Rashid Rana - Immerwährendes Paradox

Der Pakistaner ist der erste zeitgenössische Künstler, der im Musée Guimet in Paris ausstellt.
Von Rosa Maria Falvo | Aug 2010

Was bedeutet "Tradition" für die zeitgenössische Kunst heutzutage? Kann eine neue und alternative Kunstgeschichte durch die Transformation unserer Visionen der "Gegenwart" konzipiert werden? "Sieht" der Westen den Osten letztendlich durch indigene Augen? Hat Émile Guimet [1] (1836-1918) jemals vorgehabt, Kunst aus Pakistan zu zeigen, die unsere Erwartungen so deutlich verletzt, indem sie ursprüngliche Auffassungen von Repräsentation, Form, Dimension, Farbe, Textur und Gestaltung durcheinander bringt?

Während die Fernsehsender laufend über die Hölle der Überschwemmungen in Pakistan berichten und unsere Vorstellungen vom "gefährlichsten Ortes der Welt" [2] bestärken, erwartet im französischen Nationalmuseum für asiatische Kunst eine ganze Zivilisation - alt und zeitgenössisch - diejenigen, die sich - physisch oder konzeptionell - aus ihren etablierten kulturellen Kuschelecken heraus wagen. Rashid Rana, der am meisten gefeierte Künstler aus Pakistan, stellt zum ersten Mal in Paris aus, und das Musée Guimet (an diesem Ort eröffnet 1889) zeigt erstmals zeitgenössische Kunstwerke.

Asiatische Altertümer einer Übersicht über Ranas erstklassige Fotografien und Skulpturen gegenüberzustellen belegt einen entschiedenen Paradigmenwechsel von einem typisch separierenden und in Kategorien aufsplittenden Ansatz hin zu einer mehr integrativen, interdisziplinären und gemeinschaftlichen kuratorialen Praxis. Auf spannende Weise lädt diese Ausstellung ein neues Publikum in den Raum ein, wiederbelebt die Debatte darüber, was ein kulturelles Gedächtnis definiert, sowie über Nationalismus in der Kunst, den Einfluss der Kolonisierung, Modernisierung und Globalisierung und schaut aus einer zeitgenössischen Perspektive auf die Vergangenheit. Jacques Giès, der Präsident des Guimet, erklärte stolz: "Das Museum ist viel mehr als ein Tresorfach für Altertümer. Angesichts des Wertes der asiatischen Dynamik in unserer modernen heutigen Welt - in der sich asiatische Kulturen zum ersten Mal in der Geschichte des Westens einen Platz verschaffen, der von Tag zu Tag größer wird - ist die Zeit gekommen, wie wir glauben, um über unsere Vorstellung vom Museum zu reflektieren und diese zu überdenken." Neben der permanenten Sammlung gehört zur Präsentation auch die Schau des Guimet von Gandharan-Schätzen Pakistans - über 200 Werke im griechisch-buddhistischen Gandharan-Stil.

Rana hat als erster betont, dass "wir in diesen Zeiten der Ungewissheit das Privileg einer einzigen Sicht der Welt verloren haben. Heutzutage trägt jedes Bild, jede Idee und jede Wahrheit ihr Gegenteil in sich." Sein Vorschlag besteht darin, die Aufmerksamkeit neu zu fokussieren und ein neues Denken über eine derartige Komplexität wachzurufen. Seine visuellen Mittel umfassen die Spannungen des Irrtums und der Wahrheit zugleich; manchmal mit verblüffenden Gegensätzen, ein anderes Mal durch subtile und wiederholte Relativierungen gewöhnlicher Annahmen.

Viele Künstler aus unterschiedlichen Regionen begeben sich auf historische Abenteuer, indem sie erkunden, wie die jüngere oder weit zurückliegende Geschichte konstruiert ist und ihre eigene Zeit und Fragestellungen projiziert. Asien ist dabei, sich und die Welt zwangsläufig neu darzustellen, so wie der Westen Asien und sich selbst im Lichte geopolitischer Evolution neu definiert. Paradoxerweise scheint es so, als wenn das "Gesehene" immer undurchsichtiger wird und sich das "Ungesehene" zunehmend für eine Aufdeckung öffnet.

