Künftige Attraktion: Das Marrakesch Museum für Fotografie und Visuelle Künste

Kritische Anmerkungen zum Marrakesch Museum für Fotografie und Visuelle Künste, voreröffnet am 8. November 2013.
Von Emma Chubb | Nov 2013

Die internationale Presse war vor kurzem begeistert über die Pläne, das privat finanzierte Marrakech Museum for Photography and Visual Arts (MMPVA) zu eröffnen. Bislang fand das vor allem in englischsprachige Medien Aufmerksamkeit, vielleicht wegen der Dominanz des Englischen als der lingua franca der zeitgenössischen Kunstwelt und der Wahl des US-amerikanischen Sammlers und Mäzens David Knaus für die Leitung des Museums.

Die Eröffnung des vom britischen Architekten Sir David Chipperfield entworfenen Gebäudes am Rande der Menara Gärten in Marrakesch ist für 2016 geplant. Das Museum soll "ein kulturelles Epizentrum der Region [werden]; es wird als das Herz eines vielzackigen Sterns dienen und Akademiker, Studenten und Besucher aus aller Welt anziehen." Die Architekturentwürfe zeigen vier Etagen für Galerien, ein Theater, Café, Buchhandlung und Bildungseinrichtungen. Seine Sammlung wird auf drei Themen fokussiert sein: Architektur/Design, Fotojournalismus und Mode/Kultur [1]. In der Zwischenzeit hat das MMPVA den Badi-Palast von Marrakesch zu seinem vorrübergehenden Zuhause und Projektraum gemacht. Die erste Ausstellung 10 Zeitgenössische Marokkanische Fotografen wurde am 20. September 2013 eröffnet und zeigt Fotografien von Yto Barrada, Carole Benitah, Hicham Benouhoud, Ali Chraibi, Yasmina Bouziane, Hicham Gardaf, Hassan Hajjaj, Lamia Naji, Leila Sadel und Daoud Aoulad Syad aus der permanenten Sammlung. Am 1. November wechselte diese Ausstellung in das Sofitel Marrakech, einen Sponsor der Schau, um Platz für das nächste Projekt zu schaffen: eine von Simon Njami kuratierte Residenz und Ausstellung mit fünf Magnum-Fotografen (Abbas, Jim Goldberg, Susan Meiselas, Mark Power, Mikahel Subotsky) , die am 8. November beginnt, dem Datum der internationalen Eröffnung des Museums.

Die Äußerungen von Seiten des Museums zu dessen Mission in Marrakesch und in weiterreichenden marokkanischen und afrikanischen Kontexten werfen in diesem frühen Stadium grundlegende Fragen auf. Im Online-Pressematerial heißt es: "Mit einem reichen Programm von Ausstellungen, Bildung und Kulturaustausch wird das Museum die erste derartige Institution auf dem afrikanischen Kontinent sein und die künstlerische Erfahrung über kulturelle Grenzen hinweg erweitern, um größeres Verständnis und Toleranz herauszubilden" [2]. Gewiss sind die Förderung von größerem Verständnis, Toleranz und kulturübergreifendem Austausch durch Ausstellungen und damit verbundene Bildungsprogramme ehrgeizige und wichtige Ziele für Kunstmuseen in aller Welt, und in Marokko gibt es keinen Überfluss an Institutionen, die Künstler und Kunsterziehung fördern. Aber der Anspruch, die erste Einrichtung dieser Art auf dem Kontinent zu sein, bringt die Gefahr mit sich, die vielen öffentlichen und privaten Institutionen und Initiativen in Afrika kleinzumachen, die tief in ihre lokalen Kontexte und Gemeinschaften eingebettet sind. [3] Glücklicherweise entfernt sich die Pressemeldung vom September 2013 von diesem Ton und stellt klar, dass das MMPVA "eine maßgebliche Ergänzung der kulturellen Landschaft Afrikas" sowie mit seinen sechstausend Quadratmetern das größte Fotografiemuseum der Welt sein wird [4].

