Transatlantic Connections #1 in Dakar

Korrespondenzen zwischen Gemeinschaftspraktiken in Afrika und Lateinamerika. Über das 1. Projekt in Ouakam, Dakar.
Von Lucrezia Cippitelli | Jul 2014

Als Gabriela Salgado und ich uns 2013 trafen, wussten wir schon voneinander. Etliche Leute, die mit Lateinamerika und Afrika zu tun haben oder sich mit zeitgenössischen Kunstpraktiken mit einer kommunitären Vision beschäftigen, meinten, wir müssten zusammenkommen. Gabriela kuratierte das Süd-Süd Austauschprogramm der Stiftung Más Arte Más Acción in Chocó, Kolumbien, und engagierte sich dafür, Kunstschaffende aus Afrika mit Kolumbien und Brasilien in Kontakt zu bringen. Ich unternahm kuratoriale Forschung in Kolumbien in der Absicht, Künstler aus Afrika nach Cali, Medellín, Bogotá, Cartagena einzuladen und mit lokalen unabhängigen Organisationen bei gemeinschaftsbasierten Projekten zu kooperieren. Wir beide interessierten uns für die Arbeit von Künstlern (und Gemeinschaften) afrikanischer Herkunft, die in Lateinamerika aktiv sind und deren Rechercheschwerpunkte mit Identität und der Beziehung zum postkolonialen kritischen Diskurs in ihren jeweiligen sozialen und historischen Kontexten zu tun haben.

Wir initiierten Transatlantic Connections als eine Plattform für eine kreative Korrespondenz in Gemeinschaftspraktiken zwischen Afrika und Lateinamerika, um die Kräfte zu bündeln und das zumindest aus einer pragmatischen, kreativen Perspektive noch nicht ganz erkundete Gebiet zu aktivieren. Die Süd-Süd Verbindung (kulturell, historisch und kritisch) ist im Kunstdiskurs seit der 1. Havanna Biennale (1984) heraufbeschworen, stimuliert und praktiziert worden sowie auch in diversen Essays und kulturellen Manifesten, von den in maßgeblichen Magazinen wie Third Text oder Atlántica (in den späten 1980er und 1990er Jahren) veröffentlichten bis zur jüngsten, von der Forschungsgruppe Decolonial Aesthetics entwickelten Analyse. Aber die künstlerische Süd-Süd-Kooperation, insbesondere auf dem Gebiet der gemeinschaftsbasierten Praktiken, ist nach wie vor ein Annäherungsprozess mit der Notwendigkeit weiterer Implementierung. Und nur ein paar internationale Institutionen, die über Kultur als einer Notwendigkeit sozialer Entwicklung arbeiten, haben damit begonnen, dies in Betracht zu ziehen.

Des weiteren interessierten Gabriela und mich die Tatsache, dass Künstler afrikanischer Herkunft in den zeitgenössischen Kunstszenen der meisten lateinamerikanischen Länder nicht so recht zur Kenntnis genommen werden. Da wir selbst als Kuratorinnen und Autorinnen im künstlerischen Kontext und der geographischen Problematik dessen tätig sind, was als "zeitgenössische afrikanische Kunst" definiert wird, sahen wir uns veranlasst, diese Grenzen aus einer lateinamerikanischen Perspektive neu zu definieren. Künstler afrikanischer Herkunft aus Lateinamerika werden von internationalen Veranstaltungen, die sich der Kunst Afrikas und der afrikanischen Diaspora widmen, oftmals ignoriert, denn dafür werden vor allem Französisch und Englisch sprechende Künstler afrikanischer Herkunft in Betracht gezogen. Ein kurzer Blick auf die Namen der Teilnehmer an den letzten Editionen der Biennale afrikanischer Kunst Dak'Art - der wichtigsten und anerkanntesten internationalen Kunstveranstaltung für Afrika und dessen Diaspora - macht deutlich, dass Künstler afrikanischer Herkunft aus Lateinamerika weitgehend fehlen. So war es im Grunde für uns beide nur ein natürlicher Schritt, an einem Projekt für die 11. Edition der Dak’Art (Mai 2014) zusammenzuarbeiten, wo wir Transatlantic Connections als eine Bühne für diese Diaspora präsentierten, um die einzigartigen konzeptuellen Süd-Süd Verbindungen in der in Gemeinden und sozialen Räumen entwickelten künstlerischen Praxis zu betonen.

