Tanya Habjouqa: Ehefrauen der syrischen Revolution

Ehefrauen der syrischen Revolution. Interview über ihre Fotoserie, entstanden 2012-2013.
Von Cecilia Andersson | Dez 2013

Cecilia Andersson: Erzähle uns bitte etwas über den Hintergrund deiner Serie Ehefrauen der syrischen Revolution.

Tanya Habjouqa: Während die Rebellen in Syrien ihren Guerrillafeldzug gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad fortsetzen, führen deren Ehefrauen ihre eigene Schlacht. Weit von der Front entfernt kämpfen diese Frauen, die jetzt Flüchtlinge in Syrien sind, darum, trotz karger finanzieller Mittel ihre Familien zu unterstützen. Die meisten syrischen Flüchtlinge sind nicht in Lager gegangen, sondern in Städte wie Mafraq, wo sich die Bevölkerung auf 250.000 verdoppelte. Wenn die in den Städten auf sich gestellten Frauen Glück haben, bekommen ihre Kinder einmal am Tag Hummus-Brote. Angesichts von oft über 20, in dunklen Zweizimmerwohnungen zusammengepferchten Menschen ist ihr tägliches Leben durch den Kampf um die Ernährung ihrer Kinder und Wäschewaschen beherrscht. Anrufe jener Ehemänner, die noch am Leben sind und weiterkämpfen, sind meist die einzige Unterbrechung der dumpfen Routine des Alltags. Fantasien einer Wiedervereinigung mit ihnen werden durch schwülstige Texte genährt, durch die ihre Romanzen der Heirat wieder aufleben. Wenn die Kinder spielen und die Mütter eine Pause machen, dabei rauchen, falls sie sich eine Packung Zigaretten leisten können, malen sie sich gegenseitig aus, was sie tragen oder sagen würden, wenn ihre Männer vom Schlachtfeld heimkehren.

C.A.: Welcher Aspekt dieser Situation bewegt dich am meisten?

T.H.: Im Rahmen eines Nachrichtenauftrags für Le Monde über die Freie Syrische Armee besuchte ich viele Rebellenfamilien, aber ich bekam die Hausfrauen selbst kaum zu Gesicht. Sie lugten bestenfalls hinter der Tür hervor und winkten mal gerade so ein Kind herbei, uns den von ihnen zubereiteten Tee zu bringen. Ich konnte nicht aufhören, über die Frauen hinter der Tür nachzudenken und habe mich gefragt, wie aktiv die Frauen in diesem Konflikt sind. Wie überleben sie finanziell, wie bringen sie ihre Familien mit wenig bis gar keinen Mitteln durch, wenn ihre Ehemänner wieder nach Syrien in den Kampf gezogen sind. Schließlich haben sie ja ihre traditionellen Strukturen gegenseitiger Unterstützung verloren - Familie, Nachbarn und Gemeinde. Viele sind tot.

Und das ist die Entstehungsgeschichte dieses Projekts. Als ich mich darauf konzentrierte, Zugang zu den Frauen zu finden, die den Haushalt führen, wenn die Männer weg sind, stellte ich fest, welche grundlegende Rolle sie spielen. Wenn die Ehemänner anrufen, bringen die Frauen ihre Kinder dazu, fröhliche Geschichten zu erzählen und den Hunger nicht zu erwähnen, ihren Vätern zu sagen, wie stolz sie auf sie sind. Sie wollen es ihren kämpfenden Familienmitgliedern leichter machen. Einige der Frauen sind oft frustriert darüber, dass sie nicht in ihre Heimat zurückkehren und den Rebellen dort selbst helfen können, sie hassen es, als Flüchtlinge dahinzusiechen. Mehrere von ihnen hatten tatsächlich einen Beitrag geleistet, indem sie die Rebellen mit Essen versorgten oder durch andere Aktivitäten.

Die Kinder haben mir das Herz gebrochen. Besonders die jungen Mädchen, die davon träumen, wieder in die Schule zu gehen, deren Leben aber vielleicht für immer zerrissen ist. Da die finanziellen Nöte zunehmen, gibt es sogar jene, die anbieten, junge Mädchen zu heiraten, um deren Familien zu helfen. So fand ich eine Mischung aus resoluter Kraft zum Schutz der Familie und einer wachsender Hoffnungslosigkeit

C.A.: Wie entwickelt sich die Lage dieser Frauen?

