Mit viele Fotos und Informationen zu den Hightlights einer Wanderausstellung der Marianne Lehmann Sammlung vermittelt diese Webpräsentation Einblicke in die Welt des Vodou. Im Zentrum der Schau mit 350 Kultgegenständen standen Objekte des Bizango, die nur eingeweihte Mitglieder dieser Vodou-Geheimgesellschaft sehen durften. Außerdem wurden Darstellungen von Geistern, prunkvolle Altäre, paillettenbesetzte Fahnen, Gefäße und riesige Spiegel gezeigt u.a.m. gezeigt.

Fotorundgang in sechs Kapiteln:


Die Sammlung Lehmann

Die gebürtige Schweizerin Marianne Lehmann lebt seit 1957 in Haiti und begann vor rund 30 Jahren Objekte zu sammeln, die aus Vodou-Tempeln stammen. Der Schwerpunkt ihrer etwa 3.000 Objekte umfassenden Sammlung liegt im Bereich des Bizango, einer Vodou-Geheimgesellschaft. Betreut wird sie von der Fondation pour la préservation, la valorisation et la production d’œvres culturelles haїtiennes (FPVPOCH), die in Zusammenarbeit mit dem Musée d’ethnographie de Genève (MEG) die Auswahl der Objekte für die Wanderausstellung getroffen hat. Gezeigt wurde sie u.a. in Genf, Amsterdam, Göteborg, Berlin, Stockholm, Bremen, Quebec.

In Haiti ist der Bau eines Museums geplant, in dem die Sammlung Lehmann gezeigt werden soll. Die Ausstellung soll die Sammlung international bekannt machen und dazu beitragen, dass sie als kulturelles Erbe Haitis anerkannt wird. Auf diese Weise möchte man den negativen Klischees in den Vorstellungen von haitianischem Vodou entgegenwirken und um Hilfe für das geplante Museum werben.

Für diese Ausstellung wurde bewusst die haitianische Schreibweise "Vodou" verwendet. Unter Vodou versteht man religiöse Praktiken, die in Westafrika weit verbreitet sind und mit den afrikanischen Sklaven nach Amerika kamen. Sie sind die Basis afroamerikanischer Religionen, in die Elemente des Katholizismus und indigener Glaubensvorstellungen einflossen. Hierzu zählen Candomblé in Brasilien, die María-Lionza-Religion in Venezuela, Santería auf Kuba, Voodoo in den USA und Vodou in Haiti.

Das Wort "Vodou" stammt aus der in Benin und Nigeria heimischen Fon-Sprache und bedeutet soviel wie Gott, Geist oder heiliges Objekt.

Von den ca. 8,5 Mio. Einwohnern Haitis gehören ca. 80 % der Katholischen Kirche an, bis zu 90 % glauben aber gleichzeitig an die Vodou-Götter und -Geister (loas; kreolisch: lwa). In einzelnen Gegenden Haitis gibt es sehr verschiedene Ausprägungen des Vodou, denn seine Anhänger legen die Betonung auf unterschiedliche Elemente, zu denen außerdem immer wieder neue hinzukommen. Vodou ist im Alltag, in Musik und Tanz, in Ritualen und Symbolen allgegenwärtig.

Viele der lwa-Figuren und der Vodou-Objekte, die in der Ausstellung gezeigt werden, tragen kreolische Bezeichnungen. Kreolisch (Kréyol) ist neben Französisch, das jedoch nur von 5-10% der Bevölkerung gesprochen wird, die offizielle Landessprache Haitis. Das Kréyol besteht aus französischen Wortwurzeln und grammatikalischen sowie phonetischen Einflüssen verschiedener westafrikanischer Sprachen.

Im Mittelpunkt des Vodou steht der Glaube an lwa, an Geister, die Einfluss auf alle Bereiche des Alltags und auf das Leben der Menschen ausüben. Über die lwa können Menschen in Kontakt mit Gott treten. Zum Pantheon der lwa zählen afrikanische Götter und katholische Heilige; diese existieren Seite an Seite mit Geistern, deren Geschichte zur indianischen Urbevölkerung Haitis, den Taino, zurückreicht.

Die lwa werden meist im Vodou-Tempel, ounfò, verehrt, der von einem Priester, houngan, oder einer Priesterin, mambo, geführt wird. Houngan bzw. mambo leiten die Rituale und initiieren die Vodou-Anhänger.

Die Rituale werden in einem großen Raum, péristyle, abgehalten. Die Geister "betreten" den Tempel über einen Pfosten, poteau mitan, der sich in der Mitte des péristyle befindet. Die Geister fahren in Anwesende, die sie zuvor ausgewählt haben; man "dient dem lwa", den man im Körper hat. Im Vodou gibt es keine Trennung zwischen Körper und Seele. Rhythmus, Musik, Gesang und Tanz sind wichtige Bestandteile der Rituale.

Das angrenzende Gebäude beherbergt den Altarraum mit den Attributen der lwa. Auf den Altären ist eine Vielzahl sakraler Objekte, wie verschiedenste Behältnisse, sowie Speise- und Trankopfer arrangiert. Das Darbringen von Opfergaben ist ein wichtiger Bestandteil am Dienst für die lwa.

