Roads of Arabia - Einführung

Von Prof. Ali Al-Ghabban und Dr. Stefan Weber

Was macht antikes italienisches Glass in der südarabischen Wüste? Römische Haarmode unter Dattelpalmen? Altägyptische Kunststile und westiranische glasierte Keramik auf Karawanenstationen? Die Ausstellung 'Roads of Arabia' zeigt eindrucksvoll, dass in der Geschichte Handel, Machtwillen und Glaube selbst die schwierigsten geographischen Hindernisse überwindet. Geschichte ist geprägt durch prozessuale Entwicklung, die durch Impulse und Wechselwirkungen geprägt wird. So entstanden Kulturen nicht ex nihilo, haben keine klaren Grenzen und sind selbst über größte Entfernung hinweg immer wieder, oft sogar kontinuierlich, im Austausch. Dieser brachte wechselnde Geschmacksmuster, Techniktransfer und Ideenimpulse mit sich. So wirkten über die Wirtschaftsadern, Handelsstrassen und Pilgerstationen über Jahrtausende hinweg überregionale historische Entwicklungen bis in die tiefsten Wüsteregionen der arabischen Halbinsel und schrieben sich in die Kulturgeographie Saudi-Arabiens ein. Von Sandstürmen verweht und aus dem kollektiven Gedächtnis vergessen haben sich in den letzten Jahrzehnten diesem archäologischen Erbe Saudi-Arabiens saudische Universitäten und die Saudische Kommission für Tourismus und Altertümer (Saudi Commission für Tourism and Antiquities / SCTA) in Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen angenommen. Dabei kamen sensationelle Funde zu Tage, die gegenwärtig in der Ausstellung Roads of Arabia in Europa präsentiert werden. Nach Paris, Barcelona und St. Petersburg wird sie ab dem 26. Januar 2012 auch in Berlin, dem einzigen Standort in Deutschland, gezeigt. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Christian Wulff und des König von Saudi-Arabien Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Saʿud.

Als roter Faden ziehen sich Handels- und Pilgerrouten durch die Ausstellung, entlang derer sich kultureller Austausch manifestierte und lokal tradierte Lebensformen mit überregionalen Formen in Konkurrenz traten. Mit der Domestizierung des Dromedars vor mehr als 3000 Jahren, wurde auch in Trockengebieten Handel über große Strecken möglich, wobei der Bedarf an Weihrauch aus Südarabien für kultische Handlungen besonders ab dem 8. Jh. v. Chr. zu einem Aufschwung des Karawanenhandels führte. Auf der "Weihrauchstraße" entlang der westlichen Flanke der arabischen Halbinsel nach Palästina und Syrien und damit in den Mittelmeerraum hinein wurden auch Gewürze, Ebenholz, Seide und Edelsteine aus Indien und Südostasien gehandelt. Glas, luxuriöse Gebrauchsgegenstände und Devotionalien kamen von dort auf die arabische Halbinsel, ebenso wie z.B. glasierte Keramik aus Mesopotamien und dem westlichen Iran. Spätestens seit Einstellung der kultischen Rauchopfer mit der Verbreitung des Christentums verlor in der Spätantike die Weihrauchstrasse an Bedeutung und damit die Stadtkulturen in den Oasen entlang der Handelsstraße ihre wirtschaftliche Grundlage. Erst mit dem Entstehen und der Verbreitung des Islams ab dem frühen 7. Jahrhundert erlebten die Karawanenrouten über die arabische Halbinsel wieder eine neue Blütezeit. Die Wirkungsstädte Muhammads war als religiöses Zentrum des neuen Glaubens Ziel der jährlichen Wallfahrten (hajj), die gläubige Muslime mindestens einmal im Leben vollziehen sollten. Anstelle der Weihrauchstrasse mit ihren Abzweigungen waren es nun die Hajjrouten, an denen Handel getrieben wurde. Durch die sehr rasche Verbreitung des Islams bis nach Spanien, Zentralasien und Indien im frühen 8. Jahrhundert kamen über die Jahrhunderte Menschen und Waren aus aller Herren Länder auf die Arabische Halbinsel.

Inspiriert durch die Landschaft Saudi-Arabiens hat der in Berlin lebende Ausstellungsarchitekt Youssef El-Khoury faszinierende Raumfolgen mit abstrakten Felslandschaften geschaffen. Chronologisch geordnet und nach Fundorten gegliedert, wird Archäologie räumlich in einer Ausstellungslandschaft als unmittelbares Erlebnis inszeniert; von den ersten Faustkeilen, 6000 Jahre alten anthropomorphen Stelen über antike Bronzen bis zu der osmanischen Tür der Kaaba und den Insignien des Königreiches Saudi-Arabien..

