Von Straßenpolitik zu Straßenkunst im Jemen

Der Einsatz künstlerischer Mittel im öffentlichen Raum im Jemen zur Artikulation von Kritik, Widerstand und kollektiven Forderungen.
Von Anahi Alviso-Marino | Jul 2013

Ermutigt durch die Aufstände in Tunesien und Ägypten, begannen im Januar 2011 Demonstrationen im Jemen. Nach und nach haben die sich gegen die Regierung erhebenden Demonstranten alte Formen des Protests wie die Kundgebung oder das Sit-in zu dem umgewandelt, was ein permanentes Camp und ein neuer Bereich des Widerstands in der Hauptstadt Sanaa wurde, genannt "Platz der Veränderung". Zu der selbsternannten "revolutionären Jugend", die ein bis April 2013 dauerndes Sit-in durchführte, gehörte eine Reihe visueller Künstler. Durch ihre Präsenz auf dem Platz gaben sie politischen Forderungen einen künstlerischen Ausdruck, wozu sie Kunstpraktiken als Mittel der Auseinandersetzung nutzten. Diese wurden innerhalb und außerhalb der Zelte entwickelt und trugen zu den symbolischen Aspekten der Mobilisierung bei. Als eine Fortsetzung der Politik der Straße, die auf dem Platz vonstatten ging, bezogen visuelle Künstler Widerspruch, Grenzüberschreitung und zivilen Ungehorsam in ihre Kunstausübung ein. Mit solchen Street Art Techniken wie Graffiti, freies Schreiben, Wandmalerei oder Schablonieren beteiligten sie sich das Jahr 2011 hindurch daran, politische Losungen zu reproduzieren, die auf den Sturz des Regimes von Ali Abd Allah Saleh abzielten.

Im Jahr 2012 erfuhr diese streitbare Straßenkunst gewisse Veränderungen. Da ist der Fall des Malers Murad Subay, der das größte jemals im Jemen und wahrscheinlich in der gesamten Region stattgefundene Projekt der street art initiierte. Mit einem Aufruf in Facebook forderte er die Bevölkerung auf, die Wände ihrer Straßen bunt zu bemalen, um die Spuren der Einschüsse und Auseinandersetzungen zwischen friedlichen Demonstranten und regimetreuen Kräften mit Zeichen des Lebens zu überdecken. Ermutigt durch die große öffentliche Mitwirkung und Berichterstattung in den Medien nahm er zwei weitere Projekte der Straßenkunst in Angriff, bei denen ein kontroverser Diskurs deutlicher wurde. Durch aufgeklebte Fotografien und Schablonenbilder benutzte er die Wände, um Solidarität und Widerspruch auszudrücken und um politische Forderungen zu erheben. Dieser Fall dient der Untersuchung der Implikationen direkter politischer Partizipation sowie zivilen Ungehorsams, erlernt in den Zelten und ausgedrückt durch künstlerische Praxis, die sich der Wände und Straßen als Maluntergrund und Ausstellungsräume bedient.

Wandel in der Kunstwelt durch Street Art Kampagnen

Verschiedene Techniken, die heutzutage als maßgeblich für die Praxis der Straßenkunst gelten, sind über die Jahre hinweg in jemenitischen Städten zum Einsatz gekommen, um politische und religiöse Botschaften zu verbreiten. 2012 fanden Modifikationen der Street Art Szene statt, weil das Land in eine neue Phase eintrat, indem es der Golf-Vereinbarung folgte, in der die Konditionen eines ausgehandelten Übergangs festgelegt sind, wodurch Saleh Immunität erlangte und die "revolutionäre Jugend" ausgeschlossen wurde. Hinsichtlich der Straßenkunst traten neue Erfahrungen zutage. Die Ästhetik der Stadt und nicht nur die Umgebung des "Platzes der Veränderung" wandelte sich drastistisch, als sich Kilometer von Wänden mit Malereien füllten. Am wichtigsten ist, dass der öffentliche Raum erneut genutzt wurde, um Widerspruch und soziale Kritik zum Ausdruck zu bringen, dieses Mal durch kollektive Malereien.

Eine derartige Umwandlung der Praxis der Straßenkunst ist einzig eingeleitet worden durch Kampagnen, die ein Maler in seinen zwanziger Jahren, Murad Subay, initiiert hatte. Er befand sich unter den jungen Leuten, die in Sanaa Sit-ins begonnen hatten, und startete dieses Projekt, indem er einige seiner eigenen Leinwandbilder auf den Wänden der Stadt reproduzierte. Diese Initiative wuchs schnell zu einer kollektiven Aktion, bei der die Leute die Straßen übernahmen und künstlerische Fertigkeiten mit dem Ausdruckswillen von Amateuren kombinierten. Das Ergebnis waren Wände voller abstrakter Bilder und auch Botschaften sozialer und politischer Kritik wie Arbeitslosigkeit, Widerstand, Gewalt, Freiheit, Armut und nationalistische Diskurse.