Nichtsdestotrotz bergen die anfänglichen Ansprüche die Frage in sich, wie die erklärten Ziele des MMPVA von einer breit angelegten Mission in spezifische Programme zu übertragen wären, wenn es für das Publikum geöffnet ist. Fragen der Übersetzung und des Öffentlichen sind von spezieller Bedeutung angesichts der vorherrschenden anglophonen Orientierung des Museums in einem Land, in dem die offiziellen Sprachen Arabisch und Tamazight sind und wo Französisch und Spanisch im Allgemeinen wesentlich mehr verbreitet sind als Englisch. Nirgendwo ist das offensichtlicher als auf der ersten Seite der Projektübersicht des MMPVA auf dessen Website, wo der Name des Museums in Arabisch rückwärts erscheint, als wenn er von links nach rechts statt von rechts nach links zu lesen wäre.

Währenddessen werfen die zahlreichen Fotografien verschleierter Frauen, mit denen die Werbematerialien des MMPVA illustriert sind, weitere Fragen dahingehend auf, wie das Museum die Geschichte der Fotografie von und in Marokko vermitteln wird. Dergleichen erfordert, sorgfältig zu beachten, dass die Geschichte der Fotografie in Marokko nicht von der des Kolonialismus und des Orientalismus zu lösen ist. Und nicht nur das. So wie es die Zitate von Susan Sontag, Ansel Adams und Pablo Picasso im Pressematerial nahelegen, steht auch ein Beitrag dazu auf dem Spiel, die Geschichte der marokkanischen Fotografie seit der Unabhängigkeit des Landes 1956 auf eine Weise zu schreiben und zu bewahren, die über die kanonische westeuropäische und US-amerikanische Kunstgeschichte hinaus bis zur reichen Geschichte von Kunst und Fotografie in Afrika und der arabischen Welt blickt. Angesichts der Finanzierung des Museums durch private Unterstützer und Unternehmen dürfte es angebracht sein, darauf zu achten, wie die Prioritäten seiner Gründer mit der Verantwortung gegenüber seinem Publikums in Einklang gebracht werden.

Diese Bedenken sind sowohl Herausforderungen als auch eine spannende Gelegenheit für das MMPVA, da es noch dabei ist, seine kuratorialen und Bildungsprogramme zu entwickeln und seine Mission im Vorfeld der Eröffnung 2016 zu klären. Das MMPVA hat das Potenzial, einen Schwerpunkt darauf zu setzen, sein Publikum und die Künstlercommunity am Ort zu finden - und nicht nur Expats, Touristen und die globale Kunstwelt - und die noch immer zentrale Bedeutung des euro-amerikanischen Kanons für die moderne Kunst- und Fotografiegeschichte in Marokko und anderswo zu verdrängen, statt sie zu bestätigen. Hoffen wir das Beste für diese Institution. Dann wäre sie tatsächlich ein Gewinn für Marrakesch, für Marokko und für uns alle.

 

Anmerkungen:

  1. Diese Information stammt aus der MMPVA Projektübersicht, online verfügbar als Länderarchiv Marokko in Nafas.
  2. MMPVA Pressemeldung, September 2013


Emma Chubb

Presidential Fellow und Doktorandin in Kunstgeschichte an der Northwestern University (Evanston, IL USA) und ein 2016 Camargo Foundation Fellow.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

The Marrakech Museum for Photography and Visual Arts
Temporäre Adresse:
MMP+ at El Badi Palast,
Ksibet Nhas, Marrakesch
Künftige Adresse:
Menara Gärten, Marrakesch
Marokko
Website Email

Ausstellungen:
10 Contemporary Moroccan Photographers
El Badi Palast, 20. Sept. - 31. Okt. 2013
Sofitel Marrakech, 1. Nov. - 1. Dez. 2013

Ausstellung von Magnum Fotografen
8. November 2013 - 1. Februar 2014
MMP+ im El Badi Palast

Nafas
Zurück nach oben