Bani Abidi: Tod aus einem 30 Grad Winkel

Death at a 30 Degree Angle. Statement der Künstlerin zu ihrem Videoprojekt, das auf der dOCUMENTA (13) in Kassel gezeigt wird.
Aug 2012

Death at a 30 Degree Angle, aufgenommen in einer Stadt am Rand von Neu-Delhi, Indien, ist eine fiktionale Charakterskizze. Sie wurde im Atelier von Ram Sutar gefilmt, einem achtzigjährigen Bildhauer, der in Indien für seine Monumentalstatuen von Politikern und Nationalhelden bekannt ist. Ich stieß auf Herrn Sutar im Sommer 2011, als ich nach Drehorten für das Video suchte.

In der originalen Version gibt ein unbedeutender Politiker eine Statue von sich selbst in Auftrag und kann sich nicht entscheiden, wie er dargestellt werden möchte. Er probiert verschiedene Kostüme und Posen aus und fragt dabei immer seine Kumpel, die um ihn herumstehen, stets bereit sein Selbstwertgefühl zu unterstützen. Was als ein rein fiktionales Werk gedacht war, wurde letztendlich zu einem Dialog zwischen den Ansprüchen dieses fiktiven Emporkömmlings, den Vorstellungen eines erfahrenen Bildhauers über Porträtkunst und die überbordende Präsenz des ganzen Pantheons politischer Figuren Indiens, die ihn in diesem riesigen, museumsgleichen Atelier umgeben.

Überall auf der Welt liegen heutzutage Statuen von einstigen Führern, Herrschern und Helden auf Friedhöfen und öffentlichen Plätzen herum. Kommunistische Führer aller Kaliber, koloniale Entdecker mit aus redlicher Motivation nach vorn weisenden Händen, finstere Reproduktionen afrikanischer Diktatoren made in Korea, Fäuste, Stiefel, körperlose Köpfe, all das liegt verbannt in entlegenen Touristenparks oder überwachsenen Hinterhöfen von Palastmuseen. Dies sind Objekte, die dereinst öffentliche Plätze und die Imagination kontrollierten und beeindruckten, aber über Nacht zu bloßen
Surrogaten wurden, der Folter, dem Spott und der öffentlichen Rache ausgesetzt.
Inspiriert durch König der Könige, einen einflussreichen Bericht des polnischen Journalisten Ryszard Kapuściński über den Aufstieg und Fall des Hofes des äthiopischen Kaisers Haile Selassie, habe ich lange über die Schaffung meines eigenen "Großen Mannes" nachgedacht und ihn mit bestimmten Verunsicherungen ausgestattet. Diejenige davon, die mich am meisten fasziniert, ist seine Besessenheit von der Nachwelt, seine Sorge um die monumentalen Gebäude und Selbstdarstellung, die er hinterlassen möchte.

Dieser vorsätzliche Versuch, Geschichte von spektakulärer Art zu kreieren, fand seinen jüngsten Ausdruck in den Aktivitäten der Regierungschefin eines der ärmsten Staaten Indiens. Mayawati, die aus einer Dalit-Arbeiterfamilie stammt, gelangte in kurzer Zeit an die Macht und gab kürzlich über 50 Statuen von sich selbst und ihren Mentoren in Auftrag, die über die Hauptstadt des Bundesstaates verteilt aufgestellt werden sollen. Ihr viel publizierter Streitpunkt mit dem Bildhauer war die Einbeziehung ihrer Handtasche in ihr Steinabbild. Dutzende ihrer Statuen wurden zurückgerufen als sie bei deren Enthüllung in einer öffentlichen Zeremonie entsetzt feststellen musste, dass das Markenzeichen auf ihrer Handtasche fehlte. In den letzten 10 Jahren ist Herr Ram Sutar der wichtigste Architekt von Mayawatis Fantasien gewesen.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Death at a 30 Degree Angle. 2012
Zweikanal Videoinstallation
10 Min.

Gezeigt in der
dOCUMENTA (13)
9. Juni - 16. September 2012
Kassel, Deutschland

In Auftrag gegeben von der Sharjah Art Foundation (SAF).

Bani Abidi erhielt 2011 ein Stipendium
des SAF Production Programme.



Siehe auch:

01-135 Fridericianum
9. Juni - 16. September 2012, Kassel, Deutschland. Künstlerische Leitung: Carolyn Christov-Bakargiev. 190 Teilnehmer der Ausstellung.
02
Hinterfragung von Wahrheit, Erinnerung und Geschichte im Werk der Künstlerin aus Pakistan.
Nafas
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