Was tust du, Objekt?

Eine Untersuchung von Form, Bedeutung, Materialität, Prozess. Rezension der von Nile Sunset Annex kuratierten Ausstellung, Gypsum Gallery, Kairo, Juni - Juli 2015.
Von Laura Cugusi | Jul 2015

What are you doing, object? (Was tust du, Objekt?) Das ist der spielerische Titel, der für die erste Gruppenausstellung in der Gypsum Galerie in Kairo gewählt wurde, konzipiert und kuratiert vom Künstlerkollektiv und Kunstraum Nile Sunset Annex (Jenifer Evans und Taha Belal) auf Einladung der Galerie.

Beide Initiativen, die selbst finanziert sind, obwohl ziemlich unterschiedlich hinsichtlich ihrer Ressourcen und Größe, weisen Affinitäten in ihrer Konzentration auf neue Produktionen, Experimente und die Materialität von Kunstwerken auf. Gypsum und Nile Sunset Annex haben in der lokalen Kunstlandschaft wohl eine Lücke geschlossen, indem sie für Künstler produzieren sowie Kunstwerke zeigen und verkaufen, die nicht notwendigerweise Botschaften vermitteln, nicht an Konzepte oder Narrative geknüpft sind oder ihre nationale Eigenheit oder die Präsenz in Zeit und Ort zum Ausdruck bringen wollen.

WAYDO? ist eine Erkundung der Form, bei der das Objekt für sich selbst spricht und manchmal sogar Besucher zu befragen scheint, wenn dem visuellen Vokabular neue Zeichen und Formen hinzufügt werden. Viele der Werke von zehn derzeit aktiven ägyptischen Künstlern sowie zwei Arbeiten von Mounir Canaan (1919 - 1999) haben eine starke Präsenz, was dazu führt, dass die Ausstellung etwas überladen zu sein scheint.

Das traditionellste minimalistische Kunstwerk in der Schau, gezeigt gleich neben der Eingangstür, ist Ruler (Lineal) von Ahmed Badry. Es ist weiß, sauber und präzise und dennoch unvollkommen und die Zahlen darauf sind ungleichmäßig ausgearbeitet. Ruler bezieht sich auf Geometrie und reine Form, aber diese Arbeit ist auch handgefertigt und nachsichtig: eine Kombination von Qualitäten, die sich durch die ganze Ausstellung zieht.

Eine schlanke kubische Holzstruktur von Doa Aly (Sculpture #1 House of Rumors, 2015) steht auf einem weißen Sockel und füllt mit ihrem leeren Volumen viel vom ersten Raum aus. In einem separaten Raum liegt eine andere Holzstruktur von ihr direkt auf dem Boden, komponiert aus kreisförmigen und dreieckigen Linien. Deren Stabilität und Bestimmtheit beruht darauf, dass sie die Pfade einer Choreografie nachvollziehen, von der Künstlerin 2012 für eine Vier-Kanal-Videoinstallation konzipiert, in der vier Tänzer eine Reihe verhaltener Schritten und Gesten aufführten. Die Schlichtheit der beiden Skulpturen lädt zur Erkundung durch Bewegung ein. Auf den ersten Blick erscheinen sie symmetrisch, aber wenn man um sie herum geht und sich neigt, um den sauberen geometrischen Linien zu folgen, werden sie zu anderen Gebilden. Bei aller Fragilität sind sie dennoch kraftvoll und haben eine theatralische Präsenz, so wie ein charismatischer Schauspieler, der in mysteriöser Haltung unbeweglich auf der Bühne steht.

Auf ähnliche Weise kann man die seltsame Präsenz des scheinbar extraterrestrischen, hell funkelnden blauen Kleckses A Rock Exits a Video and Becomes a Puddle (2013) von Malak Helmy nicht ignorieren, der sich ebenfalls im ersten Raum befindet. Es ist eine organische Form, die an einen Felsen, ein Meteoritenfragment oder ein Stück aus einer Ausgrabung von einem anderen Planeten erinnert.

