Dak’Art 2012: Perspektiven und Herausforderungen

Rezension der 10. Biennale Zeitgenössischer Afrikanischer Kunst, Dakar, Senegal. Kuratoren: Christine Eyene, Nadira Laggoune, Riason Naidoo.
Von Ugochukwu-Smooth Nzewi | Jun 2012

Die 10. Edition der Dak'Art: Biennale Zeitgenössischer Afrikanischer Kunst eröffnete am 10. Mai 2012 in neu fertiggestellten Großen Theater, das von dem offiziellen Biennaledorf La Gare zu Fuß zu erreichen ist. Die 1989 gegründete Dak’Art trägt dem Wunsch der Regierung Senegals Rechnung, Kultur als ein wesentliches Element ihrer nationalen Agenda zu fördern, und erkennt die Bedeutung der Schaffung einer nachhaltigen postkolonialen panafrikanischen Kulturinstitution in Afrika mit einem globalen Bezugsrahmen an. Mit über 400 offiziellen und unabhängigen Ausstellungen in Dakar, seinen Außenbezirken und der Stadt Saint Louis lässt die Dak’Art 2012 spannenden Perspektiven auf dem Gebiet der zeitgenössischen afrikanischen Kunst freien Lauf. Gleichzeitig unterstreicht sie die Herausforderungen angesichts des Zustands der 22 Jahre alten Biennale.

Werke in der jüngsten Edition der Dak’Art widerspiegeln das diffuse Repertoire an Medien, künstlerischen Ausdrucksformen und Konzepten, die solche zeitgenössische Kunstpraxis ausmachen wie Fotografie, Sound, Video, Performance, Objektinstallation etc. sowie konventionelle Malerei und Skulptur. Unter der kuratorialen Leitung von Christine Eyene, Nadira Aklouche-Laggoune und Riason Naidoo zeigte die offizielle internationale Ausstellung im Theodore Monod Museum, dem traditionellen Ausstellungsort der Dak’Art, Künstlerinnen und Künstler aus den fünf geographischen Regionen Afrikas, seinen Archipelen und der Diaspora. Die Kuratoren bemühten sich, die richtige Balance zwischen bereits anerkannten Künstlern, zumeist Teilnehmern vorhergehender Biennalen, und jungen Talenten zu finden. Dazu gehörten einerseits Mounir Fatmi (Marokko/Frankreich) und Mamady Seydi (Senegal) sowie andererseits Chika Modum (Nigeria), Younes Baba-Ali Marokko), Hervé Youmbi (Kamerun) und Lerato Shadi (Südafrika).

Mounir Fatmis Burn Baby Burn (2011) erkundet populäre Kultur und revolutionäre Ideologie, insbesondere die der legendären Black Panthers. Die Arbeit besteht aus dem mit gelber und schwarzer Farbe fett an die Wand geschriebenen Burn Baby Burn, mit diesem Warenzeichen bezeichneten Flaschen scharfer Soße in einem Plexiglasregal, einem Leuchtkasten und einer Fotografie in der Art von Werbung für Soßenflaschen dieser Marke. Dabei werden Elemente der Popkultur Andy Warhols und das neue Medien savoir-faire der Formen und des konzeptuellen Stils von Mounir Fatmi kombiniert. Die undatierte Installation von Mamady Seydi Celui qui ne sait pas où il va, doit retourner d’ où il vient? (Muss derjenige, der nicht weiß, wohin er geht, dorthin zurückkehren, wo er herkam?) besteht aus einer Tanksäule und über 30 grotesken Figuren mit Tierköpfen und menschlichen Torsi, die entweder Fahrrad fahren oder in von Tieren gezogenen Wagen und Karren sitzen oder knien. Die gut ausgeführten Figuren sind auf einer Wolke aus Baumwolle auf grünem Fußbodenbelag hintereinander angeordnet. Im Wesentlichen inspiriert durch Benzinknappheit im Jahr 2008 in Senegal, die zu endlosen Schlangen an den Tankstellen führte, untersucht die Installation animalische Instinkte der Menschheit, wenn es um existenziellen Überlebenskampf geht. Die Installation scheint auch den Symbolismus archaischer Formen von Transport aufzugreifen, um die Ölabhängigkeit menschlicher Transportmittel in heutiger Zeit anzusprechen.