T.H.: Da die Hitze der Gefechte über die Grenze hinweg wütet, zieht eine wachsende Zahl Männer an die Frontlinien und lässt ihre Frauen und Kinder mit nichts als der Hoffnung zurück. Fast täglich verlassen 100 bis 150 Männer das Zaatari Camp, das zum Zuhause für fast 120.000 Flüchtlinge und damit, offiziellen Stellen des Lagers zufolge, zur viertgrößten Stadt Jordaniens geworden ist. Deren Familien sind abhängig von gelegentlicher Wohltätigkeit sowie von Unterstützung durch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und von Lebensmittelmarken, die von der Welternährungsorganisation verteilt werden. Die Frauen sagen, ihr Leiden sei ohne ihre Ehemänner noch schlimmer geworden. Ohne ein Ende des Krieges in Sicht machen sich die Frauen Sorgen, dass sie ihre Angehörigen niemals wiedersehen. Und sie fürchten sich vor dem, was zu tun sie gezwungen sein könnten, um zu überleben. Doch die Richtung, die ich mit dieser Serie einschlage, weitet sich aus. Die jungen Mädchen, die ich treffen, sind jetzt fürs Heiraten begehrt. Ehemänner, Väter, Onkel sterben. Das Geld ist alle. Mütter sind gezwungen, ihre Töchter zu verheiraten und hätten andernfalls nur sehr geringe Möglichkeiten des Überlebens.