Ranas Werke sind tatsächlich "vermeintlich abstrakt" und drücken jene Wahrnehmungstrennung zwischen dem was stilisiert und dem was spontan ist aus. Seine "Illusionen" sind wirklich Repräsentationen des behandelten Sujets und unserer Neigung, nur einen Gedanken anzuwenden, nur eine Meinung zu vertreten - absolut abhängig vom Bedeutungszusammenhang - wird von diesem Künstler absichtlich herausgefordert. Wir sehen, wie durch Manipulation "Wahrheit" abgeleitet oder sogar fabriziert werden kann. Aus der Entfernung erkennen wir eine Sache, und wenn wir näher herantreten, verstehen wir eine andere, und so muss sich unser Glaubenssystem notwendigerweise erweitern - wie das Rhizommodell von Deleuze und Guattari [3]. Der Spiegel als Illusion, die Verdopplung als Reflexion, das Mikro als Makro sind alles Aspekte der "akzentuierten" Anamorphose von Rana. Wir alle sind durch Erfahrung voreingenommen, einschließlich des Künstlers selbst. Vielleicht liegt die ultimative Ironie in unserer konstanten Verwunderung über das Kontinuum von Möglichkeiten.

Die Arbeit Desperately Seeking Paradise [4] (2007-2008) steht majestätisch innerhalb und außerhalb des Kontexts im Zentrum der Haupteingangshalle des Museums. Dieses Werk war Teil des pakistanischen Pavillons bei der Art Dubai 2008. Die endgültige visuelle Überraschung innerhalb dieser Struktur, die der Kaaba in Mekka ähnelt, beruht auf der Erkenntnis, dass die Vertikalität ihrer "idealen" Skyline in der gespiegelten Gitterstruktur eigentlich ein Aufstapeln von winzigen Bildern des sich horizontal ausbreitenden "urbanen Zentrums" von Lahore, Ranas Heimatstadt, ist. Dieses Schlüsselwerk beinhaltet seine wichtigsten formalen Überlegungen und verkörpert seinen einzigartigen künstlerischen Ansatz. Damit examiniert, dekonstruiert und rekonfiguriert er unsere visuellen und kulturellen Mutmaßungen - dieses Mal aus dem Inneren der Zitadelle einer anerkannten historischen Institution heraus, auf der Basis traditioneller objets d'art.

Ranas 27 Arbeiten, entstanden von 1992 bis in die Gegenwart, sind in fünf thematische Sektionen unterteilt: "Die Idee des Abstrakten", "Tradition überschreitend", "Echtzeit", "Andere Räume", "Zwischen Fleisch und Blut" und "Selbst im Anderen". Die konzeptionelle Umrahmung seiner Themen verdeutlicht nicht nur seine Ästhetik, sondern ihre Austauschbarkeit hinsichtlich Dimension, Zeit und Raum - wenn er Fotos populärer Bildwelten und aktueller Ereignisse verwendet - bringt uns von konventionellen Interpretationen von Erbe, Porträtschaffen, Symbolismus und Ornamentierung weg. Werke wie Ich liebe Miniaturen (2002) und Roter Teppich 1 (2007) hinterfragen, wie die Vergangenheit neben heterogener Identität und der Doppelmoral politischer Realitäten sitzt. Seine eingefrorenen Fakten - koloniale Architektur, Plastikblumen, Bücher, Herdplatten und Fernseher - assoziieren Bewegung und Stillstand, wobei die grundlegenden Kniffe der Darstellung zutage treten. Vergrößerte Bezüge zu Haut, Sex, Gewalt und Tod bringen uns wieder zu dem zurück, was greifbar ist, so als ob wir daran erinnert werden sollen, dass unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen direkte Auswirkungen auf das Fleisch und Blut von jemand (falls nicht unser eigenes) haben. Seine Neukomposition von Courbets berühmtem Gemälde Der Ursprung der Welt (1866) vergrößert die Politik der Erschaffung und Zerstörung - privat und öffentlich, persönlich und kollektiv - und bekräftigt den "Realismus" einer Welt, die sowohl geteilt als auch homogenisiert ist. Die Art der Disparität, die solche Werke wie Ein Tag im Leben einer Landschaft (2004) und Offshore Accounts 1 (2006) reflektieren, belegen die kreative Konsistenz des Künstlers beim freien Ausdruck multipler Wahrheiten.

