Unsichtbare Schönheit

Die Ausstellung des irakischen Pavillons auf der 56. Biennale Venedig 2015 ist vom 28. Mai bis 4. Sept. 2016 im S.M.A.K. Gent zu sehen. Einführung des Kurators Philippe Van Cauteren und Fotos der Schau in Venedig.
Jun 2016

Vom 28. Mai bis 4. September 2016 ist die Ausstellung Invisible Beauty des irakischen Pavillons auf der 56. Biennale Venedig 2015 im S.M.A.K. Gent, Belgien zu sehen.

Die 2012 von irakischen Kunst- und Kulturenthusiasten gegründete nicht-kommerzielle NGO Ruya Stiftung für Zeitgenössische Kultur im Irak engagiert sich schon zum zweiten Mal für die Ausrichtung eines irakischen Pavillons auf der Internationalen Kunstausstellung der Biennale Venedig. Der Titel der diesjährigen Edition Invisible Beauty [Unsichtbare Schönheit] bezieht sich sowohl auf die Themen und Motive der Kunstwerke wie auf die fortdauerende Unsichtbarkeit irakischer Künstlerinnen und Künstler im internationalen Kunstgeschehen. Kuratiert von Philippe Van Cauteren, dem künstlerischen Direktor des S.M.A.K. in Gent, Belgien, werden Werke von Latif Al Ani (* 1932), Salam Atta Sabri (* 1953), Rabab Ghazoul (* 1970), Akam Shex Hadi (* 1985) und Haider Jabbar (* 1986) präsentiert. Sie wurden vom Kurator nach einer von Ruya organisierten Irak-Reise in Begleitung von Tamara Chalabi, Mitbegründerin und Vorsitzende der Stiftung, sowie nach Besuchen bei in der Diaspora lebenden irakischen Künstlern ausgewählt.

In der Ausstellung sind darüber hinaus über 500 Zeichnungen von Flüchtlingen im nördlichen Irak zu sehen. Der renommierte chinesische Künstler Ai Weiwei erhielt den Auftrag, diese zu sichten und einen Teil davon für eine Publikation auszuwählen, die während der Eröffnungstage der Biennale vorgestellt wurde. In Zusammenarbeit mit Mousse Publishing produzierte die Ruya Stiftung auch einen Katalog zur Ausstellung des Pavillons. In dem darin enthaltenen kuratorialen Text gibt Philippe Van Cauteren eine kurze Einführung in die gezeigten Werke:

Die Fotografien archäologischer Stätten von Latif Al Ani aus den späten 1950er und 1960er Jahren erlangen vor dem Hintergrund der gegenwärtigen dramatischen Ereignisse eine besonders große Bedeutung. Damals hatte der Künstler die Absicht, eine Gesellschaft am Wendepunkt zu einer modernen Ära zu dokumentieren. Heute funktionieren diese Fotografien als Kritik der Tragödie des Niedergangs und des Verlusts von Würde und Kultiviertheit. Al Anis Werk ist ein Zeugnis in Schwarzweiß einer utopischen Gesellschaft, die jetzt durch die Irrationalität von Krieg und Religion hinweggerissen wird.

Das steht in starkem Kontrast zum Tagebuch aus Zeichnungen von Salam Atta Sabri. Seine Letters from Baghdad [Briefe aus Bagdad] können als introspektive Annotationen verstanden werden, in denen die tragischen Verhältnisse eines Landes mit dem persönlichen Drama eines Künstlers kollidieren, der den Zwang empfindet, Kunst in einem Kontext zu schaffen, der durch ganz und gar nicht kunstförderliche Bedingungen bestimmt ist.

Und diese anderen Bedingungen werden oftmals vom Ausland aus durch verschiedene, wechselnde Koalitionen erzeugt. Indem sie den Menschen eine Stimme gibt, setzt sich Rabab Ghazoul mit Vorstellungen vom Volk und seinen Repräsentaten auseinander. Durch das einfache Mittel, die Stimmen anonymer Bürger Englands aufzunehmen, die eine Rede des früheren Premierministers Tony Blair wiederholen, dekonstruiert die Künstlerin Begriffe wie Wahrheit, Schuld und Veranstwortung.

