Das Werk von Abdul Hay Mosallam Zarara

Über das Werk des palästinensischen Künstlers, das Teil einer frühen Phase der Bildung einer ausdrücklich palästinensischen Identität ist.
Von Ulrich Look | Apr 2015

Das Werk von Abdul Hay Mosallam Zarara hat seinen Ursprung in der palästinensischen Nakba, der Katastrophe von 1948. Es ist Teil einer frühen Phase der Bildung einer ausdrücklich palästinensischen Identität. Im Vordergrund stand dabei einerseits die Forderung, das Leiden des Volkes anzuerkennen, andererseits der Aufbau eines nationalen Widerstands gegen die israelische Unterdrückung.

Mosallam ist kein ausgebildeter Künstler. Von Anfang an war sein Werk ein Werk des Bruchs. Der Bruch ist seine Grundlage, wenn auch Die Tradition neben Der Kampf, Das Massaker und Die Frau eines seiner vier so von ihm formulierten Themen ist. Im anfänglichen Bruch, der sein Werk bestimmt, dürfte sich das Schicksal eines Fünfzehnjährigen niederschlagen, der aus seinem Dorf in Palästina vertrieben wurde, nachdem jüdische Kämpfer dort ein Massaker an der Bevölkerung begangen hatten. Es ist denkbar, dass Abdul Hay Mosallams Ferne zu jeder ästhetischen Tradition die Erinnerung an das traditionelle Dorfleben erleichtert hat, das ihm für immer genommen wurde. Er ist ein pensionierter Luftwaffenelektriker, wurde 1933 geboren und lebt heute in Amman. Er ist Autodidakt und verfolgt ein klares künstlerisches und politisches Programm. Er hat in arabischen Ländern und im Ausland ausgestellt, gewöhnlich allerdings in Zusammenhängen, die durch die palästinensische Sache bestimmt waren. Die eigentliche Kunstwelt hat sein Werk bisher fast überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.

Mosallams Werk besteht aus Malereien, genauer, Reliefs mit Menschen, die feiern oder kämpfen. Es sind prägnante Darstellungen von Männern und Frauen in einer sorgfältig bezeichneten Umgebung – eher Konstellationen von verallgemeinerten Figuren als Individuen in Situationen, die durch emblematische Details evoziert werden. Die verschiedenen Bildelemente werden aus Sägemehl und Weißleim modelliert, geschliffen und bemalt, oft in leuchtenden Farben. Die anspruchsvollsten Bilder sind verdichtete Szenen, narrative Gruppierungen von Figuren, Gebäuden und Bäumen: visuelle Metaphern, die aktuelle Ereignisse oder vergangene Realität symbolisieren – manchmal, aber nicht immer Vorkommnisse, die mit einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit in Verbindung stehen. Jedes Bild trägt die Last, den gesamten Umfang eines Geschehens wiederzugeben, und muss dementsprechend entziffert werden – den Angehörigen von Mosallams eigenem Umfeld gelingt das ohne größere Schwierigkeit, von Personen anderer Herkunft verlangt es größere Anstrengung.

Abdul Hay Mosallams Bilder sind einfach, sie setzen eindeutige Figuren und entsprechende Symbole ein, um Palästinenser zu bezeichnen, die ihr Zuhause und ihre Gesellschaft gegen einen monströsen, blutrünstigen israelisch-amerikanischen Angreifer verteidigen, um Szenen traditionellen ländlichen Lebens wiederzugeben und die mythisierte Figur der Frau zu feiern. Gewöhnlich würde man solche Bilder als "naiv" bezeichnen. Dieser Ausdruck bezieht sich dann auf einen Mann, der nie Kunst studiert hat und keine Möglichkeit hatte, Malerei zu sehen, als er anfing, seine eigene zu machen. Für seine erste Arbeit klebte Mosallam das Titelbild einer Zeitschrift auf eine Trägerfläche und modellierte auf diesem Untergrund, da er nicht wusste, wie man ein Gesicht wiedergeben kann. Frontalität und Statik der Figuren, Standardisierung und Wiederholung, schattenlose Farben, das Nebeneinander von Bildelementen und der Ersatz der Zentralperspektive durch eine Bedeutungsperspektive charakterisieren seine Bilder.

Es verbindet das Werk von Mosallam mit dem anderer Autodidakten, dass es keine Geschichte hat – keine Geschichte in ästhetischer Hinsicht, nicht hinsichtlich des Gegenstandes. Seine Ästhetik entstammt keiner bestimmten Zeit und keinem besonderen Ort, das Werk negiert alle Vorstellungen einer Entwicklung – handele es sich um seine eigene Entwicklung oder seine Eingliederung in einen genealogischen Zusammenhang. Das Werk ist radikal einzigartig, voraussetzungslos und ungerechtfertigt. Wenn es sein emblematisches Wesen auch mit Straßengraffiti in palästinensischen Wohngebieten teilt und beide in der Verdammung der israelischen Unterdrückung und dem Kampf um palästinensische Unabhängigkeit übereinstimmen, fehlt dem Werk von Mosallam doch die konventionelle Seite der Graffiti. Es manifestiert eine ganz persönliche und unverwechselbare Bildwelt, deren ästhetisch anachronistischer Charakter sich am Konsens von Menschen reibt, die denselben Kampf kämpfen. Doch der idiosynkratische Zugang übersetzt ein Wissen und Überzeugungen, die zum kollektiven Bewusstsein gehören. Wenn das Werk ästhetisch unangepasst erscheint, umfasst es dennoch eine ausreichende Menge an figurativen Chiffren, um die Details und die Erzählung verständlich zu machen. Manchmal beinhalten die Arbeiten auch Zeilen aus Gedichten oder volkstümlichen Liedern – dies kann als Ausdruck eines fortbestehenden Zweifels daran verstanden werden, ob die Bilder in der Lage sind, unzweideutige Bedeutung zu übertragen, und gibt einen Hinweis auf den Wunsch des Künstlers, auch den leisesten Hauch von Unklarheit zu vertreiben.

