Jenseits des Exils: Heimweh von Hrair Sarkissian

Juli - Okt. 2017, Sursock Museum Beirut. Nachbau und Zerstörung seines Elternhauses in Damaskus. Reflexionen über das Projekt des Künstlers.
Von Murtaza Vali | Jan 2015

Exile is predicated on the existence of, love for, and bond with, one’s native place; what is true of all exile is not that home and love of home are lost, but that loss is inherent in the very existence of both.
Edward Saïd, Reflections on Exile [1]

Ein maßstabsgerechtes Modell eines nicht näher bestimmten, schlammbraunen Apartmentblocks, so wie man ihn überall in Städten des Nahen Ostens findet, füllt den Rahmen der Fotografie, der ersten einer Serie von fünf großformatigen Bildern, die zu Hrair Sarkissians jüngstem Projekt Homesick (2014, Heimweh) gehören. Ein Treppenaufgang in der Mitte des Gebäudes teilt es in zwei gleichwertige Flügel. In jedem davon gibt es vier Balkone zur Straße hin, von denen einige vollständig offen sind, während andere teilweise geschlossen wurden, um zusätzlichen Innenraum zu gewinnen. Die Art und Farbe der Vorhänge, die Ausführung der Fenster und der Metallgeländer an der Brüstung eines jeden Balkons variieren. Man sieht auf dem Dach einen kleinen Wassertank und an den Außenwänden die Abzüge von Klimaanlagen und Abluftventilatoren, die zu jeder Wohnung gehören. Abgelenkt von der detailreichen Ausführung kann es eine Weile dauern, bis man feststellt, dass es sich bei dem Bau tatsächlich um ein Modell in einem Raum mit weißen Wänden handelt und nicht um ein reales Gebäude innerhalb der urbanen Struktur einer arabischen Stadt. Und obwohl die Fotografie kein Detail enthält, an dem wir das Maßstabverhältnis feststellen könnten, beherrscht ihr Motiv den Raum und den Rahmen in einer Weise, die eine ungefähr dem menschlichen Körper entsprechende Größe erahnen lässt, irgendwie vergleichbar mit der von Tony Smiths Die (1968), einer archetypischen minimalistischen Skulptur. Es handelt sich bei diesem Modell um eine Replik im Maßstab 1:30 des Gebäudes in Damaskus, in dem Sarkissian aufwuchs und wo seine Eltern nach wie vor leben. In Kooperation mit einem Architekten und einem Bauunternehmer arbeitete Sarkissian ausgehend von Entwurfszeichnungen und Fotografien der originalen Struktur, um diese detaillierte Reproduktion in Darat al Funun in Amman, Jordanien, zu errichten, die anders als konventionelle Architekturmodelle und um eine noch größere Materialtreue zu erhalten in richtigen Bautechniken und Materialien wie armiertem Beton ausgeführt wurde.

Sarkissian ist nicht der erste zeitgenössische Künstler, der mit einer architektonisch exakten Replik des heimatlichen Hauses arbeitet. Seit die Kunst globaler geworden ist und das Leben von Künstlern stärker transnational verläuft, wurde das Zuhause zu einem häufigen Thema, einem vertrauten Motiv, durch das man sich mit Fragen kulturellen Displacements, des Verlusts, der Erinnerung und der Vergangenheit beschäftigen kann. Im skulpturalen Œuvre von Do Ho Suh gibt es immer wieder Repliken der vielen Häuser, in denen er über die Jahre hinweg gewohnt hat. Das Ätherische der lebensgroßen, aus starkfarbigen und dennoch durchsichtigen Stoffen geschaffenen Versionen widerspiegelt die Fragilität und Vergänglichkeit vom Zuhause als einer visuellen und phänomenologischen Erfahrung. Und in einem maßstabsgetreuen Modell wie Fallen Star 1/5 (2008-2011), das materiell stark präsent ist, legt Suh den von Immigranten üblicherweise erlittenen Zusammenprall von Kulturen wörtlich aus, indem ein Haus physisch in ein anderes kracht. Seit 1996 hat Rirkrit Tiravanjia Repliken seiner New Yorker Wohnung in Originalgröße in Galerien und Museen in aller Welt aufgebaut. Diese bescheiden aus Sperrholzplatten gefertigten Nachbauten sind voll funktionsfähig und dazu gemacht, während der Ausstellungsdauer von jedwedem bewohnt und frei genutzt zu werden. Indem sie Räume aus der disziplinierten Ordnung des White Cube herausarbeiten, dienen sie als Schalen, innerhalb derer sich Akte der Geselligkeit entfalten können. Aber als skulpturales Objekt scheint Sarkissians Modell hinsichtlich des Maßstabs, Materials und Empfindens dem Werk Spectre (2006-08) von Marwan Rechmaoui am nächsten zu sein. Dies ist die Replik des modernistischen Yacoubian Gebäudes in Beirut, in dem der Künstler einst lebte und das ihm als Behältnis persönlicher Erinnerungen dient, aber auch das Trauma des libanesischen Bürgerkriegs aufnimmt.

