O Tapaaxamo

Universalism at stake? Dialogues with Senghor. Internat. Workshop und Ausstellung im Senegal.
Von Maria Thereza Alves | Feb 2004

"O Tapaaxamo" bedeutet, einen Umweg zu machen, weil es dem eigenen Überleben abträglich wäre, in diesem Moment mit jemand das Essen teilen zu müssen. In der Sprache der Serere, einem matriarchalischen Volk auf der Insel Fadiouth im Süden Senegals, wird der Monat September so genannt. Für einen Bauern ist es der schlimmste Monat überhaupt. Der August, "O Ndangan", ist auch nicht viel besser: die Kornkammer ist leer, und es gibt nichts zu essen. Wir, eine Gruppe von Künstlern, sind dort im Dezember angekommen, ("Baneex", nach der Ernte, also zu einem Zeitpunkt "stolz zu sein"), eingeladen zum Workshop "Universalism at stake? Dialogues with Senghor" (Universalismus gefährdet? Dialoge mit Senghor).

Leopold Sédar Senghor war der erste demokratisch gewählte Präsident Senegals und regierte das Land in der Zeit des Übergangs von einer französischen Kolonie zu einem unabhängigen Staat. Senghor war auch Dichter und Mitglied der französischen Literaturakademie. In den 1930er Jahren kämpfte er gegen die den Verstand abstumpfenden ökonomischen, politischen und sozialen Auswirkungen der kolonialen Abhängigkeit Afrikas. Er vertrat die Meinung, alle an einem universellen Dialog Beteiligten hätten gleichwertige Beiträge in diesen einzubringen.

Joal-Fadiouth, zwei durch eine Brücke verbundene Inseln, ist der Geburtsort von Senghor. Hier fand unser Workshop statt. Muslime, Christen und Anhänger traditioneller Religionen leben in diesem Gebiet seit Generationen friedlich zusammen. Die Einheimischen waren sich selbst versorgende Bauern, aber das hat sich im letzten Jahrzehnt auf Grund immer häufiger auftretender Dürren geändert, weshalb die meisten jetzt hauptsächlich durch Fischfang ihren Lebensunterhalt bestreiten. Senegals Hauptexportgüter sind Erdnüsse und Fisch.

Ist der Dialog zwischen einer Gruppe von internationalen Künstlern und einer Gemeinde in einem der wirtschaftlich am meisten benachteiligten Länder der Welt überhaupt möglich? Vor einigen Jahren erhielt ich eine Email mit dem Aufruf, die Johannesburg Biennale zu boykottieren, weil sie mit den Bedürfnissen der Gesellschaft Südafrikas unvereinbar (und vielleicht ein Luxus) sei. Damals dachte ich, ein Boykott der Biennale von São Paulo wäre angebrachter. Denn immerhin hatte in Johannesburg eine postkoloniale Gesellschaft beschlossen, eine Biennale zu veranstalten. Demgegenüber ist Brasilien (weltweit das Land mit dem zweitgrößten schwarzen Bevölkerungsanteil) eine hyper-koloniale Gesellschaft wirtschaftlich und politisch mächtiger Nachkommen von Europäern, welche die größtenteils nicht-weißen und nicht aus Europa abstammenden Einwohner vom kulturellen, ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs ausschließt.

Durch Diskussionen mit den am Projekt in Senegal beteiligten Künstlern, insbesondere mit Muhsana Ali, Ludovic Linard, Myriam Mihindou, Anri Sala und Kan-Si sowie durch den täglichen Kontakt mit dem Betreuerteam, vor allem mit Adj Amy Sene und Ibrahim Ba, begann ein Dialog - zunächst zaghaft, mit all den kulturellen Eigenheiten und dem Ballast, mit denen wir uns auseinandersetzen mussten: Kolonialismus, Rassismus, Exotismus, Anthropologie, Ethnologie, Aneignung und das große ökonomische Gefälle. Anri Sala, aus Albanien meinte jedoch, ein Dialog sei durchaus möglich, da wir u.a. von der senegalesischen Künstlergruppe "Huit Facettes" eingeladen worden waren.

Einmal wurde Luiz Antonio Medeiros, ein brasilianischer Gewerkschaftsführer und Organisator der ersten Konferenz für Arbeiter und Umwelt 1991 in Manaus am Amazonas, von Arbeitern dafür kritisiert, ihre Gewerkschaft in etwas einzubinden, das sie als Angelegenheiten ansahen, die Arbeiter überhaupt nicht beträfen. Medeiros antwortete: "Wollen wir uns mit der Definition eines Arbeiters begnügen, die uns die Chefs aufzwingen? Oder wollen wir Bürger sein, die an allen Aspekten unserer Gesellschaft teilhaben?"

Die Entscheidung von Joal-Fadiouth (einer verarmten Gemeinde mit Schwierigkeiten hinsichtlich der elementaren Infrastruktur), eine Gruppe von Künstlern einzuladen, um sich an einem Dialog zu beteiligen, gab uns allen die Möglichkeiten, universelle und gleichwertige Beiträge einzubringen. In einer offiziellen Zeremonie unter einem heiligen Baobab-Baum, dem traditionellen Ort für die Gemeinde betreffende Entscheidungen, wurden die Künstler zu "Ehrenbürgern" von Joal-Fadiouth ernannt.

Siehe das Projekt "Le Pont des Regards" (die Brücke, um sich einander anzusehen) vom senegalischen Künstler Kan-Si >>

 

Maria Thereza Alves

* Brasilien. Künstlerin und Autorin, Mitbegründerin des Partido Verde (Partei der Grünen) in São Paulo und frühere Abgeordnete des Partido dos Trabalhdores (Arbeiterpartei).

Universalism at stake?
Dialogues with Senghor

Internationaler Workshop und Ausstellung im öffentlichen Raum in Joal-Fadiouth, Senegal

Dezember 2003 -
April 2004

Veranstalter:
Face a Face
Group 30 Afrique
Huit Facettes Interaction
University of the Littoral

Kuratorin: Marie Therese Champesme

Künstler/innen:
Muhsana Ali
Maria Thereza Alves
Taysir Batniji
Jack Beng-Thi
Marie-Noëlle Boutin
Maxence Denis
Jimmie Durham
Angela Ferreira
Kan-Si
Ludovic Linard
Myriam Mihindou
Anri Sala

Nafas
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