Rasheed Araeen: Vor und nach dem Minimalismus

Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen aus über 50 Jahren künstlerischer Arbeit. 13. März - 13. Juni 2014, SAF Art Spaces, Sharjah, VAE. Interview mit dem Künstler.
Von Hoor Al Qasimi | Mai 2014

Rasheed Araeen: Before and After Minimalism präsentiert Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen, die dieser einflussreiche, in Pakistan geborene britische Künstler in seiner mehr als fünfzigjährigen Laufbahn hervorgebracht hat.

Die Ausstellung beginnt mit seiner Entwicklung als Maler in Karatschi, zeigt seinen Wechsel zum Minimalismus in London und reicht bis zu seiner internationalen Anerkennung und seinen Leistungen als ein post-minimalistischer Bildhauer.

Der als Bauingenieur ausgebildete Araeen ist bestens bekannt für seine formalen geometrischen Skulpturen, die oftmals aus einfachen, manchmal industriellen Materialien geschaffen sind. Araeen meidet traditionelle skulpturale Hierarchien und kompositionelle Regeln, stattdessen sind seine Werke durch seine sozialen und politischen Überzeugungen geprägt.

Als Gründungsdirektor wichtiger kritischer Zeitschriften, darunter The Third Text, war Araeen an vorderster Front der politisch ausgerichteten Diskurse zwischen Künstlern, Institutionen und Publikum. Diese erste große Ausstellung der Werke des Künstlers in der MENASA-Region enthält frühe Gemälde und Zeichnungen, Dokumentationen partizipatorischer und performativer Werke, grundlegende Skulpturen aus den 1960er Jahren und eine neue, für Sharjah speziell in Auftrag gegebene Skulptur.

Hoor Al Qasimi: Zunächst möchte ich Sie nach ihrem Beitritt zur Black Panther Party fragen. Können sie mir darüber etwas erzählen?

Rasheed Araeen: In den frühen 1970er Jahren machte ich eine schlechte Periode durch, obwohl ich schon seit Mitte der 1960er in London lebte. Ich erhielt keinerlei Hilfe von den Institutionen; private Galerien wollten nichts von mir wissen, so befand ich mich in einem Dilemma und war desillusioniert. Ich hatte einige Freunde, die mir über die Black Panthers berichteten. Dann las ich ein Buch, das mir bewusst machte, dass ich in einer neokolonialen Situation gefangen war. So fand ich eine Lösung für diese neue Situation, die politisch sein würde: ich gab mein Werk auf, um den Black Panthers beizutreten und in den Straßen von Brixton und im Norden zu arbeiten.

HQ: Was passierte dann? Was bewegte sie zur Umkehr?

RA: Die inneren Widersprüche in der Gruppe. Einige Leute kämpften gegeneinander, und Ende der 1970er Jahre kollabierte das Ganze und die Black Panthers begannen sich aufzulösen.

HQ: Und dann starteten sie die Zeitschrift The Third Text?

RA: Damals fing ich an darüber nachzudenken, wie ich mit der Kunst weitermachen könnte. Ich hatte einen engen Freund, den weithin bekannten David Medalla, und wir redeten viel über Kunst und Politik. Wir schlossen uns zusammen, um Artists for Democracy zu eröffnen. Das war während meiner extremen politischen Phase.

HQ: Wie hat das ihr künstlerisches Schaffen beeinflusst?

RA: Vor allem in den 1970ern habe ich eine Menge getan. 1975 schrieb ich ein Schwarzes Manifest mit dem Titel The Black Phoenix, in dem ich skizzierte, welche Zukunft die Kunst in der Dritten Welt haben könnte.

HQ: Wie finden Sie die jetzige Situation im Vergleich zu dem, was sie damals dachten?

RA: Die Lage hat sich ungemein verändert. In den Kunst-Establishments der 1970er Jahre, seien es solche öffentlichen Institutionen wie die Tate oder andere einflussreiche Organisationen und Galerien, wollte man nichts über diese politischen Dinge wissen.

HQ: Wann hat sich das geändert?

RA: Die Lage begann sich in den 1980ern aufgrund von zwei Entwicklungen zu verändern, von denen die erste der Beginn des Multikulturalismus in Großbritannien sowie in den USA war. Institutionen implementierten eine Politik der affirmative action, und auf dieser Basis fingen sie an, nicht-weiße Künstler und Akademiker zu fördern. Viele Leute wurden an Universitäten in den USA und Großbritannien zugelassen, obwohl einige dieser Institutionen die Bewerbungen einfach nur akzeptierten, um die Quote zu erfüllen. Das Zweite was in dieser Zeit passierte, war die Globalisierung des Kapitals und dementsprechend die Globalisierung des Kunstmarkts. Der Kunstmarkt wollte mehr, als er von Europa und Nordamerika bekommen konnte. Wegen dieser Expansion blickten Institutionen über Europa hinaus in Richtung Afrika und Asien.

HQ: Können Sie mir sagen, wie ihre Ausstellung The Other Story: Afro-Asian Artists in Post-War Britain 1989 in der Hayward Gallery zustande kam?

