Jemandes "Hier" ist immer das "Dort" eines Anderen

Rezension der Ausstellung \"Ici, ailleurs\", Teil von Marseille-Provence 2013 Kulturhauptstadt Europas.
Von Bérénice Saliou | Mär 2013

Das Projekt einer Erneuerung von La Friche La Belle de Mai in Marseille, durch das dieser alternative Kunstort zu einem trendigen Kulturzentrum werden sollte, lag über zehn Jahre auf Eis. Letztendlich wurde es in die Bedürfnisse der Kulturhauptstadt und ihres internationalen Programms eingegliedert. Mit achtunddreißig anerkannten Künstlern ist die Ausstellung Ici, ailleurs (Hier, dort) die erste auf den 2400 Quadratmetern des brandneuen Jobin Turms.

"Ici, ailleurs ist eine ambitionierte Schau, die belegt, dass Marseille ein Kunstereignis von internationalem Rang ausrichten kann. Ihr Thema ist absichtlich breit und einfach angelegt: lasst uns unsere Nachbarn einladen!" sagte Juliette Laffon, die Kuratorin der Ausstellung. Deshalb kommen die Künstler der langen Teilnehmerliste aus den Mittelmeeranrainern, arabischen Ländern und der Diaspora. Die Anwesenheit von Werken solcher Künstler wie Anette Messager, Gloria Friedman und Orlan könnte einen überraschen, doch Laffon erklärt dazu: "Ich wollte die Künstler und ihre Arbeiten nicht nach territorialen Gesichtspunkten auswählen und auch kein Panorama der gegenwärtigen Kunstszene vermitteln oder eine Ausstellung über arabische Kunst im Mittelmeerraum machen. Das Konzept dieser Schau ist vielmehr eine Erkundung des Gedankens pluraler Identität, des Nicht-Verengens und des Hybridisierens, und das ist der Grund, weshalb alle ausgewählten Künstler mit einer Perspektive der Offenheit arbeiten. Durch ihre Arbeit, ihre Geschichte und ihre Mobilität legen sie alle Zeugnis von dieser unablässigen Reise und dieser sich im Gange befindlichen, bewegten Identität ab."

Die Schau führt die Besucher vier Etagen hinauf, die ähnlich wie ein Museum thematisch strukturiert sind - was nicht besonders überraschend ist, wenn man bedenkt, dass Laffon Direktorin des Bourdelle Museums und Kuratorin am Museum Moderner Kunst in Paris war. In den auf der ersten Etagen gezeigten Arbeiten geht es um Ideen, die mit Reisen, Displacement und Exil zu tun haben, während die zweite Etage politischen und gesellschaftlichen Themen gewidmet ist. Auf der dritten Etage werden Konzepte der Erinnerung und Transmission erkundet, und in der vierten Etage - dem neuen Panorama Kunstzentrum auf dem Dach des Gebäudes - werden großformatige Exponate präsentiert. Obwohl dieser Aufbau einen didaktischen Ansatz erlaubt, der den zahlreichen Schulen entgegenkommt, von denen die Schau täglich besucht wird, könnte man argumentieren, dass dies nicht dazu beiträgt, einen lebendigen Dialog zwischen den Werken herzustellen. Dieser Eindruck wird durch die Präsentation vieler in black boxes präsentierter Videoarbeiten verstärkt. Selbst wenn das ganz richtig auf die wichtige Rolle von Video und Film in der arabischen Welt hinweist, tendiert deren aufgereihte Projektion dahin, die Erfahrung der Betrachter aufzusplittern. Dennoch verdienen einige von ihnen, wie etwa Das Ende der Zeit von Akram Zaatari, spezielles Interesse.

Das Ende der Zeit besteht aus einer Reihe von Szenen mit männlichen Darstellern, die vor einem weißen und unpersönlichen Hintergrund eine Abfolge dualer Beziehungsgesten vollziehen. In jeder Szene stehen sich zwei Männer, die Ende Dreißig sein mögen, in stiller Konfrontation gegenüber. Mit unbeweglichem Finger bedeutet einer dem anderen, sich auszuziehen. Großaufnahmen ihres wechselnden Gesichtsausdrucks zeigen die Komplexität ihrer Beziehung, die zwischen Bewunderung, Zärtlichkeit, Beleidigung, Macht und Beherrschung zu schwanken scheint. Der Film lässt uns an die Ambiguität von Liebe denken, hier wahrgenommen als eine gemischte und sich entfaltende Spannung zwischen zwei Menschen. In subtiler Anspielung auf homosexuelle Themen bringt diese bestens ausgeführte Arbeit ganz allgemeine Implikationen hervor. Tatsächlich sieht der gefeierte libanesische Künstler sein Werk als "eine universale Fabel, inspiriert durch den Wunsch, Liebe und den alternden menschlichen Körper zu bewahren". 

