Rose Issa - Interview

Die Kuratorin über die Ambivalenz des neuen Interesses an Kunst aus der islamischen Welt.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Mär 2004

Haupt & Binder: Das vor über zwei Jahren schlagartig gestiegene Interesse an der islamischen Welt erstreckt sich auch auf die visuellen Künste. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung aus Ihrer beruflichen Perspektive? Führt dieses Interesse zum Abbau von Vorurteilen oder ist es stattdessen mit neuen Klischees verbunden?

Rose Issa: Ich kann jede Art von "gesteigertem Interesse" an der islamischen Welt nur begrüßen, das sich gerade entwickelt, obgleich es ein wenig spät kommt und nicht tief genug geht. Es hat ja immer Experten auf jedem Gebiet gegeben, sowohl in der islamischen Welt selbst und auch außerhalb davon, die nur darauf warteten, englich gehört oder anerkannt zu werden. Aber jahrzehntelang haben die unter dem Diktat von Regierungen und Marktmonopolen stehenden Medien der Welt geschwiegen und die missliche Situation vieler Intellektueller und Künstler der islamischen Welt ignoriert. Dieselben westlichen Medien, die die Fernseher in aller Welt tagtäglich mit 60 Jahre alten Holocaustgeschichten bombardieren, ignorieren das Schicksal der Palästinenser, die seit 50 Jahren unter der Kolonialherrschaft des einzigen auf der Basis archaischer religiöser Glaubensvorstellungen geschaffenen Staates leben. Als Millionen junge Iraker und Iraner während des Krieges 1980-88 starben, fand diese Katastrophe in den Medien kaum Erwähnung. Jene, die zur "islamischen Zivilisation" gehören und nicht unbedingt Moslems sind, wurden "zwischen einem Felsen und einer harten Stelle" zerrieben (Edward Saïd) und litten darunter, sowohl in ihren eigenen Ländern als auch anderswo falsch repräsentiert zu sein, das heißt, weder von den eigenen Regimes, noch vom Westen, repräsentiert oder gefördert zu werden.

Heutzutage, nach dem 11 September, haben die meisten begriffen, dass die Bin Ladens oder die Saddam Husseins ein Nebenprodukt der schlechten CIA-Intelligenz sind. Offensichtlich gibt es ein plötzliches Interesse an islamischem Gedankengut und Bewegungen. Doch obwohl viele arabische Länder jahrzehntelang ein säkuläres System hatten, förderte die manipulative Politik der amerikanischen und westlichen fundamentalistischen Märkte das Verschwinden aufkeimender säkulärer Regierungen im mittleren Osten und ermutigte rückwärts gewandte Regimes und Propaganda, den eigenen Rassismus und kurzfristige Interessen zu bedienen.

Es gibt eine wachsende Unzufriedenheit über die Fehldarstellungen der islamischen Welt, die zumeist durch Marionettenregimes und -individuen vertreten wird, die niemand gewählt hat. In der islamischen Welt wird durchaus versucht, ein eigenes Bild und eine eigene Stimme zu verbreiten (z.B. der Fernsehsender Al Jazeera), aber selbst solche arabischen Fernsehsender ignorieren oft die kritischen Stimmen ihrer eigenen Intellektuellen.

H&B: Haben Sie Auswirkungen des gestiegenen Interesses an der islamischen Welt auf die künstlerische Produktion und die Rezeption der Kunst in den Ländern selbst erkennen können?

Issa: Ob es Auswirkungen dieses Interesse auf die künstlerische Produktion gibt? In gewisser Weise schon, denn einige Künstlerinnen und Künstler erhalten die Chance, Werke zu realisieren, die ohne Unterstützung und finanzielle Förderung aus dem Ausland nicht möglich gewesen wären. Das bringt auch lokale Institutionen dazu, die Talente im eigenen Land anzuerkennen und sie dementsprechend zu belohnen. Kiarostamis Erfolg außerhalb des Irans hat die iranische Regierung gezwungen, ihm einen Preis zu verleihen, obwohl sie ihm nicht erlaubt, seine letzten Filme zu zeigen. Es ist interessant, diese alltäglichen Paradoxien zu beobachten und zu analysieren.

