Dalel Tangour: Traversées

An den Horizonten der Hoffnung entlang. Das fotografische Schaffen der tunesischen Künstlerin, ausgestellt im B\'chira Art Center, 6. Februar - 7. März 2015.
Von Marko Stamenkovic | Feb 2015

Was ist Dalel Tangour heilig? Als Fethi Benslama Anfang 2011 über den Beginn des revolutionären Prozesses in Tunesien schrieb, schilderte er diesen im Sinne "des Übergangs zu einer neuen Organisation von Politik, der Modalität, wie die Menschenmenge ausgehend von der Figur des verbrannten Mannes aufbegehrte." [1] In seiner Analyse geht es im Wesentlichen um die Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi, "der den Volksmassen durch sein Verschwinden ermöglichte, sich selbst zu befreien". Bei seiner Erörterung vom Wandel als "der Überführung von Signifikanten, durch welche die Tunesier das Originäre und das Werden miteinander verknüpften", schrieb Benslama: Das Originäre ist in der psychoanalytischen Konzeption des Unbewussten nicht der Ursprung, es kennzeichnet nicht, wo ein Individuum oder eine Gruppe herkommt, sondern wo sie sich hinbewegen, genauer gesagt, das fiktive Ziel, das sie sich selbst setzen; sie geben sich selbst diese Zielstellung, indem sie sich an grundlegenden Signifikanten in einer Weise festklammern, dass diese ihnen selbst als Plan dienen. (meine Hervorhebungen)
 
Das Konzept der Überfahrten (traversées) von Menschen, um das es hier geht, ist von paradigmatischer Bedeutung für Dalel Tangour und für das Thema dieses Textes: ihre gleichnamige Einzelausstellung im Februar 2015 im B'chira Art Center am Rande der tunesischen Hauptstadt. Tangour wendet dieses Konzept auf ihre eigene Weise an, indem sie drei miteinander korrespondierende Projekte ins Spiel bringt, die sie in der jüngsten Phase ihrer Laufbahn realisiert hat. Diese sind: zwei Fotoserien - Lueurs, Bord extrême (Schimmern, äußerster Rand) von 2013 und Traversées de Sfax à Kerkenah (Überfahrt von Sfax zu den Kerkenah Inseln) von 2009-2010, begleitet von einer Installation in zwei Teilen mit dem Titel Echec et Mat 1 & 2 (Schachmatt 1 & 2) von 2011-2012. Sei es der über einen dunklen Himmel streifende Lichtstrahl eines Leuchtturms, eine schäumende Linie von Meereswellen zwischen zwei Küsten oder eine samtartige Spur gesichtsloser Leute, die draußen an den Fenstervorhängen vorübergehen, - stets erfasst Tangour ihr eigenes, nahezu filmisches Bedürfnis nach Bewegung und Displacement in vielfältiger Form. Warum? Um es auf Andere als Aufforderung zum Handeln zu projizieren.
In den vielen Jahre ihres produktiven künstlerischen Schaffens war sie eine beharrliche Verfechterin eines besonders signifikanten Gedankens: dem der Befreiung. Wenn dies gewisse Bedingungen einer Übergangsphase impliziert, in denen eine Bildermacherin bzw. ein Bildermacher ihre/seine Beziehung zur Welt etabliert, so hat solch eine Beziehung im Falle Tangours einen ganz eigenen Wert. Ihren Blick frei von den durch einen "übergeordneten Anderen" gesetzten Grenzen auszurichten, ist ein fundamentaler Grundsatz ihres Schaffens. Er entspricht den Formen der Anwaltschaft - durch ihren eigenen fotografischen Blickwinkel -, die allmählich den Statuts einer selbst auferlegten "Heiligkeit" erlangt hat. Sie wendet sich gegen die zu erwartende Ehrfurcht vor der "heiligen Ordnung" von Dingen, indem sie ihren Widerwillen, Zugeständnisse gegenüber jedweder selbst proklamierten Autorität zu machen, in der sie nur eine andere Spielart der Tyrannei sieht, öffentlich zur Schau stellt.

