Die Archäologie des Gerüchts

Akram Zaataris Brief an einen sich weigernden Piloten. Film- und Videoinstallation im Pavillon des Libanon, 55. Biennale Venedig 2013.
Von Kaelen Wilson-Goldie | Aug 2013

Im Sommer 1982 machte ein Gerücht die Runde in einer kleinen Stadt im Süd-Libanon, die damals unter israelischer Besatzung stand. Es hieß, ein Kampfpilot der israelischen Luftstreitkräfte hätte den Befehl erhalten, ein Ziel am Stadtrand von Saida zu bombardieren, doch da er wusste, dass es sich bei diesem Gebäude um eine Schule handelt, weigerte er sich, sie zu zerstören. Statt den Befehl seines Kommandeurs auszuführen, wich der Pilot vom Kurs ab und ließ seine Bomben ins Meer fallen. Man sagte, dass er die Schule kannte, weil er selbst dort Schüler war, denn seine Familie hätte seit Generationen in der Stadt gelebt, und er sei in der jüdischen Gemeinde von Saida geboren worden, bevor diese verschwand.

Als heranwachsender Junge hörte Akram Zaatari immer ausgeklügeltere Versionen dieser Geschichte, weil sein Vater 30 Jahre lang der Direktor ebenjener Schule war. Ein Onkel erzählte ihm sogar, er wüsste von jemand, dem der fragliche Pilot selbst sagte, er sei von sich aus in den Libanon zurückgekehrt, an der Schule vorbeigekommen und hätte darum gebeten, die Schäden zu sehen, die seiner Alma Mater zugefügt wurden.

Auf vielfältige Weise ist die israelische Invasion des Libanon der Hintergrund von Zaataris Ausbildung als Künstler gewesen, denn er begann, die Welt um ihn herum zu dokumentieren, indem er den Lärm der Kampfflugzeuge aufzeichnete und Explosionen auf den Hügeln oberhalb von Saida fotografierte. Er führte auch Tagebuch über die Gewalt, die seine Tage bestimmte, wobei er seine Einträge durch Geschichten, Berichte über Schulschließungen und Listen von Filmen, die seine Phantasie fesselten, abrundete. Jahrzehnte später, bei einem öffentlichen Gespräch mit dem israelischen Filmemacher Avi Mograbi in einem Pariser Vorort, erzählte Zaatari die Geschichte des Piloten in seinen eigenen Worten und verwandelte sie in eine Fabel und womöglich in eine wahrhaftige Fiktion. Nachdem die Mitschrift des Gesprächs in einem kleinen orangefarbenen Buch erschien, stellte er fest, dass es sich keineswegs nur um ein Gerücht handelte. Den Piloten gab es tatsächlich.

Der in einem Kibbuz geborene und aufgewachsene Hagai Tamir hatte nie einen Fuß in den Südlibanon gesetzt, aber wie Zaatari studierte er Architektur und konnte eine Schule (oder ein Krankenhaus) als solche identifizieren, wenn er eine sah. Seine Weigerung, das Gebäude zu bombardieren, blieb ein Geheimnis, das 20 Jahre lang nur ein kleiner Kreis kannte, bis zu dem Tag, als es Tamir für notwendig hielt, darüber zu reden. Das war vor 10 Jahren in Israel im Kontext einer neuerlichen Debatte über die Tötung unschuldiger Zivilisten bei israelischen Militäraktionen (genauer gesagt, in Folge der gezielten Ermordung eines Hamas-Mitglieds in Gaza-Stadt, bei der 15 Leute umkamen und 100 verletzt wurden, als eine F-16 eine Eintonnen Bombe auf ein dichtbesiedeltes Wohngebiet fallen ließ). Jetzt, hinter einer nach wie vor durch einen Kriegszustand bestimmten Grenze, hat Zaatari die andere Seite dessen aufgegriffen, was noch immer per Gesetz als eine unzulässige Korrespondenz gilt.

Indem all die verschiedenen Stränge der Arbeitsweise Zaataris erstmals in einem einzigen Werk zusammengeführt werden, ist Letter to a Refusing Pilot (2013) eine Film- und Videoinstallation, die über die Komplexität, Zwiespältigkeit und Konsequenzen der Verweigerung als einen entscheidenden und generativen Akt reflektiert. Die Installation webt neues Filmmaterial in eine archivarische Bilderwelt aus fünf Jahrzehnten und entwirrt zugleich die überlieferten Geschichten von Heldentum, Nationalismus und Integrität, die sich über Generationen hinweg um den arabisch-israelischen Konflikt gerankt haben. Das Werk, dessen Titel eine Referenz an den vierteiligen Briefessay von Albert Camus "Briefe an einen deutschen Freund" ist, erweitert Zaataris Interesse an ausgegrabenen Erzählungen und an der Zirkulation von Bildern in Kriegszeiten nicht nur, es wirft auch grundlegende Fragen über nationale Repräsentation und fortwährende Krise auf, indem es Camus' Statement erneuert: "Ich sollte in der Lage sein, mein Land zu lieben, und liebe doch immer noch Gerechtigkeit".

