Mona Hatoum: You Are Still Here

Kuratorialer Text zu ihrer Ausstellung in Arter, Istanbul. Eine Übersicht über zwei Jahrzehnte ihres Schaffens und eigens für diese Schau entstandene Werke.
Von Emre Baykal | Mär 2012

You Are Still Here (Du bist noch hier) ist ein umfassender Überblick über das Schaffen von Mona Hatoum, fokussiert auf die letzten beiden Jahrzehnte ihrer vielfältigen Produktion, mit der die Künstlerin ganz entschieden Gefühle des Unwohlseins und des Unbehaustseins erkundet hat, die unsere heutige Welt durchdringen, in der selbst das Vertrauteste nicht länger als sicher gelten kann. Die Ausstellung soll aussagekräftige Arbeiten zeigen, um so eine Erfahrung des Betrachtens zu ermöglichen, durch die sich der größere Rahmen der sozialen und politischen Kontexte des Werks der Künstlerin offenbart. Hatoums Œuvre ist einer beharrlichen Erforschung eines weiten Spektrums an Themen gewidmet, die mit Zuhause und Displacement, Nähe und Distanz, Verlust und Trennung, Überwachung und Reglementierung durch institutionelle Machtstrukturen, den gefährdeten und verletzten menschlichen Körper - oder den Körper "als Metapher der auf ihn einwirkenden sozialen Kräfte" [1] - zu tun haben.

Mona Hatoums Schaffen ist ein unerbittliches Ergründen der vom Zustand der heutigen Welt herrührenden Widersprüche und Komplexitäten. Indem sie Strategien unerwarteter Gegenüberstellungen verschiedener formaler und visueller Elemente verfolgt, kreiert sie paradoxe Bedeutungsebenen [2] und packt in ihren Werken Dichotomien an, die immer fein abgestimmt sind, um eher Implikationen als eng gefasste Statements zu generieren. Ihre kluge Manipulation von Material und Größe löst eine Vielzahl an assoziativen Referenzen aus und bietet eine gewisse Flexibilität in der kognitiven und sinnlichen Erfahrung eines jeden Betrachters.      

Die Ausstellung in Arter bezieht ihren Titel aus einem der Werke von Mona Hatoum, You Are Still Here (Du bist noch hier), das aus dem Jahr 1994 stammt und 2006 in einer zweiten Version ins Arabische übertragen wurde. In beiden Fassungen ist derselbe Satz auf die Oberfläche eines Porträts im Format eines Wandspiegels sandgestrahlt worden. Wenn sich ein Besucher dem Werk nähert, erscheint im Spiegel eine vorrübergehende Darstellung des eigenen Ich: die aktuelle Präsenz des Betrachters bzw. der Betrachterin wird verdoppelt durch seine bzw. ihre Reflektion im Spiegel und beide Seiten dieses geteilten Selbst werden in einen Dialog verwickelt. Wie von der Künstlerin beschrieben, geht es bei diesem Gespräch um eine Bestätigung von Existenz und Überleben. Die Positionierung des Individuums in dieser Zwiesprache oder die persönlichen Implikationen, die dieses Statement stimulieren könnte, werden ganz gewiss gemäß der eigenen subjektiven Erfahrung eines jeden Betrachters variieren. Doch im wesentlichen impliziert diese beruhigende Selbstvergewisserung ein starkes Zeugnis und eine Feier des Überlebens allen Widernissen zum Trotz angesichts unvorhersehbarer und potenzieller Gefahr.

Die Ausstellung beginnt mit einem der jüngeren Werke von Hatoum, Bunker (2011). Es ist eine Installation bestehend aus sechs architektonischen Stahlstrukturen, ausgewählt aus einem größeren Ensemble von zweiundzwanzig, die in wechselnder Anzahl und Konstellation gezeigt werden können. Die Arbeit, die im Erdgeschoss von Arter aufgebaut und durch das Schaufenster auch von der Straße auch gesehen werden kann, versetzt eine fremdartige Stadtlandschaft in den Galerieraum. Gebaut aus rechteckigen Stahlkanälen, die horizontal zusammengefügt wurden, wirken diese Strukturen wie verkleinerte Modelle gewisser, von allen architektonischen Details bis auf ihre Grundelemente reduzierten Gebäuden. Aus der Distanz betrachtet, ähneln die schweren Module Architekturentwürfen eines in der Entwicklung begriffenen Projekts, aber wenn man näherkommt und zwischen ihnen herumgeht, entdeckt man auf der makellos glänzenden Oberfläche Zeichen von Zerstörung. Obwohl ziemlich abstrahiert und auf einfache architektonische Volumina mit Gittermustern auf den Fassaden reduziert, widerhallt jedes der Module in dieser Stadtlandschaft mit Anzeichen von Krieg und Zerstörung.     

