Covering One's Back

Ausstellung in Kairo über die ambivalente Eigenart der Fotografie und deren Diskursivität, kuratiert von Maha Maamoun and Ala Younis.
Von Daniel Berndt | Jun 2013

Der Titel Covering one’s back [Sich absichern, Rückendeckung] der Gruppenausstellung zeitgenössischer Positionen zur Fotografie im Gezira Art Center in Kairo konnte als Ausdruck einer defensiven Haltung und zugleich aber auch als kokettes Augenzwinkern gegenüber den vorkonditionierten Erwartungen des Publikums aufgefasst werden, denen Fotografie aufgrund ihrer Realitätsgebundenheit oft als eine Art objektives Medium der Dokumentation gilt. So konzentrierte sich die von den Künstlerinnen Ala Younis und Maha Maamoun kuratierte Ausstellung auf die ambivalente Natur des Mediums sowie dessen Diskursivität und umfasste eine Bandbreite fotografischer Modi und Genres, die von Studio- über Landschaftsaufnahmen und archivalischen Praktiken bis hin zur Street Photography reichte.

Durch ihren betont sondierenden Charakter nahm die Multimediainstallation Photographers in Conflict (2006) von Goran Galic und Gian-Reto Gredic eine zentrale Rolle in der Ausstellung ein. Bestehend aus zwölf Porträts von international renommierten Fotojournalisten (darunter Stanley Greene, Paolo Pellegrin und Rena Effendi) und sechs Videointerviews mit ihnen, befasst sich die Arbeit mit dem politischen Einfluss und der Bedeutung der Fotografie im Kontext medialer Berichterstattung.

Indem sie über ihren Beruf und ihre Einstellung zur Fotografie in konfliktgeladenen Situationen oder Katastrophengebieten sprechen, teilen die zwölf Protagonisten von Photographers in Conflict Erfahrungen, Gedanken, Zweifel und Ängste, wobei sie zwangsläufig die mit ihrer journalistischen Tätigkeit verbundenen ethischen Kontroversen thematisieren. Wenn man ihren Schilderungen folgt, wird schnell deutlich, dass der eigentliche Konflikt den Galic und Gredic im Auge haben, sich tatsächlich um die Frage dreht, wie diese Fotografen angesichts ihrer eigenen moralischen Dispositionen einen Beitrag zu einer industriellen, ideologisch gesteuerten Bildproduktion leisten können: Wie kann menschliches Leid und Elend im Sinne einer objektiven Berichterstattung überhaupt angemessen dargestellt und gezeigt werden?

Taiyo Onorato und Nico Krebs hingegen schlagen vor, einen genaueren Blick auf die Beziehung zwischen Realität und Fotografie sowie darauf zu werfen, wie wir in der Regel deren Faktizität als selbstverständlich begreifen. The Great Unreal (2005-2009) ist eine Serie von Farb- und Schwarzweiß-Fotografien, die während eines Künstleraufenthalts in den USA entstanden. Sie zeigen Ansichten exzessiv medialisierter und damit einhergehend mythologisierter Landschaften, die mit deren stereotypischen Hollywoodimpressionen kollidieren. Durch die Kombination von rein dokumentarischen Bildern von Landschaften und Stillleben mit digital manipulierten, dringen fiktive Momente nicht nur auf unheimliche Weise in den Bereich des Faktischen ein: Das Fiktive überwältigt sogar alles Rationale und wird zum dominierenden Prinzip, indem es eine Unschlüssigkeit erzeugt, ob einige der Fotos tatsächlich authentisch sind. Folglich transformieren die Zweifel an unseren eigenen Sehgewohnheiten und der Art und Weise, wie wir Bilder kategorisieren, selbst das Reale in etwas Unwirkliches - oder genauer: Surreales.

Dass das Surreale auch impliziter Teil von etwas scheinbar vollkommen Faktischem sein kann, zeigt Portrait of a bullet (2009) von Raphael Hefti. Dabei handelt es sich um eine Serie schwarzweißer Abzüge von Negativen aus dem Archiv des Instituts für Ballistik im schweizerischen Thun. Mit einer speziell für die Überprüfung der Qualität von Munition entwickelten Kamera aufgenommen, zeigen diese Testbilder Kugeln und durch die Explosion erzeugte Schallwellen als abstrakte Kompositionen mit fast malerischen Eigenschaften. Indem die Bilder sichtbar machen, was normalerweise nur hörbar ist, verkörpern sie quasi Walter Benjamins Begriff des "optischen Unterbewussten": Die Fähigkeit der Fotografie, das Unsichtbare oder Aspekte der Realität, die unsere Sinne zwar wahrnehmen aber nie völlig bewusst verarbeiten, augenscheinlich zu machen.

