MesoCity Teheran Workshop

Workshop über Kunst, Ökologie, Stadt und das verfallene historische Bewässerungssystem im Boden unter Teheran - den Qanat.
Von Sara Kamalvand | Dez 2012

Teheran ist die größte Stadt zwischen Istanbul und Mumbai, eine Ansammlung von13 Millionen Menschen in der Wüste. Wie alle anderen Städte im Iran wurde sie wegen des Vorhandenseins von Wasser strategisch am Fuße eines Berges angelegt. Aber all das ist heutzutage vergessen, und die urbane Ausbreitung tilgte die Erinnerung an das unterirdische Bewässerungssystem: den Qanat. Es ist keine Überraschung, dass diese organische Wasserinfrastruktur in den 1960er Jahren unbeachtet blieb, als Modelle westlicher Modernisierung für das Wachstum der Hauptstadt Zentralasiens übernommen worden sind. Aber die heutigen Zahlen sind schockierend: durch über sechshundert verlassene unterirdische Galerien versickern ungenutzt zweihundert Millionen Kubikliter Wasser pro Jahr.

HydroCity, ein internationales Forschungslabor an der Schnittstelle von Kunst, Ökologie und Stadt, leitete kürzlich an der Schule für Architektur der Universität von Teheran einen Workshop über die Qanats von Teheran. HydroCity will visionäre Vorschläge für echte Herausforderungen anbieten. Der Workshop wurde in Partnerschaft mit dem Programm des Projekts für nachhaltige Stadtentwicklung des französischen Philosophen Chris Younès an der Ecole Spéciale d’Architecture von Paris durchgeführt. Die Frage bestand nicht darin, wie die Qanats von Teheran in ihrer traditionellen Form wiederzubeleben wären, sondern sich vorzustellen, welche Rolle diese Infrastruktur in einem heutigen Kontext spielen könnte.

Iran ist eine Wüste mit Bergen, was Bedingungen sind, die es der iranischen Zivilisation erlaubten, den Qanat zu erfinden, eine unterirdische Infrastruktur für die Bewässerung, die zur Anlage von Gärten und darüberhinaus der Stadt führte. Der Qanat holt Wasser von den wasserführenden Erdschichten, die am Fuße eines Berges durch das Einsickern schmelzenden Schnees entstehen. Deshalb befinden sich siebzig Prozent aller Städte im Iran an einem Berg. Ein an die unterirdischen Bewegungen des Wassers angepasster Kanal mit einem Brunnen etwa alle zwanzig Meter ist in den Boden gegraben. So ist der Qanat im Wesentlichen eine von Punkten unterbrochene, unsichtbare Linie. Sich ganz allein auf die Schwerkraft verlassend, wird das natürliche Gefälle des Bodens genutzt, um frisches Wasser an tiefer gelegene Brunnen zu bringen. Wenn es an die Oberfläche gelangt, wird das Wasser in der Stadt im Allgemeinen durch ein Netz offener Kanäle verteilt. Tatsächlich beginnt der historische Teil von Teheran genau dort, wo die Qanats enden und das Wasser hervortritt.

Die Qanats sind die unsichtbaren Ruinen des modernen Teheran. Aber heutzutage ist die Lage der Stadt in einem Stadium totaler Inversion. Die Stadt kehrte sich in den letzten dreißig Jahren im Wortsinne um. Der Kern des Zentrums ist verlassen worden und die "neue Stadt" wurde an den nördlichen Hängen errichtet, auf Ödland unterhalb der Bereiche, durch die sich Qanat-Kanäle und Brunnen ziehen. Teheran hat kein angemessenes Abwassersystem. Die Einwohner leiten ihre Abwässer einfach in den Boden und manchmal direkt in die Qanatbrunnen. Täglich wird das Äquivalent von 90 Millionen Wasserflaschen in den Boden von Teheran gekippt, wodurch sich nur wenige Meter unter der Oberfläche der Stadt ein bis über hundert Meter tiefer künstlicher See bildete. Das Abwasser fließt in den Stadtkern hinunter, wo der Boden weich genug ist, um es einsickern zu lassen. So verseuchen die Außenbezirke den historische Stadtkern. Der Qanat spielt nicht länger die Rolle eines Systems für die Verteilung natürlichen Grundwassers, sondern wurde stattdessen zu einem Abwassernetz.

Der Workshop war eine neuartige Gelegenheit für ein multidisziplinäres und internationales Team von Architekten und Künstlern an einer Zukunft für dieses verfallene Wassersystem zusammenzuarbeiten. Künstlern wurde ein besonderer Platz eingeräumt, indem man sie einlud, gemeinsam mit Designern über die immaterielle Dimension der Stadt zu reflektieren: über deren Bevölkerung und Lebensstil. Jeder Künstler arbeitete mit Architekten und einer Gruppe von acht Studenten. Die vier Teams waren in bestimmten Vierteln tätig, strategisch ausgewählt in Relation zur Netzwerkstruktur des Qanat. Sich von oben nach unten erstreckend, offenbarten die Viertel die Fließrichtung des Wassers.

Neda Razavipour, Shahab Fotouhi, Amir Hossein Bayani und Peyman Shafieezadeh waren dabei, um sicherzustellen, dass der Dialog nicht formal blieb. Diese Einladung bedeutete, dass Kunst die Rolle spielen kann, sich Handlungsmodelle für Veränderungen der Gesellschaft vorzustellen. Welches sind die Konzepte, die dazu führen können, dass Qanats wieder einmal zu Baudenkmälern werden? Zeit, Identität und Ikonographie wurden ausschlaggebend. Die größte Sorge der Künstler galt der Amnesie der Bevölkerung hinsichtlich dieser unterirdischen Lebenskraft. Amir Hossein Bayani schreibt: "Die einfachste Betrachtungsweise des Qanat erzählt von Leben und Bewegung im Untergrund. Das bedeutet, das Wasser, das Lebenselixier, fließt ständig unterirdisch, und all das geschieht unsichtbar für die Augen der Bürger auf der Oberfläche. Deshalb ist die Wahrheit nicht notwendigerweise das, was sich vor uns befindet."

