Interview mit Hou Hanru

Von Binder & Haupt, Universes in Universe

Universes in Universe: Bei der Pressekonferenz sagten Sie, das "Typische" für die zeitgenössische chinesische Kunst sei deren Vielfältigkeit. Sind die chinesischen Künstler heutzutage sehr individualistisch?

Hou Hanru: In der Vergangenheit haben viele Leute gedacht, chinesische Kunst habe ein einziges "Gesicht", eine einzige "typische" Art des Bildes. In Wirklichkeit arbeiten die Künstler heute aber auf sehr individuelle Weise. Gegebenenfalls haben sie einen gemeinsamen Hintergrund, teilen einen spezifischen Kontext. Sie haben aber in der Zwischenzeit verschiedenartige Antworten entwickelt. Die Künstler in dieser Ausstellung berufen sich auf sehr unterschiedliche Bildwelten, Wahrnehmungsarten und Betrachtungsweisen. Sie untersuchen z.B. die Fantasien, die sie über sich selbst haben, ergründen ihre eigenen Persönlichkeiten. Ihre Arbeit basiert auf unterschiedlichen Ausdrucksweisen und Medien. Das alles macht die ganze Szene sehr vielfältig. Sicher kann man unter den Künstlern des Landes alles Mögliche finden, aber dieses Ausstellungsprojekt ist auf die reiferen, etablierten unter ihnen orientiert, auf intellektuell integere Persönlichkeiten, anstatt modische oder trendige Dinge zu zeigen. Die Künstler in dieser Ausstellung sind zuallererst individuell Schaffende.

 

UiU: Sie sagten auch, dass sie unter den Künstlern eine Besessenheit registrieren, an vorderster Front der technischen Entwicklungen zu stehen. Beruht diese Wahrnehmung möglicherweise eher auf Ihren persönlichen Interessen oder ist dem tatsächlich so?

HH: Sicherlich ist es eine Realität die mich persönlich interessiert, aber es ist definitiv "die" Realität der heutigen Kunstwelt.

 

UiU: Ist der Zugang zu den technischen Möglichkeiten schwierig in China?

HH: Nein, ich denke, er ist sogar leichter als hier. In den Städten ist die Computertechnologie allgegenwärtig. Man bekommt sehr billige Equipments zu kaufen. Es gibt natürlich auch sehr teure, aber man bekommt alle möglichen Billigprogramme. Man kann sehr leicht sogar ein eigenes Videostudio haben. Für mich bedeuten die neuen Technologien, global gesehen, eine hoch interessante Entwicklung. Sie ermöglichen Leuten aus sehr unterschiedlichen Kontexten, sich neue Wege für ihr künstlerisches Schaffen auszudenken. Zum Beispiel sind digitale Kameras heutzutage sehr populär, und mit digitaler Technologie kann man vieles selbst lösen. Es gibt auch einen anderen wichtigen Aspekt: die alternative Ökonomie rund um die Computerindustrie. Damit meine ich die Verbreitung von "Raubkopien" von Filmen, CDs, Programmen, etc., die den Leuten aus ärmeren Regionen der Welt den Zugang zu den technischen Ressourcen erleichtern.

 

UiU: Herr Schuster sagte bei der Pressekonferenz, wir sollten in der Ausstellung keinen der Harald-Szeemann-Chinesen erwarten. Ist das seine Interpretation oder weist das auf eine explizite Distanzierung der Kuratoren hin?

HH: Ich glaube, es ist eher seine eigene Interpretation. Natürlich gibt es einige der Künstler, die in der Biennale von Venedig vertreten waren, aber die kuratoriale Perspektive ist vollkommen verschieden. Ich betone noch einmal, wir bauen in der Ausstellung auf einer individuellen Auseinandersetzung mit der Realität auf und nicht auf jener Klischeevorstellung, die Szeemann mit seinem Projekt ausgelöst hat.

 

© Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Binder & Haupt, Universes in Universe, September 2001

Living in Time
29 zeitgenössische Künstler aus China

19. September 2001 -
6. Januar 2002

Hamburger Bahnhof,
Museum für Gegenwart - Berlin

 

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