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Bachar Shahin: Tell Halaf Vogel

In einem Moment der Reflexion, als ich durch die Räume des Pergamonmuseums streifte, kamen in mir Gedanken und Erinnerungen wie hell zuckende Blitze auf. Sie riefen in mir die Geschichte meines Leidens wach und führten mich durch die Welt der zwischen Vergangenheit und der Gegenwart verwobenen Dinge.

Ich wurde zu einem Gefangenen des Ortes, als sich meine Seele in jeder seiner Ecken befand, über die Zeiten hinweg fliegend. Während meine Seele derart reiste und solche Zeugnisse von Kunst und Zivilisation atmete, war ich über meine Gefühle verwundert. Wieder und wieder fragte ich mich, warum die Menschheit, die doch immerhin fähig ist, die Natur zu bändigen und mit den eigenen Händen neu zu erschaffen, die Transparenz des Geistes und zarte Gefühle durch Imagination und Kreation zum Ausdruck zu bringen, menschliche Schöpfer an das Leben, die Liebe, Unsterblichkeit und Hoffnung glauben zu lassen und dies in künstlerischen Zeugnissen voller Schönheit zu artikulieren, warum also eben diese Menschheit unser Glücklich Sein zerstört und uns wie Federn im Sturm fühlen lässt.

Ich hielt für eine Weile vor einem riesigen Vogel aus Basalt mit lauter Rissen inne. Plötzlich wurde mir bewusst, dass dieser Vogel ein neues Leben erlangt hatte, indem er wie Phönix aus der Asche emporstieg. Dieser Vogel und die Artefakte der syrischen archäologischen Stätte Tell Halaf im Berliner Museum sind während des Zweiten Weltkriegs, der alles in Schutt und Asche legte, bombardiert worden. Doch das Feuer des Krieges war nicht in der Lage, dies völlig auszulöschen, denn der Zyklus des ewigen Lebens und die Seele der Menschheit und die Kunst erwiesen sich als stärker.

Nach dem Krieg sind die Trümmer des großen Vogels und der anderen Artefakte in der Dunkelheit des Museumskellers verblieben und konnten während der letzten 70 Jahre nur von Forschern besichtigt werden. Aber die Legende vom Leben und von der Ewigkeit der Kunst gab Hoffnung und motivierte dazu, sie wieder zusammenzufügen, um in alter Pracht aufzuerstehen und vom Wert der syrischen Kunst zu künden, davon, dass Syrien eine Wiege der Menschheit und Zivilisation war. In diesem Moment glaubte ich daran, dass die Hoffnung niemals sterben wird. Und sie wird wiederauferstehen wie der Phönix aus der Asche.

 

Tell Halaf
Der Tell Halaf, im Nordosten Syriens gelegen, war namengebend für einen Abschnitt des keramischen Neolithikums ("Halaf-Zeit", ca. 6000-5300 v. Chr.). Nach dem Chalkolithikum wurde der Ort offenbar aufgegeben und erst im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. wiederbesiedelt. Hier befanden sich unter dem Namen Guzana zunächst die Hauptstadt eines aramäischen Fürstentums und später die Residenzstadt eines assyrischen Statthalters. Die Stadt wird als Gosan im Alten Testament erwähnt und existierte auch nach dem Untergang des assyrischen Reiches bis in die seleukidisch-parthische Zeit fort.
Berühmt wurde der Ort durch die Auffindung zahlreicher Bildwerke, die als Bauschmuck an dem Palast des aramäischen Fürsten Kapara (Ende 10./ Anfang 9. Jh. v. Chr.) angebracht waren und die bei den Ausgrabungen des Kölner Bankierssohnes Max Freiherr von Oppenheim in den Jahren 1899, 1911-13 und 1929 zu Tage gekommen sind. Die zahlreichen Statuen und Relieforthostaten zeigen eine für den Alten Orient einzigartige Ikonographie. Ein Teil dieser Denkmäler war bis zum 2. Weltkrieg in einem eigens eingerichteten Tall-Halaf-Museum in Berlin ausgestellt, welches 1943 einem Bombenangriff zum Opfer fiel. In einem groß angelegten Restaurierungsprojekt wurden die dabei zerborstenen Bildwerke am Vorderasiatischen Museum Berlin wieder zusammengesetzt.
Aus: Tell Halaf Ausgrabungsprojekt
Siehe auch: Tell Halaf Projekt


Bashar al-Mohammad al-Shahin
1971 geboren in Damaskus, Syrien. Studierte Archäologie, arbeitete 15 lang in der Generaldirektion für Altertümer und Museen des Kulturministeriums. Begann 2001 als Touristenführer in allen Regionen Syriens zu arbeiten. Seit September 2015 in Berlin, arbeitet als Multaka Guide im Vorderasiatischen Museum. Organisierte eine Ausstellung mit Fotos aus Syrien vor und während des Krieges im Kunstraum des deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans. Nahm an zahlreichen Kunst- und Kulturveranstaltungen teil.


Aus einer englischen Rohfassung: Haupt & Binder
© Fotos: Haupt & Binder

Bachar Shahin

Tell Halaf Vogel
10./9. Jahrhundert v.u.Z., Guzana/Tell Halaf
Basalt, Höhe 187 cm, Durchmesser 70 cm
Vorderasiatisches Museum Berlin

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