Kuratorialer Text von A.S. Bruckstein Çoruh

The Red Gaze zeigt eine frei assoziierte Objektkonstellation, die durch vier offen miteinander verbundene Räume der Zilberman Gallery eine Fülle von Blick- und Sichtachsen zwischen den Werken knüpft. Sie tut dies in Form von Zitaten, Affekt-Verschiebungen, Wiederholungen, Querverweisen, Inszenierungen und Verdoppelungen von Pathos-Gesten. Die Ausstellung zeigt jüngste Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus Istanbul, Diyarbakır, Damaskus, Lahore und Berlin, neben zwei Werken der klassischen Moderne, einem Selbstporträt von Arnold Schönberg und einem Gedicht von Pablo Picasso, sowie einer beschädigten barocken Cristo vivo Figur aus dem flämischen 17. Jahrhundert. Ihr Thema: Der Künstler als Zeuge. Die Besucher betreten die Ausstellung durch ein enges Spalier im Korridor. Sie passieren dort die Blicke von 34 Augenmasken, von dem Istanbuler Künstler Eşref Yıldırım aus Wollgarn gestickt, Totenmasken für die 34 kurdischen Schmuggler, die von amerikanischen und türkischen Drohnenangriffen auf die türkisch-irakische Grenze bei Roboski am 28. Dezember 2011 getötet wurden.

Die ineinandergreifenden Räume sind wie Kapitel eines Buches nach den Lemmata der in der Ausstellung zitierten Poesie benannt und geben den Besuchern darin eine Art Leserichtung vor. "Die Ratten sie mögen schmausen wo sie wollen" (Picasso) - "Wenn der Begriff des Märtyrers heute eine Bedeutung habe" (Navid Kermani) - "Solange im Namen der Religion noch Kriege geführt werden " (Şükran Moral) - "Ich bin nur ein Protest, ich bin nur ein Künstler" (Erdem Gündüz).

 

The Truth and the Public: Künstler als Augen-Zeugen

Im Zentrum der Galerie-Räume, an dem Punkt, in dem alle Blicklinien aus dem Geflecht der Dinge zusammentreffen, steht ein seltsames, kaltes Objekt. Eine minimalistische politische Skulptur des Künstlers Memed Erdener a.k.a. Extramücadele, ein grausam imaginiertes object trouvé: eine Eisen-Brille mit zwei spitz nach innen zulaufenden Augen-Trichter-Nadeln, die alles Bezeugte, alles Gesehene, alles öffentliche Geschehen in die schmerzenden Augen ihres imaginären Trägers träufeln. Vom Zugucken blutende Augen bekommt die Zeugin von all dem Krieg und der Gewalt, wenn sie diese Brille trägt. The Red Gaze stellt das Brillen-Werk von Memed Erdener a.k.a. Extramücadele, The Truth and the Public (2015), neben ein Selbstporträt von Arnold Schönberg. Eine kleine Zeichnung, nur aus wenigen Strichen bestehend, aus dem Jahr 1944. Eine schwarze Träne, Furche, oder Narbe zeichnet sich auf der linken Wange des berühmten Komponisten-Künstlers ab. Es ist ein seltenes Privileg, dass wir dieses Selbstporträt von Arnold Schönberg in der Zilberman Gallery in Berlin zeigen dürfen: Schönberg, der jüdische Künstler, 1944 in Los Angeles, heftet seinen Blick starr und voller Entsetzen auf das mordende Deutschland und auf den unfassbaren Krieg. Sein Blick verschmilzt in den Räumen von The Red Gaze mit den Augen des dreizehnjährigen Muhammad, der in dem Video von Erkan Özgen mit Augen, Händen, ganzem Herzen und ganzer Seele, das Morden der Milizen des IS bezeugt. Eine mutige Arbeit, dieses Video Wonderland (2016) von Erkan Özgen aus Diyarbakır in Berlin, das wir der Ausstellung When Home Won’t Let You Stay der Istanbuler Kuratorin Işın Önol in Wien verdanken. Muhammad, ein taubstummer Junge aus einem kleinen syrischen Dorf an der türkischen Grenze, Sohn einer Familie von Brunnenbauern, die für die syrische Öl-Industrie arbeiten, flieht mit seinen Eltern und seinen fünf Schwestern vor den Milizen über die Grenze nach Derik. Muhammad erzählt dem Video-Künstler auf seine Art von dem Morden an seinen Dorf-Nachbarn, an Mitgliedern seiner Fa-milie, davon sechs seiner eigenen Cousins. Am Ende des Videos spielt Muhammad auch das Abtrennen der Köpfe nach, "er hat die abgeschlagenen Köpfe seiner Cousins gesehen, und ihre davor gelegten, ausgehöhlten Augen." "Ich würde gern festhalten," sagt der Künstler Erkan Özgen, der selbst als Kind Dinge gesehen hat, die er "lieber nicht gesehen hätte", "dass ich die leise Hoffnung habe, dass das, was Muhammad mit seiner fehlenden Zunge erzählt, die Menschen dazu motiviert, eine starke Stimme gegen den Krieg zu finden."

