Die 9. Biennale Kairo: Gib mir einen Luftballon

Eine kritische Betrachtung der Struktur und der Hintergründe der Biennale und ihrer Veranstalter.
Von Iolanda Pensa | Jan 2004

Ein seriöser 50jähriger Mann im Regenmantel und mit einem Luftballon in den Händen geht durch die Internationale Biennale zeitgenössischer Kunst in Kairo. Er dribbelt den Ballon an alten Pyramiden vorbei, schlurft über Sand (hier und da ausgestreut, wahrscheinlich um an orientalische Wüsten zu erinnern) und betrachtet ratlos einige Bilder von Pferden, die an den Wänden hängen. Wie bei einem Banner steht auf dem pinkfarbenen Ballon, den er mit sich führt, ein Zitat von Anaïs Nin in Arabisch: "Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind." Cominciamo bene.

Neun Ausgaben der Kairo Biennale: erstaunlich! So viele Editionen unter so schwierigen Gesundheitsbedingungen. Der Kairo Biennale geht es nicht gut, denn sie ist interessanter unter politischen und sozialen Gesichtspunkten als unter künstlerischen Aspekten (vor allem, was die ägyptische und arabische Beteiligung betrifft).

Das Beste der Biennale

Wie dem auch sei, beginnen wir mit den interessantesten Werken. Johanna Kandls Ballons (österreichischer Pavillon) sind ohne Zweifel die passendste Idee für diese Ausstellung: sie gleiten durch das Publikum, sie geraten in Verschwörungen und sie erhellen die Atmosphäre, indem sie die Leute lächerlich aussehen lassen. Auf jedem Ballon steht ein Zitat in Arabisch, bedeutungsvoll genug, um sich klug vorzukommen, wenn man ihn trägt, und beschämend, wenn man den Text nicht lesen kann.

Rashid Rana verwendete für sein Bild "This picture is not at Rest" (Dieses Bild ruht nicht, pakistanischer Pavillon) eines jener Poster einer sanften schweizer Landschaft, die man in den Straßen Pakistans als Schmuck für das Wohnzimmer kaufen kann. Das Poster wurde digital verändert: aus der Entfernung kann man die leuchtenden Farben der Almwiesen genießen, aber wenn man näher herangeht, erkennt man kleine artifizielle Fenster aus Fernseh-Stills von Nachrichtensendungen, Spuren einer anderen zeitgenössischen Welt, die hinter dem familiären und idyllischen Frieden verborgen ist.

Lisa Schiess (Pavillon der Schweiz) untersucht und mischt in "Ma Bohème" Musik, Sound, Poesie und Bilder aus der Schweiz und Ägypten. Sie verwendet dafür Videos, Konzertaufnahmen, Projektionen, Texte und eine CD. Die Arbeit ist interessant, weil sie in Kairo entstanden ist, aber das Paradoxe dabei ist, dass sie von der Bundeskommission (den Organisatoren des schweizer Pavillons) nicht gefördert oder unterstützt wurde. Diese entschied lediglich, sie in der Biennale zu präsentieren, weil sich die Künstlerin ohnehin schon in der Stadt aufhielt.

Der US-amerikanische Künstler Paul Pfeiffer zeigt in seinem ortsspezifischen Pavillon eine Sequenz barocker Fragmente aus kleinen und großen Videos - in den heutigen symbolischen Tempeln eingefangene Triumphe und Niederlagen: Sporthallen und Sofas, wo jedermann früher oder später endet. Im hinteren Teil erscheint die Sonne, bereit, auf- oder unterzugehen, aber sie bewegt sich nicht, hängt wie ein Kloß im Hals.

"Unstable Habitat" von Marcelo Salvioli und Federico Neder (argentinischer Pavillon) im Kellergeschoss sieht wie ein echter Biennaleraum aus, auf den Kopf gestellt und wie ein Schlachtfeld: vielleicht ein unerwartetes Resultat, aber ein wirklich glückliches und dieser Ausstellung angemessenes.

