beschaffen und oftmals ohne diese auszukommen.

Für diese neue Fotoserie legte Hawajri einen roten Teppich an verschiedenen entscheidenden Orten des Gazastreifens aus, auf dem die Darsteller wie Stars mit Sonnenbrille, Anzug und Krawatte festen Schrittes in Richtung Kamera schreiten. Wir sehen sie vom Horizont her von ihren erfüllten Aufträgen, von erledigten Missionen kommen.

"Zu den Tugenden der neuen Stimmen der arabischen Poesie gehört, dass sie das Gefühl haben, über ihr kleines Ich schreiben zu müssen, über ihre kleinen Probleme, ihre Marginalität. Ihre Sinnsuche unterscheidet sich von den alten Auffassungen von dem, was wichtig ist. Früher ging die Bedeutung für gewöhnlich den Texten voraus, jetzt manifestiert sich die Bedeutung in einer Suche danach im Text selbst." [1]

Wenn es unmöglich ist, ein Foto aufzunehmen oder die Fotosessions zu arrangieren, werden die Darsteller mit Photoshop in die jeweiligen Orte montiert. Photoshop wird benutzt, um Bilder zu verbessern, zu beschneiden oder zusammenzufügen, und der Name des Programms hat in den letzten Jahren im Zusammenhang mit bildlichen Kommentaren zu Politik und Wirtschaft eine große Verbreitung gefunden. Es wird oft eingesetzt, um Fotografien in Witze oder visuelle Ergänzungen geschriebener Kommentare umzuwandeln. Häufig werden Szenen aus berühmten Filmen oder Stücken durch Photoshop mit Texten überarbeitet, die aktuelle Bezüge herstellen, und weil die Leute diese Werke auswendig können, ist es nicht nötig, die Bilder oder deren Audiospuren zu erklären. Die Leute kennen den Ton (Stolz, Kritik, Zustimmung, Schock, Entsetzen) der ursprünglichen Inszenierungen.

Nachrichten über Gebiete im Kriegszustand hängen von Berichten und Bildern ab, und zahlreiche Personen werden durch solche Erzählungen zu Helden. Doch gibt es einen hervorstechenden Unterschied zwischen der Bedeutung, die den Helden derartiger Berichte (Nachrichten, Reportagen mit akribischen Details des Leidens, internationale Sympathie) beigemessen wird, und der Art und Weise wie dieselben Personen vor Ort behandelt werden (sich verschlechternde Standards des Lebens und der Mobilität, die Tatsache, dass es eine extrem hohe Anzahl an Menschen gibt, die dasselbe Leiden ertragen müssen, das blinde Geschützfeuer und die Gewalttätigkeit des Krieges).

In diesem Kunstwerk, das Performance, Fotografie und Video verknüpft, setzt Hawajri Mittel des Films und der Medien sowie Kontexte ein, um Bilder einfacher Leute zu produzieren, denen die Rückkehr von einer grundlegenden Mission oder lediglich ihr Durchhaltevermögen Glanz verleiht:
"Anstelle von fida’I setzt Elia Suleiman, wie auch andere palästinensische Filmemacher, alltägliche lokale Helden in Szene, die trotz unüberwindbarer Chancenlosigkeit darauf beharren, ein Ziel, einen Wunsch, einen Traum zu verfolgen. Das Alltägliche und manchmal die Vergeblichkeit ihrer Ambition, ihres Verlangens oder Wunsches unterstreicht die Brutalität der Besatzung, während ihre Beharrlichkeit, die sich in Eigensinn, Verrücktheit oder Tollkühnheit artikuliert, im Grunde Standfestigkeit ist, sumud, eines der Kennzeichen palästinensischer Identität, durch den Kampf geschmiedet." [2]

Hawajri hinterfragt den Platz der Kunst unter widrigen Umständen, unter denen künstlerische Produktion durch den Vorrang des Überlebens zu Lasten der Sorge um das, was nach den elementaren Lebensgrundlagen kommt, zurückstehen muss. In den Werken von Künstlern aus Gaza ist eine Transformation unvermeidlich, konsequent, eine natürliche Entwicklung wie jede andere Form natürlicher Auslese.