Zugleich weisen einzelne Arbeiten Elemente auf, die sich auf schockierende und brutale Weise von der hieroglyphischen Ausrichtung vieler Details absetzen: Säulen aus übereinander gestapelten Körpern, welche die Vielzahl massakrierter Menschen wiedergeben; ein gegen jede Abbildungskonvention gewaltig ausgedehnter Zopf, der die Macht der palästinensischen Frau anzeigt, eine große Zahl der Ihrigen zu beschützen; mit dem Muster der Keffiyeh geschmückte Bänder, die das Bildfeld durchqueren und vereinzelte Individuen miteinander verbinden, um die Einheit des Volkes zu unterstreichen; oder Früchte und Pflanzen, welche die palästinensischen Farben zeigen, um den Kampf im Land und der Natur zu begründen. In einem der kompositionell kühnsten Bilder von Mosallam, Die Märtyrerin Dalal Mughrabi (1978), wirbeln Embleme der palästinensischen Kultur und Symbole des Kampfes des Volkes ekstatischen um einen Brennpunkt, ein rotes Auge, das die unbesiegbare Stärke der Shahida ausdrückt. Eine Ästhetik der Bezeichnung wird in eine Ästhetik der ungehemmten Regellosigkeit umgewandelt. Dies ist das bedeutendste Merkmal der Werke Mosallams: der gewaltsame und unerwartete Einbruch von Momenten konvulsiver Schönheit (um einen Ausdruck der Surrealisten zu verwenden) in ein kommunikatives Szenario aus Symbolen und Emblemen.

Die Aktivisten der palästinensischen Gesellschaft wollen von Abdul Hay Mosallam Werk nichts wissen, da es nicht die Effizienz des konventionellen Zeichens hat, und die kulturell interessierten Aktivisten schauen an ihm vorbei, da sie lieber zugunsten globaler Wettbewerbsfähigkeit hinter sich lassen, was sie als provinziell betrachten – wobei die Berufung auf die Globalisierung oft Tendenzen ästhetischer Standardisierung und die Bevorzugung von Konsens unterstützt. Die internationale Kunstwelt wiederum schließt derartige Werke aus, da das idiosynkratische Wesen ihrer anachronistischen Schönheit deren kollektivistischen Regeln verletzt, eine Art von nicht erklärtem Akademismus. Der unzeitgemäße Charakter eines solchen Werks wird durch seine Ortlosigkeit vervollständigt. Dieser Zustand erscheint nicht nur in kultureller, sondern sogar noch stärker in politischer Hinsicht bedauerlich, denn mit ihm werden dem Kampf gegen die Besatzung Palästinas die Chiffren regelloser Schönheit vorenthalten, die – wenn auch schwach und gebrochen – im Hier und Jetzt verwirklichen, worum es bei dem Kampf letztlich geht. Schließlich sollte nicht übersehen werden, dass die Effizienz des Ausschlusses die Stimme eines ehemaligen Militärs zum Schweigen bringt, der einmal gesagt hat, dass er den Pinsel als seine Waffe betrachtet.

 

Ulrich Look

In Berlin lebender Kurator und Kritiker. Von 1985 bis 2010 war er Direktor der Kunsthalle Bern und des Kunstmuseums Luzern sowie Stellvertretender Direktor des Museu de Serralves in Porto, Portugal.

Auszug aus dem Essay "Transitions and Translations", in: Arab Art Histories. The Khalid Shoman Collection. Veröffentlicht von The Khalid Shoman Foundation. Hrsg. von Sarah Rogers und Eline van der Vlist. Seiten 305 - 320.
Nafas dankt Suha Shoman und der Khalid Shoman Stiftung für die Erlaubnis zur Übernahme des Auszugs aus dem Essay von Ulrich Look.

Eine größere Auswahl von Werken
von Abdul Hay Mosallam Zarara
ist Teil der Sharjah Biennale 12
5. März - 5. Juni 2015, VAE



Siehe auch:

Umfangreiche Publikation mit Beiträgen vieler Autoren über die Khalid Shoman Sammlung und deren Bedeutung für die regionale Kunstgeschichte.
01-135
Werke von 11 Künstlern, präsentiert auf zwei Etagen des Museums, darunter einige der wichtigsten Vertreter der modernen und zeitgenössischen Kunst des Nahen Ostens.
Nafas
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