Anas Al-Shaikh

Der Künstler über die Notwendigkeit neuer künstlerischen Ansätze zur Veränderung der Gesellschaft.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Jun 2004

Als wir in Dubai bei einem Treffen mit Künstlern erzählten, dass wir anschließend nach Bahrain reisen, meinten diese, wir müssten dort unbedingt Anas Al-Shaikh kennenlernen. Im ersten Vortrag des Seminars beim Bahrain-Assilah Culture Forum fiel der Name erneut. Die Referentin, Balqees Fakhro, hob die Arbeit von Al-Shaikh als herausragendes Beispiel eines für Bahrain neuen künstlerischen Ansatzes hervor. Am nächsten Tag trafen wir ihn dann in der Al Riwaq Galerie zu einem langen, überaus interessanten Gespräch.

Auf unsere Frage nach den Intentionen seines Schaffens antwortete Anas Al-Shaikh: "Wichtig für mich, der ich in der arabischen, in der islamischen Welt lebe, ist die Feststellung, dass wir auf vielen Gebieten, wie der Politik, den Menschenrechten, der Demokratie, nicht vorankommen. Wir scheinen nicht fähig zu sein, eine neue Kultur oder eine neue Kunst hervorzubringen. Deshalb bemühe ich mich darum, dass ein Dialog mit uns selbst, mit unserem Ego, in Gang kommt." Es interessiere ihn, "... wie wir uns auf künstlerische Weise auf bestimmte Phänomene fokussieren können, wie wir die neuen Medien nutzen können, um uns selbst auszudrücken - unsere Ideen, unsere Probleme und unsere Verwirrung, an der wir besonders leiden. ... Jeder beharrt auf seinen eigenen Auffassungen und respektiert nicht die des anderen, will nur das tun, woran er glaubt, immer davon überzeugt, dass nur er selbst wisse, was wirklich los sei. Mit der Kunst will ich dazu beitragen, dass über solche Einstellungen diskutiert wird. Ich denke, wir sollten die Ursachen für Probleme zuerst bei uns selbst suchen, bevor wir andere dafür verantwortlich machen. ... Am wichtigsten ist, wie wir selbst unser Leben verändern. Wenn wir Fortschritte erreichen wollen, brauchen wir mehr Demokratie, sollten die Menschenrechte achten und nicht glauben, dass alle anderen unsere Feinde sind. Jeder hat seinen eigenen Glauben, seine eigene Kultur, und es kommt darauf an, dass wir uns miteinander austauschen und für jeden das Beste daraus erzielen. ... Ich versuche, das in meinen Werken zu interpretieren und selbst danach zu handeln."

Anas Al-Shaikh sagte uns, für die Umsetzung seiner Vorstellungen würden ihm zweidimensionale Medien, wie die Malerei, nicht ausreichen. Wohl auch weil er Architektur studierte und Bühnenbilder gestaltet hat, bevorzuge er räumlich konzipierte Werke, mit denen er dem Publikum verschiedene Perspektiven vermitteln kann. Was er damit meint und wie er sich bemüht, das Publikum zu erreichen, erläuterte er anhand von Fotos und Videos seiner bislang komplexesten Arbeit, der Installation "Memory of Memories" (etwa: Gedächtnis der Erinnerungen).

Sie entstand 2001 in einer Garage in Al Gudaibiya, einem der ärmeren, älteren Viertel der Hauptstadt Manama. Dort leben mehr Zugereiste unterschiedlichster Herkunft als alteingesessene Bahrainis. Zwei Jahre lang hatte er sein Auto immer wieder in der Nähe geparkt, um etwas zu erledigen, und dabei war ihm dieser Raum aufgefallen, dessen Atmosphäre ihn an das Haus in Saudi-Arabien erinnerte, in dem er als Kind mit seiner Familie lebte.

In der Installation verbindet Anas Al-Shaikh Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mit Ereignissen der jüngsten Geschichte, die in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind, wie dem Krieg zwischen Irak und Iran, der Invasion des Irak in Kuwait, dem ersten Golfkrieg. "Zu vielem, was in unserer Region geschieht, verhalten wir uns wie Zuschauer, anstatt die Kraft aufzubringen, selbst etwas zu verändern". Darauf ging er genauer ein, als er uns das große Foto an der Rückwand erläuterte, dessen geometrische Formen eine Zielscheibe assoziieren: "Das Bild soll unsere Situation in der arabischen Welt verdeutlichen. Eine über uns stehende Obrigkeit, sei es ein lokaler Herrscher oder eine Macht außerhalb unserer Region, erteilt uns Befehle. Immer sagt man uns, was wir zu tun haben. Mit ihren Armbewegungen folgen die Männer auf dem Foto den militärischen Kommandos '1 2 3 up ... down ...'. Damit ist gemeint, dass angeordnet wird, was wir zu denken und zu sehen haben, was wir sagen dürfen, woran wir glauben sollen. Es ist uns nicht gestattet, unsere eigenen Fähigkeiten, Visionen oder Gedanken zu entwickeln oder uns selbst für einen Glauben zu entscheiden." (siehe auch die Informationen bei den Zoomversionen der Fotos)

Uns interessierte sehr, wie die Reaktionen auf diese Arbeit waren. Anas sagte, zu den "normalen" Leuten aus der Nachbarschaft hätte er einen unkomplizierten Kontakt gehabt. Die seien aus purer Neugier in die Garage gekommen, ohne dass ihnen bewußt gewesen wäre, eine Kunstausstellung zu besuchen. Manche mochten das, was sie sahen, andere fanden es nur befremdlich, respektierten ihn aber zumindest dafür, dass er so etwas in ihrem Wohnviertel gemacht hatte. Demgegenüber hätten viele Kollegen und Experten aus der Kunstszene zwar seine Absichten erkannt, doch stünden sie der Video- und Installationskunst an sich ablehnend gegenüber und ließen nur die Malerei und Skulptur gelten.

Anas Al-Shaikh datiert seine Anfänge als Installationskünstler auf das Jahr 1994. Damals sei er der einzige in Bahrain gewesen. Deshalb hätte er sich bemüht, jüngere Künstler in seinem Land zu mehr Offenheit und Experimentierfreude zu ermutigen. In Büchern, Katalogen und im Internet zeigte er ihnen Projekte anderer und diskutierte mit ihnen darüber. Im Jahr 2002 organisierte er in der Bahrain Contemporary Art Society die erste Gruppenausstellung für Installationskunst, an der zunächst nur vier Künstlerinnen und Künstler teilnahmen. Bei der Ausstellung 2003 waren es schon neun Teilnehmer, und die Schau Ende 2004 soll noch größer werden.

Zu den diversen Ideen, die Anas Al-Shaikh in nächster Zeit realisieren möchte, gehört die Ausrichtung internationaler, interdisziplinärer Workshops über Kunst und neue Medien. Der erste Teil soll "Dialog mit dem Ego" heißen, der zweite "Dialog mit dem Anderen".

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

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