Identitätsfindung im Hyperkulturraum

Identitätsfindung im Hyper- kulturraum. Ein indonesisch- deutsches Austauschprojekt.
Von Christina Schott | Feb 2011

Indonesische Kunst – darunter verstand man in Deutschland bis vor nicht allzu langer Zeit vor allem balinesische Tempelmasken in Völkerkundemuseen. Als einige fortschrittlichere Kuratoren im Zuge der Globalisierung erkannten, dass zeitgenössische Kunst auch in Ländern wie Indonesien eine Rolle spielt, tauchten immer öfter Werke indonesischer Künstler in europäischen Ausstellungen auf. Dabei handelt es sich jedoch meist um dieselben, international bereits erfolgreichen Künstler. Mit einer solchen Auswahl verbrennt sich kein Kurator die Finger, weil die Werke in der Regel schon an den globalisierten Geschmack der Kunstwelt angepasst sind und somit eher dem westlichen Verständnis entsprechen.

Eine Seltenheit sind Ausstellungen, die sich nicht auf den ethnologischen Blick auf eine "exotische" Region beschränken, aber dennoch versuchen, sich mit den unterschiedlichen nationalen Identitäten von Künstlern zu beschäftigen – und diese womöglich sogar danach auswählen, inwieweit ihre Konzepte mit einer Identitätssuche im Multikultibrei der globalisierten Welt zu tun haben.

ID – Contemporary Art Indonesia im Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien ist ein solches Projekt. Es begann schon 2007 in Indonesiens Kulturmetropole Yogyakarta mit einem deutsch-indonesischen Künstleraustausch. Die Ausstellungsmacher gehen aber noch einen Schritt weiter und hinterfragen, ob der Begriff der Interkulturalität nicht ein veraltetes – westliches – Konzept im modernen Hyperkulturraum sei: Die vielfältigen Kulturformen sollten gleichwertig nebeneinander existieren, ohne sich in ein übergeordnetes System einzufügen, und sprengen somit die Grenzen einer vereinheitlichenden Vorstellung vom multikulturellen Austausch.

13 indonesische, deutsche und niederländische Künstlerinnen und Künstler haben sich vor diesem Hintergrund mit dem Stichwort Identität sowie mit interkulturellen Kontexten ihrer Erfahrungen in Indonesien bzw. Europa auseinandergesetzt. Dabei geht es nicht nur um die nationale oder individuelle Identitätsfindung, sondern auch um kollektive, multinationale Identitäten, den interkulturellen Austausch in der Gruppe oder um Grenzerfahrungen zwischen binationalen Paaren, Freunden oder Kollegen.

Auf eine simple, aber effektive Weise beschäftigt sich zum Beispiel der in Braunschweig studierende Künstler Rizki Resa Utama mit dem Thema Selbstinszenierung. In großflächigen Doppelfotografien inszeniert er sich jeweils als Doppelgänger von Freunden und Bekannten, wobei verblüffend deutlich wird, wie sehr sich Äußerlichkeiten auch auf die charakterliche Erscheinung eines Menschen auswirken. Die Videokünstlerin Prilla Tania aus Bandung wiederum versetzt sich selbst mit Hilfe von Stop-Trick-Technik in aus Kreide gezeichnete Räume. In ihrem Video Ini Ibu Budi geht es unter anderem um ihr kritisches Verhältnis zum heimatlichen Fahnenappell. In einem Workshop half sie Schülern des Berliner Robert-Koch-Gymnasiums, sich mit Hilfe derselben Technik mit ihrem eigenen Identitätsverständnis auseinanderzusetzen.

Die Frankfurterin Jorinde Voigt übersetzt in ihren Arbeiten Indonesia I&III  den Rhythmus des Lebens, den sie in Indonesien erfahren hat, in visuelle Partituren. Darin sind sowohl Motorengeräusche als auch Tierlaute, der Lärm eines Marktes oder das vielsprachige Stimmengewirr auf einer Veranstaltung zu finden.

Der weit gefasste thematische Rahmen der Ausstellung ist zugleich ihre größte Schwäche. Die Bandbreite der Werke liegt thematisch und formal so weit auseinander, dass sie nicht wenige Besucher ratlos zurücklässt. Die Präsentation des Kollektivs Forum Lenteng aus Jakarta oder der Künstlergruppe Mes 56 aus Yogyakarta ist für Nichteingeweihte ohne weiterführende Erklärungen schwer verständlich. Insgesamt fehlen mehr Informationen wie etwa die jeweiligen Konzepte der Künstler.

Der Installationskünstler Setulegi aus Yogyakarta erfuhr dies, als er vor Ort wie in einem offenen Studio arbeitete – fast jeder Besucher fragte ihn nach den Hintergründen seiner Installation Tanah Tumpah Darah. Darin geht es um politische Identitäten und soziale Kontraste: Der erste Teil der Arbeit zeigt die Abholzung des Urwalds von Papua, der riesigen Palmölplantagen weichen muss. Vor dem Bild an der Wand versinken die Köpfe von Ureinwohnern im Schlamm der vogelkopfförmigen Halbinsel im Osten Indonesiens. Im zweiten Teil der Installation beantwortet der javanische Künstler sein eigenes Werk nunmehr aus der Berliner Perspektive: im anonymen Großstadtleben des Westens liegt die Wurzel der Zerstörung im fernen Papua, denn kaum ein Produkt unseres täglichen Lebens enthält kein Palmöl, dessen Hauptproduzent Indonesien ist.

Über alle Grenzen und Gesellschaftsformen hinweg verständlich ist die bermerkenswerte Performanceserie Birdprayers des indonesisch-niederländischen Künstlerpaares Arya Panjalu und Sara Nuytemans. Unter dem Titel All in the Mind stecken je vier Performer ihren Kopf in von Vogelhäusern inspirierte Kästen in Form einer Kirche, einer Moschee, eines Tempel und einer Synagoge. Ihr Blickfeld ist auf die kleine Öffnung des jeweiligen Gebetshauses beschränkt. Ohne sich von ihrer Umwelt beeinflussen zu lassen, stehen die Performer mal in einem Reisfeld in Bali, mal auf einem Platz in Istanbul, laufen durch den Vogelmarkt in Yogyakarta oder um das Kolosseum in Rom. Für die neueste Aktion in Berlin haben sich vier Darsteller in Vogelgebetshäuser aus Fastfood-Verpackungen gezwängt und sind am Alexanderplatz in die U-Bahn gestiegen. Die abgebrühten Berliner hatten kaum einen Blick für die komischen Vögel neben ihnen übrig. Hier ist die multinationale Identitätsfindung offensichtlich auf der von den Organisatoren der Ausstellung angepeilten hyperkulturellen Ebene angekommen.

 

Christina Schott

Arbeitet seit 2002 von Jakarta aus als freie Südostasienkorrespondentin für deutsche Medien. Mitbegründerin des Korrespondentennetzwerks weltreporter.net

ID - Contemporary Art Indonesia

10. Dezember 2010 -
13. Februar 2011

Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Mariannenplatz 2
Deutschland
Website Email

Künstler/innen:
Sally Moira Busse, Setu Legi, Yudi Noor, Sara Nuytemans & Arya Pandjalu, Rebecca Raue, Nadin Reschke, Prilla Tania, Rizki Resa Utama, Jorinde Voigt, Forum Lenteng (Otty Widasari & Andang Kelana), Ruang MES 56 (Anang Saptoto)

ID - Contemporary Art Indonesia ist ein Projekt von Nya Luong und J.C. Lanca in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum Kreuzberg / Bethanien

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