 

Eine starke Stimme gegen den Krieg

Ich habe lange über das Zeigen dieses Wonderland-Videos nachgedacht, auch mit Işın Önol gemeinsam, und wir waren uns einig: Diese Arbeit macht den Besucher nicht zum Voyeur, liefert den dreizehnjährigen pantomimischen Erzähler unseren Blicken nicht aus. Im Gegenteil, der Junge eignet sich die Geste des Erzählers, ja, des Künstlers als eine starke Geste der Augen-Zeugenschaft an: "Muhammad ist in der Lage, seine Geschichte einer Öffentlichkeit zu erzählen. Er hält den Menschen einen Spiegel vor". So, wie es die Blicke Arnold Schönbergs tun. Oder die Texte von Navid Kermani, oder die Celanischen Worte von Pablo Picasso,

"hau reiß aus verrenk und schlag tot ich durchstoße senge und brenne liebkose und schlecke küsse und schaue ich läute und läute die Glocken solang bis sie bluten ich scheuche die Tauben aus ihrem Schlag"

Diese Worte haben wir handschriftlich an die Wände der Galerie geschrieben, dem Video Wonderland direkt gegenüber. Der dreizehnjährige Erzähler, ganz wie duran adam, der "stehende Mann" von Gezi, dessen Steh-Performance Tausende auf den Taksim-Platz bewegt hat, und wie Schönberg im Jahre 1944, ist auch er ein Ankläger, der Zeugnis ablegt dafür, dass die Welt aus den Fugen ist, dass es "so nicht weitergeht geht". Sie klagen an, diese Künstlerinnen und Künstler, und sie geben ihr Leben, dass die Dinge anders werden,

"dass sie nur die Taube nicht fressen im Nest wenn sie nur keine Fahnen und Lampions in den Wunden unterbringen sodass am nächsten Morgen alles in Tränen schwimmt".

In der Ausstellung The Red Gaze wechseln die Märtyrer die Seiten. Es sind die Künstlerinnen und Künstler, der dreizehnjährige Muhammad, der Performance Künstler Erdem Gündüz, die Dichter und Verfasserinnen von The Red Gaze, die Künstler der Zilberman Gallery, die hier die Rolle der Zeugen einnehmen. Zeugen von Angst und Schrecken, von Flucht und Exil. So wie Arnold Schönberg, der die Gewalt mit Entsetzen bezeugt. Zu einer Zeit, als jüdische Tugenden zu weiten Teilen noch "unheroisch" waren, wie es der Talmudgelehrte Daniel Boyarin von den rabbinischen Gelehrten und den Wiener Juden zu sagen weiß, von Freud, Bertha Pappenheim und all den anderen jüdischen Kosmopoliten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Walking away" steht da in kindlich wirkender Handschrift auf dem lateinischen Bibelblatt aus dem 14. Jahrhundert, ein Blatt aus dem Bild-Archiv des New Yorker Metropolitan Museums, welches die Berliner Künstlerin Rebecca Raue mit Graffiti, einer Gruppe Flüchtender, und anderer muraler Poesie versieht. The Secret Box/ Floor Plan of the Tabernacle (France, ca. 1360) (2016) heißt diese mittelalterlich-zeitgenössische Arbeit. Ein lateinisches Blatt, das die Geschichte vom Exodus erzählt, die Flucht der Hebräer aus der Sklaverei, mit einem rettenden, von vier Stäben getragenen Haus in der Mitte. Ein Haus, das die Tradition mishkan nennt, von "Wohnen" – ein tragbares Zuhause, für all die unbequemen Zeugen der Anklage, die heute um ihr Leben fürchten, weil sie mit Kunst und Performance, Poesie und Wahrheit ihr Leben für die Zeugenschaft riskieren. Rebecca Raues Secret Box trifft in The Red Gaze auf sieben kostbare Ikonen des türkisch-armenischen Künstlers Sarkis. Für diese wurden von dem rumänischen Designer Laurentiu Giogu sieben einzelne Stehpulte gefertigt, nach dem Vorbild der Ikonenpulte in orthodoxen Klöstern. Auf einer dieser Ikonen sehen wir das Selbstporträt des Künstlers Sarkis selbst, der sich in seinen Arbeiten lange und intensiv mit den Selbstbildnissen von Arnold Schönberg auseinandergesetzt hat. "Das Selbstporträt eines Autodidakten ", ein Text von Sarkis aus dem Jahr 1995, konnten wir für unseren Katalog gewinnen. Die Architekturen des Heiligen, samt ihrer Engel, die auf Sarkis Ikonen zu sehen sind, versprechen eine Rettung, die es nicht geben kann. Sie zeigen uns Szenen einer zukünftigen Welt, die unter Menschen immer wieder verraten wird. Blessings Upon the Land of my Love (2011) – so heißt das Doppel-Gemälde des preisgekrönten Künstlers Imran Qureshi, das wir zusammen mit Sarkis Ikonen zeigen. Wir verdanken ihre Präsenz der großzügigen Leihgabe der Sammlung Deutsche Bank für diese Ausstellung. Blessings Upon the Land of my Love von Imran Qureshi zeigt das rotgefleckte Innere zweier Innenhöfe. Über das Schicksal seiner Bewohner und das Rot dieser Flecken wissen wir nichts.