2010 begann Hawajri Photoshop zu nutzen, um Bilder des täglichen Lebens in Gaza mit den Stars künstlerischer Produktion von der Renaissance bis in unsere Zeit zu kombinieren. Diese Werke von Hawajri gehen über die materiellen, geographischen und politischen Grenzen hinaus, die den Gazastreifen und seine Bewohner definieren, und zwar im Hinblick auf das Verständnis für diese (für sie Bilder zu montieren, die ihnen vertraut sind, aber platziert in ungewohnten Kontexten) und angesichts der Tatsache, dass die digitalen Kopien überall in die Welt geschickt und an jedwedem Ort gedruckt und ausgestellt werden können.

Der Name dieser Serien, Guernica - Gaza, berührt die Realität des wechselseitig zerstörerischen Kampfes Palästinas. Picasso malte sein Wandbild artiges Gemälde Guernica als Verurteilung der Bombenangriffe auf die Stadt Guernica, die von der deutschen und italienischen Luftwaffe verübt wurden, um die Bewohner zu terrorisieren und die nationalistischen Truppen des Generals Franco im spanischen Bürgerkrieg zu unterstützen. Picasso lehnte es ab, dieses Gemälde zu verkaufen, mit dem er für die Ausstellung des spanischen Pavillons auf der Exposition Internationale des Arts et Techniques dans la Vie Moderne in Paris 1937 beauftragt worden war. Er stellte eine Version davon als Wandteppich her, die von 1985 bis 2009 den Sitzungssaal des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen schmückte, während es diesem Gremium nie gelang, die Blockade von Gaza aufzuheben.

Hawajri nutzt auch Mittel der Medien für die Vorankündigung und Promotion seines Werkes, beginnend mit dem schrittweisen Posting seines Projekts auf seiner Facebook Seite. Im Stile einer großen Promotion Kampagne erschien einige Monate zuvor ein Zeichen mit dem Wort "Demnächst" auf rotem Hintergrund. Diesem folgte ein Posting des Projekttitels Red Carpet, gefolgt von einem weiteren Post, in dem der Künstler erschien, auf den Umrissen eines roten Teppichs stehend, der in einem Abwasserkanal endet. Dazu stand geschrieben: "Abwasser überschwemmt die Häuser von Familien in Gaza. Keine Verurteilung und diplomatische Botschaften."

Seit den 1980er Jahren gibt es auch keine Kinos in Gaza, obwohl die Einwohner dereinst "das Kino mit gespannter Aufmerksamkeit besuchten, als Flugzeuge während des 2. Weltkriegs am Himmel flogen". [3]

Die Bilder des Projekts "Roter Teppich" scheinen simpel, friedlich, feierlich zu sein, und doch sind sie mit bitter zynischer Kritik aufgeladen. Sie repräsentieren eine Form palästinensischer künstlerischer Produktion, in der Individuen mit Ikonen der Geschichte Palästinas verbunden sind, und selbst die aus Stroh geflochtenen Zöpfe, die Palästina, die Frau (eine Zeichnung Hawajris von 1997) umgeben, sind zu Gasflaschen und Kanistern für Dieselkraftstoff geworden, und die Bauern, Friedenskämpfer und Flüchtlinge wandelten sich zu Alltagsberühmtheiten auf roten Teppichen.

"Lass dir gesagt sein, ich mache zum Beispiel keinen Unterschied zwischen Optimismus und Pessimismus, und ich bin mir nicht so ganz im Klaren darüber, welches von beiden mich charakterisiert. Wenn ich jeden Morgen aufwache, danke ich Gott, dass er mir in der Nacht nicht meine Seele genommen hat. Wenn mir während des Tages etwas Schlechtes widerfährt, danke ich ihm, dass es nicht schlimmer gewesen ist. Also, was bin ich denn nun, ein Pessimist oder ein Optimist?" [4]

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Mahmoud Darwish in einem Interview mit Abbas Baydoun, Al-Safir Newspaper, Beirut, 21. November 2003.
  2. Rasha Salti, Once Fida’is. Of Redeemers, Poets, Insurgents from Palestine, 2012.
  3. Asmaa Al Ghoul, The Death of Cinema in Gaza, Artikel für Al Monitor, 6. Februar 2013.
  4. Emile Habibi, The Secret Life of Saeed: The Pessoptimist, 1974.


Ala Younis

Freie Künstlerin und Kuratorin, geb. 1974 in Kuwait. Lebt in Amman, Jordanien.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Mohammed Al Hawajri
Red Carpet

17. März - 10. April 2014

ELTIQA Galerie
Omar Al-Mokhtar St.
Nahe des Al-Abbas Platzes,
Alharazein Gebäude,
Gaza - Palästina

Nafas
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