Tangours Wille zum Widerspruch ähnelt der Äußerung von Benslama über das, "was nicht beziffert oder mit irgendeiner Schätzung, einem Preis, welchem Zweck auch immer, verbunden werden kann. Es gründet sich auf einen reinen Wunsch, den Platz der Macht leer zu lassen, immer nur flüchtige Passanten zuzulassen, so dass der Wert, die Bedeutung, das Verdienst des Menschseins undefinierbar für sich selbst und für andere bleibt." Eine Fotografie unter den durch eine gewisse Unterdrückung charakterisierten Bedingungen aufzunehmen bedeutet deshalb, sich selbst das Recht zum Hinsehen zu nehmen, um den visuellen Raum von Freiheit wiederzuerlangen, sei er beschränkt oder verloren gegangen, der jeder anderen Art von Freiheit vorausgeht: den Raum der Fotografie, von dem "Tyrannen (säkulare, religiöse, moralische, patriarchalische, psychologische, etc.) nicht Besitz ergreifen können, um darüber zu entscheiden, wer was verdient, Leben oder Tod, Schande, Vornehmheit". [2]

Tangour nimmt an, der Blick des Fotografen sei ein Schlüsselelement eines gewissen Verhaltens gegenüber der oppositionellen Repräsentation und Imagination. Das entspricht dem Gedanken, sehende Subjekte seien in der Lage, ein notwendiges minimales Feld des Widerstands zu schaffen, was belegt, dass Bilder "nicht bloß eine bestimmte Art von Zeichen sind, sondern so etwas wie ein Akteur auf der Bühne der Geschichte, eine Präsenz oder ein mit legendärem Status ausgestatteter Charakter." [3] Oder, wie Mirzoeff nahelegt, es ist die Realität der Segregation, die sichtbar gemacht und durch die Vorstellung von einer neuen Realität überwunden werden muss, ein Produkt des Widerstands gegen visuellen Faschismus, das durch das erlangt werden kann, was er Gegenvisualität nennt. [4] Tatsächlich ist das eine Frage von Engagement und besonderer Selbsthingabe. In dem gesamten Prozess einer ständigen Vergewisserung ihrer Position - als eine (weibliche) Fotografin (eingeschränkt durch eine patriarchalische Welt) und als eine nordafrikanische Intellektuelle (die ihre Stimme des Widerspruchs vom Globalen Süden aus erhebt) ist Tangours Arbeitsweise ein Beispiel dafür, wie Fotografen/innen durch den Einsatz ihres Blicks für gegen-visuelles Bildermachen ihren Platz als politische Subjekte par excellence im kollektiven Bewusstsein finden können.

 Ob Benslamas psychoanalytische Position zum Übergang und Tangours künstlerische Position zu Überquerungen aufeinander Bezug nehmen, bleibt eine offene Frage. Für ihn gibt es da eine "menschliche Fackel", die einem in der Dunkelheit der Tyrannei gefangenen Volk Licht auf den Pfad zur Freiheit werfen kann. Sie hat den Drang, ihren Blick über sich selbst hinaus nach vorn zu richten und den Horizont ihres Volkes hin zu einem "fiktiven Ziel" auf der anderen Seite zu weiten (einige nennen es Demokratie - ohne eine solche selbst je erlebt zu haben). In ihrer Ausstellung im B’chira Art Center in diesem Winter geht es weder um Tod noch um menschliche Fackeln, obwohl beide Themen unterschwellig präsent sind. Es ist vielmehr eine Einladung, unsere eigene selbstsüchtige, vertikale Weltsicht aus einer anderen, ausgeglicheneren Richtung zu hinterfragen, entlang der Horizonte der Hoffnung - so dass wir trotz anhaltender Turbulenzen eine bessere gemeinsame Sache entwerfen können, um dafür weiter zu leben. Das ist es, was für Dalel Tangour heilig ist.

 

Anmerkungen:

  1. Fethi Benslama, "Suddenly, Revolution!", Andrew Goffey (Übersetzer), Transeuropéennes – International Journal of Critical Thought (26 April 2011)
  2. Benslama, Ibid.
  3. W. J. T. Mitchell, "What Is an Image?", New Literary History 15:3 (Frühjahr, 1984): 503-537.
  4. Nicholas Mirzoeff, The Right to Look: A Counterhistory of Visuality, Durham, NC: Duke University Press, 2011.


Marko Stamenkovic

* 1977 Serbien. Autor, Kunsthistoriker und Kurator. Absolvent der Universität Gent (Dr. der Philospohie)

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Dalel Tangour: Traversées
(Überfahrten)

6. Februar - 7. März 2015

B'chira Art Center
Sabelet Ben Ammar, Sur la route de Sidi Thabet, BP: 2032, Ariana
Tunesien
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Nafas
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