Rana ElNemr: Synonyme für Sehen

Indem sie vielfältige Möglichkeiten aufzeigt, die Stadt (Kairo) zu sehen, lotet sie das Medium der Fotografie auf ganz eigene Weise aus.
Von Ismail Fayed | Feb 2015

"Mit Städten ist es wie mit Träumen. Alles Vorstellbare kann geträumt werden… Städte wie Träume sind aus Wünschen und Ängsten gebaut, auch wenn der Faden ihrer Rede geheim ist, ihre Regeln absurd, ihre Perspektiven trügerisch sind und ein jedes Ding ein Anderes verbirgt." [1] Vielleicht ist es Calvinos Beschreibung der Stadt, die im Schaffen von Rana ElNemr am direktesten widerhallt. Von ihren Fotoserien extravaganter und oftmals kitschiger Eingangstore zu Ferienanlagen an der Mittelmeerküste in Coastline (2005) über ihre Installation / Collage der Vorderseiten von Balkonen an Wohnhäusern überall in Kairo in Telekinesis (2007) bis zu ihren visuellen Eskapaden, wenn sie in Giza Threads (2011), durch die Stadt fährt, macht sich ElNemr daran, die vielen Wege zu erkunden, wie wir uns zur Stadt in Beziehung setzen, diese verstehen und "sehen". Indem sie dies tut, legt sie nicht nur die vielfältigen Möglichkeiten offen, die Stadt zu sehen und alle erdenklichen Szenarien ihrer visuellen Wahrnehmung zu entwerfen, sondern sie stellt auch tiefgreifende Fragen zur Fotografie selbst. Die Arbeitsweise von ElNemr hängt von dem dualen Prozess des Expandierens unseres visuellen und konzeptuellen Verständnisses des Raums (vom unmittelbaren Raum, wie persönlichen Wohnstätten oder Atelierräumen, bis zu abstrakteren Vorstellungen vom Raum, wie der Stadt oder sogar dem imaginären Raum) und dem Experimentieren mit der Materialität und Bedeutung des Bildes ab.

In ihrer jüngsten Ausstellung Assembled in Streams of Synonyms (2014), kuratiert von Maha Maamoun für die Sharjah Art Gallery, verbindet ElNemr ihre Erkundung von Räumen in deren diversen Formen und Bedeutungen mit einer Neugier auf neue Materialien und Formate, die ihr künstlerisches Interesse und Anliegen widerspiegeln. Sie benutzt fotografische Drucke auf Archivpapier sowie Vinyl, 16 mm Film, 8 mm Film, Animation, Audio und eine Skulptur, um dem Publikum die unterschiedliche Art und Weise zu vermitteln, wie sie durch ihre persönliche Raumerfahrung und diverse Medien, die ihre Ideen immer wieder anders und unverkennbar übersetzen, mit Sinngehalt umgeht. Sie erforscht die Bedeutungsebenen, die jedes Medium in sich birgt, und die Verbindungen und Überlappungen zwischen solchen Bedeutungen und ihrer eigenen künstlerischen und subjektiven Erfahrung.

Die Sharjah Art Gallery der American University of Cairo (AUC) ist ein zweigeschossiger Raum mit einem eigentümlichen, achteckigen vorderen Bereich und einem halben Quadrat, das in einem schrägen Durchgang in einer der Ecken endet. Die Ausstellung besteht aus 11 Elementen oder Sequenzen, fünf im Erdgeschoss (Map, The Dictionary of Imaginary Places, It Became Known That King Mariout Now Has a Library, The Living Object, The Shaft) und sechs in der oberen Etage (Depot, Assembled in Streams of Synonyms, Extent, Department of Squares and Roundabouts, The Khan, It Became Known That King Mariout Now Has a Library). Zusammen sind es Fragmente, die durch Assoziation zwischen Bild, Text und verschiedene Formate des bewegten Bildes funktionieren. Jede Sequenz kann für sich allein stehen und ElNemrs allgemeine künstlerische Interessen und Fragestellungen reflektieren, aber auch weitere Verbindungen und Verknüpfungen mit anderen Sequenzen und Elementen widerhallen und somit als Bausteine für multiple Geschichten und Erzählungen dienen, die von jedem Besucher bzw. jeder Besucherin auf einzigartige Weise erlebt werden.

