Ambivalente Ornamente

Rezension der Ausstellung \"Sehnsucht Persien\" im Museum Rietberg Zürich, Schweiz, 27. Sept. 2013 - 12. Jan. 2014.
Von Eva Dietrich | Okt 2013

Mit der Sonderschau Sehnsucht Persien fokussiert das Museum Rietberg Zürich auf die Beziehungen zwischen dem barocken Europa und dem safawidischen Persien und deren Ausdruck in der Kunst des 17. Jahrhunderts. Ebenso viel Raum nehmen zeitgenössische Positionen ein, die nicht nur iranische Gegenwart reflektieren, sondern in einen Dialog mit den historischen Werken treten.

Wer beim Ausstellungstitel Sehnsucht Persien zuerst an den Perserteppich als deren Materialisierung denkt, liegt auch im Museum Rietberg nicht falsch. Nur liegt der evokative Teppich nicht an erster, sondern an zweiter Stelle im Raum. Und während man den kostbar gewirkten Teppich nicht berühren darf, wird der Besucher ausdrücklich dazu aufgefordert, das erste Objekt zu betreten, Parastou Forouhars (* 1962) Arbeit Spielfeld. Ihr auf Klebefolie gedrucktes Brettspiel besteht aus mit Messerornamenten verzierten, quadratischen Spielfeldern, auf denen schwarze Gestalten mit Messern in den Händen von allen Seiten gespiegelt von Feld zu Feld schleichen. Die Schergen sind denselben geometrischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen wie die übrigen Ornamente und wie wir selbst, wenn wir das Spielfeld betreten. Wir laufen überall ins Messer, egal wohin wir uns wenden. Die so oft gepriesene harmonische Schönheit von Ornamenten ist also trügerisch. Sie folgt unerbittlichen Gesetzen, die keine Abweichung erlauben. Das macht Ornamente ebenso endlos faszinierend wie absolut bindend.

Der biblische Perser

Als Besucher ans Messer geliefert zu werden, ist ein überraschender Auftakt zu einer Ausstellung, die den Titel Sehnsucht Persien trägt. Doch zeigen der Perserteppich wie auch das tödliche Spielfeld die Spannweite der Wahrnehmung Persiens, respektive Irans, an. Im 17. Jahrhundert war Persien ein ebenso einseitig positiv konnotiertes Sehnsuchtsland wie die aktuellen Schlagzeilen aus Iran meist negativ sind.

Im 17. Jahrhundert führten intensive politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Europa und dem safawidischen Persien (1590-1720) zu einem kulturellen Austausch, der mit dem Untergang des Safawidenreichs 1720 ein Ende fand. In diesem Zeitraum besuchten europäische Handelsgesellschaften, Schriftsteller, Künstler und Mönche Persien und persische Gesandtschaften sorgten in Europa regelmäßig für Aufsehen. Neugierde auf beiden Seiten, Handelsvereinbarungen und Sorgen um den gemeinsamen Feind, das mächtige Osmanische Reich, brachten Europa und Persien einander näher. Wie ein Kupferstich zeigt, drängten sich sowohl einfache wie adlige Pariser Bürger am 7. Februar 1715 auf der Place Royale (der heutigen Place des Vosges), um einen Blick auf den Einzug des persischen Gesandten Mohammad Reza Beg zu werfen. Die golddurchwirkten Kostüme und opulenten Turbane persischer Gesandtschaften verkörperten begehrenswerte Extravaganz und lösten eine erste Orientmode aus, die ihren Niederschlag in der Kunst fand. Der persische Edelmann war nicht nur Thema zahlreicher Porträts, sondern fand Eingang in die europäische Historienmalerei. In den Niederlanden entdeckten Maler, allen voran Rembrandt, den Perser für die historisch korrekte Wiedergabe biblischer Gestalten und rückten auf diese Weise alttestamentarisches Geschehen in eine weit entfernte orientalische Atmosphäre.

Persische Kleidung im katholischen Polen

Persische Kleidung war aber nicht nur eine Modeerscheinung, sondern wurde in der Adelsrepublik Polen-Litauen zur Nationaltracht des Adels. Im damals flächenmäßig größten Land Europas, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte, hatte der polnische Adel ein Legitimationsproblem, das ein Mythos löste. Man führte seinen Ursprung auf die Sarmaten zurück, ein antikes iranisches Reitervolk, das gemäß antiken Quellen die osteuropäische Bevölkerung unterworfen hatte und schuf sich das dazu passende Aussehen im persischen Stil. Insbesondere gold- und silberdurchwirkte Schärpen wurden zum festen Bestandteil der polnischen Nationaltracht. Dazu kamen reich mit Ornamenten verzierte Waffen, deren Ästhetik leicht vergessen ließe, dass es sich um Kriegsgerät handelte, wäre da nicht die zeitgenössische Kunst, welche die schönen Oberflächen immer wieder hinterfragt. Mandana Moghaddans (* 1962) im Auftrag des Museum Rietberg entstandene Arbeit Chelgis V richtet aus der Wand ragende Gewehrmündungen, kaschiert durch kunstvoll darum geschlungene Haarknoten, auf die polnischen Waffen und zwingt so zu einer kritischeren Wahrnehmung persischer Endlosknoten auf Kriegsgeräten.

Misstrauen gegen Systeme

Hier wie in den anschließenden Räumen, die sich der Übernahme europäischer Maltechniken und Themen in der persischen Kunst widmen, regen die zeitgenössischen iranischen Kunstschaffenden immer wieder zu einem fragenden Blick auf historische Kunstwerke an. Persische Künstler entdeckten über europäische Drucke den Frauenakt als neues Bildthema. Da sie die erklärenden Beischriften wegließen, welche die Akte mythologisch oder allegorisch verankerten, blieben auf den persischen Adaptionen nackte Tatsachen. Ob dieser Vorgang harmlos war oder zu Reaktionen wie einst Das Frühstück im Grünen von Édouard Manet führte, wissen wir nicht. Vielleicht waren die entstehenden Interpretationslücken poetische Öffnungen, vielleicht eröffneten sie gefährliche Abgründe wie in den Arbeiten von Farhad Fozounis (* 1979). Er bindet Figuren in mechanische Gebilde oder gebäudeartige Konstruktionen ein und kombiniert diese Zeichnungen mit bruchstückhaften Typografien, deren Inhalt nur manchmal mit dem Dargestellten zusammenfällt. Die so entstandenen Lücken erzählen Geschichten von Menschen, die in unheimliche Systeme eingebunden sind, deren Mechanik rational nicht zugänglich ist und denen man verständnislos ausgesetzt ist.

Die insgesamt sieben Künstlerinnen und Künstler nehmen mit ihren Positionen die Hälfte der Ausstellungsfläche ein. Ihre jeglichen Systemen misstrauenden Werke stellen iranische Kunst in einen globalen Kontext und verhindern, dass man die Ausstellung Sehnsucht Persien als einen weiteren Beitrag zum Thema Orientalismus einordnet.

 

Eva Dietrich

Freischaffende Kunstkritikerin und Kuratorin, lebt in Zürich, Schweiz.

Sehnsucht Persien
Kunst im europäisch-persischen Dialog & Gegenwartskunst aus Teheran

27. September 2013 - 12. Januar 2014

Museum Rietberg Zürich
Gablerstrasse 15
8002 Zürich
Schweiz
Website Email

Kuratoren:
Axel Langer und Susann Wintsch

Nafas
Zurück nach oben