Rashid Rana ist einer jener seltenen Künstler, die eine einzigartige Synthese zwischen westlicher Rationalität und einer östlichen Weltsicht entwickelt haben. Er hat seine Ausbildung in beiden Realitäten erhalten und lebt und arbeitet sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite. Rana kommuniziert auf die Weise, die Quddus Mirza als "eine globale Sprache ... mit einem besonderen Akzent" bezeichnete. Seine auf die Dualität der Existenz und der prismatischen Eigenart von Kultur fokussierten Erkundungen vermählen sich gut mit der bahnbrechenden Bewegung des Guimet hin zur Aufhebung von Zeit und Raum und konjugieren Kontext und Bedeutung, um neue Assoziationen offenzulegen und uns zu tieferen Einsichten zu führen. Natürlich schließen die Befreiung von Ignoranz und Illusion in den inneren wie äußeren Bereichen sowie die wahrhaftige Erkenntnis des Selbst (inklusive der Identität dieses Künstlers) Paradoxien ein. Ranas Werke erzeugen eine Wahrnehmungsdissonanz und sind von einer solchen geschaffen und behalten eine kognitive und affektive Macht über ihr Publikum.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Emile Guimet (1836-1918) war ein französischer Industrieller, Reisender und Connaisseur. Er besuchte Ägypten und Griechenland bevor er 1876 um die Welt reiste und dabei längere Stops in Japan, China und Indien einlegte. Während seiner Reisen erwarb er eine große Sammlung von Objekten, die er in einem 1879 in seiner Heimatstadt Lyon eröffneten Museum ausstellte. Diese Sammlungen sind in den Folgejahren nach Paris verlagert worden, wo er ein neues, 1889 eröffnetes Museum bauen ließ. Noch während der Lebenszeit von Emile Guimet konzentrierte sich das Museum zunehmend auf die Zivilisationen Asien, behielt aber noch eine Sektion für die Religionen des Alten Ägypten bei. Siehe: Musée Guimet - Geschichte.
  2. "The world's most dangerous place", Titel der Ausgabe vom 5. - 11. Januar 2008 von The Economist, auf dem Pakistan als Handgranate dargestellt ist.
  3. Die philosophische Metapher Rhizome entwickelten die französischen Autoren Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem Projekt Kapitalismus und Schizophrenie (1972–1980), veröffentlicht in zwei Bänden: Anti-Ödipus (1972, dtsch. 1974) und Tausend Plateaus (1980, dtsch. 1992).
  4. Desperately Seeking Paradise (Verzweifelt das Paradies suchend) ist auch der Titel eines Buches des pakistanischen Autors Ziauddin Sardar, das den Untertitel hat Journeys of a Sceptical Muslim (Reisen eines skeptischen Moslems), Granta, London, 2005.


Rosa Maria Falvo

Freischaffende Autorin und Kuratorin, spezialisiert auf zeitgenössische asiatische Kunst. Beraterin von Skira International Publishing in Mailand für die Region Asien-Pazifik.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Perpétuel Paradoxe

7. Juli - 15. Nov. 2010

Musée Guimet
6, place d'Iéna
Frankreich
Website

Kuratoren:
Jacques Giès, Präsident des Musée Guimet, und Caroline Arhuero, wissenschaftliche Mitarbeiterin

Gastkuratorinnen:
Arianne Levene und Églantine de Ganay

Rashid Ranas Schau eröffnete im Rahmen der Ausstellung "Pakistan - Wo Zivilisationen zusammentreffen, Gandharan Kunst des 1. bis 6. Jahrhunderts n. Chr.", 21. April - 16. Aug. 2010

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