Man tritt ein und begegnet zunächst zwei Bildern: der Fotografie einer handgezeichneten Karte eines Garten und einem Foto des Buches The Dictionary of Imaginary Places in einem Regal, das so aussieht wie in einer Bibliothek oder bei irgendwem zu Hause. Die beiden Bilder geben die Richtung der Ausstellung als einer Übung des Imaginierens und Re-Imaginierens von Raum vor. Um die Ecke beleuchtet ein Laternenpfahl in Originalgröße den dreimal so hohen Ausstellungsraum. Eigentlich ist es ein normaler Laternenpfahl, nur bei näherer Betrachtung bemerkt man die Intervention der Künstlerin, bestehend aus der gekippten Position einer der Lampen (und bei noch genauerem Hinsehen von der Balustrade der oberen Etage offenbaren sich einem weitere Details, so eine Pflanze im Inneren des geneigten Lampenkopfes, was - wenn auch nicht sofort wahrnehmbar - erneut die Art und Weise verdeutlicht, wie sich Natur in Kairo in Räumen ausbreitet und mit diesen zusammenlebt). Der Lampenpfahl wirft Licht und Schatten auf zwei weitere Werke im Hauptraum: 1. Ein in einem 16 mm Video-Loop permanent losfliegender Taubenschwarm. Ihr unablässiger Flug mit keinem deutlichen Ende oder Beginn lässt an die Metapher des "Höhenflugs" denken. 2. Dem Video gegenüber befindet sich eine große Nachtaufnahme, durch die wir erfahren, dass King Marriot jetzt eine Bibliothek hat. Diese zweite Bezugnahme auf Bücher wird in verschiedenen Werken der Ausstellungen wieder auftauchen.

Diese Koexistenz von Natur und den äußerst urbanen Räumen oder der Peripherie der Stadt erscheint auch in den sechs anderen Folgen im Obergeschoss. Zum Einen im Zusammenhang mit großen Rohren in einem Ambiente, das wie die Randbezirke einer Stadt aussieht. Und in Hecken hinter Mauern. Und auch wieder zwischen unfertigen Hochhauswohnblöcken mit verschiedenen Perspektiven, die einen versteckten Flecken Grün zeigen. Die Sequenzen gehen mit solchen Themen wie Natur, der Konstruktion von Räumen und meditativen Texten einher, die eine flüchtige Dimension dessen darbieten, wie wir Raum und sein Verhältnis zu Fiktion und die Beziehung zur Stadt wahrnehmen. Selbst das mysteriöse Regal und die Bibliothek treten wieder in Erscheinung - als eine Serie kleinformatiger Rahmen mit Fotos einer Straße, die zu einer Bibliothek führt, und von deren Eingang sowie in den aufgezeichneten Gesprächen mit einer anonymen Person, die über ihre Liebe zur Natur und zu Bibliotheken spricht.

Das Spiel mit imaginären Räumen wurde in großen Fotografien eines Rummelplatzes und eines Geländes wiederholt, das wie ein verlassener Themenpark aussieht. Die Gegenüberstellung verschiedener Formate bewegter Bilder (8 mm Filme, Videos, Animation…) mit der unbewegten Eigenart von Fotografie und dem kontemplativen Charakter der Texte fügt eine Tiefe und Intensität hinzu, die alle diese Elemente zu einem offenen Raum werden lässt, der verschiedene Sichtweisen und unterschiedliche Wege der Schaffung und Wiedererschaffung von Sinngehalt ermöglicht.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Calvino, Italo. Die unsichtbaren Städte. Die deutsche Erstübersetzung von Heinz Riedt erschien 1977 im Carl Hanser Verlag, München, und im Verlag Volk und Welt, Berlin (DDR)


Ismail Fayed

Autor und Kulturwissenschaftler, schreibt seit 2007 über zeitgenössische Kunst. Lebt in Kairo, Ägypten.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Rana ElNemr
Assembled in Streams of Synonyms

30. November 2014 - 15. Januar 2015

Sharjah Art Gallery
AUC Center for the Arts, The American University in Cairo, AUC Avenue, P.O. Box 74 New Cairo, 11835
Ägypten
Website Email

Kuratorin: Maha Maamoun

Im Rahmen der AUC_LAB Ausstellungsreihe und Publikationen, entstanden im Auftrag der Sharjah Art Gallery der American University in Kairo unter der Leitung von Kaya Behkalam.


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