Laaroussa

Ein kollektives Kunstprojekt fördert die traditionelle Töpferkunst im Dorf Sejnane, Tunesien.
Von Christine Bruckbauer | Jul 2011

Kann ein zeitgenössisches Kunstprojekt ein aussterbendes Kunsthandwerk retten? Die Menschen einer Region von Armut und Zukunftslosigkeit befreien? Selma und Sofiane Ouissi sind davon überzeugt.

Im rauen Nordosten Tunesiens, eingebettet in eine hügelige Landschaft, befindet sich das Dorf Sejnane [Seschnae:n]. Sejnane ist berühmt für zweierlei: die vielen Storchennester und seine einzigartige Keramik. Jedes Jahr im Frühjahr finden sich hier mehrere Dutzend Storchenpaare ein und brüten mit Vorliebe auf dem Dach des verlassenen Bahnhofsgebäudes oder auf der benachbarten, schon seit langem stillgelegten Bergwerksanlage.

Das Besondere an der Töpferware von Sejnane ist, dass sie ausschließlich von Berberfrauen modelliert und von Hand mit feinem graphischen Design bemalt wird. Die Herstellung beruht auf uraltem Wissen, das angeblich bis in die Jungsteinzeit zurückreicht und noch heute von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Der mineralhaltige Boden von Sejnane eignet sich nur wenig für den Ackerbau, liefert jedoch Tonsorten von bester Qualität. Nach dem Abbau wird der Ton von den Frauen mit bloßen Füßen durch Stampfen, Kneten und die Zufuhr von Wasser für die Weiterverarbeitung aufbereitet. Schließlich werden hohle Gefäße oder Figuren geformt, dann in der offenen Glut eines mit getrocknetem Kuhdung gespeisten Feuers gebrannt und später mit den charakteristischen Berbermotiven in rostbrauner und schwarzer Farbe verziert. Ursprünglich sind vor allem Alltagsgegenstände wie Schüsseln, Trinkgefäße oder Löffel für den Eigenbedarf hergestellt worden. Sie werden aber leider immer mehr durch billig produzierte Plastikware verdrängt. Anders verhält es sich mit den figürlichen Objekten, vor allem weiblichen Statuetten und auch stilisierten Katzen, Hunden, Schildkröten und Vögeln, deren abstrahierte Formen an Höhlenmalereien oder Gottheiten von Naturvölkern erinnern. Es sind die wohltuende Reduziertheit und erstaunliche Ausdrucksstärke dieser Tonfiguren, die Aufmerksamkeit erregen.

Die Choreographen und Begründer von Dream City [1], Selma und Sofiane Ouissi, erkannten ein ungenutztes Potenzial für die von Arbeitslosigkeit heimgesuchte Region im Nordosten des Landes und initiierten eines der bemerkenswertesten Kunstprojekte Tunesiens: Laaroussa (bedeutet in der Berbersprache "Puppe", aber auch "Braut"). Die Ambition des Geschwisterpaares, deren Projekte ausschließlich im öffentlichen Raum passieren, liegt nicht im "Gedenken" künstlerischer Leistungen, sondern darin, "sich in die Zukunft einzuschreiben".

Selma und Sofiane Ouissi haben den noblen Anspruch, mittels ihrer Kunstprojekte positiven Einfluss auf die Weiterentwicklung einer Stadt oder Region zu nehmen, und gehen damit weit über die interaktiven Happenings von Fluxus hinaus. Sie agieren vielmehr im Sinne von Josef Beuys Sozialer Plastik (1967), deren Theorie besagt, dass kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch "plastizierend" auf die Gesellschaft einwirken kann. Auch Nicolas Bourriauds Esthétique relationelle (1996), derzufolge die Ganzheit der menschlichen Beziehungen und deren sozialer Kontext in der Kunstpraxis zu berücksichtigen sei, ist in Sejnane mit Laaroussa umgesetzt.