Isi Aka (2010) von Chika Modum ist eine hängende Fadenskulptur geflochtener Haare, die aus umfunktionierten schwarzen Zellophantüten gefertigt sind. Modum, der kürzlich nach Kanada auswanderte, wählt eine starke Form kultureller Identifikation, die afrikanische Haartracht, um eine Verständigung über fixierte und überkommene Vorstellungen von kulturellen Wurzeln, Zugehörigkeit, Kolonisierung und Globalisierung in Gang zu bringen. In seinem Werk Horn Orchestra (2009) beschäftigt sich Younes Baba-Ali mit der Wahrnehmung von Fremdheit bzw. Anderssein. Die Soundinstallation, die den Großen Preis der Biennale gewann, besteht aus 10 in einem intimen weißen Würfel hängenden Autohupen. Ihr ohrenbetäubender Ton wird durch Bewegungssensoren ausgelöst, wenn Betrachter anwesend sind. Um das Fehlen verantwortungsbewusster politischer Führung in Afrika, das oftmals dazu führt, dass afrikanische Diktatoren an der Macht kleben oder diese an ihre Söhne weitergeben, geht es in Au Nom du Père, einer malerischen Fotoinstallation von Hervé Youmbi. Das Werk erfasst die jüngste Welle politischer Krisen in Afrika, beginnend mit den Revolutionen in Nordafrika bis hin zum Versuch des früheren Präsidenten Senegals, Abdoulaye Wade, seine Macht aufrechtzuerhalten. Tlhogo von Lerato Shadi ist eine Live-Performance der Künstlerin, bei der sie sich in eine aus handgesponnener Wolle gehäkelte Hülle mit winziger Öffnung quetscht und 2 Stunden lang still darin liegen bleibt. Die kleine Öffnung ist von innen zugenäht, so dass man nur bei genauerer Untersuchung das kurze Keuchen der Künstlerin als einziges Anzeichen von Leben wahrnimmt. Alle diese Werke schöpfen aus der Spezifik persönlicher und kollektiver Erfahrungen, um die größeren Kontexte afrikanischer und globaler Realitäten zu untersuchen, was dem Thema der Biennale entspricht: Zeitgenössisches Schaffen und soziale Dynamik.

Tributes, zwei monographische Ausstellungen, feiern den senegalesischen Pionier der Moderne Papa Ibra Tall im Place du Souvenir sowie den avantgardistischen Künstler Issa Samb aka Joe Ouakam in dessen eigenem Haus. In der Schau Gastkünstler in der Nationalgalerie sind Werke des achtzigjährigen Peter Clarke (Südafrika), von Berni Searle (Südafrika) und des verstorbenen Goddy Leye (Kamerun) zu sehen. Die beiden Ausstellungen, die ergänzend zu der internationalen Auswahl dazu beitragen, eine Brücke zwischen afrikanischer Moderne und zeitgenössischen Kunstpraktiken zu schlagen, sind die Hauptausstellungen der Dak’Art 2012.

Unter der Schirmherrschaft der Dak’Art OFF gibt es spannende Ausstellungen. Bruce Onobrakpeya and the Harmattan Experiments im Kadjinol Station präsentiert experimentelle Arbeiten von Onobrakpeya, einem Altmeister der nigerianischen Moderne, und einer jüngeren Generation afrikanischer Künstler, die an seinen jährlichen Künstlerworkshops in Nigeria teilgenommen haben. Fenster von Ndary Lo ist eine experimentelle Ausstellung mit hängender Kleidung und Wandformationen aus Deckeln von Plastikflaschen, Getränkekisten und Flaschen voll Wasser. Die Schau in der ehemaligen Keksfabrik Biscuterie le Medina im Industriebezirk von Dakar weist in eine neue Richtung des Schaffens des Künstlers, der besser für seine Stahlschemen menschlicher Formen bekannt ist. Zu den interessanten OFF-Veranstaltungen gehören weitere Einzel- und Gruppenausstellungen in Biscuterie le Medina sowie Making Douala, 2007 - 2013 in der Raw Material Company, das AfroPixel 3 Festival von Ker Thiossane und die Einzelausstellung Structural-Response 1 von Burundian Serge Alain Nitegek in der Galerie Le Manège.