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den spektakulären Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte sowie den antiken Zeugnissen Saudi-Arabiens. Die Exponate erstrecken sich von den ältesten Perioden der Vorgeschichte über die Sesshaftwerdung zur Anlage fester Siedlungsplätze und zu den frühen Stadtkulturen. Paläolithische und neolithische Steinwerkzeuge sowie eindrucksvolle anthropomorphen Grabstelen aus dem 4. Jt. v. Chr. eröffnen die Ausstellung. In Raum 2 faszinieren Chloritgefäße aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend aus Tarut, während die Ergebnisse der deutsch-saudischen Grabung in Tayma (2.–1. Jt. v. Chr.) im Mittelpunkt stehen. Neben der Präsentation der Beziehungen zwischen Arabien und Mesopotamien wird gleichzeitig auch der Schritt aus dem alten Orient in die Antike vollzogen.

Die Kolossstatuen in Raum 3 aus dem in der Bibel genannten Dedan / al-Ula (ca. 4.-2. Jh. v. Chr.), der Hauptstadt des Königsreichs Lihyan im nordwestlichen Saudi-Arabien an der Weihrauchstraße, sind ein erster Höhepunkt. Die monumentalen Skulpturen, wahrscheinlich Könige oder Mitglieder der Elite, erinnern an ägyptische Kolossstatuen, die hier Pate standen. Das antike Erbe Arabiens und seine Grabkultur wird anhand der 'Salzstädte' (Mada'in Salih / Hegra) im Westen und Thaj im Osten mit kostbaren Grabbeigaben aus Gold für das Jenseits in Raum 4 präsentiert. Hegra wurde als zweite Hauptstadt der Nabatäer 106 n.Chr. Teil der römischen Provinz Arabia Petraea. Die dortigen aus dem Fels gemeißelten Monumentalgräber erinnern an die Grabstätten von Petra und sind seit 2008 UNESCO Weltkulturerbe.

Den weitreichenden kulturellen Kontakten Arabiens sind die spektakulären Funde aus Qaryat al-Faw in Raum 5 verpflichtet, einer der wichtigsten Handelsstädte Südarabiens in vorislamischer Zeit: Götter aus Bronze, Wandmalereien mit Bankettszenen sowie beeindruckende Artefakte der Kleinkunst aus der Zeit vom 3. Jh. v. Chr. bis in das 3. Jh. n. Chr. zeugen von den hohen kulturellen Leistungen des antiken Arabien. Auffällig sind die geringen Spuren der Spätantike bis zur Entstehung des Islams. Mit den frühislamischen Karawanenstädten al-Rabadha und al-Mabiyat in Raum 6 wird das Thema der überregionalen Handelsbeziehungen in den ersten islamischen Jahrhunderten , als die arabische Welt im Netz von Pilgerrouten und Handelswegen Zentrum des kulturellen Austauschs zwischen China und dem Mittelmeer war, anhand feinster Keramik, Glas und Metall präsentiert.

Der große Kopfsaal präsentiert erstmals in Deutschland zu sehende Objekte aus den heiligen Stätten Mekka und Medina. Die über 3,50 große originale Kaaba-Tür, im Jahre 1045 der Hijra (1635-36 n. Chr.) durch den osmanischen Sultan Murad IV gestiftet, wird von Teilen der textilen Verkleidung (kiswa) der Kaaba umgeben, wie der 6,30 m hohe Türvorhang (eine Leihgabe des saudischen Botschafters in Berlin). In der Funktion als Hüter der beiden heiligen Stätten Mekka und Medina genossen Herrscher verschiedener Dynastien im Laufe der islamischen Geschichte grosses Prestige, was allerdings mit zahlreichen Pflichten verbunden war, wie der Verwaltung der frommen Stiftungen (Waqf al-Haramayn). Beispielhaft werden mehrere Stiftungsgüter aus der osmanischen Periode (16.-17. Jh.) gezeigt, wie der von einer Sultansmutter in Auftrag gegeben Weihrauchbrenner. Ein Rechnungsbuch "betreffend die Ausgaben und Versendung bestimmter Summen" nach Mekka und Medina aus der Zeit Sultan Ibrahims I. (1640-48) aus den Beständen des Museums für Islamische Kunst ergänzt diese Objekte.

Als religiöses Zentrum für Muslime der ganzen islamischen Welt zogen Mekka und Medina über Jahrhunderte Gläubige an. Fein ausgestattete Pilgerbücher mit Beschreibungen und Illustrationen der Heiligen Stätten geben davon Zeugnis. Viele Gläubige suchten auch für ihre letzte Ruhe die baraka (Segen) der heiligen Stadt. 16 Grabsteine aus al-Ma'la bei Mekka aus dem 9. bis 16. Jahrhundert, in einem begehbaren Kreis aufgestellt, zeugen mit ihren kalligraphischen Inschriften davon.

