Ala Younis: Plan für Groß-Bagdad

Über Monumente, (von) Architekten, (für) Regierungen und angespannte Beziehungen von Idealen zu Ideologien in Zeiten sich wandelnder Staaten. Projekt auf der 56. Biennale Venedig 2015.
Jun 2015

Plan for Greater Baghdad wurde angeregt durch eine Serie von 35 mm Diapositiven, die der Architekt Rifat Chadirji 1982 von einem Sportkomplex in Bagdad aufgenommen hat, den Le Corbusier entwarf und der nach Saddam Hussein benannt war. Das Projekt blickt auf Monumente, (von) Architekten, (für) Regierungen und die angespannte Beziehung von Idealen zu Ideologien in Zeiten sich wandelnder Staaten.

Bevor der Saddam Hussein Sportkomplex 1980 eröffnet wurde, änderte er sich im Verlauf von fünfundzwanzig Jahren auf Grund zahlreicher Neuanfertigungen von Plänen immer wieder. Bis dahin durchlief der Auftrag dafür fünf Militärputsche; sechs Staatschefs; vier Masterpläne, jeder davon mit einem eigenen Planungschef; einen Entwicklungsrat, der zu einem Ministerium und dann zu einer Staatlichen Kommission wurde; einen modernen Stararchitekten unter vielen anderen mit ihren jeweils assoziierten Architekten, Entwurfszeichnern, Bauunternehmern, Agenten und Anwälten; lokale Architekten, begleitet von ähnlichen Strukturen ihrer eigenen Beratungsfirmen, von Regierungsabteilungen und parallelen Kommissionen; mehr als einen lokalen Künstler/Bildhauer; harte Konkurrenten; und andere Monumente, die im Ergebnis der gleichen Konglomerate in jener Zeit erschienen und wieder verschwanden.

Politiker, Architekten und Künstler hießen Le Corbusier (1887–1965) neben anderen modernen Architekten willkommen, als er in Bagdad eintraf, um die vorgeschlagenen Orte für den Sportkomplex zu besichtigen, mit dem ihn der Irakische Entwicklungsrat beauftragt hatte. Rifat Chadirji (* 1926 Bagdad) reflektierte kritisch über das Werk, das er und seine Kollegen in der im selben Jahr anlässlich des Besuchs von Frank Llyod Wright (1867–1959) organisierten Ausstellung präsentiert hatten. Er meinte aber, er sei irgendwie erleichtert gewesen, als Wright stirnrunzelnd den Einfluss von Le Corbusier in seinen Entwürfen bemerkte. Nach dem Willen der Bagdader Seite und von Le Corbusier sollte das Sportzentrum zu "einem prächtigen Brennpunkt der Stadt" mit "großer Anziehungskraft" werden. Sie hofften auch, es würde von "außerordentlicher Nützlichkeit" sein und die allerneuesten Technologien einbeziehen. Aber vor allem wollten sie einen Bau, der einem modernen Mesopotamien Ausdruck verleiht, in dessen "Lieu of Architecture" vom Tigris herbeigeführtes Wasser fließt und ein künstlich angelegtes Wellenbad speist.

Dieselben Architekten arbeiteten dann unter einer neuen Ministerriege mit der neu gegründeten Republik Irak zusammen, verkündet 1958 im Ergebnis der von Brigadegeneral Abdel Karim Kassem (1958–1963) angeführten Juli-Revolution. Auch Kassem setzte die Regulierung der Ölgewinne fort, die Irak in der späten Phase des Königreichs ein enormes Einkommen beschert hatten. Erneut wurde das Angebot der Calouste Gulbenkian Foundation studiert, das Gebäude eines Stadions zu sponsern: "Es besteht kein Zweifel daran, dass Le Corbusier ein ausgezeichneter Architekt ist, doch gibt es keine Sicherheit, ob er ein Experte für den Bau eines Stadiums ist. […] Wir würden dann in der Lage sein, Herrn Le Corbusier zu ersetzen." Hier die Antwort von Le Corbusier auf die Frage des Ministeriums für Öffentliches Bauen und Wohnen nach dem Bau eines zweiten Stadions in Bagdad: "Im Prinzip scheint es mir ziemlich nutzlos zu sein, denn es mindert das Eine oder das Andere durch einen sterilen Wettbewerb zwischen beiden herab." Gulbenkians "Al-Shaab Stadion" wurde 1966 eröffnet, während Le Corbusiers posthume Sporthalle erst 1980 eingeweiht wurde und den Namen des neuen irakischen Präsidenten Saddam Hussein erhielt.

Geschichten in veröffentlichten Berichten zeugen von der Bedrängnis, die Chadirji und der Künstler Jawad Salim angesichts der Forderung Kassems empfanden, Darstellungen von ihm selbst in das Denkmal für die Juli-Revolution einzubeziehen. Salim (1920–1961) realisierte die Bronzeskulpturen des Denkmals, erlebte deren Installation aber nicht, und bis zum Eröffnungstag wurden die schon angebrachten Teile seines Wandreliefs mit Gips überzogen, um zu vermeiden, dass der Künstler Khaled Rahhal Brigadegeneral Kassem darüber berichtet. Rahhals eigene Statue von Kassem war nach dem Militärputsch 1963 entweder durch die Straßen Bagdads geschleift oder in zwei Hälften geteilt und im Hinterhof des Nationalmuseums gelagert worden, bis sie nach dem Irakkrieg 2003 wiederentdeckt wurde. Im selben Jahr und auf dem selben Platz, wo Chadirji dereinst sein von Kassem in Auftrag gegebenes, von Saddam zerstörtes und von Rahel ersetztes Denkmal für den Unbekannten Soldaten aufgestellt hatte, ist die Saddam Hussein Statue in einer Inszenierung, die den Fall von Bagdad symbolisierte, heruntergerissen worden.

