Mohammed Kazem: Geographische Grenzen überschreiten

Interview über Directions, seine immersive Installation einer 360-Grad Projektion im Pavillon der VAE in Venedig.
Von Sultan Sooud Al-Qassemi | Aug 2013

Sultan Sooud Al-Qassemi: Ist dies das erste Mal, dass die VAE an einer Biennale Venedig mit einem eigenen Pavillon teilnehmen? Welches sind die Vorteile einer auf einen einzigen Künstler beschränkten Präsentation?

Mohammed Kazem: Ja, das ist das erste Mal, und ein erfolgreiches Angebot auf der Biennale Venedig zu unterbreiten, ist eine wichtige Initiative seitens der VAE. Hinsichtlich des individuellen Ausstellungsformat ist es so, dass sich viele Länder der Welt angesichts des begrenzten Raums auf der Biennale für einen oder zwei Künstler entscheiden. Dieser Ansatz ermöglicht es, sich auf eine Person speziell zu fokussieren und ihr den Platz zu bieten, den sie benötigt, um ihre Ideen einem westlichen Publikum auf eine ausgiebige und nuancierte Weise zu präsentieren.

Die Arbeit in dieser Ausstellung, Directions 2005, ist im Wesentlichen eine Reproduktion des letzten Teils des Projekts Directions, für dessen Fertigstellung ich fünf Jahre brauchte. Ich zeigte den ersten Teil, Directions 2002, auf der Sharjah Biennale 2003, und außerdem stellte ich das Werk in Gänze auf der Singapur Biennale 2006 unter dem Titel Directions 2002-2005 aus.  

Auf der Biennale Venedig zeige ich ein Projekt, dass einen politischen, sozialen und menschlichen Diskurs skizziert, der über alle geographischen Grenzen hinweg reicht. Reem Fadda ist die Kuratorin der Ausstellung und kümmert sich um alle künstlerischen Aspekte, natürlich in enger Kooperation mit mir.

SSQ: Du hast schon an den Biennalen von Sharjah und Singapur teilgenommen? 

MK: Das fiel dem Beginn meiner Arbeit an dem Projekt Directions 2002 und dessen Fertigstellung 2005 zusammen. Diese für die Biennale Venedig ausgewählte Präsentation ist die erweiterte Umsetzung eines reduzierten Modells, das ich 2006 präsentierte. Der Betrachter befindet sich in einem scheinbar weiten Raum, in den er hineingehen und mit dem er über stehende Bilder und die Videoprojektion physisch interagieren kann. Eine darauf spezialisierte Firma setzt das Projekt um, und ich überwache die Endfertigung. Und ich muss hier betonen, das Künstler solche Werke nicht allein produzieren können. Sie brauchen die Unterstützung der Kulturinstitutionen und allgemeiner Akteure, die mit der Auswahl solcher Werke für internationale Biennalen zu tun haben.

SSQ: Was können wir in dieser Arbeit sehen und in welchem Zusammenhang steht sie mit dem Rest deines Schaffens?

MK: Ich habe das Werk so entworfen, dass sich seine visuelle Darstellung in einer 360 Grad Perspektive entfaltet. Gleichzeitig bemühe ich mich, künstlerische Elemente und Methoden anzuwenden, mit denen ich mich schon in der Vergangenheit beschäftigte: seit mehr als 15 Jahren habe ich mit Leinwänden, Licht, Farbe, Form und Bewegung gearbeitet. Später setzte ich diese Elemente in experimentellen Installationen und Videoarbeiten ein, einen konkreten Nutzen daraus ziehend, und ich habe seitdem an deren Weiterentwicklung gearbeitet. Laufend präsentiere ich meine Kunstwerke im Kontext eines größeren Projekts, für dessen Fertigstellung ich manchmal ein, zwei oder fünf Jahre brauche. Während dieser Zeit arbeite ich auch an kleineren Projekten und nutze die Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, um Unterstützung von Fabriken, Unternehmen und Spezialisten zu erhalten.

SSQ: Wird Directions 2005 so bleiben wie es war, als du es in Asien ausgestellt hast, oder wird es einige Veränderungen geben?

MK: Während der Produktion kann sich ein Werk ändern, da neue Ideen aufkommen, und das ist bei mir immer der Fall. Walking on Water [Auf Wasser gehen] ist ein Werk, das ich 2008 während meines Aufenthalts in der deutschen Stadt Chemnitz produzierte, und ich bezog meine Inspiration dafür aus meinen Spaziergängen durch die Stadt, bei denen ich mich von einem Punkt zum anderen bewegte und die geographischen Koordinaten der Punkte verband, an denen ich stehen blieb. Und als ich an den Fluss kam, fragte ich mich, wie es wir wohl möglich sein würde, über das Wasser zu gelangen. Ich kehrte zu all den geographischen Koordinaten zurück, die ich via GPS registriert hatte, und machte mich an eine Art Kalkulation: Wie viele Einsen habe ich? Wie viele Nullen? Wie viele Grade? Ich führte in dieser Stadt einen Workshop mit Kindern durch, bei dem wir in eine Gegend mit vielen Blättern gingen, aus denen wir die Zahlen von Koordinaten ausschnitten und sie dann in den Fluss warfen und schwimmen ließen. Selbstverständlich entwickelten wir ein unmögliches Szenario, aber die Idee hinter dieser Art von Werk besteht darin, die Denkweise einer Person als ein wichtiges Thema für sich aufzuwerfen. Ich möchte die Betrachter immer dazu bringen, eine potenzielle Denkweise wahrzunehmen und zu untersuchen. Es ist zwar unmöglich, über Wasser zu laufen, aber wie könnten wir das zumindest konzeptuell ermöglichen?