Die Auseinandersetzung mit Benjamins "optischem Unterbewusstsein" ist im Fall von Hassan Khans G.R.A.H.A.M. (2008) buchstäblich ausgedehnt. Als eine in erster Linie äußerst sensible Aufnahme seines inzwischen verstorbenen Freundes erweitert G.R.A.H.A.M. die Modalitäten eines fotografischen Porträts und übersetzt diese in ein Video, das von 10 Minuten im Original durch Verlangsamung auf 14 Minuten verlängert wurde. Khan filmte Graham, während er ihn über sein Leben befragt, mit der Maßgabe, dass dieser nicht mündlich antwortet. Die Zeitlupe des Films und der ungenierte Fokus auf die Person vor einem blanken Hintergrund, lässt Graham nicht nur isoliert, sondern auch fast vollständig aus einem festen Zeit- und Raumgefüge losgelöst erscheinen, fast wie eine gespenstische Entität, deren Präsenz dennoch so stark ist, dass sie einschüchternd wirkt. Die Grenzen zwischen Fotografie und Video auslotend, verwandelt Khans G.R.A.H.A.M. (ähnlich wie Andy Warhols Screen Tests) durch Verlangsamung und zeitliche Ausdehnung den sich entfaltenden Moment der Echtzeit, der normalerweise im Film aufgenommen und abgespielt wird, in etwas spezifisch Fotografisches : Die statische Wiedergabe eines Augenblicks, die mehr Zeit zur Kontemplation einräumt. Das Werk bietet nicht einfach nur eine Projektionsfläche, die sich aus den Beobachtungen eines völlig fremden Menschen und dessen Physiognomie und Gestik ergibt. Sie konfrontiert uns vielmehr mit unserer eigenen physischen und visuellen Präsenz und der Art und Weise, wie unser unvermitteltes Aussehen Anderen unsere Persönlichkeit erscheinen lässt, ohne einen angemessenen Eindruck davon zu geben, wer wir wirklich sind.

Während Graham als völlig isoliert und ohne jeglichen greifbaren Kontext vor der Kamera erscheint, aber dennoch ein vermeintlich authentisches Bild von sich selbst darstellt, wird genau diese vorgeführte Authentizität vom libanesischen Künstlerkollektiv Atfal Ahdat (ein doppeldeutiger Name, der "Jungkriminelle" und auch "Kinder der Ereignisse" bedeuten kann, wobei Letzteres eine Anspielung auf die während und nach dem libanesischen Bürgerkrieg geborene Generation ist) im Zusammenhang mit Darstellungsmodi in zeitgenössischer arabischer Studiofotografie auf die Schippe genommen.

Mit Take me to this place: I want to do the memories (2010-2011), einer Installation, die digitale Fotos mit einer Tonspur verbindet und dadurch ein ostentativ artifizielles Setting schafft, untersuchen Hatem Imam, Raed Yassin und Vartan Avakian von Atfal Ahdat die Darstellung von Personen und den performativen Aspekt von Identität im Fotostudio des digitalen Zeitalters. Der Titel kann dabei durchaus als ironischer Verweis auf einige libanesische Künstlerkollegen verstanden werden, die sich bereits weitläufig mit den Darstellungskonventionen historischer Studiofotografie in Verbindung mit der Bedeutung des Archivs im Nahen Osten auseinandersetzten.

Dies weiterführend, indem sie sich der aktuellen Bildproduktion zuwenden, betrachten Atfal Ahdat nicht nur historische Entwicklungen des Mediums, die vor allem durch den Übergang von analoger zu digitaler Technik geprägt sind, sondern verhandeln auch mit viel (Selbst-) Ironie gegenwärtige soziale, politische und ökonomische Veränderungen und Dynamik. Dabei wird die Eigenschaft der Fotografie, nicht nur ein Instrument der Repräsentation, sondern auch der Imagination zu sein, betont zur Schau gestellt. Unsere Persönlichkeiten erscheinen im Zuge dessen arbiträr: Durch ein paar Mausklicks und mit Hilfe von austauschbaren Kostümen und Kulissen werden sie zu virtuellen Identitäten stilisiert, die nicht unbedingt dem entsprechen, wie wir tatsächlich sind, sondern vielmehr wer und wo wir sein wollen.

Die Protagonisten von Yasser Alwans und Heini Stuckis Porträts können einem derartigen Eskapismus nicht unterzogen werden. Auf den Straßen fotografiert, sind sie in ihrer natürlichen Umgebung festgehalten, in einigen Fällen offenbar sogar unwissentlich. Against all odds (1996-2001) von Yasser Alwan ist eine Serie schwarzweißer Mittelformatfotografien, die Männer bei Pferderennen im Gezira Sporting Club in Kairo zeigen. Obwohl gemunkelt wird, dass diese Rennen seit jeher zugunsten der Veranstalter und Organisatoren manipuliert werden, schließen die Männer auch angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit, zu verlieren, ihre Wetten ab. So genießen sie beharrlich den Nervenkitzel des Glücksspiels – oder doch latent hoffnungsvoll?