H&B: Schon seit langem kuratieren Sie visuelle Kunst und Filmprogramme aus dem Mittleren Osten, Iran und Nordafrika. Denken Sie, dass sich Ihr Ansatz aufgrund der veränderten politischen Umstände modifiziert hat?

Issa: Die letzten 20 Jahre habe ich Ausstellungen und Filmreihen kuratiert und organisiert, oft mit nicht existierenden Budgets, nur mit dem bloßen Willen einiger Künstler, Filmemacher oder anderer Personen. Länger als ein Jahrzehnt war ich nicht in der Lage, Monografien, Kataloge, Bücher und notwendige Dokumentationen zu veröffentlichen, weil weder im Osten noch im Westen ein Budget dafür zu bekommen war. Wenn es um finanzielle Förderung geht, sind in der islamischen Welt kaum Schirmherren, Sponsoren oder geeignete Institutionen mit der entsprechenden Infrastruktur zu finden. Es fehlt das Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, den eigenen Künstlern eine Stimme zu geben und sie zu unterstützen, egal wie kritisch diese Stimmen sind. Geld wird oft für den Bau eines Museums oder einer Institution ausgegeben, aber nicht unbedingt für die Ausbildung von Studenten als Kuratoren, Restauratoren, Designer, Bibliothekare oder Administratoren.

Ob sich mein kuratorialer Ansatz verändert hat? Natürlich verändern sich Künstler, die Arbeiten verändern sich, die Themen, was einen beschäftigt ändert sich; die Finanzierung ändert sich, auch das Interesse für Künstler. Die Tatsache, dass bestimmte Künstler nicht länger ignoriert werden können, verändert die Repräsentation der Werke. Die Künstler sind zu Recht anspruchsvoller geworden und äußern stärker ihre Bedürfnisse. Je größer das Interesse und die Konkurrenz sind, desto besser ist das Resultat. Es sind anregende Zeiten.

H&B: Welches sind die wichtigsten Themen und Anliegen, die von den Künstlerinnen und Künstlern in der Ausstellung "Entfernte Nähe" angesprochenen werden und die Sie einem europäischen Publikum vermitteln möchten?

Issa: Das Hauptanliegen von "Entfernte Nähe" ist kein politisches, wie es immer von Künstlern aus dem Mittleren Osten erwartet wird. Es ist ein künstlerisches: das einer neuen ästhetischen Sprache, welche die Grenze zwischen Realität und Fiktion, Dokumentarischem und Narrativem, wahren und erfundenen Geschichten verwischt. Die Stärke der zeitgenössischen iranischen Kunstszene spiegelt sich in dieser Verknüpfung der Stoffe des Lebens und der Kunst wider. In einem heiklen Moment unserer turbulenten Geschichte vermittelt sie hoffentlich einen Einblick in die Lage der Welt, des Iran, der Kunst.

Falls es im Osten Hoffnungslosigkeit gibt, dann empfinde ich eine solche auch im Westen. Diese Veranstaltung soll jeden, im Osten wie im Westen, vor allem jeden Künstler ermutigen, die Kontrolle über die eigenen Äußerungungen zu übernehmen und das auszudrücken, was man sagen will, egal wie geringfügig es auch sein mag. Iranische Künstlerinnen und Künstler haben gezeigt, dass ihr Wille, sich mitzuteilen, stärker als alle Restriktionen ist, seien diese materiell oder nicht, und dass ihre Anliegen von anderen geteilt werden, wo auch immer es sein mag.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

Rose Issa
Lebt in London. Kuratorin, Kunstkritikerin, Autorin; spezialisiert auf bildende Kunst und Film aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Hat zahlreiche Filmfestivals und Ausstellungen zeitgenössischer Kunst kuratiert, u.a. zusammen mit: Barbican Centre, Leighton House, Brunei Gallery, National Film Theatre and British Film Institute, Institute of Contemporary Art / ica (alle London); Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (Spanien), Foundation Beyeler (Schweiz), La Villette (Paris), Asia Society (New York), ifa (Deutschland).

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