 

Der Künstler als Märtyrer

"Wenn der Begriff des Märtyrers heute eine Bedeutung habe, sagt der Übersetzer, der Begriff der Zeugenschaft, wie es das arabische Wort schahâda genau bedeutet, dann für sie, die im Schiffsbauch warten, um ans Licht zu treten, und für alle anderen Flüchtlinge dieser Nacht, die es nicht mehr erblicken. Sie seien die Zeugen unserer Zeit."

Dies sind die Worte meines Freundes, des Schriftstellers, Publizisten, Mystik- und Iran-Kenners, Navid Kermani, die er auf Lampedusa schreibt und dessen Stimme nun in diese Ausstellung hineinspricht. Drei Kopfhörer finden sich ganz nahe dem Selbstporträt des Komponisten, ganz nahe dem "love, love, love" in Rebecca Raues Handschrift, mit der sie sich in das ägyptisch-syrische Manuskript Der Asket und sein Gast (2016/ 18. Jh.) hineinmischt, ganz nahe den löchrigen Augen auf papierenem Grund in Ali Kaafs großformatigen Rift-Arbeiten (2016), und ganz nahe dem horrenden Brillen-Werk von Memed Erdener a.k.a. Extramücadele, The Truth and the Public.

"Solange im Namen der Religion noch Kriege geführt werden, können Künstler darüber nicht schweigen"

sagt die Künstlerin Şükran Moral, und auch dies schreiben wir an die Wand der Galerie. Wir danken Şükran Moral, dass sie sich an dieser Ausstellung beteiligt. Ihre kritischen Arbeiten, Bilder, Performances, Photo-Arbeiten zu Themen der Gewalt, der Trans-Sexualität, zu Liebe und Tod haben eine ganze Generation zeitgenössischer türkischer Künstlerinnen geprägt. Ihr Porträt Don’t Kill the Nightingale (2015) hängt ganz nah am letzten Raum.

Im letzten Raum sehen wir eine kleine Cristo vivo Figur, mit dem Rücken zur Wand, 17. Jahrhundert, Flämisch, beschädigt, mit abgeschlagenen Armen und Beinen, ohne Kreuzeszeichen, aufrecht wie ein Giacometti, sie könnte jeden von uns vertreten. Daneben steht:

"I am just one protest. I am just one artist. I am no- thing. My idea is free, my heart is free, my spirit is free. I believe this system doesn‘t work anymore."

Dieses "I am" ist das "I am" von Erdem Gündüz, dem "stehenden Mann" von Gezi. Dieses "I am" lässt sich auch von weitem, von der Brille Memed Erdeners a.k.a. Extramücadele aus, noch erkennen. Und wenn man näher kommt, hört man die Stimme des Performance-Künstlers Erdem Gündüz sprechen, seine Stimme stammt aus einem BBC Interview vom Sommer 2013. Ganz nah daneben sehen wir zwei Porträts des Istanbuler Künstlers Ahmet Elhan aus demselben Jahr, Composed XIX und Composed XII, Aktfotos doppelt und dreifach überlagert, männlich-weiblich, "unheroische" effeminierte Männer, vor osmanischen Interieurs des 18. Jahrhunderts.

Die Rose, die hinter dem Cristo vivo hängt, All is gray when the black is washed away (2016), wurde von der Künstlerin Aisha Khalid speziell für The Red Gaze gefertigt. Wir danken Aisha Khalid für diese Arbeit. Sie fängt unsere Blicke von weitem. Und sie hat eine liegende Schwester, Doppelrose, grün und schwarz, All is gray when the black is washed away aus dem Jahr 2015. Die Rosen von Aisha Khalid - sie sind rot und grün und tragen keine Dornen.


A.S. Bruckstein Çoruh. 10. September 2016

The Red Gaze

Zilberman Gallery Berlin

11. Oktober - 23. Dezember 2016

Kuratorin: A.S. Bruckstein Çoruh

Ahmet Elhan | Memed Erdener a.k.a. Extramücadele | Erdem Gündüz (Text) | Ali Kaaf | Navid Kermani (Text) | Aisha Khalid | Şükran Moral | Erkan Özgen | Pablo Picasso (poem) | Imran Qureshi | Rebecca Raue | Sarkis | Arnold Schoenberg | Eşref Yıldırım

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