Wie es abläuft

Ich schrieb über "Pavillons", aber wahrscheinlich ist dieser Ausdruck nicht so ganz deutlich. Die Biennale Kairo (entstanden 1984, seit 1986 offen auch für Teilnehmer von außerhalb der arabischen Welt) ist nach dem Vorbild der Biennale Venedig strukturiert: es gibt nationale Pavillons (die von den verschiedenen nationalen Repräsentanten organisiert werden), Ehrengäste (ausgewählt vom Höchsten Komitee) und spezielle Einladungen (ebenfalls vom Höchsten Komitee ausgewählt). Alle Arbeiten werden an drei Ausstellungsorten gezeigt: dem Opernhaus, der Akhnaton Galerie und dem Gezira Arts Centre. Auf Schildern stehen der Name des Künstlers, die Nationalität und die Kategorie (Pavillon, Ehrengast oder spezielle Einladung). Es ist sehr schwer zu erkennen, wer wen ausgewählt hat, wem ein Verdienst zukommt und wer sich wohl eher geirrt hat. Das mag den Veranstalter nicht stören (offiziell "Höchstes Komitee" genannt), weil die Künstler und Kuratoren in jedem Falle dem Manifest des Generalkommissars Ahmed Fouad Selim zu folgen haben (in diesem Jahr zur Mythologie) und jedes Werk immer erst dem Veranstalter zur Beurteilung vorgestellt werden muss und von diesem jederzeit abgelehnt werden kann, wenn es nicht das Prestige der Biennale widerspiegelt oder religiöse Sensibilitäten verletzt.

Das Reglement der Biennale (auf der CD-ROM der Biennale 2003) kann einige hilfreiche Hinweise zum Verständnis der politischen und sozialen Implikationen dieser Schau geben. In Artikel 3 steht: "in Übereinstimmung mit der UN Charta, dem internationalen Recht und der Charta der Arabischen Liga wird Staaten, die die Souveränität anderer Länder verletzen, gewaltsam fremdes Territorium besetzen oder Invasoren oder Besatzer tolerieren oder unterstützen, die Teilnahme an der Internationalen Biennale Kairo nicht gestattet". Auf Grund dieses Artikels war Israel nie zur Biennale eingeladen und aus diesem Artikel könnten wir auch schließen, weshalb "die Biennale ein wichtiger Ort für den Dialog zwischen den USA und der islamischen Welt" ist, wie es in einer Pressemeldung der Botschaft der USA in Kairo heißt (11. Dez. 2003). Die USA geben eine Menge Geld aus, um eine gute Figur zu machen, und sie sind das einzige Land, das tatsächlich einen Pavillon hat, errichtet von einem speziell eingeflogenen Team: er kann sowohl im Freien (wie im Falle von Judith Barrys Videoprojektionen 2001) als auch ein Innenraum sein, wie der Raum im Raum, der für Paul Pfeiffers Einzelausstellung gebaut wurde

Ein anderer Pavillon, der eine nähere Betrachtung lohnt, ist der italienische. Die an der Biennale teilnehmenden Länder erhalten eine offizielle Einladung des ägyptischen Außenministeriums und werden gebeten, ihre Künstler selbst auszuwählen und vorzuschlagen. Zum Beispiel in Österreich bestimmt eine Expertenkommission einen Kurator, der die Künstler auswählt. Der Fund for U.S. Artists bittet einige Kuratoren und Institutionen um Vorschläge, aus denen ein wissenschaftliches Komitee den US-amerikanischen Repräsentanten auswählt und dabei "das gegenseitige Verständnis und den Respekt zwischen den USA und dem Gastland" zu berücksichtigen hat. Dabei sind keine Vorschläge von kommerziellen Galerien, eigene Vorschläge oder persönliche Beziehungen zwischen den Kuratoren und den Künstlern erlaubt. Italien hat hingegen Herrn Carmine Siniscalco, der die italienischen Künstler für ägyptische Biennalen und Triennalen auswählt, Ausstellungen italienischer Künstler in Ägypten sowie ägyptischer Künstler in Italien organisiert, Direktor der kommerziellen Galerie Studio S in Rom und persönlicher Galerist des Künstlers und ägyptischen Kulturministers Farouk Hosni ist.