Im Februar 2011 wurde ein Kollektiv gegründet, zusammengesetzt aus zehn zeitgenössischen Künstlern und etwa sechzig Töpferinnen aus der Umgebung von Sejnane. Das Ziel besteht darin, eine Autonomie und Aufwertung des kunsthandwerklichen Könnens der Frauen zu erreichen. Im Glauben an die Energie und positive Veränderung, die im Rahmen einer gemeinsamen Kunstaktion generiert werden können, lebte und arbeitete dieses Kollektiv in der darauffolgenden Zeit eng zusammen.

Nach vier Monaten empfing dann die 75-jährige Töpfermeisterin Om Jemâa gemeinsam mit dem Künstlerkollektiv die Gäste aus der Stadt auf ihrem Gehöft. Aufgereiht in ihren bunt gemusterten Kleidern und den leuchtend schillernden Kopftüchern bildeten sie eine lebende Skulptur.

Benommen vom Duft der wild wuchernden Pfefferminze stapfte das kunstinteressierte Publikum vorsichtig über den kargen, recht unwegsamen Ackerboden, um schließlich auf das gigantische Collier von Tobi Ayedadjou zu stoßen. Eine kopflose Büste gleich daneben möchte die Künstlerin Sonia Kallel als "das Kleid der Laaroussa" verstanden wissen. Wie die Kette aus keramischen Riesenperlen, so besteht auch dieses tönerne Kleidungsstück aus vielen einzelnen, unterschiedlich gestalteten Mosaiksteinchen, die ein Ausdruck der Pluralität und Individualität der einzelnen Teilnehmerinnen sind. Beide Objekte visualisieren die Grundidee des Projektes, im künstlerischen Kollektiv Außerordentliches zu erreichen.

Die Künstlergruppe La Luna baute eine Laubhütte, einen sakralen Kunstraum aus Ästen und Blättern. Ein Video projizierte die Freude über die nie zuvor gekannte Zusammenarbeit auf einen losen Ziegelstapel; eine neue Erfahrung für die Töpferinnen, die bis dahin völlig isoliert zu Hause arbeiteten. Die Erkenntnis der Vorteile des Kollektivs lässt die Frauen von Sejnane nun von einer idealen Mikrogesellschaft träumen, ohne Hierarchie, in der alle Bereiche (Töpferei, Marketing, Kinderbetreuung, Nahrungszubereitung, Landwirtschaft und Transport) durch die Verteilung individueller Kompetenzen abgedeckt werden. Das Projekt Laaroussa half, diese Bedürfnisse zu definieren und bei diversen Stellen um Unterstützung für deren Realisierung anzufragen.

Mit einer poetischen Videoarbeit von Selma und Sofiane Ouissi wird der Töpferkunst von Sejnane nochmals Ehrerbietung erwiesen. Der Ablauf und die über die Jahrtausende tradierten und ritualisierten Handgriffe und Fertigkeiten, durch die sich das rohe Material on begehrenswerte Objekten verwandelt, liegen der Choreographie einer tänzerischen Darbietung zugrunde, die einen die Materie Ton am Beginn des 21. Jahrhunderts neu empfinden lässt.

Anmerkung:

  1. Festival zeitgenössischer Kunst in der Altstadt von Tunis, veranstaltet seit 2007. Siehe den Artikel von Christine Bruckbauer in Nafas, Oktober 2010.

 

Christine Bruckbauer

Auf aktuelle Kunst aus Südasien, dem Nahen Osten und Nordafrika spezialisierte Kunstwissenschaftlerin. Lebt in La Marsa,Tunesien.

Laaroussa
Soziales Kunstprojekt im Nordosten Tunesiens
Februar - Juni 2011


Veranstalter:

L’Art Rue
17 Rue Salaheddine el Ayoubi
2028 Ariana
Tunesien
Website Email

Initiatoren, Leitung:
Selma und Sofiane Ouissi

Künstler/innen:
Tobi Ayedadjou
Sonia Kallel
La Luna
Selma & Sofiane Ouissi

Weitere Teilnehmer:
Om Jemâa und 59 weitere Töpferinnen mit ihren Kindern aus der Umgebung von Sejnane
Slah Ben Ayed
Saloua Ben Salah
Yacine Blaiech
Beatrice Dunoyer
Cecil Thuillier
Nicola Sburlati
David Bouvard
Aurelie Machghoul

Nafas
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