Biennale Jogja XII Equator #2

Equator #2. Indonesien trifft die arabische Region. Leitung: Farah Wardani. Kuratoren: Agung Hujatnikajennong, Sarah Rifky; Nov. 2013 - Jan. 2014.
Von Christina Schott | Dez 2013

Auf ihrer Reise rund um den Äquator begegnet die Biennale Jogjakarta XII Equator #2 dieses Jahr der arabischen Region. Wer allerdings hinter dem Titel "Not A Dead End – Indonesia Encounters the Arab Region" eine künstlerische Annäherung an politische Themen wie den Arabischen Frühling vermutet, wird enttäuscht: Die Themensetzung zielt weniger auf Bewegung im politischen Sinne als vielmehr auf Bewegung im Sinne von Mobilität und Beweglichkeit. Es geht um Auswanderung und Umzug, um Produktion, Verteilung und Konsum in einer globalen und weitgehend digitalisierten Welt.

"Natürlich werden alle wichtigen Themen diskutiert, die wir bei unseren Begegnungen vorfinden, aber was am Ende ausgewählt wird, muss für Jogja und Indonesien auch von Bedeutung sein", erklärt Yustina Neni, Direktorin der Yogyakarta Biennale Stiftung, die Indonesiens wohl einflussreichsten Art Event organisiert. "Im Kontext unserer Partnerländer sind das in erster Linie die Hadsch und die Arbeitsmigration. Aber eben auch das ganz normale Leben. Und genau das wollen wir dem Publikum hier präsentieren: Dass es in arabischen Ländern außer dem Islam noch ganz viel andere Dinge gibt, die relevant sind."

Dass das Leben in Ägypten zum Beispiel trotz Massendemonstrationen, Schießereien und fundamentalistischen Bewegungen normal weitergeht, konnten die indonesischen Künstler Duto Hardono und Venzha Christiawan während einer mehrwöchigen Residenz in Kairo erleben. "Eigentlich ist die Stadt gar nicht so anders als Jakarta: das totale Chaos", stellt Duto Hardono fest, der selbst aus der indonesischen Hauptstadt stammt. Er suchte während seines Aufenthalts vor allem nach gesellschaftlichen Parallelen zwischen Ägypten nach der Revolution und Indonesien nach der Reformasi 1998.

Auf der Biennale in Jogjakarta präsentiert er sein interaktives Werk C.C. Records: Auf einem Tisch liegen Dutzende altmodischer Schallplatten mit ägyptischen Pop-Songs, fein säuberlich in zwei Hälften geschnitten. Die Besucher können nun zwei beliebige Hälften auf einen Plattenspieler legen, der darauf in einer Endlosschleife zwei arabische Musikfetzen vor sich hindudelt. Eine Kamera projiziert die Drehscheibe auf die Wand, so dass in Kombination mit der Geräuschkulisse ein psychedelischer Retro-Effekt entsteht. "Ich habe diese Platten, zum Teil schon zerbrochen, in den hintersten Ecken kleiner Elektronikläden gefunden – sie sind wie Überbleibsel aus einer anderen Zeit", erzählt der Künstler, der sich auf Mischtechnik, Soundinstallationen und ortspezifische Performances spezialisiert hat.

Insgesamt präsentiert die diesjährige Biennale in fünf Galerien der Stadt 35 Künstler und Künstlergruppen: 19 aus Indonesien, acht aus Ägypten, zwei aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sowie je einen Künstler aus Oman, Palästina, Saudi-Arabien und dem Jemen, außerdem je einen Künstler aus Indien und den Niederlanden. Das Team um Kurator Agung Hujatnikajennong lud auffällig viele Künstler ein, die mit Sound-Installationen, Videos und Animationen experimentieren – ein sicherlich gewollter Kontrast zur sonst eher auf klassische bildende Kunst gepolten Kunstszene in Jogjakarta.

Die Ausstellung ist die zweite Auflage der so genannten Äquator-Serie, die 2011 mit dem Partnerland Indien begonnen hat. Bis 2022 konzentrieren sich die Veranstalter auf Regionen, die sich in der Nähe des Äquators befinden. Damit will die 2010 gegründete Yogyakarta Biennale Stiftung die eingefahrenen geopolitischen Parameter von Nord und Süd, von Zentrum und Peripherie, von arm und reich aufbrechen, die sich auch im globalen Diskurs der kontemporären Kunst festgesetzt haben. "Wir hoffen, der Initiator und Katalysator für die Entstehung alternativer Beziehungen und Wechselbeziehungen in der Kunstpraxis zu werden", lautet das Statement des Stiftungskomitees.

Um diese Wechselbeziehungen zu fördern, hat die Biennale dieses Jahr ein Austausch-Residenz-Programm eingeführt. Außer nach Kairo konnten zwei weitere indonesische Künstlerinnen nach Sharjah reisen – Prilla Tania und Tintin Wulia. Im Gegenzug kamen vier Künstler aus den Gastländern für mehrere Wochen nach Yogyakarta: Dina Danish und Magdy Mostafa aus Ägypten, Salwa Aleryani aus dem Jemen sowie der teils in Dubai lebende Inder Ubik. Zudem kooperierte die Künstlergruppe Mobius aus den VAE mit dem New Media Art Labor House of Natural Fiber (HONF) zum Thema Open City: HONF lieferte die Idee und die Vorrecherche, die Mobius aus ihrer Perspektive interpretierten und in ein konkretes Werk – beziehungsweise ein hölzernes Stadtmodell – umsetzten.