Im Schaffen von Haider Jabbar erscheinen nach dem brutalen Akt des Köpfens verstümmelte Gesichter. Der Künstler reflektiert über zerstückelte Körper, indem er ein Archiv abgeschlagener Köpfe der Opfer von Gewalt anlegt. Seine künstlerische Sprache verrät seine Begeisterung für das Werk einiger älterer Künstlerkollegen, aber der Unterschied wird in der Art deutlich, wie er das, was er erlebte, in ein Bild mit universaler Wirkung "übersetzt". Jeder Duktus erfasst tragische Fragmente der Realität.

Obwohl keineswegs die Absicht bestand, eine Ausstellung zu realisieren, in der die gegenwärtige tragische Realität des Terrors ein Thema ist, bin ich mehr als erfreut zu sehen, dass sich die Schönheit der Werke in dieser Schau auf die Courage der Künstler hinsichtlich ihres Engagements ausweitet. Diesbezüglich muss man die Bemühungen von Akam Shex Hady würdigen, der vor dem IS geflohene Menschen auf subtile, empfindsame Weise fotografierte. Dabei legt sich ein schwarzes Stoffstück wie eine bedrohliche Schlinge um die in der Nackheit ihrer Tragödie erfassten Menschen.

Invisible Beauty gibt verschiedenen Künstlergenerationen eine Stimme, die allesamt Gefangene des Niedergangs eines Landes sind. Gleichzeitig sind sie davon überzeugt, dass Künstler eine Position beziehen und eine Verantwortung übernehmen müssen, was sich von dem orthodoxen Glauben an reine Schönheit unterscheidet. Die künstlerische Praxis dieser Kunstschaffenden ist in einem komplexen Gewirr aus Verlust, Identität, Erinnerung und Schönheit verankert. Invisible Beauty ist eine Ausstellung, die flüstert, die behutsam artikuliert. Vor dem apokalyptischen Hintergrund der jüngeren Geschichte des Irak finden Künstler weiterhin den Mut, sich auf ein Schaffen einzulassen, bei dem der einzelne Künstler bzw. die Künstlerin unabhängig von jeglicher Form des Akademismus ist und sich einer dichten Reflexion darüber verpflichtet fühlt, wie Kunst zur Gesellschaft in Beziehung steht.

© Auszug aus: Letter to Tamara Chalabi, von Philippe Van Cauteren. In: Invisible Beauty, Ruya Foundation und Mousse Publishing.
Nafas Kunstmagazin dankt Philippe Van Cauteren für die Erlaubnis zur Übernahme seines Textes.
© Aus dem Englischen: Haupt & Binder.

Invisible Beauty
Der Pavillon des Irak auf der
56. Internationalen Kunstausstellung
- la Biennale di Venezia 2015

9. Mai - 22. November 2015

Ort:
Ca' Dandolo
Canal Grande
San Polo, 2879 Venedig
Vaporetto: San Toma

Kurator:
Philippe Van Cauteren

Kommissar:
Ruya Stiftung für Zeitgenössische
Kultur im Irak

Die Ausstellung wird 2016 im
S.M.A.K. in Gent, Belgien, gezeigt.

Künstler:


Siehe auch:

03
Über Monumente, (von) Architekten, (für) Regierungen und angespannte Beziehungen von Idealen zu Ideologien in Zeiten sich wandelnder Staaten. Projekt auf der 56. Biennale Venedig 2015.
Walid Siti - New Babylon
Über das Schaffen des Künstlers im Kontext seiner irakisch-kurdischen Herkunft. Mit Fotos seiner Installation auf der 56. Biennale Venedig 2015 und früherer Werke.
Adel Abidin - 135
Verwundetes Wasser. Sechs irakische Künstler interpretieren das Thema Wasser. Fondazione Gervasuti, Venedig.
Nafas
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