Über die Jahre hinweg hat die Dak’Art eine grundlegende Plattform für Begegnungen und die Information über die Topografie aktueller Kunstpraktiken und Kunstdiskurse in Afrika geboten. In ihren offiziellen und parallelen Ausstellungen präsentierte sie Arbeiten von mehr als 500 Kunstschaffender, brachte die Karriere junger Künstler in Gang und diente als ein Ort der Vernetzung von Künstlern und kritischen Teilen der internationalen Kunstwelt wie Kuratoren, Galeristen, Sammlern und dem Publikum. Während der zehnjährigen Präsidentschaft von Abdoulaye Wade konkurrierte die Biennale auf nachteiliger Position mit den vielen Prestigeprojekten, die im Namen des früheren Präsidenten geschaffen worden sind. Mit dem neu gewählten Präsidenten kommt die Dialektik von Angst und Hoffnung auf, dass das neue Regime entweder die Finanzierung der Biennale kürzen oder eine bessere institutionelle Unterstützung bieten könnte. Doch der neue Präsident Macky Sall, dessen Amtsantritt einen Monat vor der Dak’Art 2012 war, bekräftigte bei der Eröffnungszeremonie das Engagement der senegalesischen Regierung für die Biennale als der Triebkraft kultureller Entwicklung in Senegal und Afrika.

Die immer wiederkehrende Frage hinsichtlich der Autonomie der Dak’Art ist ein wunder Punkt, der tatsächlich erörtert werden muss. Dem allgemeinen Urteil vieler Evaluierungsberichte zufolge muss die Biennale ihre Beziehung zur senegalesischen Regierung neu verhandeln, um mehr internationale Finanzierung zu ermöglichen und um mit bürokratischen Mechanismen umzugehen, die - unter vielen anderen Dingen - den Erfolg der Biennale weiterhin hemmen. Es ist bedauerlich, dass die Dak’Art nach zehn aufeinanderfolgenden Editionen weiterhin mit grundlegenden logistischen und organisatorischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Doch die Biennale braucht jegliche Unterstützung, die sie erhalten kann, um sich zu entfalten und die Aufgabe zu erfüllen, als ein großes Forum für den Umgang mit internationaler zeitgenössischer Kunst aus einer afrikanischen Perspektive zu dienen.

 

Ugochukwu-Smooth Nzewi

Künstler und Kunsthistoriker, macht gerade seinen Ph.D in Contemporary African and African Diaspora arts an der Emory University, Atlanta, USA.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Dak'Art 2012
10. Biennale Zeitgenössischer Afrikanischer Kunst

11. Mai - 10. Juni 2012
Dakar, Senegal


Thema:
Zeitgenössisches Schaffen und soziale Dynamik

Kuratoren:
Christine Eyene
Nadira Laggoune
Riason Naidoo

Biennale de Dakar
19, Avenue Hassan II
B.P. 3865 Dakar RP
Senegal
Website Email


Siehe auch:

13 Mehdi-Georges Lahlou
Die 11. Biennale Afrikanischer Kunst hat sich auf der globalen Bühne neu positioniert. Die Rezension würdigt den Event, hinterfragt ihn aber auch ausgehend vom Konzept.
05 Banza
Rückschau, Blick nach vorn? Die 9. Biennale Afrikanischer Kunst in Dakar, Senegal.
08
Staatskunst oder Privatisierung? Ein Streifzug durch die 8. Biennale Afrikanischer Kunst, Dakar.
Nafas
Zurück nach oben