Die Raumgruppe 8-12 führt den Besucher in die Gegenwart. Zunächst werden durch "Berliner" Objekte und Handschriften die Entdeckung und Erforschung Arabiens durch Berichte früher europäischer Reisender beleuchtet, darunter sehr frühe Darstellungen der heiligen Städte und der Pilgerkarawanen. Dieses Thema wurde auch in der Malerei des 19. Jh. (Orientalismus) aufgegriffen, wie das für die Ausstellung restaurierte Gemälde "Gebet in der Wüste" von Wilhelm Gentz (ANG) belegt, das seit vielen Jahrzehnten erstmals wieder das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Die "Mekkabahn", die mit deutscher Hilfe verlegte berühmte Bahnlinie von Damaskus nach Medina wird ebenfalls thematisiert. Die Streckenführung der "ersten muslimischen Bahn" führte in der Nähe des frühislamischen Wüstenschlosses Mschatta vorbei. Durch bereits begonnenen Steinraub geriet die reich verzierte Fassade damit in akute Gefahr, als Baumaterial unwiederbringlich zerstört zu werden. Eine Anfrage Kaiser Wilhelms II. an Sultan Abdülhamid II., und dessen großzügiges Geschenk an den Verbündeten verhinderte dies jedoch. Die Überführung nach Berlin 1903 und die Aufstellung des größten Objekts Islamischer Kunst in einem Museum weltweit ein Jahr später war zugleich die Geburtsstunde des Museums für Islamische Kunst, dem Berliner Veranstalter der Ausstellung.

Zurückhaltend und mit nur wenigen Objekten endet der chronologische Rundgang mit der Gründung des Königreiches Saudi-Arabien.

Zu den über knapp 400 einzigartigen archäologischen und kulturhistorischen Artefakten gehören neben den Leihgaben aus Saudi-Arabien auch zahlreiche Objekte aus den Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatsbibliothek zu Berlin, der TU Tübingen und privater Leihgeber. Die Ausstellung wird organisiert von der Saudi Commission for Tourism and Antiquities und dem Museum für Islamische Kunst / Staatliche Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Louvre. Deutsche Forschungsprojekte der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, des Zentrums Moderner Orient und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Saudi-Arabien werden in einem Ausstellungsraum als internationale Wissenschaftskooperation Berliner Institutionen präsentiert. Die Ausstellung unterstützt die Aktivitäten zur Erforschung und Bewahrung des islamischen und vor-islamischen Kulturerbes Saudi-Arabien. Wir hoffen damit auf eine explizite Stärkung der zwar jungen aber sehr überzeugende Bemühungen zur Aufwertung, Erforschung und Erhalt des kulturellen und archäologischen Erbes des Königreiches Saudi-Arabien.

Kulturpolitisch erhält diese Ausstellung ihre besondere Bedeutung durch die spektakulären Objekte der Kaaba und der Stadtgeschichte von Mekka, die erstmals in Deutschland zu sehen sind – für die deutsche Gesellschaft im Allgemeinen aber auch für die in Deutschland lebenden Muslime. Die Präsentation aus Saudi-Arabien mit den Exponaten aus Mekka und Medina ist ein wichtiges Informationsangebot in der heutigen, z.T. sehr vereinfachten Islam-Debatte. Für Muslime in Deutschland ist dies nicht nur eine Wertschätzung auf der bedeutendsten deutschen Bühne für Archäologie, dem Pergamonmuseum auf der Museumsinsel, sondern eine wichtige Botschaft: Aspekte ihrer kulturellen Identität in eine überregionale, wenn nicht gar globale, Kulturgeschichte eingebunden zu sehen. Die Verortung der Arabischen Halbinsel zwischen den großen Kulturen (u.a. Mesopotamien und Ägypten) mit einem deutlichen Bezug zur römischen Antike sowie der Betonung von Handel als Motor kulturellen Austauschs – nicht nur entlang der Weihrauchstraße und der Hajj-Pilgerrouten – ist für die heute stark vereinfachende Diskussion um Kulturräume sehr wichtig. Kulturen greifen ineinander über und haben keine klaren Grenzen.


Professor Ali Al-Ghabban,
Vizepräsident der Saudi Commission
for Tourism and Antiquities

Dr. Stefan Weber,
Direktor des Museum für Islamische Kunst,
Staatliche Museen zu Berlin

© Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Veranstalter.


Einführungstext der Publikation zur Ausstellung:

Roads of Arabia
Archäologische Schätze aus Saudi-Arabien

Hrsg.: Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, Ute Franke, Ali al-Ghabban, Joachim Gierlichs, Stefan Weber
Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen & Berlin 2012
ca. 240 Seiten mit ca. 280 Abbildungen in Farbe
ISBN 978 3 8030 3355 0

Roads of Arabia
Archäologische Schätze aus Saudi-Arabien

26. Januar - 9. April 2012

Pergamonmuseum
Museumsinsel
Am Kupfergraben 5
10117 Berlin

Organisiert von der Saudi Commission for Tourism and Antiquities und dem Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin.

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