Strategien, um soziales Bewusstsein zu erzeugen, bestanden in Land Art Installationen, die das unsichtbare unterirdische Netzwerk kartographierten. Diese Vorschläge kamen von den Teams von Neda Razavipour und Shahab Fotouhi, die zuvor schon an solchen Umweltinstallationen wie ihrem Census-Projekt zusammengearbeitet hatten. Licht in den Brunnen zu platzieren oder farbige Spotlights um diese herum anzubringen war ein Weg, ein Signal zu kreieren, das über den bloßen Hinweis auf deren Existenz hinausging. Shahab Fotouhi bestand auf der statischen Atmosphäre der heutigen Konditionen. Durch das ständige Projizieren in die Zukunft, das Leben in einer oberflächlichen Welt, in der alles so flach wie ein Bild geworden ist, schufen seine blauen Spots auf dem Boden ein unerwartetes Ereignis, das den Betrachter in die Gegenwart drängte.

Eine weitere Kunstinstallation, geschaffen von Neda Razavipours Team, bestand in der Schaffung einer Gedenkstätte für einen zugrunde gehenden Obstgarten in Darakeh. In Teheran gibt es eine Tradition von Obstbäumen, speziell Maulbeeren. In Razavipours Fallstudie vertrocknet ein historischer Obstgarten, weil ein Hochhausprojekt kürzlich den Qanat-Kanal versperrte, der das Wasser für die Bäume brachte.

Zu den weiteren Vorschlägen gehörte ein "invertierter Qanat" als Antwort auf das massenhafte, unter der historischen Stadt verborgene Abwasser. Dieser von Menschen verursachte unterirdische See ist eine kostbare Ressource, die das Potenzial hat, gefiltert und für die Begrünung der Stadt genutzt zu werden. Das System leitet Wasser durch aktive Zylinder an die Oberfläche, wobei es durch ein inneres Rohr voll Sand und Kies gefiltert wird, bevor es in das offene Kanalsystem (jub) gelangt. Sauerstoff anreichernde Pflanzen in den Kanälen setzen den Reinigungsprozess fort, sind ein Mittel zur Begrünung der Stadt und fügen den Straßen ein neues landschaftliches Element hinzu. Dieses Projekt ist auch ein Mittel zur Reinigung der historischen Stadt und fördert eine Revitalisierung des Stadtzentrums. Teheran von seinem Untergrund her zu verstehen, diese unsichtbare Ebene als eine Lebensader zu begreifen, scheint einleuchtend zu sein, wenn es darum geht, sich das Potenzial für seine Zukunft vorzustellen. Grundwasserreservoir, Wasserversickerung, Brauchwasseraufbereitung und pflanzliche Reinigung werden zu neu aufkommenden Praktiken für eine Gestaltung unter Berücksichtigung klimatischer, tektonischer und biologischer Parameter. Die Hauptsorge, um die es gehen sollte, muss der Einbeziehung natürlicher Zyklen der Transformation architektonischer und öffentlicher Räume gelten.

Insgesamt wurden achtzehn Vorschläge gemacht. In der Hoffnung auf eine Umsetzung wurden drei davon den Offiziellen der Stadt unterbreitet. Einer enthält einen nationalen Feiertag für den Qanat. Eine Idee brachte Shahab Fotouhi ein, dem soziales Bewusstsein und Verantwortungsgefühl der Bürger als die problematischsten Aspekte des Themas gelten. Ein Ausstellung kann den Nationalen Feiertag komplementieren und Informationen über die Geschichte, Struktur und den gegenwärtigen Zustand des Qanat kommunizieren. Im Kontext des MesoCity Workshops betrachteten die Leute in Teheran zum ersten Mal ihr verlorenes Erbe. Wir hoffen, dass dieser Anfang durch weitere Workshops und Projekte fortgesetzt werden kann. Durch die heterogene Qualität der Vorschläge hat sich die Arbeit mit Künstlern als sehr erfolgreich erwiesen. Kunst hat eine soziale Verantwortung und kann dazu beitragen, Strategien für den Wandel der heutigen Städte zu konzipieren. Die Stadt ist eine Mischform und kann nicht länger ohne eine Hybridisierung des Wissens gedacht, geplant oder gestaltet werden. Plattformen für multidisziplinären Austausch zu schaffen ist unerlässlich, um innovative Lösungen für zivilgesellschaftliches Identitätsgefühl sowie das schwierige Unterfangen des Aufbaus von Gemeinschaften voranzubringen.

 

Sara Kamalvand

Kanadisch-iranische Architektin an der Ecole Spéciale d’Architecure, Paris. Leitet HydroCity, ein internationales Labor für die Forschung über Städte, Wasser und Urbanismus.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

MesoCity Teheran Workshop
Kunst, Ökologie und die Stadt

11. - 22. September 2012
Universität von Teheran, Schule für Architektur


Ein HydroCity Projekt
in Partnerschaft mit
Ecole Spéciale d’Architecture, Paris
Universität von Teheran
Büro für die Verschönerung Teherans
Mohsen Galerie
The Flora Family Foundation

Nafas
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