Die lwa werden in "Nationen", nanchons, eingeteilt, die auf die Herkunftsregionen der Sklaven verweisen. Die beiden wichtigsten Nationen der lwa sind rada und petwo. Der Rada-Kult stammt von den Yoruba-Kulturen aus Dahomey (dem heutigen Benin), der Petwo-Kult hat seine Wurzeln bei den Bantukulturen des Kongobeckens und Angolas. Rada lwa werden als ruhig, kühl und wohlwollend charakterisiert, Petwo lwa eher schnell und heiß und Akteure magischer Riten.

Es gibt unzählige lwa, die in verschiedenen Regionen oder Tempeln zu finden sind. Neben den lwa, werden auch die göttlichen Zwillinge, Marasa, die Toten und die Familiengötter verehrt. Für Gott, Le Bon Dieu, gibt es keinen Verehrungskult - er gilt als unerreichbar.

Symbolische Gegenstände repräsentieren die lwa - so steht ein Säbel für den lwa Ogu. Vévé, individuelle graphische Zeichen, werden bei den Ritualen mit Mehl oder Asche auf den Boden des Tempels gestreut und auf heiligen Objekten angebracht. Bilder katholischer Heiliger werden mit bestimmten lwa assoziiert.

Die lwa haben wie die Menschen charakteristische Eigenschaften - eine Lieblingsfarbe und Lieblingsspeisen, bestimmte Opfertiere und –gaben. Sie bewohnen bestimmte Stellen in der Natur, wie z.B. Bäume. Die Eigenschaften der lwa sowie die Kontrolle der Geistbesessenheit erlernen Vodou-Anhänger in der Initiation. Erst dadurch können sie eine aktive Rolle in den Ritualen und der Vodou-Gemeinschaft übernehmen. Im Zustand der Besessenheit werden die Eigenschaften des jeweiligen lwa nachgeahmt und rituell inszeniert: Eine Person, die von dem durch eine Schlange symbolisierten Gott Damballah besessen ist, kriecht in schlängelnden Bewegungen auf dem Boden und bekommt rohe Eier zu essen.

Außer den Gesellschaften, die zu gewöhnlichen Vodou-Tempeln gehören, gibt es in Haiti auch Geheimgesellschaften. Diese verfügen über eine straffe Struktur und militärische Organisation und eigneten sich daher perfekt für die Maroon-Gemeinschaften – kleine Gruppen von Sklaven, die von den Plantagen geflohen waren. Von 1791 bis 1804 spielten diese Gesellschaften eine zentrale Rolle im Widerstand der Sklaven gegen die Franzosen. Der Kampf wurde sowohl mit handfesten, als auch mit magischen Waffen geführt, denn die Priester beschworen die aggressivsten, heißesten Mächte herauf. Im zwanzigsten Jahrhundert bedienten sich die Diktatoren François "Papa Doc" und Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier der Geheimgesellschaften, um Regimekritiker zum Schweigen zu bringen. Es gibt diese Gesellschaften noch heute, eine der wichtigsten ist der Bizango.

Aus Gräbern steigende Zombies oder mit Nadeln durchstoßene Puppen - mit Vodou bzw. Voodoo werden Klischees verbunden, die kaum etwas mit den realen Praktiken dieser religiösen Kultform zu tun haben. Auch Kannibalismus oder geheime Riten von blut- und sexbesessenen Schwarzen sind Teil dieser Vorstellungen. Diese Bilder werden seit langem von verschiedenen Medien, vor allem in Literatur und Film, aufgegriffen. Doch woher stammen solche Klischees über Vodou?

Puppen spielen im Vodou zwar eine Rolle, die Verwendung von Nadeln ist jedoch unbekannt. Die Quelle für diese Annahme könnten die mit Nägeln versehenen Kraftfiguren (nkisi) aus dem Kongo sein. In Vodou-Praktiken werden Puppen zur Lösung von Problemen oder der Erfüllung von Wünschen als menschlicher Ersatz verwendet. Darüber hinaus dienen sie als Nachrichtenüberbringer zwischen den Lebenden und den Toten.

Die Darstellung von Zombies reicht vom willenlosen Untoten bis zum kannibalistischen Monster. Nach Vorstellung vieler Haitianer sind Zombies lebende Tote ohne Erinnerung und Bewusstsein, die von einem Schwarzmagier zur Ausbeutung aus dem Grab geholt werden. Um einen Zombie zu erschaffen, wird die für den Willen verantwortliche Seele des Toten, der ti bon anj, gefangen genommen und so die uneingeschränkte Macht über das Individuum erlangt. Die für das Bewusstsein verantwortliche Seele, der gwo bon anj, verbleibt im Körper. Für Vodou-Anhänger gilt die Verwandlung in einen Zombie als die schlimmste Strafe, die von Vodou-Geheimgesellschaften verhängt werden kann.


Aus Texten zur Ausstellung in Berlin.
© Fotos: Haupt & Binder


Kontakt der Stiftung:
Fondation pour la preservation, la valorisation et la production d'oeuvres culturelles haïtiennes (FPVPOCH)
BP 15650, HT6140
Pétionville, Haïti
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