Mariam Ghani: Eine kurze Geschichte von Einstürzen

Ihr Video in der dOCUMENTA (13) über die Geschichte des Dar ul-Aman Palasts in Kabul und des Fridericianums in Kassel.
Von Amy Mackie | Jun 2012

A Brief History of Collapses (2011-12) ist das bislang ambitionierteste Projekt von Mariam Ghani. In dem in der dOCUMENTA (13) erstmals gezeigten Zweikanal-Video geht es um die komplexe Geschichte des Dar ul-Aman Palasts in Kabul, Afghanistan, sowie die des Museums Fridericianum in Kassel. Der Palast wurde 1929 im Zusammenhang mit dem Plan König Amanullahs gebaut, in Afghanistan eine utopische Stadt zu errichten, und ist jetzt eine Ruine. Nach der Bombardierung Kassels durch die Alliierten 1943 lag auch das 1779 fertiggestellte Fridericianum in Trümmern. Es wurde schließlich wieder aufgebaut und dient seit 1955 als Hauptausstellungsort der Documenta. Als Teil einer Ausstellung mit Werken von Teilnehmern der dOCUMENTA (13), die Projekte in Kassel und in Kabul realisieren, wird diese Videoinstallation auch in der afghanischen Hauptstadt im Königinnenpalast in den Bagh-e-Babur Gärten präsentiert.

Ghanis Hintergrund als US-Amerikanerin afghanischer und libanesischer Herkunft und ihre umfangreichen Recherchen in Afghanistan dienen ihr für ihre Arbeit als eine stetige Quelle der Inspiration, durch die sie schwierige und oftmals übersehene Momente politischen Wandels und sozialer Umbrüche zutage fördert. Sie ist eine scharfsinnige Beobachterin von Geschichte, was sie in die Lage versetzt, wohlüberlegt Erzählungen in Netze aus Bildern, Sound und Empfindungen zu weben. Ihr Verständnis der Region aus einer Perspektive, die weder touristisch noch familiär, weder komplett fremd noch wirklich einheimisch ist, versetzt sie in eine einzigartige Position, um mit einer Kultur umzugehen, die kaum über binäre Zuweisungen hinaus verstanden wird. Da sich in Zentralasien für politische Arbeit engagiert hat, ist Ghani in eine Welt eingeweiht, die nur wenige Künstler erlebt haben. A Brief History of Collapses bringt verschiedene Facetten ihres Schaffens zusammen, die ansonsten auf disparate Plattformen verteilt waren, was es erlaubt, ihr Interesse für Bewegung, kollektive Erinnerung und öffentliche Politik verschmelzen zu lassen.

Index of the Disappeared (2004 - fortlaufend, Index der Verschwundenen), eines der am besten bekannten Projekte von Ghani in weiter andauernder Zusammenarbeit mit Chitra Ganesh, ist ein Archiv bestehend aus redigierten Regierungsdokumenten, ausgewählten Texten und Fallstudien. Es dient auch als eine Plattform für den Dialog über nach 9/11 Verschwundene, Festnahmen, Deportationen, Überstellungen und Auslieferungen. Ghanis Recherchen über soziopolitische Kämpfe und Unterdrückung durch Regierungen sind bei diesem speziellen Unterfangen vielleicht die direktesten, wenngleich es sich in ihrem Schaffen um ständig wiederkehrende Beschäftigungen handelt. Kabul 2, 3, 4 (2002-07) ist eine Serie kurzer Dokumentarfilme, aufgenommen in Kabul in aufeinanderfolgenden Jahren. In vieler Hinsicht sind dies ästhetische Kontrapunkte ihres Index-Projekts, wo eine um ihr Überleben kämpfende Stadt in Blicken auf die Straßen, Bürger und Architektur, die sich über Wasser halten, festgehalten ist.

In A Brief History of Collapses leitet das Video den Betrachter vermittels kontinuierlicher Kamerafahrten durch Zeit und Raum, endlose Verfolgung und einen nicht definierten Endpunkt. Michel de Certeaus Unterscheidung zwischen Raum und Ort und seine Schlussfolgerung "Insgesamt ist der Raum ein Ort, mit dem man etwas macht" ist hilfreich für das Verständnis von Ghanis Herangehensweise an Schauplatz und Bewegung.

Ein Raum entsteht, wenn man Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die Variabilität der Zeit in Verbindung bringt. Der Raum ist ein Geflecht von beweglichen Elementen. Er ist gewissermaßen von der Gesamtheit der Bewegungen erfüllt, die sich in ihm entfalten. Er ist also ein Resultat von Aktivitäten, die ihm eine Richtung geben, ihn verzeitlichen und ihn dahin bringen, als eine mehrdeutige Einheit von Konfliktprogrammen und vertraglichen Übereinkünften zu funktionieren. [1]

Überschattet durch Kriege, sich verändernde Machtstrukturen, Unruhen und Zusammenbrüche dienen der Dar ul-Aman Palast und das Museum Fridericianum gewissermaßen als unfreiwillige Repositorien. Tatsächlich sind es Orte - besetzt oder nicht -, die niemals statisch waren und sein werden.