Chadirji war in das Sportpalast-Projekt und die Kommunikation mit Le Corbusier sowie mit den auf dessen Weggang folgenden Auftragnehmern stark involviert, konnte jedoch in den zwei Jahren des Aufbaus des Komplexes (1978–1980) nicht dabei sein, weil er eine Zeit seiner lebenslangen Haftstrafe im Gefängnis verbüßte. Durch Saddams Machtantritt 1979 und sein persönliches Interesse, in Bagdad eine Konferenz der Blockfreien auszurichten, kam Chadirji frei und wurde ein Top-Manager in der Stadtverwaltung.

Basierend auf Archiven, gefundenem Material und den Geschichten von Protagonisten blickt Plan for Greater Baghdad auf den Schutz von Denkmälern für die Nachwelt und präsentiert Pläne für Bagdad als Ausdruck von Macht oder als eine Notwendigkeit. Da Bilder der Ausführung von Design, Macht und Gestaltung von Macht in den in etablierten Archiven fehlen, sind sie in dem Kunstprojekt aus Fragmenten anderer Bilder sowie aus Aufnahmen von Gesten zusammengesetzt, die aus Darstellungen und Erzählungen lokaler Künstler stammen.

Salims Gefühl, verwundbar zu sein, ist wie eines der verborgenen Teile seines Wandreliefs, in dem der junge Saddam Hussein am Rand einer Szene als (De)Konstrukteur erscheint. Chadirji beim Joggen im Hof des Gefängnisses von Abu Ghraib oder sich beeilend, das Denkmal des Unbekannten Soldaten zu fotografieren, bevor es zerstört wird. Kassem, wie er einen künftigen Kanal verkündet, der den Tigris mit dem Euphrat verbinden soll, obwohl er ihn nur als eine in den Masterplan von Bagdad eingezeichnete blaue Linie gesehen hatte. Sein Nachfolger, Abdel Salam Aref, aus den Staubwolken seines in einem Dorf landenden Hubschraubers auftauchend, krempelt einen Ärmel hoch, was der Menge bedeuten soll, mit dem Jubeln aufzuhören, während er Chadirji signalisiert "Lass uns planen!"

Von 1980 bis in die Gegenwart diente das Sportzentrum mehr als nur dem Sport. 1990 fand dort ein Konzert statt, bei dem die Massen zu den patriotischen Liedern von Adel Ogla fröhlich tanzten. Vor einem Bild von Saddam an der Wand im Hintergrund steigt ein Mann im Mickeymouse-Kostüm die Stufen zum Podium der Offiziellen empor, um einem Ministeriumsvertreter respektvoll die Hand zu schütteln. Nach der Eroberung von Bagdad hatte die Armee der USA ein paar Jahre lang Truppen in dem Sportzentrum stationiert, und 2014 fanden dort auch einige Veranstaltungen von Kampagnen für die Parlamentswahlen statt. Die Sporthalle ist das Thema einer Vortragsreihe über das moderne architektonische Erbe von Bagdad, die in der Universität von Bagdad stattfindet, in dem Gebäude, das von Walter Gropius (1883–1969) in derselben Autragsperiode entworfen worden ist.

"In dem entlegenen, vergessenen unbekannten Land, und unter dem Zwang der harten natürlichen Gegebenheiten drängten sie voran; Männer wie Steine, wie Nacht, wie Donner… Und wo die Magie der primitiven Welt liegt, das Mysterium ihrer Bedingungen, gibt es Angst und Tropus und Erwartungen." [1]

Das Projekt ist als ein Set von Bewegungen und Signalen angelegt, aufgeführt von am Ausgang historischer Zeit festgefrorenen Figuren, zwei- und dreidimensionalen Schilderungen von Männern, die in dem Plan für Groß-Bagdad erscheinen. Zusammen mit Interventionen in Dokumenten aus verschiedenen Archiven entsteht eine vielschichtige Karte von Zeiten, die Entwicklungen in der Geschichte des Sportkomplexes im Kontext der von Bagdad ausgräbt.

 

<line>Anmerkung:</line>

  1. "The Searchers", Feature Iraqi Films, Hrsg. Department of Cinema and Theatre, Baghdad, 1980er Jahre. Seite 97


© Text: Ala Younis
(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Ala Younis

Plan for Greater Baghdad, 2015

Zwei- und dreidimensionale Drucke, Archivmaterial und Modell.

Gezeigt in der zentralen Schau der 56. Internationalen Kunstausstellung, la Biennale di Venezia 2015
All the World's Futures
Kurator: Okwui Enwezor
9. Mai - 22. November 2015
Ort: Arsenale


Siehe auch:

Die Rolle des Archivs und erweiterte Forschung beim Projekt Plan for Greater Baghdad mit Fokus auf Frauen. MMAG Foundation, 1. Nov. 2017 - 20. Jan. 2018.
05
Der erste Pavillon Kuwaits auf der Biennale Venedig 2013, Werke von Sami Mohammad, Tarek Al-Ghoussein. Kuratoriale Überlegungen.
03
56. Internationale Kunstausstellung, La Biennale di Venezia, 9. Mai - 22. November 2015. Künstlerischer Leiter, Kurator: Okwui Enwezor. Titel: All the World's Futures.
Nafas
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