Transatlantic Connections #1 fand in Ouakam, einem Vorort von Dakar, als Teil des OFF-Programms der Biennale und des folgenden Festivals A/Ex Corps statt. Als Auftakt einer Serie luden wir einen Künstler afrikanischer Herkunft aus Brasilien, Benjamin Abras, nach Dakar ein, damit er dort Feldstudien betreiben und Projekte in Kooperation mit der Association Compagnie 1er Temps in Dakar realisieren kann. Um die Süd-Süd-Beziehungen hervorzuheben und auf die vergessene lateinamerikanische Diaspora aufmerksam zu machen, erkundete er Ähnlichkeiten und Korrespondenzen künstlerischer Praktiken im Globalen Süden, in diesem Falle in den Territorien, in denen die Wurzeln der afrikanischen Vorfahren seiner Diaspora-Kultur liegen, wozu er pädagogische Projekte mit zeitgenössischem Tanz, Performance und Video verknüpfte.

Der in Belo Horizonte, Brasilien, geborener Benjamin Abras ist ein Schauspieler, Tänzer, Dichter, Autor und Performer, der sich dafür einsetzt, die Herkunftsorte seiner ererbten afrikanischen Diaspora-Kultur mit zeitgenössischem Tanz und pädagogischen Projekten zu verbinden. Er arbeitet als Tanz- und Theaterpädagoge im Kontext des Projekts Arena da Cultura in Minas Gerais und hat auch Schauspieler und Capoeira Angola [1] durch Einführungskurse in Musik eine kulturelle Stärkung vermittelt.

Als eine tatsächlich sozial engagierte Organisationen arbeitet die Compagnie 1er Temps seit ihrer Gründung vor 12 Jahren in und für Ouakam. Obwohl sie in aller Welt sehr aktiv ist (sie nimmt regelmäßig an internationalen Tanzfestivals im Ausland teil), hat 1er Temps immer ihren besonderen Fokus auf Ouakam und dessen Gemeinschaft beibehalten, um deren Existenz und Identität zu unterstützen und zu bewahren und Kunst und Tanz als Mittel der Selbstvergewisserung, Selbstverwirklichung und des eigenen Ausdrucks zu fördern. Die zumeist mit Bildungsprojekten und öffentlichen Veranstaltungen für die Gemeinschaft aktive 1er Temps hat junge und arbeitslose Bewohner von Ouakam, die von den Gründern Andreya Ouamba und Fatou Cissé ausgebildet worden sind, dazu gebracht, ständige Mitglieder oder Choreografen der Compagnie zu werden.

Ouakam, das Fischerdorf am Fuße des Denkmals der Afrikanischen Renaissance [2] an der Peripherie von Dakar, war die perfekte Bühne für die Kooperation zwischen Abras und 1er Temps. Die ursprüngliche, animistische Lébous Gemeinde [3] des Ortes ist mit sozialen Veränderungen konfrontiert und sieht sich der Siedlung der Neureichen von Dakar gegenüber, die ihre Villen am Meer gebaut haben und sich das traditionelle Dorf einverleiben. Die Hauptprobleme in diesem Gebiet sind Marginalisierung, Gentrifizierung, Konflikte zwischen Tradition und "modernem" Kapitalismus sowie eine kontroverse Beziehung zum Meer, dass Vorstellungen von Sklaverei und Migration impliziert und gleichzeitig der Hauptwirtschaftszweig des Vorortes ist.

Abras und 1er Temps brachten ihre Feldforschung und Kooperation in die Konzipierung der Tanz- und Sprachperformance A voz da voz na voz (die Stimme der Stimme in der Stimme) ein, die während der Eröffnungstage der Dak'Art auf dem Markt und in den Straßen von Ouakam stattfand. "Zwei Traditionen verbunden in einem zeitgenössischen Experiment", sagte Abras, der den Event gemeinsam mit Andreya Ouamba leitete und die Performance zusammen mit Alicia, Clarice, Bamba, und Thierno, Tänzern von 1er Temps, aufführte. Das Ergebnis bestand in einer Reihe von partizipatorischen "Situationen" unter unvorhersehbaren Bedingungen, wie am Markttag, in den Straßen, unter den Nachbarn, bei denen sich die Akteure durch Kreativität zur Umgebung ins Verhältnis setzten, um zu sehen was passieren könnte.