So wie Ghani vergangene Videos, die sie gemeinsam mit Tänzern produzierte, synthetisiert A Brief History of Collapses Architektur, Geschichte, Literatur und Film. Die Arbeit bindet den Betrachter in einen innigen Dialog über Spezifität ein und spricht Erinnerungslücken und historische Risse an. "Die Pflicht zu vergessen" oder besser "vergessen um zu erinnern", die Homi Bhabha in seinen Schriften über Zeit, Narration und die Ränder der modernen Nation erörtert hat, beschreiben die Art und Weise, wie der nationale und kollektive Geschichte sichtbar gemacht werden.

Es ist dieses Vergessen [die Geschichte der Vergangenheit der Nation] - die Bedeutung eines Verlusts von Herkunft - das den Anfang der Geschichtsschreibung der Nation ausmacht. Es ist das syntaktische und rhetorische Arrangement dieses Arguments, das erhellender ist als jede unumwundene historische oder ideologische Lesart. … Zum Vergessen gezwungen zu sein wird die Basis für das Erinnern der Nation, sie neu zu bevölkern, die Möglichkeiten anderer widerstreitender und befreiender Formen kultureller Identifikation in Betracht zu ziehen. [2]

Der Dar ul-Aman Palast in Kabul und das Museum Fridericianum in Kassel, die im Laufe der Geschichte verworrene Rollen gespielt haben, stehen als Zeugnisse der austauschbaren Identitäten beider Städte - und der Menschen, denen sie dienten.

Von durch die Architektur streifenden Kameras verfolgt und so geschnitten, dass die Bewegungen zwischen den beiden Strukturen nahtlos erscheinen, bewegen sich verschiedene Figuren ins Blickfeld und aus diesem heraus. Ghani zufolge "jagt eine Kamera einen Geist der Vergangenheit, der niemals ganz assimiliert oder versöhnt werden kann, während die andere einer unerfüllten Vision nachjagt, der möglichen Zukunft, die sich in der Gegenwart niemals voll erfüllen kann". [3] Die poetische Off-Stimme, die das Video begleitet, leitet den Betrachter zwischen der jüngeren Geschichte und der heutigen Zeit hin und her. Es ist die ideale Begleitung des autoritäreren Afghanistan: A Lexicon (Hatje Cantz, 2011), dem Heft, das Mariam Ghani in Kooperation mit Ashraf Ghani als Teil der dOCUMENTA (13) Publikationsreihe 100 Notizen - 100 Gedanken produziert hat. Voller Anekdoten, Fakten, Illustrationen und Archivbildern deckt das Lexikon 71 Begriffe im Zusammenhang mit der Geschichte Afghanistans im 20. Jahrhundert ab. Beide Unterfangen machen deutlich, dass sie nicht für bare Münze gehalten werden können und sollten, denn es gibt viele mögliche Versionen dieser Geschichten.

In dem Video geht es auch um die Jahre der Brüder Grimm im Fridericianum, wo sie als Bibliothekare tätig waren und Anregungen für ihre Märchen gefunden haben. Die Märchen der Brüder Grimm sind nicht nur voller Schrecken, was sich in den im Lexikon enthaltenen sozialen und politischen Tragödien widerspiegelt, ihre Schriften sind auch Beispiele der Art nichtlinearen Geschichtenerzählens, die Ghani beeinflusst hat und die sie mit großer Wirkung in A Brief History of Collapses einsetzt. Indem sie die erzählerische Struktur von Märchen nachahmt, ist sie in der Lage, historische Ereignisse mit Vermutungen, Hörensagen und Mythen zu verschmelzen. Am Anfang des Videos lässt sie den folgenden Disclaimer erscheinen.

Die Brüder Grimm mögen diese Geschichte mit "Es war einmal" begonnen und vielleicht sogar "und so wird es wieder geschehen" hinzugefügt haben. Arabische Volksmärchen beginnen mit der Wendung "kaan ya makaan" - es geschah oder es geschah nicht -, was impliziert, dass sich die darauffolgende Geschichte so oder anders oder auch gar nicht ereignet haben könnte. In beiden Fällen bleibt die Andeutung, dass Zeit kein rein lineares Konstrukt ist, sondern etwas, das sich um die Ereignisse des Märchens oder den Willen des Geschichtenerzählers rankt. [4]

Die klug konstruierten und nahtlos realisierten Geschichten des Dar ul-Aman Palasts und des Museums Fridericianum in A Brief History of Collapses sind Märchen, die es wert sind, erzählt zu werden.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Michel de Certeau, L'Invention du Quotidien. Bd. 1, Arts de Faire, Paris 1980. Deutsch: Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988, S. 218.
  2. Homi K. Bhabha, The Location of Culture (London und New York: Routledge, 1994), 160-161 [Übersetzung des englischen Zitats: Haupt & Binder]. Deutsch: Die Verortung der Kultur, Stauffenburg Verlag, Tübingen 2000.
  3. Mariam Ghani, persönliche Email, Mai 2012.
  4. Mariam Ghani, Off-Stimme in A Brief History of Collapses (2011-12).


Amy Mackie

Freie Kuratorin und Autorin. Lebt in Atlanta, GA, USA.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Mariam Ghani
A Brief History of Collapses. 2011-12

2-Kanal-Video,
7.1 Kanal-Audioinstallation

Gezeigt in der
dOCUMENTA (13)
9. Juni - 16. Sept. 2012
Kassel, Deutschland

In Auftrag gegeben und produziert von der
dOCUMENTA (13)
mit Unterstützung der Graham Foundation for Advanced Studies in the Fine Arts

Nafas
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