Speziell für die Ausstellung in Arter hat Hatoum eine Reihe neuer Werke geschaffen. Eine dieser Arbeiten ist ein Teppich, auf dem sie die ganze Welt als eine Gefahrenzone kartographiert, indem sie gelbe Kreise seismischer Wellen überall auf dessen Oberfläche zeichnet und ihn in leicht gegeneinander verschobene Segmente teilt. Der Teppich mit dem Titel Shift (2012) gibt eine alarmierende Gefahr epischer Ausmaße oder das Risiko einer globalen Katastrophe wider, die sich durch die gesamte Welt zieht und nicht nur auf einzelne Orte beschränkt ist. An seismische Bewegungen erinnernd ist die ganze Karte gebrochen, und ihre topographische Intaktheit ist zerstört. Neben den Assoziationen an die Umweltgefahren globaler Dimension in unseren Tagen, stellt das Werk die ganze Welt als eine Zielscheibe dar, auf die jederzeit gefeuert und die jeden Moment zerstört werden könnte.      

Kapan (2012) [3], Hatoums jüngstes Werk, extra für diese Ausstellung in Arter konzipiert und in Istanbul produziert, belegt ihr uneingeschränktes Interesse an mit dem Körper verbundenen Themen und ihre Begeisterung dafür, diverse Materialien gegensätzlicher Natur zusammenzubringen. Das Werk besteht aus fünf aus Stahl gefertigten Modulen, jedes in etwas anderer Größe, doch alle in der durchschnittlichen Höhe von Menschen. Vertikal installiert, mit leicht geneigter aufrechter Position, so als wären sie instabil, sind diese Module aus Stahlarmierungen gebaut, die man üblicherweise auf Baugelände und noch nicht fertiggestellten Baustellen findet. Doch statt Strukturen für eine Verstärkung zu sein, wirken diese Objekte mehr als unheimliche Fallen. Ihr festes Gittergeflecht umschließt fragile und amorphe rote Glasobjekte fest. Es ist als wenn irgendwelche merkwürdigen Kreaturen oder unspezifische Körperteile in einem feindlichen Gehäuse gefangen sind und vergeblich auszubrechen versuchen. Das Werk kombiniert eine feste Geometrie mit ungenauen Formen und Stabilität mit Fragilität, die fast ineinander geschweißt sind, und widerspiegelt subtil die Verwundbarkeit des menschlichen Körpers - bedroht, gefangen und kontrolliert von Machtstrukturen - sowie ein Gefühl inneren Exils bei einem selbst.

Nachdem er eine ihrer Ausstellungen besucht hatte, fasste der verstorbene palästinensische Gelehrte Edward Saïd Hatoums Werk zusammen, als er sagte: "eine Menge Gefühl aber keine Sentimentalität". Diese heikle und oft doch so schwer zu erreichende Balance war in Hatoums Schaffen immer durch Methoden und Strategien gesichert, die den Betrachter auf physischer und mentaler Ebene sensibilisieren, ohne eine eindeutige Erzählweise zu benutzen. Teilweise inspiriert durch einen persönlichen Werdegang, hat die Topographie von Hatoums Werk, das fast drei Jahrzehnte lang geformt wurde, immer ihre eigene Idiosynkrasie beibehalten, statt sich auf irgendeine bestimmte Geographie oder Geschichte zu beziehen. Das von ihrem Schaffen abgedeckte Territorium bleibt für alle fremd und vertraut zugleich, mit sich immerfort verschiebenden Grenzen, bei der Haut beginnend und sich zu solchen des Zuhause ausweitend, die politischen Grenzen überschreitend. 

Anmerkungen:

  1. Guy Brett, Itinerary, in Mona Hatoum (London: Phaidon, 1997), S. 43.
  2. Janine Antoni, Interview: Mona Hatoum, BOMB magazine, (New York; Frühjahr 1998; Nr. 63), Seiten. 54-61.
  3. Kapan ist Türkisch und bedeutet Falle.

Emre Baykal

Kurator, Ausstellungsdirektor, ARTER - Raum für Kunst, Istanbul, Türkei.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Essays von Emre Baykal im Katalog zur Ausstellung.
(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

You Are Still Here

17. März - 27. Mai 2012

Arter
İstiklâl Caddesi, 211
Türkei
Website Email

Kurator: Emre Baykal


Siehe auch:

Mona Hatoum in UiU
Artikel über die Künstlerin, informative Fototouren durch Ausstellungen, Werke in verschiedenen Bereichen von Universes in Universe - Welten der Kunst.
Nafas
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