Nach vorhergehenden Zusammenkünften kollektiven Probens und des Austauschs zwischen Benjamin Abras und den Tänzern bezog die Performance Ouakam und die Hauptorte seiner Gemeinschaft (in Bezug zum Lébous Spiritualismus) ein. Die Vorbereitungen beschränkten sich nicht auf Gespräche über tänzerische Techniken, sondern führten vor allem zu einem imaginativen Zusammenschluss für das kollektive Schaffen in den spezifischen Räumen, die für die Performance ausgewählt worden waren. So kam ein Event zustande, der Tanz und andere Elemente wie Text, Sound, Bewegung, Raum und das Publikum einbezog: nicht das übliche Publikum der Biennale, sondern die Bewohner des Viertels - unvoreingenommene Betrachter und Akteure des Happenings.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Ein aus Kampfsport und rituellem Kampf abgeleiteter Tanz mit afrikanischen Wurzeln, besonders kongo-angolanischen, in Brasilien. Capoeira Angola ist ein Phänomen in vielen Ausprägungen. Capoeira enthält Elemente von Tanz, Kampf, Ritual und Musik. Es ist eine Verteidigung und eine Form der Unterhaltung, deren Ursprünge bis zur Ankunft der ersten Generation westafrikanischer Sklaven in Brasilien zurückreichen. Darin gibt es synkretische Verknüpfungen mit den lokalen Ureinwohnern und den "caboclos", die aus der Vermischung von Portugiesen und Indigenen hervorgingen.
  2. Eine 49 Meter hohe Bronzestatue auf der Spitze eines der heiligen Zwillingshügel, bekannt als Collines des Mamelles, bei Ouakam, über dem Atlantik. Das Denkmal nimmt eine Idee des früheren senegalesischen Präsidenten Abdoulaye Wade auf und wurde von einem Unternehmen aus Nordkorea in sozialistisch-realistischer Ästhetik errichtet. Eingeweiht wurde es am 4. April 2010, Senegals "Nationalfeiertag", in Erinnerung an den 50. Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich. Die Skulptur wird auch wegen eines Finanzskandals kritisiert: das Denkmal kostete 27 Millionen US-Dollar und Wades Autorenrechte an der Statue brachten ihm 35 % des Profits ein.
  3. Die senegalesischen Ethnie, die sich traditionell dem Fischfang widmete und als erste Siedler der Region von Dakar bekannt sind. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Lébous zu Muslimen, obwohl sie ihre Sprache (Wolof, das zur Hauptsprache von Senegal wurde) und ihre spirituellen und rituellen Traditionen bewahrt haben.


Lucrezia Cippitelli

Kunstkritikerin und Kuratorin. Arbeitet vor allem mit Medien- und Konzeptkünstlern und mit prozessorientierter Kunst im öffentlichen Raum.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Transatlantic Connections #1
Ouakam, Dakar
Mai 2014

Teil des OFF Programms der Dak’Art 2014 und des Festivals A/Ex Corps

Benjamin Abras
Association Compagnie 1er Temps: Bamba Diangne, Alicia Gomis, Clarice Sagna, Thierno Ibrahima Diedhieou

Projekt konzipiert von Transtlantic Connections, kuratiert von Lucrezia Cippitelli und Gabriela Salgado


Danksagung:
Prince Claus Fund, Amsterdam
Association Compagnie 1er Temps, Dakar
Mòsso, Brussels
Amadou Kan Sy, Portes et Passages

Andreya Ouamba
Fatou Cissé
Ndèye Mané Toure
Babacar Diagne
Christa Meindersma
Fariba Derakhshani
Bisi Silva, CCA Lagos


Siehe auch:

13 Mehdi-Georges Lahlou
Die 11. Biennale Afrikanischer Kunst hat sich auf der globalen Bühne neu positioniert. Die Rezension würdigt den Event, hinterfragt ihn aber auch ausgehend vom Konzept.
11 ka
Künstleraufenhalte und Festival für zeitgenössischen Tanz und visuelle Künste im öffentlichen Raum von Ouakam, Dakar, Senegal.
Nafas
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