Auswahl von Fotografien aus der Serie:
>> Ehefrauen der Syrischen Revolution
Foto 01
Aysha, 28, war mit "Abu Layla", einem Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), elf Jahre verheiratet und hatte zuvor vier Jahre lang eine heimliche Beziehung mit ihm. Hier zeigt sie ein Tattoo auf ihrer Schulter, das bedeutet "Warum hast du mich verlassen, als ich dich brauchte?" Das Tattoo bezieht sich auf eine dramatische Auseinandersetzung, die beide als Jugendliche hatten, als sie sich trafen. Um darüber hinwegzukommen, ließen sich beide diese Frage als Erinnerung daran tätowieren, wie schrecklich es war, getrennt zu sein. Aysha ist stolz auf ihren revolutionären Ehemann und meint lachend, sie hätte nie gedacht, dass das Tattoo Jahre später eine solch schmerzliche Bedeutung erlangen würde.
Foto 02
Aysha (siehe das vorherige Foto) mit ihrer Tochter und dem Ehemann, der aus Syrien zu Besuch kam. Er starb zwei Monate später.
Foto 03
Ayshas Schwester Nadia, 25, ist auch ein Flüchtling in Jordanien mit einer eigenen Familie, von der 17 Angehörige derzeit in einer gemieteten Zweizimmerwohnung leben. Oben hängt eines der wenigen Stücke intimer Unterwäsche von Nadias Schwiegermutter, das diese aus Syrien herausgeschmuggelt hat. Sie bot an, es mit ihrer Schwiegertochter zu teilen, wenn ihr Sohn von der Front zurückkehrt. Nadia floh aus Syrien nur mit der Kleidung, die sie auf dem Leib trug. Da die Männer im Krieg sind, tauschen die Rebellenfrauen, Schwestern, Mütter und Schwiegertöchter Tipps aus, wie ihre Ehemänner am besten zu verführen wären, wenn sie wieder vereint sind. "Ein sexy BH und Slips sind besser als ein Negligé, wenn er nach Hause kommt", rät Aysha. "Zeige deine Haare und trage ein rotes Kleid."
Foto 04
Layla und Sama sind 13 und 15 Jahre alt. Ihre Mutter Um Muhammad, 39, sagt, das Leben sei hart ohne ihren kämpfenden Ehemann. Die Mutter von sechs Kindern ringt darum, die Monatsmiete zu sichern, und steht unter ständigem Druck, ihre Töchter mit jordanischen und syrischen Freiern zu verheiraten. Layla, rechts, wurde niedergetrampelt, als eine Militäreinheit auf der Jagd nach dem Vater ihr Haus stürmte, bevor sie nach Jordanien flohen.
Foto 05
Aysha steht neben ihrer jüngeren Schwester Nadia und hält ihre Finger zum "Victory"-Zeichen hoch, einem Symbol des Widerstands, das von den Revolutionären Syriens übernommen wurde.
Foto 06
Um Suleiman 26, Mutter von vier Kindern, kam letzte Woche an. Sie brach in Tränen aus, als ihr Mann ihr in letzter Minute offenbarte, dass er sie nach Jordanien bringen würde, um sich den Reihen der FSA anzuschließen. "Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gar nicht erst aus Homs weggegangen," sagte sie. "Er äußerte viele Male, dass die Kinder und ich ihm im Weg stehen. Er ist gerade wieder in den Kampf gezogen."‬
Foto 07
Abu Zeid ist 34 Jahre alt (das ist nicht sein wirklicher Name, er verbirgt sein Gesicht, um seine Kinder und seine schwangere Frau zu Hause zu schützen). Die zwei Wochen, die Abu Zeid in den Barracken des Militärgeheimdienstes von Deraa, der Wiege des syrischen Aufstands, verbrachte, sind für immer in sein Fleisch eingraviert. An der rechten Hand sind nur ein geschwollener Stumpf und zwei mit dickem Faden angenähte Fingerstücken übriggeblieben. Dieser Händler für Damenkleidung, der bei einer Demonstration im Dezember 2012 festgenommen worden war, wagte es, sich seinen Folterern zu widersetzen, als sie ihm befahlen, vor einem Bild des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad auf die Knie zu fallen. Als er das ablehnte, verbanden sie ihm die Augen und legten einen kleinen Sprengkörper auf seine Hand, der explodierte. Er kann seine linke Hand immer noch nicht benutzen und braucht die Unterstützung anderer syrischer Flüchtlinge, die ihm helfen müssen, sich anzuziehen und zu waschen, was er als sehr demütigend empfindet.
Foto 08
Nadias Schwägerin Ruba, 25, spielt mit ihrem Töchterchen. Ruba gehört zu den wenigen Ehefrauen in diesem Haus, deren Männer nicht zum Kämpfen fortgegangen sind. Sie ist glücklich, dass ihr Ehemann zusammen mit ihr in Sicherheit ist, doch nachdem er letztes Jahr zweieinhalb Monate im Mezzah Gefängnis in Damaskus eingesperrt war, kehrte er als ein Anderer zurück. Ruba erzählte, ihr Mann wurde während seiner Gefangenschaft gefoltert. "Ich erkenne ihn nicht wieder", sagte sie, "er will nicht nach Syrien zurückkehren."
Foto 09
Um Gasem zeigt auf ihrem Mobiltelefon ein Bild ihres kürzlich den Märtyrertod gestorbenen Ehemannes, der in Syrien im Kampf getötet wurde. Das war kurz vor der Geburt ihres vierten Kindes, das ihr Mann nicht mehr gesehen hat. Alles was ihr geblieben ist, sind Bilder seines gemarterten Körpers auf ihrem Telefon und ein Bild aus glücklicheren Zeiten. Er starb bei einem Zusammenstoß mit Assad-Truppen, als er bei den Tawhid Brigaden war, Kämpfern unter dem lockeren Schirm der Freien Syrischen Armee.
Foto 10
Dieses Bild wurde in dem Haus aufgenommen, das mich dazu veranlasste, die Frauen zu fotografieren. Dieser Sohn würde niemals Kaffee servieren, ich sah nie seine Mutter. Sie würde hinter der Tür hervorlugen und mit einer Geste einem Kind winken, uns Tee zu bringen. Ich arbeitete an einer Nachrichtenstory für Le Monde über die FSA und konnte nicht aufhören, über die Frauen hinter der Tür nachzudenken. Ich fragte mich, wie aktiv die Frauen in diesem Konflikt sind, und das ist die Entstehungsgeschichte dieses Projekts. Der Junge auf dem Foto ist Sufian, 4 Jahre alt, Sohn von Abu Khatab, einem Überlebenden der Folter. Sufian war ein kleines Baby als sein Vater immer wieder eingesperrt wurde und ihn einmal bei seiner Rückkehr nicht mehr wiedererkannte und ihn fragte, ob er sein Vater sei. Die Familie lebt in einem kargen Zuhause, und zu den wenigen Sachen, die an der Wand hängen, gehört die ursprüngliche syrische Flagge aus der Zeit vor dem Assad-Regime, mit der Sufian gern spielt.

Cecilia Andersson

Curator at Bildmuseet, Contemporary Art and Visual Culture, Umeå, Sweden.

Tanya Habjouqa wurde in Jordanien geboren und wuchs in den USA auf. Sie machte einen Master-Abschluss in Globale Medien und Politik im Nahen und Mittleren Osten an der University of London SOAS.

Habjouqa ist freischaffende Fotografien, Autorin und Gründungsmitglied des Fotokollektivs Rawiya. Von ihrem Wohnort Jerusalem aus untersucht sie in persönlichen Projekten die sozio-politische Dynamik, Okkupation und Subkulturen im östlichen Mittelmeerraum. Sie hat an den Frontlinien im Irak, in Darfur und Gaza gearbeitet.


Cecilia Andersson kuratierte die Ausstellung des Kollektivs Rawiya im Bildmuseet in Umeå und in der Malmö Konsthall, Schweden. Dieses Interview mit Tanya Habjouqa fand im November 2013 statt.


Nafas
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