Dieser partizipative Ansatz ist ganz im Sinne von Kurator Hutjanikajennong, der die gesamte Ausstellung zum "synkretistischen Situs" erklärt. "Speziell in Jogjakarta, wo die kulturelle und politische Ordnung zum Synkretismus neigt, wird kontemporäre Kunst zur offenen Praxis für Begegnungen zwischen alt und neu, dem Einheimischen und dem Fremden", schreibt er in seinem Einführungsessay. Eine gelungene Umsetzung dieses Konzepts sind die Batikexperimente der Ägypterin Dina Danish: Die Werke Electronic Stylus und Polytel Keyport zeigen auf knallblauem Tuch statt klassischer javanischer Muster – sehr grafisch-ästhetisch – die technischen Daten eines Elektrostifts beziehungsweise einer Computertastatur. Der Inder Ubik wiederum, selbst aus dem kommunistisch regierten Kerala stammend, hat sich mit der antikommunistischen Vergangenheit Indonesiens auseinandergesetzt. Seine Gedanken hat er in einem Arrangement aus Fundsachen vom lokalen Flohmarkt umgesetzt, das seine detaillierten Anspielungen erst aus der Nähe offenbart.

Bei vielen anderen Werken allerdings – sei es das Open-City-Modell von Mobius oder die futuristische Soundinstallation von Venzha Christiawan – bleibt dem Betrachter vorenthalten, welche Idee tatsächlich dahinter steckt: Information ist eine deutliche Schwäche der diesjährigen Biennale. Mit fünf verschiedenen Ausstellungsorten und Künstlern aus fünf Partnerländern haben sich die Organisatoren offensichtlich verzettelt. Vor Ort gibt es weder orale noch schriftliche Erläuterungen, und häufig sind andere als die im Guidebook vorgestellten Werke ausgestellt. So fehlt den Betrachtern bei aller Freiheit zur eigenen Interpretation angesichts des Vielerleis der Themen häufig schlichtweg der notwendige Hintergrund, um die Absicht der Künstler zu verstehen.

"Die Biennale geht nicht von einem festgelegten Thema oder Konzept aus. Aber mit der arabischen Region als ,Partner’ ist unsere Aufmerksamkeit natürlich auf soziale, kulturelle und in erster Linie religiöse Verbindungen gerichtet", verlautbaren Agung Hutjanikajennong und seine ägyptische Ko-Kuratorin Sarah Rifky sehr allgemein zu ihrem Konzept. So beschäftigen sich trotz der weiten Themensetzung viele Werke doch hauptsächlich mit dem Islam im gesellschaftlichen Kontext. Etwa die eindrucksvolle Wand der Toleranz von Agus Suwage: Aus goldenen Ohren an einer rostigen Wand tönt leise die Kakophonie der Moscheen, die sonst rund um das Studio des Künstlers in scheppernder Lautstärke zum Gebet auffordern.

Eine großartige Umsetzung des Mobilitätsthemas ist die Soundinstallation Babel der Indonesierin Tintin Wulia: Im üppigen Garten der neu eröffneten Galerie SaRang flüstern, singen oder schreien aus Bäumen, hinter Treppen und Pfeilern Stimmen in verschiedenen Sprachen zeitgenössische arabische Gedichte und Lieder. Das Material für ihr Werk hat die Film- und Soundkünstlerin während ihres einmonatigen Aufenthalts in Sharjah gesammelt. Babel zeigt nicht nur die sozialen Grenzen des globalen Nomadentums durch Sprachbarrieren auf, sondern zugleich auch die Schwierigkeit, sich nach der Überwindung derselben auf gleicher Ebene zu verständigen.

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Christina Schott

Arbeitet seit 2002 von Jakarta aus als freie Südostasienkorrespondentin für deutsche Medien. Mitbegründerin des Korrespondentennetzwerks weltreporter.net

Biennale Jogja XII Equator #2
Not A Dead End – Indonesia Encounters the Arab Region

Künstler aus Indonesien, Ägypten, Jemen, Oman, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten

16. November 2013 - 6. Januar 2014
Yogyakarta, Indonesien


Yogyakarta Biennale Foundation
Taman Budaya Yogyakarta
Jl. Sri Wedani No.1
Yogyakarta
Indonesien
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Künstlerische Leitung: Farah Wardani

Kuratoren:
Agung Hujatnikajennong
Sarah Rifky


Siehe auch:

Amar Kanwar
Fokus der Biennale Yogyakarta 2011: Schattenlinien - Indonesien trifft Indien. Informationen und Fototour.
14 Syahnur
Reflexionen über die Situation der Kunst in Yogyakarta, ausgehend von der 10. Jogja Biennale.
panjalu-nuytemans
Rezension der Biennale - ausgewählte Werke; Reflexion über die aktuelle Situation Indonesiens.
Nafas
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