Trotz seiner Länge von 59 Minuten sollte der Film Der Pfad nach Kairo des ägyptischen Künstlers Wael Shawky ganz angesehen werden. Die Arbeit ist das Ergebnis eines zweimaligen Aufenthalts von Shawky an der Keramikschule in Aubagne und an der Abteilung für Ton und Audiovisuelle Medien der Universität der Provence, bei denen er mit Hilfe einer Armee an Freiwilligen mehr als Hundert Puppen in der traditionellen Technik von santons (traditionelle weihnachtliche Krippenfiguren der Provence) schuf. Die Neuinterpretation des Buches von Amin Maalouf Die Kreuzzüge gesehen von den Arabern, Der Pfad nach Kairo ist ein umfassendes und extrem detailliertes Fresko, bei dem ein Miniaturpuppentheater mit allerneuesten Filmtechniken verbunden ist. Das Werk war auf der Documenta 13 zu sehen und wird in den nächsten Monaten in einer Einzelausstellung dieses Projekts in La Chapelle des Pénitents Noirs in Aubagne gezeigt werden. Für das Team von Marseille 2013 ist die von der Kritik anerkannte Arbeit Der Pfad nach Kairo ein emblematisches Exponat, das auch das große Engagement der Organisatoren in der Region verdeutlicht. Tatsächlich sind etwa neunundzwanzig Kunstwerke speziell für die Ausstellung Ici, ailleurs produziert worden, wozu die fünf im Rahmen der Ateliers de l’EuroMéditerranée entstandenen zählen, was ein einzigartiges Konzept für Künstleraufenthalte im privaten Sektor ist und eine unerwartet fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Industriebereichen und Unternehmen hervorbrachte.

Allégorie von Djamel Kokene ist ein weiteres gutes Beispiel solch einer erfolgreichen Partnerschaft. Die zehn Meter hohe Holzskulptur ist das Ergebnis eines Aufenthalts des in Paris lebenden algerischen Künstlers im Trade Court von Marseilles. Für Ici, ailleurs bildete Kokene die Ansicht eines Verhandlungsraums mit dem diagonal durchgeschnittenen Mobiliar nach, begleitet von einer Linie an der Wand, die an grafische Darstellungen vom Börsenverlauf und zugleich an ein Elektrokardiogramm erinnert. Er sagte dazu: "Das Gericht ist eine Institution, die richten, separieren und teilen will. Die Gerechtigkeitslinie ist abstrakt und symbolisch. Sie klassifiziert Dinge auf der einen Seite oder auf der anderen. In diesem Sinne gleichen sich Kunst und Justiz, weil sie ein Urteil implizieren, das notwendigerweise mit Subjektivität verknüpft ist." Indem Allégorie von einer konkreten Situation zu konzeptuellen Erwägungen pendelt und dabei visuell reizvoll bleibt, gehört die Arbeit zu den aufregendsten Werken der Ausstellung. Diese zeigt auch die großartige Serie Unexposed von Hrair Sarkissian: fotografische Helldunkelporträts von Tunkun (Armeniern, die zum Islam konvertierten um dem Genozid von 1915 zu entgehen) sowie bemerkenswerte Arbeiten von Mona Hatoum, Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Ymane Fakhir und Adrian Paci.        

Aber der Höhepunkt der Schau ist unbestreitbar Shelter von Sigalit Landau. Auf dem Dach des Gebäudes aufgebaut, überragt Shelter das nördliche Gebiet der sich beigefarben ausbreitenden Stadt, eingebettet zwischen dem blauen Mittelmeer und der grünlichen Umgebung der Hügel der Provence. Die monumentale Bronzetreppe, wie eine skulpturierte Vertikale, ist eine Entsprechung zum einzigen Wolkenkratzer von Marseille, den CTM Turm, entworfen von der berühmten britisch-irakischen Architektin Zaha Hadid. Das irgendwie ominöse Werk von Landau ist der Abguss des Zugangs zu einem israelischen Luftschutzbunker und erinnert an die Spannungen in dem Heimatland der Künstlerin und deren konkrete Auswirkungen auf das Leben der Bewohner. Doch bringt uns Shelter nicht in eine unterirdische Zuflucht, sondern gen Himmel und suggeriert damit das Versprechen eines möglichen Auswegs.                

Ici, ailleurs (Hier, dort). Nur zwei Wörter und ein Komma bilden den Titel der wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst von Marseille 2013 Kulturhauptstadt Europas. Nur zwei Wörter und ein Komma, die nicht so abgedroschen sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Die Ausstellung Ici, ailleurs, am Rande eines populären Gebiets der multikulturellsten Stadt Frankreichs gelegen, die noch darum kämpft, diese Mischung als ihre größte Stärke zu verstehen, präsentiert ein besonderes Muster. Sie erinnert uns daran, dass "hier" und "dort" niemals als zueinander im Gegensatz stehend wahrgenommen werden sollten - jemandes "Hier" ist immer das "Dort" eines Anderen.

 

Bérénice Saliou

Freischaffende französische Kuratorin. Lebt in Marseille. Als Mitbegründerin und künstlerische Leiterin von Trankat Street in Tétouan hat sie viel mit Marokko zu tun.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Ici, ailleurs

12. Januar - 7. April 2013

Tour-Panorama
Friche La Belle de Mai

Adresse:
Zugang 1 (nur für Fußgänger):
41 rue Jobin - 13003 Marseille
Zugang 2:
12 rue François Simon - 13003 Marseille

Kuratorin: Juliette Laffon

Teil von Marseille-Provence 2013
Kulturhauptstadt Europas


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