Emily Jacir: ex libris

Projekt in der dOCUMENTA (13) über die 1948 von Israel entwendeten palästinensischen Bücher in der Jüdischen Nationalbibliothek Jerusalem.
Von Eva Scharrer | Jul 2012

Zu den wiederkehrenden Themen in Emily Jacirs Praxis - die sich einer Reihe von Strategien bedient, darunter Film, Fotografie, Interventionen, Archivierung, Performancekunst, Video, Texte und Sound - gehören zum Verstummen gebrachte historische Erzählungen, Widerstand, Bewegung und Austausch. Jacirs A Sketch in the Egyptian Museum April 24, 2003 Cairo, ein Film, der unmittelbar nach den katastrophalen Bestandsverlusten im Irakischen Nationalmuseum und der Nationalbibliothek von Bagdad gedreht wurde, gedenkt der kulturellen Zerstörungen, die sich in jenem April ereigneten, und weist zugleich ahnungsvoll in die Zukunft. Ein Museumswärter säubert unfachmännisch einen Stein, der eine 5.000 Jahre alte Hieroglypheninschrift trägt, während Besucher davon unberührt Vorbeigehen. In dieser unspektakulären und lakonischen Arbeit scheinen die Dimensionen von Zeit, Wissen und kulturellem Erbe, für die die alte Steintafel steht, alle Bedeutung verloren zu haben. Bücher, Bibliotheken und Übersetzungen treten im Werk der Künstlerin immer wieder auf, so in Untitled (books) (2000), Inbox (2004-2005), Material for a film (2007) und stazione (2009).

In Jacirs Beitrag zur dOCUMENTA (13) mit dem Titel ex libris (2010-2012) geht es um die Plünderung, Zerstörung und Rückerstattung von Büchern. Ein Besuch in der Murhardschen Bibliothek in Kassel lenkte die Aufmerksamkeit der Künstlerin auf die bei einem Bombenangriff 1941 im Fridericianum, das die kurhessische Landesbibliothek beherbergte, zerstörten Bände. Die Handschriften überstanden den Angriff, da sie im angegliederten Zwehrenturm gelagert waren, den die Bomben verfehlten. Jacir stellte auch Forschungen zur Nachkriegsgeschichte an, in der das Land Hessen zur amerikanischen Besatzungszone gehörte. Sie konzentrierte sich insbesondere auf die Bemühungen der Beamten der Monuments, Fine Arts, and Archives Section im Offenbach Archival Depot, dem einzigen Archivdepot in der amerikanischen Zone, die die in der Geschichte umfangreichsten Maßnahmen zur Rückerstattung von Büchern durchführten.

Jacir hat sich den Zwehrenturm als Standort für die Ausstellung ihres eigenen Denkmals für die etwa 30.000 Bücher, die 1948 von Israel bei Plünderungen aus palästinensischen Wohnungen, Bibliotheken und Institutionen entwendet wurden, ausgesucht; 6.000 dieser Bücher befinden sich heute in der Jüdischen Nationalbibliothek in West-Jerusalem, wo sie im Katalog unter dem Kürzel "A.P." (Abandoned Property, also herrenloses Gut) erfasst sind. Im Laufe ihrer zahlreichen Besuche fotografierte Jacir diese Bücher mit ihrem Mobiltelefon. Sie ging außerdem sämtliche Bücher im Nahost-Lesesaal der Bibliothek durch, um Bände zu finden, die ohne die Bezeichnung "A.P." in das allgemeine Signatursystem eingegliedert worden waren. Durch eingehende Erkundung, Auswahl und Katalogisierung hat Jacir ein Verzeichnis der Bruchstücke und Spuren geschaffen, die sie fand. In der Tradition der Schreiber hat sie außerdem einige der handschriftlichen Eintragungen der ehemaligen Besitzer ins Deutsche und Englische übertragen, die jetzt in öffentlichen Räumen in ganz Kassel zu sehen sind. Die Arbeit stellt Fragen mit Blick auf die Rückführung der Bücher und die Ironien der Rückgabe. Das gemeinsame Schicksal aller dieser Bücher ist, dass sie weiteren Zerstörungen entgingen, weil sie zuvor für die Plünderung ausgewählt worden waren; die Rückerstattung des palästinensischen Besitzes steht jedoch noch aus.

 

Eva Scharrer

Kunsthistorikerin, Kuratorin und Kritikerin, lebt in Berlin, Deutschland.

© Text im dOCUMENTA (13) Begleitbuch.
Veröffentlicht mit Genehmigung des Hatje Cantz Verlags

ex libris, 2010 - 2012
Installation mit Handy-Fotografien (Nokia N8). Plakatwände im öffentlichen Raum. Publikation

Gezeigt in der
dOCUMENTA (13)
9. Juni - 16. Sept. 2012
Kassel, Deutschland

In Auftrag gegeben und produziert von der dOCUMENTA (13), mit Unterstützung von Alexander and Bonin, New York; Alberto Peola Arte Contemporanea, Turin.

Besonderen Dank an Yusef N. Suleiman Jacir und Munir Fakher Eldin.


Siehe auch:

01-135 Fridericianum
9. Juni - 16. September 2012, Kassel, Deutschland. Künstlerische Leitung: Carolyn Christov-Bakargiev. 190 Teilnehmer der Ausstellung.
Nafas
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