Das minimalistische Werk Untitled (1996) von Mona Marzouk ist die dominierende Arbeit der Ausstellung: mit seiner turmartigen Masse zieht es die Aufmerksamkeit auf sich und lädt die Betrachter ein, um sie herum zu gehen und die perspektivischen Veränderungen zu erleben, die durch sich wiederholende Ebenen im Inneren entstehen. Es sieht aus wie ein Monolith, ist aber tatsächlich eine komplexe Struktur aus achtzig dünnen Holztafeln, zusammengefügt zu zwanzig dicht beieinander stehenden Einheiten. Mit den oben runden fensterähnlichen Öffnungen ist es eine Reminiszenz an klassische islamische Architektur oder an Übungen perspektivischen Zeichnens in der Renaissance.

In der Nähe davon steht auf einem hohen dreieckigen Wandbord ein kleiner Kopf, der aussieht, als würde er von einem Außerirdischen stammen. Sein Blick ist in die Ecke gerichtet, so als würde er den Kubus von Marzouk absichtlich ignorieren - und ebenso die Betrachter. Das ist die in 3-D gedruckte Skulptur Solid (2014) von Sarah Samy. Sie kontrastiert mit dem anderen Werk von Samy in der Ausstellung, Navigation #1 (2015). Es ist wie übergroßes Puzzle aus unregelmäßig geformten Mousepads mit einer Reihe aufgedruckter, isolierter Figuren - ein Schmetterling, eine geflügelte Elfe, zwei Schnecken, stark farbige arabische Ziffern. Spiele und die kitschige Ästhetik amateurhafter Bilder im Internet sind häufige Inspirationsquellen in Samys Schaffen, und hier sind sie in spielerischer Zufälligkeit kombiniert. Mehr als jedes andere Werk in der Ausstellung entzieht sich Navigation #1 jeglichen Interpretationen und Assoziationen im Hinblick auf Bedeutung oder Ortsspezifität.

Verspieltheit ist auch in dem Werk von Dina Danish sofort evident. Auf einem Sockel liegt unter Glas ein unregelmäßig geformtes Metallobjekt. Dessen Interpretation hängt komplett von dem Schild ab, auf dem es als ein archäologisches Fundstück erläutert wird: Kaugummi aus der Bronzezeit.

Im eleganten Ambiente einer noblen Galerie, platziert zwischen eher düsteren Werken, mag man angesichts der Werke von Danish und Samy ausrufen: "Was macht ihr denn eigentlich hier?" Die Objekte scheinen zu antworten, "yeah, ich bin hier, aber nimm mich (oder dich selbst) nicht zu ernst".

Über Samys Matte hängt ein großer handgefertigter Teppich in Schwarzweiß, eine Kreation von Kareem Lotfy (Untitled, 2014), der Mittel der Online-Kryptographie benutzt, um ein regelmäßiges, gelegentlich unterbrochenes Muster aus scheinbaren Störungen zu schaffen. Es ist die Art von Objekten, die in einer Galerie einfach nur schön anzusehen sind und die man sich für das eigene Zuhause wünscht. Seine Wirkung ist der von Samys Bodenarbeit nahezu entgegengesetzt, und deshalb funktionieren beide gut zusammen.

In einem Werk von Iman Issa, Fortune Teller, ist auf einem Foto ein helles Licht zu sehen, das aus einem kreisrunden Loch strahlt. Daneben beschreibt ein Text anschaulich eine Szene. In der Zeit, die man braucht, um den Text zu lesen, "malt" man ein Bild in seinem Kopf, das in starkem Kontrast zu der minimalistischen Fotografie steht.

Hassan Khans Dense Object ist zuerst konzipiert worden, um 2012 für eine auf Bildern basierende Serie mit dem Titel Trusted Sources fotografiert zu werden. Es besteht aus fünf Scheiben aus verschiedenem Material, sieht glatt und edel aus und lässt einen über das Gewicht nachdenken. Es wirkt wie eine Batterie für eine mysteriöse futuristische Maschine. Es ist reine Form, lässt aber eine Funktion vermuten.

Ein zweites Werk von Hassan Khan, DOUBLEMIRROR (dream / object / echo) , ist ganz anders. Auf einem hohen, Trompeten ähnlichen Ständer befindet sich ein Spiegel, an dessen linker Ecke ein menschlicher Kopf aus Lehm hängt. Es handelt sich um ein neues Werk, das nichts mit den anderen Exponaten in der Umgebung zu tun haben scheint, doch der unheimliche Blick und der Spiegel, in dem die Räumlichkeiten der Galerie reflektiert werden, sind desorientierend.