Was Sarkissians Projekt von solchen anderen Beispielen unterscheidet, ist das letztendliche Los seines Hausnachbaus. Nachdem er einen Monat lang mühselig aufgebaut worden ist, wurde er nach der Fertigstellung abgerissen - von Hand, fast einen Tag lang -, in einem sowohl in stehenden wie in bewegten Bildern dokumentierten Prozess. Jede weitere der vier großformatigen Fotografien der Serie markiert das Niederreißen einer Etage, und im letzten Bild ist das Gebäude fast eingeebnet. Diese Fotografie, im Wesentlichen ein Studiostillleben eines großen Haufens Betonschutt, ähnelt journalistischen Bildern der Auswirkungen von Bombardements und evoziert auf unheimliche Weise die alltägliche Erfahrung von Gemetzeln nicht nur in Sarkissians syrischer Heimat, sondern auch an solchen Schauplätzen wie Irak und Gaza. Das Zuhause von Sarkissians Jugend steht stellvertretend für die unzähligen anderen zerstörten in der Region.

Obgleich Sarkissian schon 2008 emigrierte, hat der Bürgerkrieg, von dem Syrien seit 2011 verwüstet wird, seine Rückkehr unmöglich gemacht und ihn in ein unbeabsichtigtes und widerwillig ertragenes Exil gezwungen. Als ein armenischer Syrer, dessen Großeltern wegen der Bedrohung ihres Lebens während des Genozids ihre anatolische Heimat verlassen mussten, erbte Sarkissian die Melancholie des Exils, und ihre elegische Poetik durchdringt viel von seinem früheren Schaffen. Auf einer Ebene kann Sarkissians Nachbildung des Elternhauses als ein nostalgisches Denkmal für ein verlorenes Zuhause verstanden werden, wobei dessen fotografische Wahrhaftigkeit eine Fülle mnemonischer Anker bietet, durch die man sich verzweifelt an eine verblassende Vergangenheit klammert, während die letztendliche Zerstörung des Modells als eine Allegorie eines unvermeidbaren Verschwindens aus dem Gedächtnis dient.
Aber Homesick ist bis jetzt der wahrscheinlich direkteste Versuch von Sarkissian, sich mit den Auswirkungen seines eigenen Displacements auseinanderzusetzen, und die beiden Videos, die die Fotografien begleiten, enthüllen einiges von der Komplexität und den Widersprüchen seines persönlichen Zustands. Ein elf Minuten langes Video ohne Ton zeigt den Abriss des Modells im Zeitraffer, enthüllt aber nie den Grund der Zerstörung. Das Gebäude scheint zu implodieren, langsam in sich selbst zusammenzufallen, seine Einebnung wirkt mehr als Ergebnis einer inneren Pathologie statt als Folge eines Angriffs von außen. Ein weiteres, acht Minuten langes Video, dieses mit Ton, zeigt wie Sarkissian unstetig, aber doch immer wieder einen Vorschlaghammer schwingt. Trotz der eindeutigen Vermutung, dass seine Schläge auf das Modell gerichtet sind, wird sein Ziel nie gezeigt. Stattdessen bleibt die Kamera auf seinen Kopf und Oberkörper fokussiert, studiert seine Körpersprache und die emotionale Reaktion, die dieser Akt der Zerstörung hervorruft; trotz offenkundigen Zorns und Frustration scheint Sarkissian schnell zu ermüden. Durch diese irgendwie widersprüchlichen Videos scheint Sarkissian seine Schuld an dem Prozess einzugestehen und gleichzeitig zu negieren und damit unser Verständnis der Beziehung des Exils zu seinem Zuhause durcheinander zu bringen.

Da sich die Verhältnisse in Syrien verschlechtert haben, ist die tatsächliche Zerstörung seines Zuhauses und mit ihm seiner Familie, die dort noch lebt, zu einer wachsenden realen und paralysierenden Angst geworden, zu einem Grund ständiger Sorge, die sich durch die fortgesetzte Trennung und Distanz nur noch vergrößert. Deswegen beschränkt sich das Leiden, auf das sich der Titel des Projekts bezieht, nicht auf eine nachwirkende emotionale Bindung an ein dereinst hinter sich gelassenes und jetzt wahrscheinlich für immer verlorenes Zuhause, sondern auch auf eine im Exil zunehmende Frustration über eine Vergangenheit, die sich der Tiefen seiner Erinnerungen bemächtigt, sich weigert ihn loszulassen, vor der er verzweifelt flüchten will, jedoch nicht in der Lage dazu ist. Homesick ist eine Art kathartische Therapie, ein Versuch, die mit seiner Kindheit zusammenhängenden Erinnerungen, Traumata und paranoiden Projektionen durch rituelle Auslöschung ihres Simulakrums zu bannen. Es ist ein Versuch der Zurückweisung der ureigenen Bedingungen des Exils, des Verlusts, der dem Gedanken des Zuhauses inhärent ist - worauf sich Saïd so eloquent bezieht -, indem dessen Existenz zumindest symbolisch ausradiert wird.

<line>Anmerkung:</line>

  1. Edward Saïd, "Reflections on Exile," Reflections on Exile and Other Essays (Cambridge, MA: Harvard University Press, 2002) S. 185.

 

 

Murtaza Vali

Autor, Kunsthistoriker, Kurator. Lebt in Sharjah, VAE, und Brooklyn, USA.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Homesick, 2014

Zweikanalvideo
(digital, 16:9)
Dauer: 11'13'' & 7'46''


Präsentiert in der gleichnamigen Ausstellung

7. Juli - 2. Oktober 2017
Sursock Museum
Greek Orthodox Archbishopric Str.
Ashrafieh 2071 5509
Beirut, Libanon

Zuvor:
Hrair Sarkissian: Imagined Futures
13. März - 25. April 2015
The Mosaic Rooms,
226 Cromwell Road,
London SW5 0SW

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