Wem gehört die Biennale?

Ein Dokumentarfilm auf der offiziellen CD-ROM der Biennale Kairo ist ein perfekter Spiegel der Ausstellung. Das Bild ruckelt, stottert, wackelt, schwankt, verliert aber nie den Kontakt zu den tatsächlichen Protagonisten der Veranstaltung: selbstverständlich sind es nicht die Kunstwerke, sondern der ägyptische Kulturminister und sein eifriger Hofstaat, darunter das Höchste Komitee.

Es scheint so, als wenn keiner wirklich etwas zur Organisation der Kairo Biennale zu sagen hätte, denn die findet seit fast 20 Jahren mehr oder weniger auf die gleiche Weise statt. Der Kulturminister scheint glücklich zu sein, ebenso der Präsident Ägyptens, Mohammed Hosni Mubarak, und was das internationale Kunstpublikum betrifft - selbst wenn es nicht glücklich ist, wen kümmert das schon! -, das kommt sowieso nicht wieder, und das lokale Publikum ... das Publikum? Die Veranstalter sind für die Kommunikation und die Werbung für die Veranstaltung zuständig. "Die Biennale ist ein Geheimnis", sagt der ägyptische Künstler Moataz Nasr. "Die Veranstalter haben die Möglichkeit, die einzige Stimme zu sein, und sie sagen uns, dass wir die Besten seien. Wir leben mit einer großen Lüge."

Die Veranstalter der Biennale Kairo sind mehr oder weniger dieselben Leute, die auch immer die Ausstellungen in den ägyptischen Pavillons der Biennalen von Venedig und São Paulo leiten und manchmal selbst darin vertreten sind. Die für die Biennale Kairo und die Pavillons bei anderen Biennalen ausgewählten ägyptischen und internationalen Künstler repräsentieren den Geschmack, die Dynamik und Beschränkungen einer Gruppe, die in den ägyptischen Kulturinstitutionen gegenwärtig die höchsten Positionen innehat, aber das Land hat viel mehr zu bieten.

In Kairo gibt es viel mehr zu sehen

Wenn man die zahlreichen parallelen Ausstellungen und Projekte sieht, begreift man sehr schnell, dass sich viele ägyptische Künstler und Kuratoren der Grenzen und Mängel der Biennale Kairo bewusst sind und Alternativen anbieten wollten. Dazu gehören:

"Going Places", bis März 2004; "PhotoCairo", Townhouse Gallery, 14. Dez. 2003 - 7. Jan. 2004 "Tabla Dubb" und "The Supreme Council", zwei Performances von Hassan Khan bei PhotoCairo; "Two Days to Apocalypse", eine Videoprojektion von Basim Magdy, organisiert von Aleya Hamza in der Falaki Gallery; die von Moataz Nasr im Kulturzentrum Al Sawi organisierten Rundtischgespräche über die Biennale Kairo; "The Workshop 4", ein Workshop zu neuen Medien, organisiert von Shady El Noshokaty für Studenten der Fakultät für Kunst in Gezira.

2001 war das Al Nitaq Festival mit seiner großen Zahl an Ausstellungen eine guter Beleg für den Reichtum und die Lebendigkeit der Kunstszene Kairos, doch dieses Jahr fand es nicht statt und wurde vermisst. Unsere Wahrnehmung der zeitgenössischen Kunst Ägyptens sollte nicht von der schwachen Qualität der Biennale ruiniert werden, denn die zeitgenössischen ägyptischen Künstler verdienen durchaus die Aufmerksamkeit, die solche Biennalen normalerweise mit sich bringen.

 

Iolanda Pensa

Freischaffende Kritikerin und Autorin in Mailand, Italien. Sie veröffentlichte u.a. in Flash Art, Tema Celeste, Nigrizia, Africa, Gulliver, Africa e Mediterraneo.

9. Internationale
Biennale Kairo

13. Dezember 2003 -
13. Februar 2004

Kunstpalast (Opernhaus), Akhnaton Galerie, Gezira Kunstzentrum.

220 Teilnehmer in 56 nationalen Beiträgen.

Nafas
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