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Razan Nassreddine: Samaritanische Nische

Schon bevor ich bei Multaka anfing, bin ich jedes Mal, wenn ich das Museum für Islamische Kunst besuchte, zu dieser Nische gegangen, die übrigens keine Gebetsnische war. Ich finde sie nicht nur sehr schön, mit ihr verbinden sich für mich auch persönliche Erinnerungen. Meine Schule befand sich in einem Haus aus mamelukischer oder ottomanischer Zeit in der Altstadt von Damaskus. Als Kind habe ich dort jeden Tag den Marmor gesehen, die Fresken, den Kuppelraum mit einer Nische. Für mich war das wie ein zweites Zuhause. Wenn ich jetzt in Berlin vor dieser Nische stehe, ist das als hätte ich ein kleines Stück der Schule meiner Kindheit vor Augen. Ich erinnere mich an die Farben, an das Material, an die Sonne auf dem Marmor, dessen Kühle ich geradezu riechen kann.

Über solche Gefühle rede ich in meinen Führungen eigentlich nicht. Dabei geht es um kunsthistorische und gesellschaftliche Aspekte. Allerdings rufen einzelne Objekte bei vielen, die an den Führungen teilnehmen, unweigerlich Erinnerungen an ihre Heimat wach. Die aus Syrien Kommenden denken bei dieser Nische oft an den Azim-Palast in Damaskus, dessen Farbigkeit und Materialien ähnlich sind, oder an die Architektur der berühmten Umayyaden-Moschee. Darüber kommen wir ins Gespräch, und es werden persönliche Geschichten erzählt. Darin ist immer wieder die Trauer über den Verlust des früheren, oft schönen Lebens zu spüren, das sie gezwungenermaßen hinter sich lassen mussten. Wir von Multaka erleben auf diese Weise sehr intensiv die dramatisch veränderte Realität dieser Menschen, ihre Erfahrung der Flucht und ihre Angst vor einer unsicheren Zukunft im Exil.

Ein wesentliches Anliegen unserer Führungen im Islamischen Museum ist es, ausgehend von konkreten Exponaten das Bewusstsein für gegenseitige Toleranz und friedliche Koexistenz der Gläubigen verschiedener Religionen zu stärken. Dafür ist diese Damaskus-Nische bestens geeignet. Sie entstand unter islamischer Herrschaft, aber das Haus gehörte Samaritanern, Angehörigen eines jüdischen Volksstamms, die von der Spätantike bis ins frühe 17. Jahrhundert in Syrien lebten. Ihr Viertel in Damaskus lag an einer großen Straße mit sehr schönen Häusern, ganz in der Nähe von Moscheen und Kirchen. Diese Nische ist ein wunderbares Zeugnis jener toleranten Zeit, in der die Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen friedlich miteinander verkehrten.

 

Samaritanische Nische (Damaskus-Nische)
15. – 16. Jahrhundert, Damaskus, Syrien, aus einem nicht mehr existierenden Privathaus im Stadtviertel Malik az-Zahir. Marmor und farbige Steine, teilweise bemalt. Höhe 302 cm, Breite 245 cm, Tiefe ca. 70 cm
Obwohl angeregt durch die Mihrābarchitektur in Moscheen ist dies keine Gebetsnische. Die Wandnische stammt aus einem bürgerlichen Haus, das von Samaritanern bewohnt wurde - einer mit dem Judentum verwandten Religionsgemeinschaft. Bei den samaritanischen Inschriften in den Zwickeln des Bogens und auf den Rosetten der Rückwand handelt es sich um Zitate aus dem Alten Testament (2. und 5. Buch Mose). Die Marmorverkleidung, das Stalaktitengewölbe und das Relief sind typische Dekorelemente der Mamlukenzeit (in Damaskus1250 - 1516). Mehrere Merkmale deuten auf die beginnende Osmanenzeit hin, als diese Bautradition in den arabischen Provinzstädten zunächst noch weiter gepflegt wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die Samaritaner aus Damaskus vertrieben.
(Aus Informationen und Texten des Museums für Islamische Kunst Berlin)


Razan Nassreddine
M.A., Kulturmanagerin; Koordinatorin von interkulturellen Projekten; Ko-Kuratorin einer internationalen Platform für Kunstforschung in Berlin. Von November 2015 bis Januar 2017 im Projektleitungs-Team von "Multaka: Treffpunkt Museum", Museums Guide in Museum für Islamische Kunst im Rahmen von Multaka.


© Fotos: Haupt & Binder

Razan Nassreddine

Samaritanische Nische (Stalaktitennische)
15. – 16. Jahrhundert, Damaskus, Syrien, aus einem nicht mehr existierenden Privathaus im Stadtviertel Malik az-Zahir. Marmor und farbige Steine, teilweise bemalt. Höhe 302 cm, Breite 245 cm, Tiefe ca. 70 cm
Museum für Islamische Kunst Berlin

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