Die meisten Werke in WAYDO? rufen keine starken emotionalen Reaktionen hervor, sie sind vielmehr verwirrend, wecken Neugier und lösen solche spekulativen Fragen aus wie "was versuchst du zu machen?" oder "wo kommt dies her?". Es gibt eine gewisse Aura von Nostalgie oder Symbolismus, keine explizite Spur von Geschichte oder Ort, mit Ausnahme von Mahmoud Khaleds The Crying Man, einer subtilen Kritik der Verlogenheit der Bourgeoisie, zum Ausdruck gebracht in einem altmodischen Möbelstück, das sich auf den infamen "Queen Boat Zwischenfall" [1] bezieht.

Das Kairoer Publikum für zeitgenössische Kunst ist mit thematischen Ausstellungen, in denen es viel Text gibt, vertraut geworden. Aus diesen kommt man oft mit dem Gefühl heraus, nicht genügend Anhaltspunkte für ein volles Verständnis der Werke gehabt zu haben, oder man bemüht sich um den Kontext von Arbeiten, noch bevor man in der Lage war, diese richtig wahrzunehmen. Im umgekehrten Fall sind die Bezugspunkte gelegentlich so direkt, dass nur wenig Raum für Mehrdeutigkeit oder freie Interpretation bleibt.

Einige Leute, die WAYDO? gesehen haben, meinten, eine derartige Ausstellung hätte auch in London, New York oder sonstwo stattfinden können. Ihre anachronistische Atmosphäre war für die Einen erfrischend, hingegen enttäuschend für Andere, aber die Bandbreite der Reaktionen auf die ambivalente Qualität der Schau ist durchaus ein gutes Zeichen.

Zusammen genommen sind die Kunstwerke in WAYDO? eine freie Übung mit Formen, ganz in der Traditionslinie der Vielseitigkeit von Nile Sunset Annex und von deren wagemutiger, unapologetischer experimenteller Grundeinstellung.

Über Nile Sunset Annex

Seit der Gründung 2013 hat Nile Sunset Annex (NSA) zwanzig einmonatige Ausstellungen und ebenso viele Publikationen produziert, die in der Mehrzahl auf die Präsentation physischer Objekte, Skulpturen, Drucke und Gemälde fokussiert waren.
Der Ausstellungsraum ist ein nur 4 mal 4 Meter großes Zimmer in der Wohnung eines der Mitglieder. Nile Sunset Annex teilt sich die Kosten und den Aufwand der Produktion der Werke mit den ausstellenden Künstlern, so dass die Beziehung vor allem auf dem Enthusiasmus und der Großzügigkeit beider Parteien beruht. Belal und Evans sind selbst Künstler (Belal hat schon in Gypsum ausgestellt), und durch persönliche Erwerbungen und die Übereinkunft, ein Werk jeder Ausstellung zu behalten, bauen sie eine kleine Sammlung zeitgenössischer ägyptischer Kunst auf.

Für WAYDO? haben Belal und Evans zum ersten Mal explizit die Rolle von Kuratoren eingenommen, und außerdem stellten sie die meisten der gezeigten Werke von Hand her. In WAYDO? hallt die zweite Ausstellung von Nile Sunset Annex What are you doing, drawing? nach, in der eine Gruppe von Künstlern und auch Nicht-Künstlern beauftragt war, die Grenzen dessen auszutesten, wie eine Zeichnung aussehen könnte.

Anmerkung:

  1. Am 11. Mai 2001 überfiel die ägyptische Polizei den auf dem Nil schwimmenden Nachtclub für Homosexuelle Queen Boat. 52 Männer wurden eingesperrt und wegen Beleidigung der Religion und Verkommenheit angeklagt.

 

Laura Cugusi

Autorin, Forscherin, Fotografin und Künstlerin. Geboren auf Sardinien, Italien, lebt seit 2008 in und außerhalb von Kairo.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

What Are You Doing, Object?

2. Juni - 7. Juli 2015

Gypsum
5 Ibrahim Naguib St.
Ground Floor, Apt. 2
Garden City, Cairo
Ägypten
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Kuratiert von Nile Sunset Annex

Künstlerinnen und Künstler:

Nafas
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