Ähnlich wie Alwan, fotografiert Stucki Männer am Rande der Gesellschaft. Er porträtiert Obdachlose, Straßenkehrer und Kleinkriminelle auf den Straßen von Bern in der Schweiz. In der Tradition der Street Photography lichten beide ihre Protagonisten mit einem dezidierten Interesse am entscheidenden Moment ab.

Auf den ersten Blick scheinen auch George Awdes Fotografien in diesem dokumentarischen Genre verwurzelt zu sein. Allerdings geht es Awde um mehr, als lediglich Personen in deren städtischem Umfeld zu beobachten und sie in einem Augenblick zu fotografieren, der ein ausdruckstarkes Bild offeriert. Durch einen intensiven Rechercheprozess und langjährige persönliche Beziehungen zu den Menschen, die er fotografiert, bereichert Awde einen reinen Dokumentarismus um eine komplexe konzeptionelle Komponente. Dadurch generiert er subtile Erzählungen, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren entfalten und nicht nur die persönlichen Erfahrungen seiner Protagonisten beinhalten, sondern darüber hinaus auch aktuelle soziale und politische Entwicklungen im Nahen Osten reflektieren. In seinen zwei Serien großformatiger Farbfotos Quiet crossings (2009) und Shifting grounds (2011) setzt sich Awde mit der Situation junger Syrer, Iraker und Libanesen auseinander, die in Beirut leben und arbeiten. Mit einem bemerkenswert emphatischen Auge und einem einzigartigen Gespür für Farbe versucht Awde in beiden Serien, einen Raum inmitten einer Konfliktzone zu umreißen: Ein Interim zwischen sozialpolitischen Brüchen und menschlichen Bindungen. In Quiet crossings sind es die prekären Lebensumstände von Awdes Protagonisten, die diesen Raum abstecken: hin und her gerissen zwischen ihrer ländlichen Heimat und Beirut, angetrieben von der Notwendigkeit, den Lebensunterhalt ihrer zurückgelassenen Familien zu sichern, sowie einem Ehrgeiz, soziale und wirtschaftliche Barrieren zu überwinden, befinden sie sich in einem verletzlichen Zustand der Instabilität. In Shifting Grounds wird dieses Interim insbesondere durch die Entwurzelung der jungen syrischen Männer definiert, die in Beirut arbeiten, während ihr Heimatland von einem Bürgerkrieg erschüttert wird. In beiden Serien sind es der Prozess des Erwachsenwerdens sowie die Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen der jungen Männer mit Blick auf eine oft ernüchternd brutale Realität – sowie auch die Beziehung zwischen ihnen und Awde selbst, die sich in einer spannungsgeladenen sexuellen Ambiguität manifestiert.

Angesichts des hoch politischen Kontexts von Kairo und der Entwicklungen seit Beginn des arabischen Frühlings erschien in dieser Schau die Abwesenheit von Werken, die sich explizit mit diesen Umständen beschäftigen, etwas überraschend. Betrachtet man die Ausstellung jedoch in ihrer Einheit, ergibt diese Leerstelle durchaus einen Sinn. In ihrer Gesamtheit brachte sie in diesem Zusammenhang nämlich eine besondere Dringlichkeit zum Ausdruck, indem sie danach fragte, welche Bilder wir eigentlich noch ertragen anzuschauen bzw. welche davon unserer kontinuierlichen Unruhe standhalten. So vermochte es die Ausstellung mit den begleitenden diskursiven Elementen, zu denen eine Reihe von Künstlergesprächen sowie andere öffentliche Veranstaltungen gehörten, ein Forum für eine angeregte Diskussion darüber zu schaffen, wie die gegebenen Sachverhalte in ihrer Komplexität überhaupt adäquat repräsentiert werden können. Sie rief somit eher dazu auf, diverse fotografische Modalitäten und deren Rhetorik in Bezug auf unser eigenes politisches Bewusstsein und unsere persönliche Verantwortung zu hinterfragen, statt als passive Betrachter in Rückendeckung zu gehen.

 

Daniel Berndt

Studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der FU Berlin. Lebt in Berlin.

Covering One's Back

Fotografieausstellung, Gespräche,
Durchsicht von Portfolios

7. - 23. Mai 2013

Gezira Art Center
1 Sheikh Marsafy St.
Zamalek, Kairo
Ägypten

KünstlerInnen:
Atfal Ahdath
Yasser Alwan
George Awde
Goran Galić & Gian-Reto Gredig
Raphael Hefti,
Hassan Khan
Taiyo Onorato & Nico Krebs
Heini Stucki

Kuratorinnen:
Maha Maamoun and Ala Younis

Veranstaltet von
Pro Helvetia Cairo Projects

Nafas
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