SSQ: Was ist die versteckte Bedeutung der nationalen Grenzen, die du in Directions 2005 ansprichst? Sind diese Grenzen mehr als ein Ausdruck der Trennung zwischen einer Region und einer anderen oder zwischen einem Menschen und einem anderen? 

MK: Mein Anliegen besteht darin, die dominante, von diesen künstlichen Grenzen auferlegte Wahrnehmung zu durchbrechen und die Menschen in die Lage zu versetzen, Horizonte jenseits ihres begrenzten Milieus zu erkennen, in dem sie meiner Meinung nach miteinander ohne Grund über Dinge streiten, die es nicht wert sind. Wenn es in der Macht dieses Kunstwerks liegt, auszubrechen und überall frei zu schwimmen, warum können die Menschen dann nicht einen gangbaren Weg entdecken, Grenzen niederzureißen, um eine permanente Lösung für ihren Dauerkonflikt zu finden. Die Arbeit bringt diesen Gedanken zum Ausdruck.  

SSQ: Sind wir gänzlich durch Grenzen beherrscht, die von ausländischen politischen Mächten angelegt wurden, oder ist unsere Fantasie in den VAE und der ganzen Region größer als diese künstlichen Grenzen?

MK: Nun ja, gewiss setzen wir uns mit diesen Grenzen auseinander. Ich versuche, in diesem Werk die allgemeine Szenerie vor mir zu präsentieren, die sich über die Grenzen unserer Region hinaus erstreckt. Da gibt es ein Problem im Zusammenhang mit der potenziellen Rolle eines Künstlers als jemand, der bzw. die Lösungen für offene Fragen hervorbringt und fertige Rezepte für die Auflösung von Grenzen anbietet. Einige Künstler denken, ihre Rolle würde darin bestehen, Hypothesen aufzustellen - Hypothesen, die einen subjektiven Charakter haben. Andere Künstler sagen: "Es geht uns nicht darum, irgendwelche Lösungen zu offerieren. Warum sollte Kunst die Verantwortung auf sich nehmen, überhaupt solche Hypothesen anzubieten?"

SSQ: Trotz deiner Jungend gehörst du zu den Pionieren der Kunst der VAE. Könntest du erläutern, wie es dazu kam?

MK: Die erste Generation visueller Künstler in den VAE trat zwischen 1969 und der Mitte der 1970er Jahre in Erscheinung. Einige Künstler gingen zum Studium nach Ägypten, in den Irak, nach Europa und anderswo im Ausland. Als sie in den frühen 1980er Jahren zurückkehrten, gründeten sie die Emirates Fine Arts Society, zu deren Mitgliedern u.a. Hassan Sharif und Abd al-Rahim Salim und eine Handvoll Künstler aus anderen arabischen Ländern gehörte wie Yasser Dweik und der verstorbene sudanesische Künstler Farouq Khadir.

Ich schloss mich ihnen 1984 an, als ich 14 Jahre alt war. Die Gesellschaft veranstaltete spezielle Kurse für Darstellungstheorien und berief täglich Treffen im al-Muraija Atelier ein, an denen viele visuelle Künstler und Dichter teilnahmen, darunter Adel Khozam, Ahmad Rashid, Khalid Badr und Nujoum al-Ghanim. Ich kam aus der zweiten Generation, die in diesem unglaublich aufregenden Milieu aufwuchs. Meine Altersgenossen und ich verdanken unsere Entwicklung als Künstler diesem außergewöhnlichen Umfeld. Ich war nicht nur von den visuellen Künstlern beeinflusst, sondern auch von solchen Literaten wie Adel Khozam, die neben Dichtung und Musik über Kultur in einem allgemeinen Kontext diskutierten. Ich absolvierte in jener Periode auch ein Studium der Musik und begann, Oud spielen zu lernen, aber ich habe nicht weitergemacht.

 

Sultan Sooud Al-Qassemi

Emiratischer Autor. Gründer der Barjeel Art Foundation, Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate.

Gekürzte Fassung des Interviews "Transcending Geographic Boundaries" von Sultan Sooud Al-Qassemi, veröffentlicht in der Monographie "Mohammed Kazem", Damiani, Bologna, Italien. Herausgeberin: Reem Fadda. Eine PDF-Datei des Buches liegt zum Download auf http://uaepavilion.org
© Text: Nationaler Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate
© Übersetzung aus dem Englischen: Haupt & Binder, Nafas

Nationaler Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate
55. Internationale Kunstausstellung
La Biennale di Venezia

Walking on Water
Mohammed Kazem
Kunstwerk: Directions 2005/2013

1. Juni - 24. November, 2013
Sale d’Armi, Arsenale, Venedig

Kommissarin: Dr Lamees Hamdan
Kuratorin: Reem Fadda

Das komplette Interview ist in der Monographie zur Ausstellung veröffentlicht:
"Mohammed Kazem"
Herausgeberin: Reem Fadda
Verlag: Damiani
Bologna, Italien, 2013
ISBN 978-88-6208-315-7


Siehe auch:

06
Künstler: Mohammed Kazem. Kommissarin: Dr. Lamees Hamdan. Kuratorin: Reem Fadda. Arsenale - Sale d\'Armi.
06
Ein Pionier der Nutzung neuer Technologien in der Kunst der Vereinigten Arabischen Emirate.
01-Pavilion-135
Künstler: Reem Al Ghaith, Lateefa bint Maktoum, Abdullah Al Saadi. Kurator: Vasif Kortun. Kommissarin: Dr. Lamees Hamdan.
thumb
Künstlerin: Lamya Gargash. Kurator: Tirdad Zolghadr. Ort: Arsenale.
Nafas
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