Murad Subay unternahm zwei weitere Projekte. Bei einem davon klebte er Fotografien an die Wände, die sein Bruder Jameel Subay aufgenommen und Jahre zuvor in der Absicht ausgestellt hatte, soziopolitische Kritik durch Fotografie darzustellen. Murad Subay benutzte sie, um Solidarität mit einem weitgehend marginalisierten Teil der jemenitischen Gesellschaft auszudrücken, den akhdam (was Diener bedeutet), mit Opfern von Bombenattentaten und um etwas gegen soziale Gleichgültigkeit zu tun. Aber besonders durch seine Schablonier-Kampagne sind kollektive Aktion und zugleich offene politische Kritik zu wichtigeren Elementen seiner Ausdrucksweise geworden. Unter dem Titel "die Wände erinnern sich ihrer Gesichter" begann Subay diese Kampagne, indem er Schablonenbilder der Porträts von Leuten auf die Wände sprühte, die unter Salehs Herrschaft "verschwunden" sind. Dann postete er einen Aufruf auf Facebook, und sein Projekt erlangte eine große öffentliche Beteiligung. Es wurden Schablonenbilder von vermissten Personen gesprayt, Informationen über diese Menschen hinzugefügt, und wenn Bilder ausgelöscht waren, sind sie erneuert worden. So ist etwas zu einem Projekt geworden, das die kollektive Erinnerung bewahrt, politische Forderungen an die Regierung richtet, die sich nicht um das gewaltsame Verschwinden von Leuten kümmerte, und was dazu beitrug, für dieses Thema auf der Ebene der Straße und in der institutionellen Politik einzutreten.

Kunst und kollektive Aktion

Bei diesen Street Art Kampagnen sind zwei Prozesse im Spiel, einer der "artification" und einer der kollektiven Aktion. Zur selben Zeit, wie der Prozess der Anerkennung dieser Praxis als street art und als Kunst vonstatten geht, geschieht auch ihr Auftreten als Aktion des Widerstands, die kollektive Forderungen erhebt. Hinsichtlich des Prozesses der "artification" erfahren die Definition und der Status der Ausübenden, ihrer Ziele und Aktivitäten, wichtige Wandlungen [1]. Die während des Jahres 2012 wirkende Dynamik erlaubt die Beobachtung eines Prozesses, durch den eine marginale Praxis zu einer künstlerischen wurde, und als die Medien darüber berichteten ist sie lokal und international sichtbar geworden. Im Zusammenhang mit dem zweiten Prozess der kollektiven Aktion hat die von Murad Subay initiierte Kampagne auch belegt, dass sie Wirkungen auf unterschiedlichen Ebenen erzielt, wie der Schaffung eines speziellen Komitees zur Untersuchung und Dokumentation der Fälle gewaltsamen Verschwindens, der Verabschiedung eines vorläufigen Justizgesetzes [2] und der Aufmerksamkeit des Ministers für Menschenrechte für die Förderung der Debatte. Obwohl diese Angelegenheit schon 2007 zur Sprache kam, erhielt sie erst durch die Schablonier-Kampagne eine größere Aufmerksamkeit, vor allem durch die Mitwirkung an der Bewahrung einer kollektiven Erinnerung und am Auffinden einiger am Leben gebliebener Verschwundenen [3]. Obwohl abzuwarten bleibt, wo die Grenzen und der Wirkungsrahmen von Interventionen auf den Straßen solcher in Graswurzelaktivismus eingebetteter Praktiken sind, trägt dieser Fall dazu bei, die unzähligen Wege ausfindig zu machen, auf denen Menschen durch kreatives, auf Straßenpolitik basierendes Lernen kollektiv daran mitwirken können, ihre Gesellschaft und deren Politik zu ändern.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Natalie Heinich und Roberta Shapiro (Hrsg.), De l’artification. Enquêtes sur le passage à l’art, Paris, Editions EHESS, 2012, S. 20.
  2. Jomana Farhat schrieb, "it has become evident that the draft law will be aborted since it would be restricted solely to post-2011 events". Jomana Farhat, Justice for the disappeared in Yemen?, Al Akhbar English, 9. Januar 2013.
  3. Siehe: Nabil Subay, Disappeared under Yemen’s Saleh, activist found alive decades later, Al Akhbar English, 3. Februar 2013.


Anahi Alviso-Marino

Doktorandin an den Universitäten Paris 1-Sorbonne und Lausanne. Lebt derzeit in Maskat, Oman.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Der Einsatz künstlerischer Mittel im öffentlichen Raum im Jemen zur Artikulation von Kritik, Widerstand und kollektiven Forderungen.

Fotos von Graffiti, Tags, Schablonenbildern, Wandmalereien, Fotografie auf Wänden und Malaktionen in Sanaa, 2009 - 2013.

Nafas
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