RA: Ich kämpfte mit dem Establishment nicht nur für mich selbst, sondern für all die nicht-weißen Künstler, die in Großbritannien lebten. Wo auch immer ich hinkam, zeigte man mir die kalte Schulter. Diese Institutionen interessierten sich nicht für unser Schaffen. Dann, gegen Ende der 1980er, waren die Veränderungen, die ich schon erwähnte, voll im Gange. Der Arts Council hatte Anweisungen vom Department of Culture, einen erheblichen Teil seines Budgets für sogenannte ethnische Künstler zu verwenden. In dieser Atmosphäre wandte ich mich 1987 erneut an den Arts Council und erhielt dieses Mal eine positive Antwort.

HQ: Die Ausstellung die wir in Sharjah ausrichten, hat den Titel Before and After Minimalism, und wir zeigen ihr sehr frühes Schaffen, ihre minimalistischen Werke sowie neue Arbeiten. Können Sie beschreiben, wie sich ihr Schaffen hin zum Minimalismus und über diesen hinaus entwickelt hat?

RA: Der Weg wie ich zum Künstler wurde, war sehr merkwürdig und höchst ungewöhnlich. Ich wollte nie ein Künstler sein. Ich wurde wohl zum Künstler, weil die Kunst selbst mich dazu drängte. Bevor ich nach Großbritannien kam, gab es zwei Elemente, die in meiner Arbeit schon zu Tage traten. Das erste ist die spiralförmige oder die vertikale Bewegung in meinem Werk, die der Bewegung einer doppelten Helix sehr ähnlich ist. Das andere Element waren meine Studien von Booten als Abstraktionen und die grundlegende Form des Dreiecks, die im Ergebnis dessen entstand. So waren schon sehr früh zwei Elemente in meinem Schaffen präsent: Dreiecke und vertikale Bewegungen. Als ich nach London kam, wollte ich alles, was ich in Karatschi getan hatte, vergessen, weil mir nach all dem, was ich hier und in Paris gesehen hatte, bewusst wurde, dass ich neu anfangen müsste. Ich musste darüber nachdenken, was ich im Kontext dessen, was ich sah und erlebt hatte, tun könnte. Ich begeisterte mich für Strukturen und beschloss, dass ich ein Bildhauer werden müsste, obwohl ich auf diesem Gebiet keinerlei Ausbildung hatte. Ich konnte nicht einmal mit den Werkzeugen umgehen. Instinktiv verfiel ich der Idee von Skulptur als einer symmetrischen Struktur.

Einige Jahre später entwickelte ich die Gitterstruktur. Wenn sie die Struktur des Gitters genauer untersuchen, haben sie alles in meinem Werk erkannt: Dreiecke und vertikale Bewegung. Das ist die Verbindung zwischen dem Werk, das ich in den frühen Jahren in Pakistan geschaffen habe, und dem, was ich seit damals entwickelte. Und das ist der Grund, weshalb ich die Ausstellung Before and After Minimalism nenne.

HQ: Was passierte mit ihrem Schaffen nach dem Minimalismus?

RA: Ich durchbrach die minimalistische Struktur in einem Werk mit dem Titel Zero to Infinity, und davon ausgehend schuf ich zwei weitere Werke nach dem Minimalismus.

HQ: Wie stehen die Werke zueinander in Beziehung?

RA: Sie stehen zueinander durch die Entwicklung der Idee in Beziehung, nicht durch die Form. Die Form ändert sich, aber die Idee ist die gleiche und immer anwesend.

HQ: In ihrem Werk mit diesen neuen Strukturen gibt es auch ein interaktives Element. Welche Idee steht hinter diesen Arbeiten?

RA: Die Idee war der Bruch mit der rigiden symmetrischen Struktur des Minimalismus. Das Ergebnis wurde zu einem Prozess, der von Leuten vollzogen werden kann, wenn Sie diese Strukturen betrachten und sich darauf einlassen.

HQ: Die Ausstellung in der Tate war interaktiv.

RA: Ja, das war im Jahr 2011. Die Arbeit in der Tate hatte ich 2007 geschaffen. Das Werk muss benutzt werden.

HQ: Haben Sie ihre Werke aus Karatschi jetzt zum ersten Mal zusammen mit minimalistischen Strukturen ausgestellt?

RA: Ja, das ist das erste Mal. Außerdem werden die Arbeiten aus Karatschi des erste Mal außerhalb dieser Stadt gezeigt.

HQ: Nach welchen Kriterien haben Sie die Farben für die Strukturen in Sharjah ausgewählt?

RA: Der Titel eines der Werke ist Shurbati, und dieses ist inspiriert durch die Farben des sherbet, eines süßen und kalten Erfrischungsgetränks, dass wir in unserer Kindheit im Mittleren Osten getrunken haben. Ich schuf die orange Farbe 1973, und habe sie dann hinter mir gelassen. 2013 kam ich darauf zurück.

Hoor Al Qasimi

Künstlerin und Kuratorin. Präsidentin und Direktorin der Sharjah Art Foundation, Sharjah, VAE.

© Text: Courtesy Sharjah Art Foundation
(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Rasheed Araeen:
Before and After Minimalism

13. März - 13. Juni 2014

Gebäude I, SAF Art Spaces
Al Mureijah,
Sharjah Heritage Area

Kuratorin: Hoor Al Qasimi

Veranstalter:

Sharjah Art Foundation
PO Box 19989
Vereinigte Arabische Emirate
Website Email


Siehe auch:

17 Holly Hendry
Fototour durch die Ausstellungen der Sharjah Art Foundation parallel zum March Meeting 2014
Nafas
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