Letter to a Refusing Pilot (Brief an einen sich weigernden Piloten) ist eine dreiteilige Installation, die einen Dialog zwischen einem 30minütigen Video und einem 16 mm Film als andauernden Loop entwickelt und dies in einer räumlichen Anordnung, wie eine Bühne, die auf den Auftritt eines Schauspieler wartet, oder wie ein Kino in Erwartung eines Zuschauers. Das Video, ebenfalls mit dem Titel Letter to a Refusing Pilot, beginnt mit einem Sound und einer Unschärfe, die ruckelnd auf die Fliesen einer Dachterrasse scharf fokussiert. Dann fährt die Kamera zurück und taumelt hoch, um eine Luftaufnahme einer farbigen, mit Keramik verkleideten Fassade eines berühmten modernistischen Gebäudes im am Meer gelegenen Viertel Raouche zu erfassen. Die Eröffnungssequenz wurde mit einer Standard HD-Kamera aufgenommen, montiert auf eine winzige ferngesteuerte Drohne. Damit führt sie das erste der vielen Doubles des Films ein: eine Faszination des Fliegens, gepaart mit einer Angst davor, wie Flugtechnologie heutzutage benutzt wird und künftig eingesetzt werden könnte (sei es zur Überwachung oder im Krieg).

Von dort schwenkt das Video absichtsvoll über Familienfotografien, Antoine de Saint-Exuperys Der kleine Prinz, greift Dialogfetzen ägyptischer Filme auf, den lakonischen französischen Pop von Françoise Hardy, zeigt alte Tonbandgeräte, Luftbilder eines Ortes im Südlibanon, Bildmaterial des israelischen Fernsehens von der Invasion und eine beeindruckende Serie geradezu choreographischer Aufnahmen einer Gruppe von Jungs im Teenageralter, die sorgfältig und immer wieder Papierflugzeuge falten und diese von den Balkonen ihrer heimatlichen Gebäude aus den Handgelenken heraus zum Fliegen in den Himmel über Saida werfen. In den alten Fotografien des berühmten Studiofotografen Hashem El Madani erscheint die Stadt geradezu ländlich, zerstört in den Bildern, die Zaatari als Jugendlicher machte, und in dieses Jahr entstandenen Filmaufnahmen als ein völliges Gewirr aus Beton, Hochspannungsleitungen, Pflanzen und Wäscheleinen. Das Video folgt dem Leben an einer Schule, deren Schüler vorhersehbarerweise rowdyhaft sind und deren Hausmeister sich dem Campus noch mit großer Hingabe widmen. Zaataris Werk legt auch eine beträchtliche (wenn auch rätselhafte) Bedeutung in Rundumblicke einer Skulptur von Alfred Basbous, die einst im Garten der Schule stand (sie wurde später in einen Gang im Inneren umgesetzt). Das Werk, geschaffen von einem der drei Brüder, die im Libanon eine seltene künstlerische Dynastie bildeten, ist eine stark zerstückelte und verkrümmte Darstellung zweier Figuren, die zu fallen und sich gegenseitig zu stützen scheinen, sich umarmen und zugleich miteinander kämpfen. (…)

Letter to a Refusing Pilot ist eine neue Version von Zaataris Saida June 6, 1982, das andernfalls als ein komponiertes Bild und als Video existiert. Es ist hier als das Letztgenannte präsentiert, übertragen auf 16 mm Film. Saida June 6,1982 kombiniert Fotografien mehrfacher Bombardements in einem einzigen Bild mit nahezu gleichzeitigen Explosionen auf den Hügeln über der Stadt, in der Zaatari geboren wurde, so als wären Jahre des Krieges in einem einzigen Tag komprimiert. Letter to a Refusing Pilot besucht dieselben Hügel erneut, die jetzt dicht bebaut sind. Zwischen dem Film und dem Video steht ein einziger Stuhl, der an einen Kinosessel erinnert und tatsächlich für den Piloten reserviert bleibt. Er ist den Explosionen oberhalb von Saida zugewandt, statt der durch Tamirs Weigerung inspirierten Geschichte. Innerhalb weniger Minuten nach dessen Meldung einer fiktiven Fehlfunktion, sprang ein Kollege des Piloten ein und führte den an ihn gerichteten Befehl aus. Die Schule wurde also trotzdem bombardiert. In diesem Sinne blieb Tamirs Weigerung vergeblich. Und doch warf sie eine Reihe schwieriger Fragen auf, die bis heute nachhallen, Fragen in Bezug auf Macht, Gerechtigkeit, Nationalismus, Zugehörigkeit, Boykott, Rebellion und das Versprechen einer Widerstandsbewegung, die mehr wirksam als korrumpiert sein könnte.

 

Kaelen Wilson-Goldie

Autorin, lebt in Beirut. Redaktionelle Mitarbeiterin von Bidoun; schreibt u.a. für The Daily Star, Artforum, Frieze.

Gekürzte Fassung eines Textes aus der Publikation zum Pavillon des Libanon, 55. Internationale Kunstausstellung, La Biennale di Venezia.
© Copyright Text: Akram Zaatari.
© Übersetzung aus dem Englischen: Haupt & Binder, Nafas

Akram Zaatari
Letter To A Refusing Pilot, 2013
Film- und Videoinstallation

Pavillon des Libanon
55. Internationale Kunstausstellung
La Biennale di Venezia

1. Juni - 24. November 2013

Ort:
Arsenale, Venedig
Italien

Kommissar:
Association for the Promotion and Exhibition
of the Arts in Lebanon (APEAL)

Kuratoren:
Sam Bardaouil
Till Fellrath


Siehe auch:

Zaatari
Die dokumentarische Wende. Zaataris multipler Ansatz, der seine Praxis als Feldforschung definiert.
Nafas
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